Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 708 Dr. Vloch's Wochrnschrifl. Nr. 36 drei Städten während der letzten Woche abspielten, enthalten eine große Lehre, der sich auch Herr Dr. Lueger nicht entziehen sollte, den ja der biblische Spruch nicht unbekannt sein kann: „Mit dem Maße, mit dem Ihr messet, soll Euch wieder gemessen werden!" Gr, fein Adjutant I Was eine neue Theorie der Wissenschaft bedeutet, sofern sie einmal erprobt und brauchbar befunden wurde, das braucht man nicht erst auseinanderzusetzen. Darum Lob und Preis dem Pfadfinder neuesten Dalums, den wir mit Stolz den Unteren nennen. Mit dem Pfadfinder, dem Lederstrumpf, meinen wir Herrn Professor Fournier, den trefflichen Mann, der die Theorie von den „Steinen des Anstoßes" sein geistiges Eigenthum negnt. Zwar hat diese Theorie nicht der Professor, sondern der Politiker F o u r n i e r gefunden. Aber das ist schwer auseinander zu halten, haben wir doch bereits an dieser Stelle ausgeführt, wie sehr die Gelehrteuwelt den Politiker Fourni er schätzt und wie hoch die Politiker den Gelehrten Fournier achten. Auch der Einwand ist zurückzuweisen, daß die Theorie von den Steinen des Anstoßes keinen Anspruch auf Originalität erheben darf, daß sie genau genommen, nichts mehr und n'chts weniger bedeutet, als die uralte, bereits zur Genüge erprobte Heilslehre des „Hepp»Hepp." Immerhin bleibt es das Verdienst des politischen Professors, dieses Hepp - HepP in das moderne Idiom der antisemitischen Liberalen, der neuen deutschen Fi—Fa—Fortschrittspartei übersetzt zu haben. Darum verdient Herr Fournier besondere Beachtung. Darum müssen alle Freunde historischer Forschung dafür sorgen, daß das Material für die Biographie des Historikers Fournier nicht verschleudert werde, daß es hübsch beisammen bleibe zu Nutz und Frommen jener lernbegierigen Adepten, die in späteren Jahren cs ihm einmal nachmache,c wollen, wie man Professor wird und Politiker zugleich, feuriger Oppositionsrenner an der warmen Regierungskrippe. Herr Fournier ist von dem Edlen von P l e n e r entdeckt worden. Der Parteiführer, der seinen eigenen Vortheil so gut berechnen konnte, daß er schließlich Präsident des Obersten Rechnungshofes wurde, scheint in Herrn Fournier schon frühzeitig jene Talente entdeckt zu haben, die in seiner eigenen Brust schlummerten. Sie konnten mit dem „Bettelstudenten" in der Operette sagen. „Ich bin der Fürst W i b i tz k i und er mein Adjutant! Er, sein Adjutant! Das Adjutantenthum erwies sich als sehr einträglich. Der Adjutant des edlen Plener, der Sancho Pansa des. deutsch-liberalen Don Quixote, wurde Professor in Prag und Volksvertreter in Tetschen, und er wäre trotz des Widerstandes des Wiener Professor-Collegiums eine Zierde der Wiener Universität geworden, wenn'die^Sache nicht im letzten Augenblick gescheitert wäre. Das war Ende des Jahres 1892, in den Flittertageu der Coalition, als es sehr ernstlich verlautete, daß Herr fournier nach Wien berufen werden sollte. Fournier, „der Liberale", und P a st or, der bekannte Kirchenrechtslehrer, mit ihm zugleich, um die Clericalen nicht kopfscheu zu machen. Kleine Gefälligkeiten erhalten die Freundschaft, und Aemter, die den Parteiführern verliehen werden machen die grimmigste Struwelpeterpartei freundlich und gefällig. Traut man sich noch nicht an die Parteiführer heran, so haben die Adjutanten ein gutes Leben, so wie eine blaue Banknote, zur rechten Zeit dem Stubenmädchen in die Hand gedrückt, schon oft den spröden Widerstand der scheinbar so tugendhaften Herrin besiegt hat. Damals erzählte im „Wiener Tagblatt" einer der hervorragendsten Publicisten, Dr. Perthold F r i s ch a u e r, die Geschichte des Herrn Fournier und seiner drohenden Berufung. Der Artikel hieß; „Die Senatspräsidenten des Weltgerichtes", und denkt man daran, daß damals, als er geschrieben wurde, Herr Plener nicht in der goldgestickten Uniform, sondern in der Aureole