Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 36 (4.9.1896)
- Date
- 1896-09-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 36 Vr. Vloch's Wochenschrift. Seite 707 Damit werden sie Herrn Lueger aus dem Sattel heben! Damit werden sie die Juden bewegen, ihren Kandidaten die Stimme zuzuwenden l Damit sicherlich! Die Mittel und Mittelchen dieser Sorte Liberaler verfangen nicht mehr. Auch das jüdische Solidaritätsgesühl ist geweckt, und die Juden verspüren keine Lust, ihren Bedrängern das Schlachtmesser in die Hand zu drücken. Da kommt uns von hochangesehener Seite eine Zuschrift zu, sie erzählt von den Wahlen in die mährische Handelskammer und wie die mährischen Juden kopfscheu werden. Sv kopfscheu, daß auch der liberale Antisemit P r o m b e r ihnen nicht beikommen konnte. Da wurden andere Zwangsmittel verwendet, die Daumschraubenmaterieller Nöthigung angesetzt, dasCuratorium des mährischjüdischen Landesmassafondes wird mit seiner Autorität zu Hilfe gerufen, aber auch die Wirksamkeit dieser Miltelchen versagt allmälig. Auf die alberne Frage der „Neuen Freien Montagspresse" : „Die Antisemiten haben mit der Confession angefangen, berechtigt dies die Juden, ihren Gegnern auf dieses Terrain zu folgen?" gibt es nur eine kurze Antwort: I a und nochmals j a! Und diese Antwort werden die Herren bei den nächsten Wahlen auf Tausenden von Stimmzetteln lesen können. Vudweis, Czernowitz, Constantinopel. Der erste Vicebiirgermeister der Stadt Wien, Dr. Carl Lueger, ist am vorigen Sonntag bei seiner Ankunft in Budweis mit Stockhieben tractirt und angespuckt worden. Das „Deutsche Volksblatt" bezeichnet diesen Vorfall als eine „neue Schandthat des Judenthums"» weil sich in derMenge der Angreifer auch ein getaufterJude befand, der natürlich sofort als Rädelsführer bezeichnet wird. Stellen wir zunächst fest, daß das antisemitische-Organ selbst in der aus politischen Gründen erfolgten thätlichen und wörtlichen Jnsultirung eines Menschen eine „Schandthat" erblickt. Wir haben gegen diese Classisicirung des Empfanges, welchen Dr. Lueger in Budweis erfuhr, nicht das Mindeste einzuwenden. Wohl aber müssen wir entschieden dagegen demonstriren daß diese „Schandthat" zu einer specifisch „jüdischen" gestempelt werde. Die Leute, welche vor dem Budweiser Bahnhofe die Abgeordneten Dr. Lueger und Steiner und deren Begleiter prügelten und anspuck* len, sind in die S chu l e d e r wiener Antisemiten gegangen und haben das nachgeahmt, was diese seit Jahren in der Reichshauptstadt und an anderen Orten nicht blos gegen unsere Glaubensgenossen, sondern auch gegen ihre politischen Gegner christlicher Confession prakticiren. Wir erinnern uns angesichts der Budweiser Vorfälle einer abscheulichen Scene, welche sich im Vorjahre anläßlich der Wiener Gemeinderathswahlen im Saale zur „blauen Weintraube" in Margarethen abspielte. Dort hielt die freisinnige Wählerschaft eine Versammlung ab, welcher auch der Handelskammerrath und ehemalige Vorsteher der Genossenschaft der Gemischtwaaren-Berschleißer, Herr Carl Zimmerm a n u, beiwohnte. Das ist ein alter Mann mit gelähmten Füßen, der sich nur mühselig auf Krücken fortbewegen kann. Als Z imm erm a nn die Wahl der fortschrittlichen Candidaten empfohlen hatte, drang ein Haufe wüthender Antisemiten mit geballten Fäusten auf ihn ein, drohte ihn niederzuschlagen und spuckte ihm ins Gesicht. Der Greis konnte sich nicht von der Stelle rühren. Bleich und zitternd stand er in dem rasenden Haufen, und seine Freunde riefen unausgesetzt: ,N i ch i schlagen, er hat wehe Füße". Es ist also die schlagende Beweiskraft antisemitischer Argumente, welche sich nun auch die Vertheidiger des Deutschthums in Budweis angeeignet haben, und wenn sich unter diesen Vertheidigcrn auch einer oder mehrere Juden befanden, so beweist das nur, daß die Schule des Antisemitismus auch unter den Juden außerordentliche Erziehungsresultate gezeitigt hat. Die Aufregung der Deutschen in Budweis über das dortige Gastspiel des Herrn Lueger ist ja wohl zu begreifen. Seit Jahren tobt dort ein heißer Kampf zwischen den Deutschen und Czechen, die sich annähernd die Waage halten. Und nun erscheint plötzlich jener Dr. Lueger, dessen Mund erst vor wenigen Tagen auf dem antiliberalen Parteitage von deutschfreundlichen