Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 36 Dr. Aloch'q WoÄxenfchrrfr Er weiß es ganz gut, daß die Polen auch \ i e ebenso intensiv hassen, wie alle übrigen Juden, daß sie an diesen ausdringlich zur Schau gestellten Nationalpatriotismus innerlich nicht glauben, und um ihres eigenen Bortheiles willen uub -um nach Außen hin den Schein der Toleranz zu wahren, sich so stellen, als ob sie ihn für echt hielten und dem betreffenden Renegaten wohlwollten. Soll aber ein solcher jüdischer Hvchpatriot es nur versuchen, die Polen von der Begehung irgend einer gegen die Juden täglich begangenen Ungerechtigkeiten abzuhalten, soll er es z. B. versuchen, für einen noch so patriotisch-nationalen Inden — ja sogar für sich selbst oder seine Söhne die Verleihung des geringsten Amtes in einer Schule oder bei einer autonomen oder politischen Behörde re. zu erstreben — so wird er trotz aller ihm früher vorgeheuchelten Freundschaft und Brüderlichkeit rücksichtslos abgewiesen werden, ja, man wird ihm diese „jüdische Anmaßung" lange Zeit hindurch gehörig nachtragen and er wird sich die bisherige Talmifrenndschaft häufig sogar fiir immer verscherzt' haben. Das ist auch der Grund, warum die jüdischen Repräsentanten in sämmtlichen Vertretungskörpern unseres Landes, vom Gemeinde- und Ortsschulrath angesaugen bis zum Landtage und sogar bis zum Polenclub des Reichsrathes, absolut nichts zur Verbesserung unserer Lage thun und keine der zahllosen, dort gegen uns beschlossenen Ungerechtigkeiten abwehren können, ja es nicht einmal versuchen. Sie wissen nämlich ans eigener Erfahrung ganz gut, daß sie nicht nur nichts ausrichten, sondern in dem Augenblicke, wo sie einen derartigen Versuch auch nur wagen würden, sofort sich selbst die Gunst bei den Polen für immer verscherzen und nie mehr gewählt werden. Herr Dr. D a n i e l beliebt unsere systematische Unterdrückung seitens der Polen ein „durch momentane antisemitische Aufwallung versuchtes Unrecht" zu nennen, das ist schon der Cimborasso der Heuchelei. In den deutschen Ländern wo nach der Ansicht des Herrn Dr. Daniel der rücksichtslose Antisemitismus herrscht (Dr. Daniel nennt ihn den „wahren" Antisemitismus) finden wir gleichwohl zahlreiche Juden in Schulen und bei magistratischen Aemtern augestellt und beamtet, in Galizien ist es trotz dreißigjährigen Bestandes unserer Verfassung und der durch sie garantirten Gleichberechtigung noch feinem, sage keinem Juden bisher gelungen, als Lehrer an einer Simultanvolksschule oder als Beamter bei einer Gemeindeverwaltung angestellt zu werden. Mag er noch so herrliche Zeugnisse und Qnalificationen vorlegen, er wird rücksichtslos zurückgewiesen und es werden statt seiner Individuen ohne hinlängliche Qnalification, ja selbst mit übelbeleumnndeter Conduite, von deren Unfähigkeit und Unwürdigkeit man im Vorhinein überzeugt ist, angestellt, um ja nur keinen Inden hineinkonnnen zu lassen. Wenn in deutschen Gegenden, wo der „wahre" Antisemitismus herrscht, durch Zufall einmal bei einer öffentlichen Concursausschreibung der Taufschein des Bewerbers verlangt wurde, erhob sich seitens der Nichtjuden selbst sofort ein lauter Protest dagegen und es erfolgte sofort die Correctur, jn Lemberg hingegen genireu sich weder der Magistrat noch der Landesausschuß im Geringsten, bei jeder Concursausschreibung die Vorlage des Taufscheines der Bewerber zu fordern und Proteste dagegen wandern unbeachtet in den Papierkorb. In welcher deutschen Provinz mit „wahrem" Antisemitismus hat man den Salzverschleiß „verländert?" nirgends; in Galizien aber, im Lande des „unwahren" Antisemitismus hat man dies vor vier Jahren gethan, nur um den Inden die elenden paar Kreuzer, die sie beim Salzverschleiß verdienen, zu entreißen. Das Land hat zwar an diesem „Geschäfte" schöne paar Gulden verloren, aber einige hundert jüdische Familien sind doch brodlos geworden. Der Hauptzweck wurde also erreicht. Ein ähnliches Resultat erzielte man mit den ebenfalls aus Landesmitteln, lediglich um den Juden den Getreidezwischenhandel zu entwinden, gegründeten öffentlichen Lagerhäusern, die nun abgewirtschaftet und ein nettes Sümmchen an Landessteuergeldern verschlungen haben. Wo werden Landeshandelsgesellschaften mit ausdrücklicher Ausschließung von Juden, wo werde:: fortwährend neue Ereditvereine mit offener Ausschließung von Inden und ausdrücklich verkündeter Tendenz, die Juden zu verdrängen, unter Patronanz des Landesausschusses gegründet und von der gesummten Presse poussirt? Etwa in den deutschen Provinzen des „wahren" Antisemitismus? Nein, nur in Galizien. Und ist es vielleicht Herrn Dr. Daniel nicht