Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 716 Vr. Vwrtz's IvortzenlüpttN Nr. 36 sich, als wir ihm in der uralten Bibelsprache erwiderten und er uns erzählen konnte von Jerusalem, der heiligen Stadt, der Stadt der Väter, von Zion und der Mauer, die übrig geblieben ist allein von der ganzen großen Pracht einer erhabenen Vergangenheit . Wir gingen weiter. Und da that sich vor unserem Auge die Gegenwart Zions aus. Ein Pavillon in „Kairo" trägt in hebräischer Sprache die Ausschrist: „Erzeugnisse jüdischer Ansiedler in Palästina". Wir treten ein. Von den Wänden herab grüßen uns die Worte der heiligen Schrift, welche Kanaan preisen als das Land, „das von Milch und Honig fließt". Es grüßt uns hier das Wort, des V. B. Mos., das wir an demselben Tage in der Synagoge gehört (es war am 1. August) und das da lautet: „Das ist das Land, auf das der Ewige, Dein Gott, acht hat; beständrg sind die Augen des Ewigen, Deines Gottes, darauf gerichtet, vom Anfänge bis zum Ende des Jahres." Und weiter.-.„Das ist ein Land, das Weizen und Gerste, Wein und Feigen und Granatäpfel hervorbringt, ein Land, das Olivenöl erzeugt und Honig; ein Land, in welchem Du nicht in Dürftigkeit Dein B r o d verzehren wir st, nichts wird Dir darin mangeln, ein Land ist's, dessen Steine Eisen enthalten und aus dessen Bergen wirst Du hauen. Erz." Großer Moses, hast Du nicht mit diesen Worten die weltbewegenden Fragen der Gegenwart, den ökonomischen Punkt, um den sich unsere ganze Gesellschaft dreht, vorausgeahnt? — Doch wir wollen uns mit solchen philosophischen Tüfteleien hier nicht weiter befassen, sondern sehen, was die jüdischen Colonnen aus dem alten, so lange nicht bebauten Boden Palästinas hervorzubringen im Stande sind. „E s r a- W e i n", Wein von den Colonien: „R i s ch o n l' Z i o n" und „S i ch r o n Jakob", „I a f s a - C o g n a c" und auch „W ein vom Libanon", den der Prophet so rühmt, das sind die Producte, die uns Grüße überbringen aus dem alten Laude der Väter. Und wenn wir diese Erzeugnisse verkosten, dann erkennen wir, daß ihr Ruhm, dessen sie ftch in alter Zeit schon erfteuten, nicht unbegründet ist. Sie können sich kühn den besten Erzeugnissen unseres Bodens an die Seite stellen. Besonders der „Jaffa-Cognac" hat etwas von der Wirkung, die wir „Belebung der Todten" nennen möchten. Der „Wein vom Libanon" schmeckt ein wenig herb und aus seinem Dufte weht es uns entgegen wie von den Bergen Galliläas, die der Dichter des „hohen Liedes" so herrlich besungen.... Der „Esra-Wein" schmeckt süßlich und einschmeichelnd, als würde er uns zu einem Besuche der „Esra-Colonie" einladen. „Sichron Jakob" hat eine seine Blume, die gewachsen ist aus jenen Gefilden, von denen einst Reuben seine „Dudaim", die Heine so schön geschildert, nach Hause brachte. Und wenn wir den „Wein von „Rischon l' Zion" verkosten, fo erfreut er uns so, als wollte er uns mit Trost und Erhebung erfüllen, mit fester Zuversicht und Vertrauen, daß der, welcher „Israel zerstreut, es auch sammelt". Und wieder tönt uns das Prophetenwort des Sabbaths entgegen, des Propheten, der ja so gerne der Evangelist des Alten Testaments genannt wird, der seinem trauernden Volke zuversichtlich entgegenrust: „Ja, es tröstet der Herr Zion, er tröstet alle seine Trümmer, macht seine Wüste zum Eden, seine Steppe zum Gottesgarten. Wonne und Freude wird darin gefunden, Dank- und Iubelsang." Unzählige Lichter werfen ihren Strahlenglanz hernieder auf das Leben und Treiben in dem orientalischen Viertel, das sich so eigenthümlich ausnimmt mitten unter den Hervorbringungen der abendländischen Cultur. Die ambrosische Nacht hat ihre Düfte ringsum verbreitet. Das Dampfroß aber schnaubt und bringt Tausende vom Ausstellungsplatze zurück in den Lärm der Millionenstadt. Aus immer größerer Ferne leuchten uns die elektrischen Lichter entgegen, welche „Kairo" erhellen. Endlich verschwinden sie ganz. Wir aber gedenken noch immer dieses Stückchens Zion, das uns hier auf kleinem Raume dargeboten wurde, Vergangenheit und Gegenwart so innig verknüpfend. Und im Gewühle der Stadt wird uns der Gedanke immer klarer, wir gehören der Gegenwart, unsere Erinnerung jedoch — Zion. Brün n, Mitte August 1896. Dr. M. Grünfeld. Das Mnd in der jüdischen Literatur. Aus S. Schcchter's „Studies in Judaism", London, A. & 6. Black, 1896, übersetzt von Ignaz Kaufmann. In Anbetracht dessen, daß Elias Geburt