Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sejk 710 Vr. Vloch's Wochrnfchrifi äk. 36 drei Ringen, oder Schiller's Marquis Posa, oder Goethe's Faust mit Ehrfurcht studieren, wenn die deutsche Zunge ebensowenig mehr aus Erden erklingen wird, wie die Sprache Homer's. Aber diese deutsche Cultur ist heute den Deutschen verloren gegangen. Die Cultur Schiller's und Lessin g's will vor Allem unter die antisemitisch mauschelnden Deutschen getragen sein. Die Deutschen Oesterreichs bedürfen empfindlicher Lectionen. Darum ist es ein großer Fehler, wenn ganz Israel immer dabei ist, alle üblen Folgen der antisemitischen Mißwirth chaft thunlichst recht rasch wieder gut zu machen. Ganz Israel hat in die Tasche gegriffen, um dem Volksbilduugsverein, der Rettnngsgesellschast zu Helsen. Wozu? Damit der Bevölkerung nur ja auch unter dem neuen Regiment nichts abgehe! Damit sie nur ja nicht merken, daß sie den Bock zum Gärtner eingesetzt hat. Merkwürdig, die Natur hat eine ganz andere Methode. Es ist ja wahr, die Oesterreicher sind ein sehr gutmüthiges Völkchen welches nur nicht merkt, welcher Teufel sie jetzt beim Kragen hat. Aber wie sollen sie es merken, wenn jeder Schaden von ihnen abgewendet wird. Da geht die Natur ganz anders vor. Was kann es Liebenswürdigeres und Unschuldigeres geben, als ein Kind! Aber wenn es die Fingerchen ins Feuer steckt, so brennt das Feuer unbarmherzig. Dadurch lernt das Kind unfehlbar die große Kunst, was es thuu und was es lassen soll. Warum dem deutsch-österreichischen Volke thunlichst jede Consequenz seines Handelns ersparen? Wenn es Mähren ja wenn es alle Sudetenländer verlieren und in ihnen das bittere Brod des Gastvolkes essen sollte, so wird es die Barbarei, in die es heute hineingehetzt wird, am eigenen Leibe kennen lernen. Nur so kann es sich wieder des herrlichen deutschen Geistes erinnern, den es heute schnöde von sich weist. Das Eine also kann man nicht genug betonen: Nur keine Hundetreue! Der Hund bleibt treu, auch wenn man ihn mit Fußtritten regalirt. Das Uebereinkommen der Liberalen mit den Nationalen ist ein Fußtritt gegen die Juden, eine Erklärung, daß man ihrer gewiß ist, auch wenn man auf ihre natürlichen Gefühle keine Rücksicht nimmt. Wer in Mähren für die Liberalen stimmt, dressirt sie geradezu, sie als Hund zu behandeln Also nur keine Hundetreue! Was denn? Der nächste Gedanke wäre, die „deutsche Treue" nachzuahmen und zu den Czecheu überzugehen, wie unsere deutschen Freunde allenthalben zu unseren Feinden übergehen. Aber dies wäre ebenso — edel, wie das Vorgehen unserer Freunde. Auch würden wir auf diesem Wege zu Hörigen der Czechen werden, wie wir Hörige der Deutschen gewesen sind. Was sie auch thäten, wir müßten es mitthun. Denn dieser Schritt gehört zu denen, die man nicht zurück thnn kann. Erst wenn die Deutschen noch weiter gehen sollten, können wir jenen Schritt thun, durch den die Czechen auch in Niederösterreich ihre Situation in ungeahnter Weise verbessert sehen würden. Das Beste würde ohne Zweifel sein, wenn wir ein paar tüchtige Vorkämpfer von rücksichtslosester Energie aus unserer eigenen Mitte durchsetzen könnten. Daran ist aber vorläufig nicht zu denken. Wenn dies überhaupt durchzusetzen ist, so geht es nur auf dem Wege, wenn wir zeigen, daß wir nur um diesen Preis mitthun. So bleibt nur ein correcter Weg, der Entschluß zur vorläufigen Abstinenz, der uns wenigstens bei der siegreichen Partei keinen Haß erzeugt. Diesen Entschluß hat Sigmund Mayer in seiner Aufsehen erregenden Rede in der „Oesterreichischen israelitischen Union" den Wiener Juden längst empfohlen und zehn Jahre vorher schon hatte der Herausgeber dieser Zeitschrift in seiner Broschüre: „Der nationale Zwist und die Juden in Oesterreich" (Wien 1886) unseren Glaubensgenossen das Wort des Propheten Jesaias (26, 20) zugerufen: „Auf, mein Volk, geh in Dein Gemach, schließ' die Thüre hinter Dir, birg Dich eine kurze Weile, bis