be¬ Seite 711 kannt, daß der Landesausschuß Galiziens systematisch alle Gemeinde'.: des Landes dazu verhält, daß sie die Juden vom Mitgennsse des sämmtlichen, vor der Jncorporirung derselben in die Gemeindeverbände der Gemeinde gehörigen Vermögens ausschließen? Aus keinem anderen Lande unserer Monarchie, nur ans Galizien gelangten gegen diese Vergewaltigungen Beschwerden der Juden an den Verwaltnngsgerichtshof in Wien, und hier erst in deutschen Landen, wo nach Dr. Daniel der „wahre" Antisemitismus dominirt, gelangten die Bedrückten zu ihrem Rechte und fanden Abhilfe. Kleinere Gemeinden aber, wo die jüdischen Einwohner zu arm und zu unbeholfen sind, um ihr Recht bis zur höchsten Instanz zu verfolgen, haben diese ungesetzlichen Maßregeln des Landesausschusses unbehindert dnrchgeführt und die Juden thatsächlich vom Mitgenusse des Gemeindevermögens, insbesondere an Weiden, Waldungen, Stein- und Sandgruben, ausgeschlossen. Wird ein Jude vor die Geschwvrnen gestellt und ein Christ ist sein Gegner, dann schließt die Staatsanwaltschaft stets sämmtliche jüdischen Geschwvrnen aus, so daß der Jude ausschließlich von den Glaubensgenossen seines Gegners, die ihn übrigens nach Dr. D a n i e l 's eigenem Geständnisse „blos" „wegen seines Glaubens- und Bolksthums", auch so schon hassen und verachten, gerichtet wird; sein Schicksal ist daher im Vorhinein besiegelt. Es ist daher Hierlands bereits ein allgemeines Axiom, mit dem die Juden sich fatalistisch abgefnnden haben, daß man gegen einen Christen, mag er ihnen noch so schwer Unrecht gethan haben, im Strafrechtswege absolut nichts ausrichtet, hingegen jeder Jude, der von einem Christen strafrechtlich belangt wird, mag er noch so unschuldig sein, verurtheilt wird. Beispiele hiefür liefert die Praxis tagtäglich in Hülle, sie können zu Dutzenden geliefert werden, Jeder kennt sie aus eigener Erfahrung. sticht besser ergeht es den galizischen Juden bei den politischen, Finanz- und Gefällsbehörden und überhaupt überall dort, wo „das freie Ermessen" zu entscheiden hat, und bekanntermaßen räumt unsere Gesetzgebung seit 30 Jahren diesem „freien Ermessen" jedesmal neue Judicatnrgebiete ein. Und unsere Landespresse! Ist es doch unbestrittene Thatsache, daß wir in ganz Galizien keine e i n z i g e Zeitung haben, die nicht im höheren oder minderen Grade judenseindlich ist, und daß kein einziges Tagesblatt existirt, welches auch nur Ein Wort zur Bertheidigung der Juden bringt, mag ihnen noch so großes Unrecht widerfahren. Herr Dr. Daniel war unvorsichtig genug, auch über die sogenannten „christlichen Handlungen" zu sprechen und meint, die Gründung dieser christlichen Kramereien erfolgte durchaus nicht aus antisemitischen Motiven, sondern lediglich in der Absicht, im polnischen Volke den „Handelsgeist" zu wecken. Dadurch, daß man in einem elenden Dorfe, welches ans vierzig Bauernfamilien besteht, einem Bauer für Rechnung des Landwirthschaftlichen Vereines eine Greißlerei übergibt, wird „im polnischen Volke der Handelsgeist gefördert"? Will man wirklich unter den Christen Berständniß, Liebe und Fähigkeit zum Handel grvßziehen, so errichte man Handelsschulen, stifte man Stipendien für Diejenigen, welche den Handel in großen Verkehrscentren praktisch erlernen wollen. Wenn man aber in elenden Dörfer::, woselbst der seit Jahrhunderten ansäßige jüdische Greißler, trotzdem er auch das Hausir- und Schankgewerbe mitbetreibt, bekanntlich ein Bettler ist, noch eine zweite Greißlerei errichtet, dieselbe nicht einmal von einem Bauer, sondern eigentlich vom Somite des Vereines in der Kreisstadt unter Mitwirkung des Dorfschullehrers und Dorfpfarrers leiten läßt, sie unter Betheiligung des Adels der Umgegend feierlich einsegnet und deren Eröffnung wie ein politisches Ereigniß durch Bankette feiert, sie mit Schildern versieht, welche die Aufschrift „Christliche Handlung", „Zum ehrlichen Maße und Gewichte", „Zur christlichen Ehrlichkeit" u. s. w. tragen, und gleichzeitig eine systematische Streifjagd gegen sämmtliche Dorfjuden, welche Victualien aufzukaufen oder billiger zu verkaufen wagen, inscenirt, wobei Lehrer, Geistlicher, Dorftichter und Gendarm die Jagd gemeinsam betreibe::, so ist eS für Jeden, der Augen hat, um zu sehen, klar und evident, daß es sich hier um nichts Anderes, als um die Aushungerung der armen elenden Dorfjuden und ihre Vertreibung aus den Dörfern handelt. Diesen und keinen anderen „Geist" fördern die kolka rolmcze durch die Gründung der „christlichen Geschäftes und es ist sehr traurig und höchst ungerecht, daß der galizische Landtag alljährlich Zehntausende von Gulden aus den Steuergeldern des