der Volksthümlichkeit erstrahlte, dann klingt sein Abschluß beinahe hellseherisch. So spiritistisch, daß wir ihn wörtlich h-ehersetzen wollen. „Auch die Wissenschaft hat ihre dunklen Pfade, welche der Forschung größere Aufgaben stellen, aber die Geschichte bringt ja Alles an den Tag: Die Weltgeschichte ist das Weltgericht und die Geschichtsprofessoren Fournier und Pastor w erden einfach 5 u Senatspräsidenten i m Weltgerichte erna nn 1, 0 b s ch 0 n sie noch niemals Ai inist er ohne Portefeuille gewesen sind." Warum wir diese Geschichte heute erzählen, die Geschichte von der mißglückten Wiener Berufung des Professors Fournier, des Mannes, von dem Dr. Frischauer erzählte, er habe ein Werk geschrieben: „Handel und Verkehr in Ungarn und Polen um die Mitte des 18. Jahrhunderts", und zwar als Vorläufer eines politischen historischen Werkes über den Handel und Verkehr der Polen und der Vereinigten deutschen Linken? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand. Nein, Herr Professor, auch Sie sind nicht unfehlbar. Sie mögen ein großer Mann sein, trotzdem die Wiener philosophische Facultät von Ihren lateinischen Sprachkenntnissen eine geringe Ansicht haben soll! Aber gegen Jrrthümer sind Sie nicht gefeit. Es ist ein großer Jrrthum, wenn Sie den praktischen Sinn allein den Juden zuschreiben und das Uebermaß an demselben ausschließlich als eine Eigenheit jener „Steine des Anstoßes" e,klären. Nein, der praktische Sinn und die höchste Ausbildung desselben ist auch anderswo wahrzunehmen. Zum Beispiel bei Ihnen, Herr Professor Fou rn i er und bei Ihrem Vorbild und Meister, dem Herrn von Pl en er. Und Plener und Fournier, sind doch keine Steine des Anstoßes, sicherlich keine — jüdischen! Nur keine Hundrtreur! Betrachtungen über die Lage der Juden in Mähren. Von einem hervorragenden Glaubensgenossen erhalten wir folgende Zuschrift, die wir wegen der vielseitigen Beleuchtung der hochactuellen Frage unsren Lesern zur gründlichen Ueberlegung empfehlen, und zwar nicht nur unseren Lesern in Mähren. Dieselben Gesichtspunkte haben theilweise auch für die anderen Kronländcr dieselbe Bedeutung. Die Zuschrift lautet: Sehr geehrte Redaction! Auf Ihre geneigte Anfrage bezüglich meiner Ansicht über die Sachlage in meinem Heimatlande Mähren gebe ich Ihnen umso lieber die rückhaltsloseste Auskunft, als die Frage der Stellungnahme unserer Glaubensbrüder in Mähren tatsächlich niemals so schwierig und niemals von so ausschlaggebender Bedeutung für das Schicksal der Juden in Oesterreich überhaupt gewesen ist. Niemals waren unsere mährischen Glaubensgenossen in so schwieriger Lage, wie diesmal. Bisher waren sie gewohnt, einfach der Tradition zu folgen. Bande.der Dankbarkeit fesselten sie an die deutschliberale Partei. Dieser verdankten sie die Staatsgrundgesetze und die Neuschule. Freilich waren die Concessionen keineswegs ausschließlich aus purer Generosität hervorgegangen. Als die Deutschen sich noch einbildeten, die slavische Majorität Cisleithauiens durch künstliche Wahlgeomelrie und Wahlbeeinflusfung Niederhalten zu können, wußten sie jeden Bundesgenossen zu schätzen, und zwar ganz besonders in Mähren, wo sie dem schwierigen Problem gegenüberstauden, 70 Percent der Bevölkerung zu majorisireu. Da ihre Liebe, Dank den Jahrhunderten kirchlicher Erziehung eine sehr gezwungene war, so versuchten sie in der Praxis den braven Mitbürgern israelitischer Confession zurückzuhalten, was ihnen in der Theorie so freigebig bewilligt worden war. Statt zur Zeit ihrer Macht in Verwaltung, Schule und Armee diese dankbaren Bundesgenossen zu perceutuell gerechter Vertretung zu befördern, bestärkte man die Bevölkerung in der überkommenen Anschauung, daß das Vorrücken eines Juden in ehrenvolle Stellungen etwas Abnormes, eine Gnade sei. Man behandelte die Juden als „Gastvolk", genauer gesagt: als Gastvolk eines ungastlichen Volkes und vergaß ganz, daß man in den Ländern der böh-