daß der Grimm vorüb ergezogen!" Wie viele erfolglos verschwendeten Mahlgelder hätten der Milderung jüdischen Elends zugewendet werden können, wenn man diesen Mahnruf beherzigt hätte? Leider ist hiezu auch jetzt wenig Aussicht vorhanden. In seinem Romane ,,La Guerre“ führt Zola den Krieg unter allen seinen Formen und in den schrecklichsten Scene» vor. Der schrecklichste der Schrecken aber ist jene furchtbare Stunde, in welcher die vorher von Kampfesnmth schäumenden Krieger regungslos liegen bleiben müssen, während die Tod bringenden Geschosse um sie her platzen und bersten. Nichts ist schwerer als die Abstinenz. Sollte sie da und dort nicht durchführbar sein, dann ist das Mindeste, was man verlangen kann, daß Niemand gewühlt werde, der den schmachvollen Pact mit den Nationalen eingegangen hat. Der Nationalismus ist unser Todfeind und, wer ihn be günstigt öder duldet, ist ein Abtrünniger in Israel. Meine Ansicht also lautet: Womöglich Abstinenz und jedenfalls keine Hmidetrene auch für den Liberalen, der uns durch Pactiren mit den Nationalen einen Fußtritt versetzt hat. Junius. Nachmals »Antisemitismus in Galizien". Eine Abfertigung für Herrn Dr. I Daniel. Herr E i b e n s ch i tz aus Krakau hat in zwei Aufsätzen über den Antisemitismus in Galizien Einiges aus der Schule erzählt — und schon dazu gehört bei uns zu Lande einiger Muth, besonders wenn man mit offenem Visir auftritt. Da fand nun Herr Dr. Daniel den Muth, diesen Mittheilungen des Herrn E i b e n s ch i tz öffentlich entgegenzutreten. Dr. Daniel macht im Eingänge seines Artikels einen Unterschied zwischen dem Antisemitismus der Deutschen und jenem anderer Nationen, speciell der Polen, und sagt, . der deutsche Antisemitismus ächte die Juden ohne Rücksicht auf ihren Glauben, während der Antisemitismus der Polen und' anderer Nationen „blos" in der Abneigung gegen Religion und Volksthum der Juden besteht. Vor Allem nun ist es bekannte Thatsache, daß auch die deutschen Antisemiten den Juden, wenn er getauft ist und zu ihnen hält, nicht nur nicht verfolgen, sondern sogar zu ihrem Führer machen und auf jede Weise auszeichnen, siehe Anton Max Löw, Dr. Porzer, Paulus Meyer, Brimau, Bodeck rc. Nehmen wir an,-der Judenhaß der Polen richte sich „blos" gegen Religion und Volksthum der Juden — ist das vielleicht etwas Wenigeres oder Besseres als dieAechtnng der Juden ohne „Rücksicht auf deren Glauben". Wie denkt sich denn der Herr Dr. Daniel einen Juden ohne jüdische Religion und ohne jüdische Abstammung? Die Deutschen hassen den Juden nach Ansicht des Doctor Daniel, auch wenn er durch die Taufe aufgehört hat, Jude zu sein, meinetwegen, die Polen aber hören ihn nach dem Anstritt aus dem Judenthum zu hassen aus — meinetwegen; ist dies aber für die Juden, welche Juden geblieben sind, nicht ganz einerlei? Was hat das Judenthum davon, daß die Polen jüdische Täuflinge und Renegaten angeblich nicht mehr hassen? Jüdische Race und jüdische Religion sind von einander unzertrennlich — was liegt also daran, ob man den Juden wegen seiner Religion oder wegen seiner Race haßt und verfolgt? Für die Verfolgten bleibt sich das ganz gleich. Wir wissen wohl, wo Herr Dr. Daniel da hinaus will — er traut sich nicht, es herauszusagen, aber wir wollen es ihm erleichtern. Er will damit andeuten, daß die Polen jenen Juden, die sich als polnische Superpatrioten geberden, ihre Zugehörigkeit zum Judenthum laut und aufdringlich verleugnen, von jeder Antheilnahme an dem Geschicke ihrer Glaubensgenossen sich fern halten, ihrer Brüder sich nicht annehmen, hingegen für polnischnationale Zwecke die größten Opfer bringen, notabene, wenn sie reich und einflußreich sind, ihren Antisemitismus weniger fühlen lassen, ihnen gegenüber denselben mitunter sogar ableugnen. Allein Dr. Daniel weiß es ebenso wie jeder! Andere, daß die selbst diesen jüdischen Renegaten und Comödianten : äußerlich bezeugte Toleranz nur erheuchelt ist.