Phrasen überfloß, in der ausgesprochenen Absicht, zu Gunsten des czechischen 4-- Elementes Haß und Zwietracht unter die Buk weiser Deutschen zu säen. Man begreift es, wenn man es auch nicht entschuldigen kann, daß die Budweiser Deutschen den Verräther züchtigen wollten, und man begreift es ferner, daß sie ihm ihre Verachtung in einer Weise ins Gesicht schleuderten, die sie von seinen eigenen pöbelhaften Anhängern gelernt haben. Der Budweiser „Schandthat" ist eine freche Herausforderung vorausgegangen, Dr. L u e g e r erschien daselbst, um zu hetzen, Bürger gegen Bürger aufzureizen. Was haben aber jene friedfertigen jüdischen Bürger gethan, auf deren Kopf der Freund und Gesinnungsgenoffe L u e g e r's, Herr Schneider, ein .Schußgeld" setzen wollte, und von denen Lueger selbst sagte, es sei ihm gleichgiltig» ob sie gehenkt oder geköpft werden? Was hat jen.r arme jüdische Hausirer gethan, der vorige Woche angespuckt und geprügelt wurde und der zahlreiche Leidensgenossen zählt, deren Schicksale nicht in die Orfsentlichkeit dringen? Eben recht zur Jllustrirung der Budweiser „Schandthat" wird uns aus Czernowitz eine Episode gemeldet, die wir an anderer Stelle erzählen. Ein jüdischer Bürger fährt Nachts vom Bahnhofe nach Hause. Auf dem Wege wird er von drei Männern — drei gegen Einen — überfallen, beschimpft und mit Stockstreichen tractirt, ohne daß er mit einem Worte provocirt hätte. Mit Mühe gelingt es dem Jnsultirten, einen Polizisten zu finden, der einen der drei Helden dingfest machte. Da stellt es sich heraus, daß das kein gewöhnlicher Strolch, sondern ein Beamter der Czernowitzer Sparcasie ist. In den Augen des gerichtsscheuen Ehrenmannes Bergani gilt das offenbar als eine Heldeuthat, während er die Budweiser Vorgänge eine „Schandthat" nennt. Wir beschönigen nichts, wir erklären blos, die Bestie im Menschen ist vom Antisemitismus geweckt und gezüchtet worden. Die Theorie vom Wirihs- und Gastvolke entsprang einem germanischen Philosophenhirne, aber ihre praktische Bethätigung finden wir bei allen Völkern der Erde, nur nicht bei den semitischen. Dem Juden wie dem Araber war von jeher das Äastrecht heilig, über dessen Verletzung sich Herr Lueger in Budweis beklagte. Bei den arischen Stämmen wie bei der mongolischen Race wurde der Fremdling wie ein unreines Thier gehaßt und verfolgt. Telegramme melden neue Christenverfolgungen in China und die entsetzlichen Metzeleien, welche in den letzten Tagen an den armenischen Christen in Constantinopel verübt wurden, schreien zum Himmel. Einer officiellen Depesche aus Constantinopel entnehmen wir folgende Stelle: „Erwiesen erscheint, daß die Polizei den untersten Classen der Bevölkerung einen Wink gab, sich zur Verfolgung der Armenier bereit zu halten. Jetzt ist es schwierig, die seit mehreren Tagen der Arbeit entzogenen Tausende, deren wilde Jnstincte geweckt wurden, sowie d e n A b s ch aum d er hauptstädtischen Bevölkerung zu beruhigen. Dies dürfte nicht so bald gelingen, du einflußreiche Fanatiker fortdauernd schüren. Es genügt, Armenier zu sein, um verfolgt und erschlagen zu werde n." Man setze in diesem Passus an Stelle des Wortes „Armenier" das Wort „Jude" und man hat ein genaues Bild der von Schneider und Lueger betriebenen Judenhetze und der Ursache, durch welche dieselbe zu solcher Höhe anwachfen konnte. Einflußreiche Fanariker schüren und der Abschaum der Bevölkerung folgt seinen wilden Jnstincten, die künstlich geweckt wurden. Hören Sie es, Herr Dr. Carl Lueger, erster Bicebürgermeister der Reichshaupt- und Residenzstadt Wien und Geschäftsreisender im Antisemitismus? Die Christen in China und in der Türkei theilen dasselbe Schicksal, das Sie den Juden in Oesterreich zugedacht haben. Ueberall gibt es ja Schurken, welche zu egoistischen Zwecken die Volksleidenschast, die Bestie im Menschen, wecken. Sie, Herr Bicebürgermeister, haben diese „Schändthaten" lange Zeit ungestraft üben können, nun ist Ihnen einmal in jener Münze heimgezahlt worden, die Sie selbst geprägt und in Umlauf gesetzt haben. Man hat Sie geprügelt und angespuckt — das ist ge, wiß nicht in der Ordnung! Aber, was Du nicht willst, daß Dir geschieht, das lhu' auch einem armen, jüdischen Hausirer nicht! Budweis, Czernowitz, Constantinopel, die Ereigniffe, welche sich in diesen