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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 36 Seite 717 Dr. Vloch's WochrnschrM war, mit dem Vergnügen, das die Leute an solchen halbreligiösen Feierlichkeiten hatten, nicht sv strenge zn Gerichte gehen. Für sonst so asketisch veranlagte - Menschen war wohl die einzige Gelegenheit, sich einmal zn erfreuen, eine angemessene Mahlzeit. Wird doch ebenso in unseren Tagen selbst der strengste Vater seiner lebhaften Tochter nicht die Freude versagen, znm Wvhte der leidenden Menschen bei einem Wohlthätigkeitskränzchen oder einer Gesangsaufführuug mitzuthun. Die oben beschriebene (Serentome war den Autoren des Mittelalters unter den dt amen Holle-Kreisch bekannt. Diese Worte hat Dr. Perles als dentschen Ursprungs und aus einem teutonischen Aberglauben, iit dessen Erklärung ich hier nicht entgehen kann, beruhend nachgewiesen. Von weit größerer Bedeutung war die Ceremouie der Namengebung in dem Falle eines Mädchens, als das einzige Zeichen der Aufmerksamkeit, die ihm von der Synagoge bezeugt wurde. Die Gebräuche umreit unterschiedliche. In einzelnen Gegenden wurde der Namen am ersten Sabbath nach der Geburt des Kindes gegeben. Der Vater wurde zur „Vorlesung des Gesetzes" ausgerufen, worauf die Formel folgte: „Er, der unsere Vorfahren Abraham rc. segnete" :c. „möge Er auch segnen" rc. . . . tunt kommt der ganze Segen und die Verkündigung des Namens des Kindes. Nach dem Gottesdienste versammelte sich die Gemeinde in dem Hause der Eltern, um sie zn beglückwünschen. In anderen Gemeinden wurde du Eeremvnie erst an dem Sabbath abgehalten, an dem die Mutter nach ihrer Genesung die Synagoge besuchte. Die Eeremvnie des Holle- Kreisch scheint insbesondere im Falle eines Mädchens beobachtet worden sein. Obwohl nun die Festlichkeiten für die Eltern vorüber waren, war die Feiertagsatmosphäre, in der das Kind lebte, noch lange nicht zn Ende. In der Legende von den „Lebensaltern der Menschen" wird das Kind int ersten Jahre seines Daseins als ein kleiner Prinz beschrieben, den Alles anbetet und verhätschelt. Die Mutter nährte und pflegte das Kind. Obwohl schon die Bibel von Ammen spricht, zeigen viele Stellen in der späteren jüdischen Literatur eine starke Abneigung gegen diese Stellvertreterinnen der Mutter. Wenn der Vater des Kindes starb, durfte die Mutter, früher als nach zwei Jahren, die das Kind zn erreichen hatte, nicht heiraten, damit ein neuer Brautstand sie nicht zur Vernachlässigung des Säuglings verleiten möchte. Schwieriger ist es zu sagen, worin die anderen Zeichen der Anhänglichkeit an den kleinen Prinzen bestanden; wie zum Beispiel, ob die Juden etwas Derartiges wie Wiegenlieder besaßen, um das Prinzlein in seligen, süßen Schlummer zu kosen. Mir wenigstens ist von der Existenz solcher Lieder in der alten jüdischen Literatur Nichts bekannt, auch werden sie von keinem der mittelalterlichen Schriftsteller mitgetheilt. Das „Schlummerlied" eines unbekannten jüdischen Barden, worüber deutsche Gelehrte soviel schrieben, enthält mehr heidnische als jüdische Elemente. Aus den Einwendungen im „Buche der Frommen" gegen den Gebrauch nichtjüdischer Wiegenlieder scheint hervorzugehen, daß Klein-Moseschen nach denselben Weisen und Worten im Schlaf gelullt wurde wie Klein-Johannes. Das eiitzige jüdische Wiegenlied, das ich kenne, findet sich in dem Werke eines modernen Schriftstellers, der in Rußland lebte. Wie weit hier seine Popularität reicht, vermag ich freilich nicht festzustellen. Es klingt etwa wie folgt: O! hush thee, my darling, sleep soundly, mv son; Sleep soundly and sweetly, tili dav has begun : For under the bed of good children at night There lies, tili the morning, a kid snowy white We’ll send it to market tu buv Sechorah, While my little lad goes tu study Thora. Sleep soundly at night and learn Thora by day, Then thou’lt be a Rabbi when 1 have grown grav. But 1*11 give to-morrow ripe nuts and a toy, If hou’lt sleep as I bid thee, my own little bov. Sei stille, mein Liebling, fein schlafe, mein Sohn, Fein schlafe und süß, bis es Tag wird schon: Ein Geislein, schneeweiß, das liegt bis zum Morgen Unter'm Bett braver Kinder, Nacht über verborgen. Das send ich zu Markt, um zu kaufen rmnc (Sechorah >, Jndeß Du, mein Bübchen, gehst lernen die rhw (Thora). Fein schlafe bei Nacht, bei Tag üb' die Lehre, Im Alter dann machst Du als Rabbi mir Ehre. Wenn Du schläfst, wie-ich's heiße, mein Bübchen, dann morgen Will Nüsse und Spielzeug ich Dir reichlich versorgen. Doch wurde naturgemäß die Feiertagsluft, von der ich sprach, durch Wolken getrübt, die durch Krankheiten des Kindes zmveilen heraufbeschworen