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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 714 Dr. Vwar's Wochensrtzrifi Nr. 36 dient. Die Aufschiebung der Reception der jüdischen Religion — und dies muß auch der starrste Konservatismus eingestehen — war bereits etwas Unmögliches, Unaufschiebbares. Ich bitte Sie, unterstützen Sie auch weiterhin das liberale Regierungssystem und empfangen sie wiederholt meinen wärmsten Dank." Der Minister reichte daun allen Mitgliedern der Deputation die Hand und verabschiedete sich auf's Herzlichste von ihnen. Nus Rußland. Auf der allrussischen Ausstellung in Nishni-Nowgvrod befindet sich ein nicht großer, aber sehr schmucker Pavillon, welcher die Exponate der „Gesellschaft zur Verbreitung von Aufklärung unter den Juden in Rußland" enthält. Die Exponate bestehen aus: Karten und Diagrammen, welche die Bildungsverhältnisse unter den russischen Juden veranschaulichen, Collectionen von Lehrmitteln und historisch-archäologischen Gegenständen, Plänen und Schlülerarbeiten der jüdischen Elementarschulen, Erzeugnissen der Zöglinge (Knaben und Mädchen) jüdischer Gewerbeschulen und verschiedenen Expositen der jüdischen Ackerbaucolvnie bei Odessa. Dieser Pavillon erfreut sich eines großen Zuspruches seitens der nichtjüdischen Besucher der Ausstellung. Nicht nur Lehrer und Pädagogen, sondern auch Ofsiciere und hohe Staatsbeamte srequentiren sehr häufig den jüdischen Pavillon, besichtigen die ausgestellten Objecte mit lebhaftem Interesse und verfolgen mit großer Aufmerksamkeit die erläuternden Erklärungen der dejourireuden Personen. Dieser Tage hat der Pavillon einen ganz ungewöhnlichen Besuch erhalten, nämlich den des Grafen Jgnatiew, dessen Name in der neueren Geschichte der russischen Juden hochroth unterstrichen ist. Der antisemitische Exminister besichtigte zuerst die Exponate der jüdischen Ackerbaucolvnie bei Odessa und äußerte dabei: „Tie Juden sind für den Ackerbau nicht geeignet und es ist nicht zu glauben, daß aus ihnen irgend einmal Landwirthe hervorgehen könnten." Als man aber dem Herrn Grasen Facta vorhielt, die seine Ansicht widerlegen, begnügte er sich, daraus hinzuweisen, „daß er sich schon lange mit der Judenftage beschäftige und die Juden gut kenne." Zur Ausstellung der Arbeiten der jüdischen Gewerbeschulen übergehend, sprach der Gras die Ueberzeugung aus, daß die I u d e u unstreitig fähige und geschickte Handwerker seien, und die Errichtung von professionellen Schulen für sie eine Aufgabe darstelle, die volle Sympathien verdiene. Seine vollständige Billigung ließ der Graf schließlich der genannten „Aufklärungs- Gesellschaft" zu theil werden und beim Verlassen des Pavillons wünschte er der „Gesellschaft" vollen Erfolg in ihren Bestrebungen und eine weitere Entwicklung ihrer künftigen Thätigkeit. Die antisemitische „Nowoje Wremja", die vorstehende Nachricht reproducirend, klammert sich natürlich mit besonderem Behagen an die gräfliche Aeußerung betreffend der Unfähigkeit der Juden zum Ackerbau verschweigt aber wohlweislich die männiglich bekannte Thatsache, daß in diesem Jahre (wie schon seit einigen Jahren) viele christliche Gutsbesitzer im jüdischen Ansiedlungsrayon zur Erntezeit mit besonderer Vorliebe Juden zu Feldarbeiten annehmeu, weil die Juden durch ihre Tüchtigkeit und Anstelligkeit (von der Nüchternheit schon gar nicht zu sprechen) die russischen Feldarbeiter beiweitem übertreffen. Interessant ist auch das Factum (das von der „Nowoje Wremja" und Consorten natürlich übersehen wurde), daß gerade in diesem Sommer auf einem großen Gute desselben Grafen Jgnatiew eine bedeutende Zahl Juden als Feldarbeiter beschäftigt ist. Wie verträgt sich das eigentlich mit der „festen Ueberzeugung" Sr. Erlaucht von der Unfähigkeit der Juden zu landwirthschaftlichen Arbeiten? Das ist eine heikle Frage. Aber wir wissen ja, daß die gräflichen und auch die „gemeinen" Antisemiten in ihrem Privatleben sich nicht immer von ihren „festen Ueberzeugungen" leiten lassen. Die Beschäftigung der Juden als Feldarbeiter, eine Beschäftigung, die der enormen Masse der jüdischen Armen im Ansiedlungsrayon wenigstens während einiger Monate des Jahres einen kärglichen Verdienst gesichert hätte, findet leider ein unüberwindliches Hinderniß in den sogenannten „Maigesetzen", deren Urheber bekanntlich derselbe Gras Jgnatiew ist, und die den Juden verbieten, sich außerhalb der Städte aufzuhalten. Der Jude, der ans seiner Stadt sich auf das mehrere Stunden entfernte Gut aus Feldarbeit begibt, ist kraft der genannten Gesetze gezwungen, allabendlich nach der Tagesarbeit in seine Stadtwohnung zurückzukehren, um am folgenden Morgen denselben