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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-09-04 · 36 (4.9.1896) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
36 (4.9.1896)
Date
1896-09-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36 Dr. Vlortz's Worhrnsrhrtfl Seite 709 mischen Krone selbst nur ein Gastvolk war, und zwar im buchstäblichsten Sinne des Wortes. Jedermann weiß, woher die deutsche Cnltnr in den Sudeteuländern stammt. Die größten Könige der Wenzelskrone wurden nicht müde, deutsche Colonisten ins Land zu rufen. Sie sollten die Cnltnr ins Land tragen. Nun ist die Rolle eines solchen Culturtrügers ungefähr die eines Erziehers. Er macht sich selbst mit der Zeit überflüssig und kann dann nichts Klügeres thun, als mit dem Zögling nicht mehr herumzucommandireu, sondern sich mit ihm zu befreunden. Dazu war die Gelegenheit zur Zeit des Bürgerministernims gegeben. Hätte man damals jenen Ausgleich bewilligt, den man jetzt deutscherseits proponirt, so würde der Völkerzwist in den Sudetenländern beigelegt worden sein. Denn damals hatten die Deutschen die Macht, anders zu wollen, und sie haben auch anders gewollt. Sie haben, wo sie konnten, die Entwicklung der Czechen zu hemmen gesucht und diese dadurch geradezu gezwungen, sich zu organisiren und die „liberale" Majorisirung einer Zweidrittelmajorität durch 30 Percent der Bevölkerung zu hintertreiben. Da diese hauptsächlich durch die Bureaukratie erfolgte, zu welcher die Juden auch in den Flitterwochen des Liberalismus wenig Zutritt hatten, so waren glücklicherweise unsere Glaubensgenossen nur wenig daran betheiligt. Nur als Stimmvieh ließen sie sich gegen die Czechen mißbrauchen. Mit welchem Rechte? Was hatten ihnen die Czechen gethan? Wie vertrug sich das mit einer wirklich liberalen Denkweise? Warum sollten die Czechen in ihrem eigenen Lande nicht Herren sein dürfen? Mit Recht verlangt der Jude, daß man jeden Einzelnen nach seinen Leistungen und seinem Charakter beurtheile, daß man Niemandein angebliche Geburtsfehler andichte Wir hoffen und wünschen, daß das christliche Europa sich endlich einmal zur Höhe des jüdischen Propheteuwortes emporschwinge: „Haben wir nicht Alle Einen Vater, hat nicht Ein Gott uns geschaffen, warum hadert Bruder gegen Bruder?" Und wir selbst sollten den Czechen gegenüber das vergessen? Mit welchem Rechte bevorzugen wir den Deutschen als solchen gegenüber dem Czechen, wenn wir verlangen, daß mau ihn uns gegenüber nicht bevorzugen soll, daß man, sowie einmal jüdische Angelegenheiten in Betracht kommen, die Geburt und Abstammung für völlig gleichgiltig erklären soll? Gleichwohl haben unsere Glaubensgenossen die deutschliberale Partei nicht preisgeben wollen und sind daher im Großen und Ganzen für daß Deutschthum gegen das Slaventhum durch Feuer und Wasser gegangen. Sie haben weder Geldopser noch persönliche Gefährdung gescheut.- Für das Wort „Religion" haben wir keinen anderen Ausdruck als „Emuuah", das ist Treue, und Treue ist der Gruudzug des Judenthums. Wer sich selbst treu bleibt, kann auch keinem Anderen untreu werden, sagte bekanntlich schon Shakespeare. Und wie wir uns selbst, unseren Ueberlieserungen und unseren Ahnen die Treue bewahrt haben, so bewahren wir sie auch Jedem, der uns jemals wohl gethan hat. Noch heute heißen viele Juden nach Alexander dem Großen; noch heute sprechen die Juden der Balkanhalbinsel die Sprache der spanischen Heimat, aus^ der sie vor vier Jahrhunderten vertrieben worden sind. So sind die Juden noch jedem Bundesgenossen treu geblieben. Sie geben keinen ihrer Freunde aus, so lange er sich nicht selbst ausgibt. Das aber und nichts Anderes hat die deutschliberale Partei in Mähren gethan. Mit Recht sagt die „Deutsche Zeitung" in ihrem heutigen Leitartikel, in Mähren habe die liberale Partei liquidirt. Die Deutschliberalen haben sich mit den Deutschnationalen verbunden. Zu welchem Zwecke? Etwa zum Schutze der Schule gegen die Clericalen? Gar keine Rede! Sie haben sich verbunden, um dem Zwecke der Erhaltung des deutschen Besitzstandes