Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Sette 720 Nr. 36 Dr. Vloch's gerichtet ist- An Geld fehlt es nicht, es ist den Bemühungen von Dr. Krauskopf gelungen, genügende finanzielle Unterstützung zu beschaffen. Cambridge. Die in dem eben abgelanfenen Sommersemester gehaltenen „Vorlesungen für's Volk" (Ouiversir^ Lxrensiov l^eetures) hatten eine große Anzahl Inden unter ihren Zuhörern sowohl als auch unter den Vortragenden- Bon besonderem Interesse für die jüdischen Zuhörer waren die Vorlesungen über Erziehung^ welche Professor Theodor Rein aus Jena in deutscher Sprache hielt. Obgleich ein Christ und ein Deutscher dazu, empfahl er den Unterricht des Alten Testamentes aus das Nachdrücklichste als das beste Mittel, den Gemüthern der Kinder religiöses Gefühl einzuprägen, und ganz besonders, sagte er, gelte dies von den Propheten, die er den Schwerpunkt des Alten Testaments nannte. Er machte Jenen bittere Vorwürfe, welche, anstatt die Kinder für die Schönheit der Prophezeiungen und für die Hoheit und die erhabenen Ideale der Propheten empfänglich zu machen, diese blos als die Verkünder von Christi Geburt betrachten. Das, sagte er, sei sehr nebensächlich. Professor Rein ist absolut dagegen, Kindern religiöse Dogmen zu lehren, welche in Wahrheit nichts anderes seien als kurzgefaßte, religiöse Hypothesen, die das kindliche Gemüth nicht fassen kann. „Gebt den Kindern keine Gerippe der Religion, gebt ihnen lebendes Fleisch und Blut und lehrt ihnen die Religion in keiner anderen Form, als in der biblischen Geschichte. Sonst wird das, was der wichtigste Factor in ihrer Erziehung werden soll, ihren Gemüthern nur schädlich sein, sie engherzig machen". — Als Professor Rein auf die große B dentung der Psychologie für die Erziehung des Individuums und der Völker zu sprechen kam, zollte er unseren Glaubensgenossen, den Professoren Steinthal und Lazarus in Berlin, als den Begründern der Völkerpsychologie großes Lob. Jerusalem. Eine Amerikanerin, welche seit 40 Jahren in Jerusalem lebt, schreibt von dort: Die jüdische Bevölkerung der Stadt ist im steten Steigen begriffen. Vor 22 Jahren gab es hier 15.000 bis 20.000 Juden. Damals gab es keine Häuser außerhalb der mächtigen Mauern, deren Thore allnächtlich geschloffen wurden. Seitdem hat sich Vieles geändert nnd die jüdische Bevölkerung zählt nun — hauptsächlich in Folge der russischen Einwanderungen — 00.000 bis 70.000 Seelen. Ganze Straßen mit doppelten Häuserreihen sind außerhalb der Wälle entstanden und die jüdische Bevölkerung ist nun beiweitein größer als die christliche und muhammedanische. Nicht nur in Jerusalem, in ganz Palästina sind die Juden in Zunahme begriffen. New Hork. (Jüdische Arbeiter im Strike.) Der Mechaniker Schneider hat sich einmal das Dictum geleistet, es gäbe in der ganzen Welt keinen jüdischen Arbeiter. Die Leute, welche die Welt nach den Eindrücken von der Straße und höchstens nach der Zeitung benrtheilen, bekommen allerdings von jüdischen Arbeitern wenig zu sehen uitb noch weniger zu hören, denn die einzigen Gelegenheiten, bei denen man von Arbeitern en masse zu hören bekommt, der 1. Mai und ein Strike, gehen für die jüdischen Arbeiter fast geräuschlos vorüber. Diese unauffällige unaufdringliche Art der jüdischen Arbeiter ist ein so überraschendes Unterscheidungszeichen, daß die New-Iorker Presse ihrer großen Verwunderung darüber bewundernden Ausdruck gibt. Die New-Iorker jüdischen Arbeiter sind nämlich gegenwärtig im Strike begriffen, und wie benehmen sich diese Leute während des Strikes? Die Synagogen sind überfüllt von den Arbeitern, welche sonst nicht die Zeit finden, dem Gottesdienste beizuwohnen; zehn- bis zwölftausend jüdische Arbeiter drängen sich in die Tempel, um ihre Andacht zu verrichten und der Predigt zu lauschen. Tagsüber gehören sie allerdings den socialistischen Agitatoren; aber wie wirkt auf sie die Agitation, in welcher Weise wird diese geführt? Seit Wochen ist die „Walhalla", einer der größten Säle New - Jorks, der Sammelplatz der Stinkenden, und vom Morgen bis spät in den Abend hinein haben die Führer das Wort. Ruhig und still lauschen die Tausenden den Reden und Gegenreden, unermüdlich, trotz der Hitze und Schwüle, folgen sie den Belehrungen und Ermahnungen, über dem geistigen Genüsse Hunger und Durst vergessend. Nur die Beifallssalven nach den Reden beliebter Agitatoren zeugen von der verhaltenen leidenschaftlichen Theilnahme der Hörer. Ausschreitungen der jüdischen Arbeiter kommen nicht vor; die entbotene Polizei hat während des Strikes noch keine Hand zu rühren gebraucht. Was aber das New-Iorker Publicum am meisten bei dem Strike in Erstaunen setzt, das ist die wunderwochenfchrifi bare Discipliu. Noch in keinem amerikanischen Strike haben die Arbeiter solche Manneszucht, eine so bedingungslose Anhänglichlichkeit an