ermüdeuden Gang zu seiner Arbeitsstelle zu machen, während er doch sonst, wie der russische Arbeiter, im Dorfe nächtigen könnte. Zum Erstaunen ist's, daß die Juden von diesem Hindernisse sich nicht abschrecken lassen, und an manchen Orten täglich bei 40 Grad Hitze zehn Stunden hin- und zurückgehen, um durch schwere Feldarbeiten ein kärgliches Brot zu verdienen. So verstehen es die bekanntlich „arbeitsscheuen" Juden, das Gesetz zu „umgehen"! Es ist zwar zu hoffen, daß die Jguatiew'schen Maigesetze in nächster Zeit wesentlich gemildert, wenn nicht ganz aufgehoben werden (als sicheres Zeichen gelten die seit einiger Zeit besonders bemerkbaren Anstrengungen der antisemitischen Presse die von ernsten Socialpolitikern als schädlich befundenen „Maigesetze" als nvthwendige und heilsame Maßregel darzustellen). Vorläufig aber wäre es im Juteresse des jüdischen Proletariats, wie auch der russischen Gutsbesitzer wünschenswerth, daß der Uebereifer der Landbehörden in Anwendung der „Gesetze", wenigstens den jüdischen Feldarbeitern gegenüber, gedämpft werde. Denn sogar vom Standpunkte des Antisemitismus, bezwecket: doch die „Maigesetze" nur den Schutz der Landbevölkerung vor der jüdischen Exploitation, keineswegs aber sollen sie dazu dienen, den Juden die Möglichkeit zu nehmen, durch schwere, ehrliche Arbeit ein kärgliches Brod zu verdienen. Oder soll das wirklich der wahre Sinn aller „Judengesetze", nach Auffassung der Antisemiten, sein? Glücklicherweise ist Graf Jgnatiew schon längst nicht mehr Minister und seine Meinungen und Ueberzeugungen sind höchstens für die Publicisten der „Nowoje Wremja" maßgebend. In den höchsten Regierungssphären ist man gegenwärtig ganz anderer Ansicht über die agriculturellen Fähigkeiten der Juden. Die seit Decennieu bestehenden jüdischen Colonien in Südritßland haben unsere Negierung zur Ueberzeugung gebracht, daß aus den Juden wohl „irgend einmal Landwirthe hervorgehen können". Deswegen hat unsere Regierung gegenwärtig beschlossen, im Cherson'schen Gouvernemeirt eine große A ck e r b a u schule f ü r I n d e n zu gründeit und zu diesem Zweck 300 Desjatinen Land anzitweisen. Regierungsbeamte halten sich gegenwärtig in den genannten jüdischen Ackerbaucolonien auf, um sich mit den Verhältnissen vertraut zu machen und den passetldsten Ort für die Schule auszusuchen. Die arme „Nowoje Wremja"! Wie bäumt sie sich gegen dieses in kürzester Zeit auszuführeude Project! Und in der That, solche Regierungsmaßregeln und noch andere, die den russischen Juden ermöglichen sollen, in ihrem Vaterlande sich der von ihnen lange vergeblich ersehnten landwirthschastlichen Thätigkeit zu widmen, sind ja geeignet, die famose „Judenfrage" allmählich aus natürliche Weise zu lösen, viel eher und viel heilsamer, als sämmtliche Emigrations- und Judenstaatsprojecte. Und was soll dann die antisemitische Presse beginnen? Der „Regierungs-Anzeiger" bringt eine Reihe von Ordensverleihungen an jüdische Lehrer und Vorsteher jüdischer Schulen. Die Zahl der Decorirten beträgt a ch t z e h n. Das ist ein erfreuliches Factum, wie es bei uns schon lange nicht dugewesen ist. Ego. Die Juden im russischen Heer. Die panslavistische „St. Petersburgskia Wjedomosti", ein halbofficiöses und sehr angesehenes Blatt, veröffentlichte unter dem Titel „Eine ernste Frage" eine Reihe von Artikeln, welche, sehr maßvoll und streng, sachlich gehalten, ohne sonderliche Judenfreundlichkeit, aber auch ohne gehässige Voreingenommenheit die „Judenftage" behandeln. Der vierte Artikel beschäftigte sich mit der Erfüllung der Militärpflicht durch die Juden in Rußland; es heißt darin unter Anderem: „Dw schwerste und weitaus ernsteste Anschuldigung, welche gegen die Juden erhoben wird, ist zweifellos die, daß sie sich der Militärpflicht entziehen. Wenngleich die Juden in ihren Rechten äußerst beschränkt sind, muß sie doch der Besitz der Rechte, welche ihnen noch gewährt sind, die Erfüllung des Militärdienstes als Pflicht erkennen lassen, und die Frage, ob sie dieser allerschwersten, aber auch allerheiligsten . Bürgerpflicht sich wirklich entziehen, verdient eine ernste Prüfung. Zweifellos gäbe es Gründe genug, falls die Juden sich der Militärpflicht zu entziehen suchen sollten. Sie sind Städtebewohner, gehören dem Handelsstande an, und diese Volksclassen pflegen, gleichviel welcher Confession sie sind, nie gern in die Reihen des Militärs einzutreten. So war z. B., wie bekannt, nach Einführung der allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1874 der Handel mit Recrutirungs-Ouittungen, die den Besitzer vom persönlichen Dienst befreien, gerade in

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