Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021152--05957-3030217
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 36 Vr Vlortz's Worhen^chrift Seite 715 den Gouvernements mit griechisch-orthodoxer Bevölkerung qanz besonders im Schwange und wurden von den russischen Kaufleuten füreine derartige Quittung 8- bis 10.000 Rubel geboten und gezahlt. Sehr belehrend nach dieser Richtung ist die Thatsache, daß sogar nach der amtlichen Publication über das Ergebniß der Aufhebung im Jahre 1890 im Moskauer Gouvernement allein mehr Recrutirungs-Quittungen zur Befreiung vom Militärdienst vorgezeigt wurden, als in allen 26 Gouvernements (Polen tnbegrifsen), in denen die Juden das ständige Aufenthaltsrecht haben, zusammengenommen. Das Moskauer Gouvernement weist 26 Quittungen vor, in allen jenen 26 Gouvernements aber fanden sich nicht mehr als 21 Personen, welche auf diese Weise von der Militärpflicht sich zu befreien suchten . .. Als noch wesentlicherer Grund zur Erklärung der Antipathie der Juden gegen den Militärdienst könnten die Rechtsbeschränkungen angeführt werden, denen die Juden in dieser Dienstsphäre im Widerspruche mit dem Grundgedanken des Gesetzgebers und des Schöpfers der allgemeinen Wehrpflicht, welcher „Gleiches Recht für Alle" forderte, ansgesetzt sind. Der bekannte Spruch des größten Feldherrn der neueren Zeit, daß „der ein schlechter Soldat ist, der nicht in seinem Tournifler den Marschallstab trägt", wurde in. Bezug auf die Juden nicht berücksichtigt: russisch-jüdische Soldaten werden nicht einmal zum Examen für die allerniedrigsten Militärchargen zugelassen. Somit wären wohl triftige Gründe für den Widerwillen der Juden gegen den Militärdienst zu finden, aber es ist überflüssig, nach einem Ginnd zu suchen, und zwar einfach deshalb, weil dieser Widerwille gar nicht existirt, weil die Anschuldigung, daß dieJuden sich dem Militär dien st entziehen, eine plumpe Erfindung der judenfeindlichen Presse ist. Davon überzeugt uns auf's Neue der im „Regierungsboten" veröffentlichte Bericht über die Erfüllung der Militärpflicht im letzten Jahre. Wir werden die wahre Sachlage mit Beispielen aus zwei Gouvernements, einem nordwestlichen (Litthauen) und einem südwestlichen (Wolhynien und Podolien), darthun. Wie bekannt, werden in vielen Gouvernements von den örtlichen statistischen Comite's Denkschriften mit officiellen statistischen Angaben über Zahl und Bestandtheile der Bevölkerung herausgegeben. Diese officiellen Publicationen geben die sichersten und zuverlässigsten Daten und Aufklärungen über die jüdische Bevölkerung und auf Grund dieser Zahlen läßt sich leicht berechnen, wie groß das von der jüdischen Bevölkerung zu stellende Recrutencontingent im Verhältniß zu der übrigen Bevölkerung des betreffenden Einberufungsdistricts sein sollte. Nun betrug im Grodnoer Gouvernement die Zahl der männlichen G e s am mt b ev ö l k e ru n g ohne Unterschied der Confession nach ofsicieller Zählung im Jahre 1887 : 699.943, im Jahre 1888: 729.992, im Jahre 1889: 741.749; jüdische Personen männlichen Geschlechts waren nach officiellen Zählungen in dem betreffenden Gouvernement im Jahre 1887: 138.415 oder 19 77 Perzent, rm Jahre 1888: 140.444 oder 19 23 Perzent der männlichen Gesammtbevölkerung, im Jahre 1889 aber reducirte sich die Zahl der Juden männlichen Geschlechts auf 139.918 oder 18 86 Perzent der Gesammtbevölkerung. Die Durchschnittszahl der jüdischen männlichen Bevölkerung betrug in den