die Führer gezeigt. „Vor Jahrtausenden", sagt der „Sun", „hatte Moses unendliche Mühe, das Volk zu führen, dem er Steifnackigkeit und Ungehorsam vorwerfen mußte; Heute sind die Nachkommen dieses Volkes die gehorsamsten Leute von der Welt". Casablanca, im Juli. Bekanntlich ist die Lage der Israeliten, welche das Innere dieses Landes bewohnen, eine wenig sichere. Ohne Vertheidigungsmittel gegenüber dem Fanatismus der Menge und der Habsucht der Angestellten, welche die Vorurtheile des Volkes theilen, leiden sie unter der Rückeittwirkung aller Vorgänge und aller Unruhen, die im Lande Vorkommen. Seit der Thronbesteigung des neuen Sultans sind zahlreiche Stämme im Ausstand, und fast allenthalben haben sie damit begonnen, die Juden anzugreifen; sie plündern die Häuser, äschern die Synagogen ein und rauben die Frauen und Kinder. Vor einigen Monaten drang eine aufrührerische Menschenmenge in das Judenviertel zu Demnat ein, wo sie raubte und plünderte. Kinder und junge Mädchen wurden geraubt, und die israelitische Gemeinde mußte zu ihrer Wiedererlangung große Opfer bringen. Ganz kürzlich sind diese Thalsachen zur Kenntniß des Centralcomitßs gebracht worden. Dasselbe sandte sogleich Hilfsmittel nach Demnat und empfahl die Opfer dem Wohlwollen und dem Schutz der europäischen Legationen in Tanger. Der neueste Monatsbericht der A. I. U. enthält Mittheilungen über ein ähnliches Unglück, welches die Israeliten von Mzab. bei Casablanca, beimgesucht hat. Man schreibt darüber aus: Casablanca, 12. Juni 1896. Die Nachrichten, die wir soeben aus der israelitischen Gemeinde von Mzab, einem Flecken in der Nähe von Casablanca erhalten haben, sind sehr ernster Natur. Da die Negierung Seiner Majestät den Gouverneur der besagten Ortschaft festnehmen ließ, haben sich seine Parteigänger gegen den Makhzen zusammen gerottet, und es kam in Mzab zu großen Ausschreitungen, deren erste Opfer unsere Glaubensgenossen wurden. Ihre Häuser wurden eingeäschert und geplündert, die Frauen und Kinder entführt und diejenigen, welche durch ein Wunder den Unholden entgangen sind, irren auf den Feldern umher. Die Angestellten der Behörde waren den Aufständischen gegenüber ohnmächtig. Die israelitische Gemeinde in Mzab besteht aus etwa tausend Seelen; sie genoß einen ziemlichen Wohlstand, aber heute sind ihre Häuser, Läden, Magazine nur Ruinen; die Allfständischen haben Alles zerstört." In einem nächsten Briefe heißt vom 17. Juni: Als Fortsetzung meines Briefes vom 12. d. M. muß ich Ihnen leider mittheilen daß die Einz-'lheiten, die fast täglich über die Gewaltthaten von Mzab einlaufen, in der That herzzerreißend sind. Von diesem, noch vor einigen Tagen in voller Blüthe stehenden Fleckchen bleibt nur noch ein Trümmerhaufen übrig. Die israelitischen Familien sind verstreut; Väter, Mütter und Kinder sind von einander getrennt; namentlich die Frauen, Mädchen und Kinder, die auf den Märkten als niedrige Sclaven verkauft werden." Am 5. Juli meldet derselbe Berichterstatter: „Im letzten Augenblicke war ich im Stande, mir eine Liste der Namen der Familienväter zu verschaffen, welche den Flecken von Mzab infolge der Plünderung vom 9. Juli verlassen haben, wie auch die Zahl aller Familienmitglieder. Ich werde Ihnen die Liste mit der nächsten Post zukommen lassen. Für heute beschränke ich mich darauf, Ihnen zu sagen, daß die Zahl 589 beträgt und daß sämmtliche dieser Beklagenswerthen sich im größten Elend befinden. Ich werde Ihnen auch eine Liste derer einsenden, die von der Gemeinde von Casablanca zurückgekauft wurden unter Nennung der Summen, die für den Rückkauf eines Jeden verausgabt wurden. Die Gesammtsumme beträgt 2000 Francs." Und am 8. Juli heißt es: „Wie ich es in meinem letzten Brief sagte, waren die meisten Israeliten der geplünderten Ortschaft, namentlich die Frauen und Kinder, von den Plünderern entführt und erst gegen Lösegeld zurückgegeben worden; die Kaussunimen wechselten für den Einzelnen zwischen 25 und 500 Francs. Es war eine Freude, zu constatireu, wie bei diesen Gelegenheiten unsere Glaubensgenossen von Casablanca die Solidarität, welche alle Israeliten verbindet und die ihre Kraft bildet bei den steten Verfolgungen, nicht außer Acht lassen." Vermischtes. Wien. (O r d e n.) Der Czar hat dem Polizeirath F r a u k l beit, Stanislaus-Orden zweiter Claffe verliehen. Wien. Jnr Roßauer Tempel ist eine gründliche Repayntur der Malerei nothwendig geworden, da dieselbe fast gänzlich verwischt war und mit der anderen ganzen Einrichtung auffallend coutrastirte. Die Mittel des Tempelvereines gestatteten es jedoch nicht, einen namhaften Betrag zu verausgaben. Da war denn der allverehrte Präses, Herr Gottlieb Bettelheim, wieder, wie so oft vorher, mit werkthätiger Hilfe bei der Hand, indem er alle nöthigen Herstellungsarbeiten auf eigene Kosten ausführen ließ.