jeden anderen zu opfern. Das heißt, sie sind selbst Deutschnationale geworden. Die Juden können den Deutschliberalen die allbewährte Treue nicht halten, einfach weil in Mähren keine Deutschliberalen mehr sind. Es ist den Deutschen mit dem Liberalismus gegangen, wie den Polen mit dem Kaftan. Der Kaftan ist ein persisches Staatskleid, welches noch heute vom Schah von Persien statt eines Ordens verliehen wird. Als die Juden von dem größten aller Polenkönige schaarenweise angesiedelt wurden, hatten die Polen und Russen dieses Kleidungsstück als Nationaltracht eingesührt. Seitdem haben sie es, theilweise durch die große Scheere Peters des Großen gezwungen, ablegen müssen. Die Juden aber tragen die alte Nationaltracht noch immer, wie sie die Quadratbuchstaben ihrer alten Feinde, der Assyrier, noch innrer statt der althebräischen Schrift benützen. Wie die Polen ihren Kaftan längst mit moderneren Trachten vertauscht haben, so haben die Deutschen Mährens soeben ihren Liberalismus abgelegt. Sollen gerade die Juden diesen bei allen Völkern immer unpopuläreren Kaftan anbehalten, damit die Slaven als tüchtige, eingefleischte und — übrigens sagen wir es gerade heraus — völlig gerechtfertigte Antisemiten sich in ihrem Gebiete der Wenzelskrone einrichten, dessen sie von Tag zu Tag mehr Herren werden? Das Eine schien mir ganz außer Zweifel zu stehen. In den Dienst der „deutschliberalen" Partei, „gelobt sei der gerechte Richter", darf sich der Jude nicht schmeicheln noch zwingen lassen, weil es eine solche nicht mehr gibt, sondern eine Gruppe der Deutschuationalen von liberaler Vergangenheit. Dies wird nun freilich äußerst schwer zu realisiren sein. Da setzen sich die liberalen Zeitungen gerne aufs hohe Roß und möchten im Namen des „österreichischen Staatsgedankens". „der deutschen Cultur" :c. den Juden zumuthen, sich über den „Judenpunkt" zu erheben. Die Geschichte weist schwerlich ein zweites Beispiel einer so unverschämten Zumuthung auf. Ueber meine Erniedrigung soll ich mich erheben? Ich soll mein Wahlrecht gebrauchen, um Jemanden zu wählen, der im Bunde mit einer Partei steht, die mir gerne das Wahlrecht entziehen möchte? Wer einem bornirten und brutalen Kerl, der mich, trotz meiner deutschen Muttersprache, wegen meines angeblich schlechten Charakters nicht als Deutschen dulden will, nicht etwa ins Gesicht spuckt, sondern noch in seinen Dienst stellt, der wagt es, zu mir zu kommen und auch bei mir um ein Mandat zu betteln? Für was hält mich dieser Mandatjäger? Der bloße Gedanke, daß sich irgend ein Jude von Ehrgefühl auf diesen Handel einlassen könnte, ist die furchtbarste Demüthigung des Judenthums. Aber die Herren wissen, wie man die Juden zu fassen hat. Wir sollen uns zu einem höheren Standpunkte erheben. Gerne, sehr gerne, obwohl es eigentlich Sache der großen Culturträger, der Deutschen, wäre, uns ein gutes Beispiel zu geben. Ja, wir wollen uns zu einem höheren Standpunkte erheben. Wir wollen über die Tagesinteressen ganz hinwegsehen. Also zunächst vom Standpunkte des österreichischen Staatsgedankens lehrt uns die Geschichte, daß Oesterreich nie mächtiger gewesen ist, als seit der Befriedigung des ungarischen Volkes. Wenn also selbst z. B die 65 Percent der Slaven in Mähren und Böhmen zu ihrem natürlichen Rechte gelangen sollten, so wird darob Oesterreich nicht zugrundegehen. Ja, aber welcher Aufschrei wird durch die Lande gehen, wenn eine ganze Provinz der deutschen Cultur verloren geht? Laden wir unsererseits die Deutschen ein, sich auf einen höheren Standpunkt zu erheben. In seinen berühmten Vorträgen und Reden hat Dubois - Reymond mit Recht das wahre deutsche Nationalgefühl als das Gefühl für Humanität und für das Recht aller Völker erklärt, wie es in den deutschen Classikern ein so unvergängliches Denkmal gefunden hat. Das ist deutsche Cultur. Das ist der ewige Ruhm des deutschen Geistes, das ist jenes Deutschthum, wegen dessen man die Deutschen feiern wird bis ans Ende der Zeiten; man wird Lessing's Fabel von den

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