genannten Jahren 19 29 Perzent der männlichen Gesammtbevölkerung. Daraus ist der Schluß zu ziehen, daß die Zahl der einberufenen und eingezogenen jüdischen Recruten in dem genannten Gouvernement 19°29 Percent der Gesammtzahl der Recruten betragen sollte. Nach den officiellen Angaben im „Regierungsboten" hatte die ganze Bevölkerung des Grodnoer Gouvernements im Jahre 1890 die Zahl von 14.504 Recruten zu stellen und stellte sie wirklich; die Juden hatten demnach in demselben Jahre 2798 Recruten zu liefern, was 19°29 Percent ausmacht. I n Wirklichkeit aber wurden 3467 Juden ein berufen, das heißt 669 Mann mehr, a l s n a ch d e m Verhältniß der jüdischen Bevölkerungsziffer gefordert werden sollte. Diese 669 Manu repräsentiren nach der Zählung des Professors B u n j a k o w s k i, der die Einundzwanzigjährigen unter je 1000 Männern auf 18-95 Percent schätzt, eine Bevölkerung von über 35.000 Männern, welche thatsächlich im Grodnoer Gouvernement nicht existirt. Genau so verhält es sich im Gouvernement Wolhynien. Nach den in Shitomir veröffentlichten offici-llen statistischen Daten belief sich die G e s a m m t z a h l der Personen männlichen Geschlechtes im Jahre 1886 auf 1,121.896, im Jahre 1886 auf 1,168.420, im Jahre 1883 aus 1,188.100 Seelen; die jüdische männliche Bevölkerung betrug im Jahre 1886: 154.252 oder 13'75 Percent, im Jahre 1883: 159.723 oder 13 75 Percent und endlich im Jahre 1889: 162 541, was 13°68 Percent der ganzen männlichen Bevölkerung ausmacht. Nach diesen, von der Gouvernementsverwaltung Sr. Majestät dem Kaiser alleruuterthänigst unterbreiteten Bevölkerungszählungen sollten von den Juden im Jahre 1890 nicht wehr als die ihrer Bevölkerungsziffer entsprechenden 13 73 Percent oder 3372 Mann einberufen werden. In Wirklichkeit aber wurden im Jahre 1890 4281 Juden einberufen, das heißt 909 Mann mehr, was wiederum eine Bevölkerung von 48.000 Menschen repräseutirt, die thatsächlich aber nicht vorhanden ist. Falls man in dieser Weise die von den Gouvernementsverwaltungen gesammelten officiellen statistischen Daten sorgfältig den Einberufungsdaten gegenüberstellt, dann erkennt man den erstaunlichen Widerspruch, der gewiß die allerernsteste Beachtung verdient. Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn man von den Juden ein verhältnißmäßig größeres Contingent der Einberufenen fordert, als.die wirkliche Bevölkerung derselben liefern kann und darf, die Zahl der sich Stellenden noth wendig eine bedeutende Lücke zeigt. Ueberhaupt muß bemerkt werden, daß oei einer Betrachtung der Erfüllung der Kriegspflicht seitens der Juden sehr prägnant der große Widerspruch zwischen Recht und Pflicht in die Augen springt. So finden wir z. B. auf dein Monument, das zum Andenken an die bei Plewna am 28. November 1877 gefallenen Grenadiere auf einem der Hauptplätze in Moskau errichtet wurde, unter den Namen der Helden auch die Namen der Juden Moschka 11 m ansk i, Abraham Oelbaum und Anderer. Ist es nicht sonderbar, daß. wenn diese Helden den ruhmvollen 28. November, der das Schicksal des ganzen Feldzuges entschied, überlebt hätten, sie nicht einmal dasAusenthaltsrecht in der Stadt gehabt hätten, wo jetzt ihre Namen auf einem Siegesdenkmal prangen?! Auf dem Denkmal, das bei Kars zum A,»denken an die 60 Militärärzte der kaukasischen Armee, die den Tod bei Erfüllung ihrer heiligen Pflicht fanden, errichtet wird, sind von 6:) Aerzten 8 Juden, das heißt über 13 Percent — und ist es nicht sonderbar, es