wurden. Mit Ausnahme der Blattern war das Kind den meisten jener Erkrankungen ausgesetzt, dte so häufig unseren Kindern tödtlich werden. Unter der zusammenfassenden Bezeichnung „Erschwernisse ivder Mühsale), Kinder groß zu ziehen", kannte man diese Erkrankungen, Mühsale, die in Palästina noch größer gewesen zu sein scheinen, wo man nach dem schmerzlichen Ausrufe eines alten Rabbi leichter einen ganzen Wald junger Oliven konnte emportvachsen als auch nur ein einziges Kind groß werden sehen, lim ein so trauriges Tbema zu verlassen, will ich hier iticht die rührenden Geschichten wiederholen, die auf den Tod von Kindern Bezug haben. Der Schmerz wurde umso stechender gefühlt, als es kein anderes Mittel gab> sich das Mißgeschick des armen Geschöpfes zu erklären, als daß es für die Sünden feiner Eltern büßte, und der einzige Trost, den es gab, darin bestand, daß das Kind nicht viel verloren haben konnte, in so früher Zeit diesem Thränenthale entrissen zu werden. Eine bemerkeuswerthe Legende beschreibt Gott, selber so viele Stunden täglich diesen vorzeitig abgeschiedenen Kindern Unterricht ertheilend. Thatsächlich war nach der Ansicht der alten Rabbiner das Studium des Gesetzes das Einzige, was das Leben werth wäre, und das Kind, das unschuldig zu leiden hatte, konnte daher keinen besseren Ersatz haben, als die Thora ans dem Munde des Lehrers der Lehrenden zu erlernen. Doch selbst wenn das Kind gesund und Na:rnng und Klima seiner Constitution angemessen waren, blieben noch die Sorgen um seine geistige Erziehung übrig. Und allerdings war es kein Leichtes, einen „Priester" grvßznziehen. Die erste Bedingung für diesen Beruf war die Gelehrsamkeit. Gelehrsamkeit aber kann ohne rechtschaffenen, ernstlichen Fleiß nicht erworben werden. Zwar wird von R. Akiba unter die Tugenden, die sich vom Vater auf den Sohn vererben, auch das Wissen gerechnet. Erfahrung jedoch zeigt uns, wie selten dies der Fall ist, und stets waren die Rabbinen mit eine Antwort auf die Frage verlegen, wie es komme, daß die Kinder in Bezug auf Gelehrsamkeit ihren Vätern so ungleich sind. Daß die jüdischen Legenden gleich mit einer ganzen Reihe von Wunderdingen anfmarschiren, ist freilich nicht anders zu erwarten. Sv soll das Gedächtniß eines Rabbi sv scharf gewesen sein, daß er sich genau der Hebamme zu erinnern wußte, die ihn als Bürger dieser Welt zu Tage förderte. Ben S i r a wiederum gibt gleich nach seiner Geburt vor der erschreckten Mutter mehr oder wenige treffliche Sprüche der Weisheit in Menge zum Besten und bittet starr der von ihm verschmähten Milch, die ihm gereicht wird, um feste Speise als Nahrung. Ein gewisser dl a ch m a n wurde mit einer Prophezeiung auf den Lippen geboren, die das Schicksal aller Nationen auf der Erde voraussagte und den Zeitpunkt der Ankunft des Messias ankündigte. Der Jüngste der sieben Söhne der Hannah war, als er mit seinen Brüdern unter der Regierung des Antiochus Epiphaues als Märtyrer starb, einer Ueberlieferung zufolge zwei Jahre, sechs Monate, sechs Stunden und dreißig Minuten alt. Aber die Art, wie er den Drohungen des Tyrannen trotzte, war in der That eines siebzigjährigen Mannes würdig. Rabbi Judah de Modena soll im Alter von zwei und einhalb Jahren in der Synagoge die Lectiou aus dem Propheten vorgetragen haben. Ein berühmter Kabbalist, Nahum, hielt als Dreijähriger eine Besprechung des Dekalvgs. die drei Tage dauerte. Die Chassidim behaupteten von einem ihrer Zaddikim, daß er sich alles dessen erinnerte, was ihn die Engel vor seiner Geburt gelehrt hätten, und damit entschuldigten sie ihres Zaddiks völliges Unterlassen irgendwelchen Studiums. Vielleicht dürfte es hier am Platze sein, eures Urtheiles von Ichudt zu erwähnen, das gegen die harmlosen Uebertreibungeu der Chassidim uns nachsichtiger stimmt. Es bezieht sich auf einen Fall, wo ein sechsjähriges Judenmädchen von einem Christen geraubt wurde, mit der Absicht, es taufen zu lassen, indem er vorgab, daß Solches der sehnlichste Wunsch des Kindes wäre. Vielleicht, wie es häufig vorkam, erhielt das Kind von der christlichen Magd des Hauses dazu die Anleitung. Schudt will nun beweisen, daß auch minderjährigen Kinder ein solcher Wunsch gewährleistet werden müsse. Dazu bedient er sich des folgenden Schlusses: „Da es ein Grundsatz ist: „Was au Jahren fehlt, kann durch Schlechtigkeit ersetzt werden", warum sollte nicht auch das Gegentheil wahr sein: „Was an Jahren fehlt, kann durch Liebe ersetzt werden'?" Von einem gewissen Rabbi Meschullam ferner erfahren wir, daß er mit neun Jahren in der Synagoge von Brody gepredigt und durch sein

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