iu die ersten Jahrzehnte nach der Zerstörung des Tempels gefallen sein muß und daß diese traurigen Zeiten für die Einführung neuer Feste im höchsten Grade ungeeignet waren, können wir diese Sitte getrost auf die Zeiten des Tempels zurückdatiren. Die Art und Weife, wie die Gäste sich unterhielten, kann ebenfalls aus der citirten Stelle entnommen werdeir. Erst kam das Effen, an dem sämmtliche Gäste theilnahmen; dann wurde ein Saal, irr dem gesungen, geklatscht und getanzt wurde, von den Großen Jerusalems ausgefüllt, während die Schüler, die offenbar nicht unter die Großen gerechnet wurden, nach einem anderen Saale sich verfügen mußten, wo sie sich der Besprechung biblischer Gegenstände Hingaben. In späteren Zeiten wurden in das Tischgebet nach beendetem Mahle besondere Festhymnen eingeschaltet; auch pflegten darauf Predigten und Trinksprüche zu folgen, deren Inhalt in der Regel aus Betrachtungen über Bibel- und Talmudstellen, die auf das Tagesereigniß Bezug hatten, mauchnial aber auch aus einer Art gelehrter Wortwitze über den Namen bestand, den das Kind bei dieser Gelegenheit erhielt. Mit diesem Mahle fand die erste Einsegnung des Priester- Kindes ihren Abschluß. An einzelnen Orten pflegte man am dritten Tage nach der Beschneidung in das Haus des Vaters zu kommen, um nach dem Befinden des Kindes zu fragen. Im Falle, daß das Kind das erstgeborene war, wurde in der Regel den Bestimmungen von Exod. XHI. gemäß die Auslösung des Knaben vorgenommen. Die Einzelnheiten dieser Ceremonie find fast in jedem Gebetbuch zu finden und ist nichts Neues hinzuzufügen. Doch ist es mir vielleicht gestattet, auf eine andere Auszeichnung des Erstgeborenen im Mittelalter aufmerksam zu machen, in Bezug auf welche ich den im dreizehnten Jahrhunderte blühenden Verfasser des Buches „Die Vorschrift.des Gesetzes" citire, der bn sagt: „Unsere Vorfahren machten es zur Regel, jeden Erstgeborenen Gott zu weihen, nnd hatte der Vater vor der Geburt desselben zu sagen: „Ich gelobe, wenn mein Weib mich mit einem Sohne beschenkt, soll er heilig sein dem Herrn und in Seiner Thora forschen Tag und Nacht". Am achten Tage nach dem B'rith Milah wurde das Kind, eine Bibel zu seinem Haupte, auf Kiffen gelegt und die Aeltesten der Gemeinde oder das Oberhaupt der Hochschule sprachen den Segen über ihm aus. Diese erstgeborenen Söhne bildeten, groß geworden, das Hauptcontingent der Jeschiboth (Talmudschulen), wo sie den größten Theil ihres Lebens dem Studium der Thora sich Hingaben. In den späteren Jahrhunderten kam das Gelübde im Wegfall, doch scheint die Ueberanzahl von Jeschiboth in Polen und anderwärts zu verrathen, daß man fast jedem Kinde das Thorastudium als einzigen Beruf aufoctroyirte, da die wachsenden Verfolgungen in der That eine Festigung der religiösen Macht beanspruchten. Mit diesen Ceremonien war der erste Act der Heiligung beendet in dem Falle, wo das neugeborene Kind ein Knabe war. Ich will nun von der bei männlichen und weiblichen Kindern gemeinsamen Ceremonie der Namengebung sprechen. In ersterem Falle war sie mit der B'rith Milach verbunden. Die älteste, bereits im Ritual Rab Amram Gaons vorfindliche Formel ist aramäisch abgesaßr; sie ist, wie so viele Gebete in dieser Sprache, eine herrliche, für die Gelegenheit trefflich geschaffene Abfassung, weit schöner als unser jetzt übliches hebräisches Gebet und auf ein viel älteres Datum als dieses zurückgehend. In einzelnen Gegenden wurde im Hause der Eltern die Benennungsceremonie wiederholt und fand an jenem Sabbathe statt, wo die Mutter von ihrem ersten Besuche der Synagoge nach ihrer Wiedergenesung nachhause zurückkehrte. Hier versammelten sich die Freunde und Verwandten der Familie, und nachdem sie der Reihe nach um die Wiege des Kindes sich herumgestellt, hoben sie es dreimal in die Höhe, beim jedesmaligen Emporheben den neuen Namen unter Jubelgejauchze ankündigend. Das war der sogenannte „profane" Name, während der in der Synagoge empfangene der „heilige" oder hebräische Name war. Die Ceremonie schloß mit dem üblichen Mittagsfestmahle. Nebenbei gesagt, es war des Schmausens in jenen Tagen wohl ein wenig zu viel. In der That suchten die zeitgenössischen Rabbiner einige der Bankette zu unterdrücken und legten dem schmaussüchtigen Volke allerlei Beschränkungen auf; doch werden wir in Anbetracht der Thatsache, daß als Juden jede öffentliche Zerstreuung ihnen versagt