auszudenken, um wie viel höher dieser Percentsatz ist als die nachher für jüoische Militärärzte festgestellte 'Norm von 5 Percenr?!" . . . Zion — in der Berliner Gewerbe- Ausstellung. Wie ein Anachronismus klang es, wenn am 9. Ad herzbewegende Klagen angestimmt wurden in den jüdischen Synagogen über den Untergang der alten jerusalemischen Herrlichkeit , wenn im elegischen Zwiegesange Schomrvn und Zion einander ihr Leid vorjammerten. Was man kaum für möglich gehalten, ist eingetrossen, unsere Jugend begeistert sich für Zion und Jerusalem, die alte erhabene Feste, aus der Gottes Herrlichkeit einst gethront, und bei den Cornmersen unserer national gesinnten Jugend ertönen Lieder, welche das alte Heiligthum besingen in wehmüthig ernster Weise. Man mag darüber lächeln und seine Glossen machen, man mag es als Utopie verschreien, Einem wird man sich nicht verschließen können, in der ganzen zionistischen Bewegung ein Stück von jenem herzerquickenden Idealismus zu sehen, der ja unser ganzes Jndenthnm durchweht, der nie ausgestorben ist, sondern fortlebt in allen unseren erhabenen Gesängen, in den Liedern Kalirs, in dem Sabbathgruße Salomos Halewi, in unseren alten, innigen, so gemüthsvollen Gebeten ebenso, wie in den Elegien Gabirvls, Jehuda Halewis und Rabbi Meirs von Rothenburg. Zion, wenn der Name erklingt, dann schlägt höher das Herz eines jeden Juden, wo immer er auch weilen mag, und mit dem großen spanischen Sänger rnst er: „Küssen, ja endlos küssen möcht ich Deinen Staub." — Wie das Herz des Inden erfüllt wird mit Freude und Wonne, wenn es Zions gedenkt, das konnte ich wahrnehmen, als ich jüngst Berlin und seiner Gewerbeausstellnug einen Besuch abstattete und das Stück Orient besichtigte, das sich hier dem staunenden Auge in „Kairo" austhut. Der ganze Osten mit seiner reichen Farbenpracht wird hier in täuschender Weise dem bewundernden Auge vorgespiegelt. Es ist freilich nur ein heiteres Schaustiick, aber es ist doch geeignet, uns wenigstens ahnen zu lassen die schimmernde Herrlichkeir des Orients, in dem einst das Licht der Welt auflenchtete. Und mitten unter diesen lärmenden Verkäufern, welche uns hier ihren schillernden Tand anbieten, für wenige Mark und Pfennige, hörten wir plötzlich die so lieben Laute der alten, heiligen Sprache, die uns von Jugend her so vertrant ist, in welcher unsere Dichter und Lehrer geredet haben, in der uns das „Höre Israel" entgegenklingt . . . Wir hörten diese Laute ans dem Munde eines ehrwürdigen Greises, der seine sehr verschiedenartigen Maaren: Schmucksachen aus Olivenholz, Rosenöl, niedliche Geldtäschchen, Goldstickereien, Filigranarbeiten, dem kauflustigen Publicum anbot. Es war ein Glaubensgenosse aus Jerusalem, der dort sein Geschäft betreibt am Jassathvre. Mit seinem glnthängigen Töchterchen war er aus der Stadt der Propheten gekvmrnen nach dem modernen Spree-Babel, wo sich gar Mancher auch ein Prophet zu sein dünkte, ein Verkündiger des wahren Gvtteswortes; es hatte aber keines Jeremias bedurft, um zu enthüllen, daß er ein falscher Prophet sei, der Gottes Wort nur im Mnnde führe, während Lüge in seinem Herzen ist; süße Worte entfliehen dem Gehege seiner Zähne, und Falsches sinnt er, Trug und Frevel sind seine Gedanken. Der ehrwürdige Greis vom Jassathvre mit dem blühenden Antlitze, das von einem schneeweißen Barte umrahmt wird und ans dem ein herrliches Angenpaar uns entgegenlenchtete. freute

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.