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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vloch's Wochenschrift. Seite 703 Jonas, Secretär; die Herren Fein, Josephs, Levy und Marks, Cvmit< — Coolgardie ist im Aufblühen begriffen, soeben ist eine neue Bahn nach Balgvorlie eröffnet worden. Bor drei Jahren war dort noch wüstes Land, nun hat Coolgardie elektrisches Licht. Interessant ist, daß sich kein einziges Pfandleihgeschäft dort befindet, noch gibt es dort einen jüdischen Juwelierladen. Feuilleton. Eine Gottessügung. Von Dr. L. R. „Der Tod lehrt uns leben, die schwerste aller Künste. Ein „krokesoor moraliuw", wie Asmus ihn nennt, heilt er unseren Leichtsinn, unseren Zorn, unsere Lieblosigkeit, unseren weltlichen Ehrgeiz;?r gibt uns Maaß und Haltung, er macht uns tapfer und stark." „Und wie leichtfertig und vermessen", sagt Jeremias Gotthelf, „schlendern die Menschen durch's Leben, als ob sie hundert Leben hätten, hundertmal von vorne wieder beginnen könnten..." An diese hochbedeutsamen Aussprüche mußte ich unwillkürlich denken, als mir dieser Tage eine hebräische Zeitschrift, „Hanescher", aus dem Jahre 1865 zu Gesicht kam und ich ein unter dem Titel „Ezba Elohim" in wahrhaft classischem Hebräisch geschriebenes Feuilleton darin las. In der That, mußte ich mir sagen, Hufeland hat recht, „der Gedanke an den Tod ist ein vortreffliches Hausmittel, tugendhaft und rechtschaffen zu bleiben". Der „Gedanke an den Tod", in welchem schon unsere alten Weisen die beste Waffe gegen die ankämpfenden Leidenschaften erblickten, bewährt sich auch in der folgenden hochinteressanten Erzählung, die ich der vorerwähnten Zeitschrift entnehme. Es ist dies keine dichterische Fiction, sondern eine Thatsache, ein wirkliches Ereigniß, von welchem Dr. Junker, Professor an der Universität zu Halle, bei den Borlesungen gelegentlich mit Vorliebe sprach. Zwei Leichen vom zum Tode durch den - Strang Berurtheilter wurden ihm zur Obduction überbracht, da er aber zufällig den Schlüssel der Sectionshalle nicht finden konnte, ordnete er an, daß die Leichen einstweilen in eines seiner Zimmer, welches neben seinem Schlafzimmer sich befand, gelegt werden. Ohne sich weiter um die Leichen zu kümmern, setzte er sich an den Schreibtisch, um, wie gewöhnlich am Abend, an seinen wissenschaftlichen Werken zu arbeiten. Die Hausgenossen hatten sich zur Ruhe begeben, und nichts störte den Professor bei seiner geistigen Beschäftigung. So verliefen die Stunden, ohne daß' auch nur das Blindeste die Gedanken des Professors abgelenkt hätte. Plötzlich aber — es war gerade um Mitternacht — schien es ihm, als vernähme er ein leises Geräusch aus dem Zimmer drinnen, in welchem die Leichen aufbewahrt waren. Er dachte nicht anders, als daß man aus Vergessenheit die Katze im Zimmer belassen habe, und auf diesen Umstand führte er das Geräusch zurück. Ohneweiters erhob er sich von seinem Sitze, nahm das Licht zur Hand und begab sich in's Nebenzimmer, um sich von der Richtigkeit seiner Annahme zu überzeugen. Er öffnete und trat ein. Sein erster Blick fiel auf den Sack, in welchem die beiden Leichen eingenäht waren. Bei diesem Anblick aber ergriff ihn ein jäher Schreck und wie festgenagelt blieb er an der Stelle stehen. Der Sack war der Länge nach aufgerissen und enthielt nur noch eine Leiche. Wohin mag wohl die zweite gerathen sein? Thür und Fenster waren wohl verschlossen, wer konnte also die zweite Leiche dem Sacke entnommen haben? Diese Frage beschäftigte den Professor, indem er, ängstlich zitternd, nrit fieberhafter Erregung im Zimmer Umschau Hielt. Wer suchet, der findet. Professor Junker sollte nicht lange über den Verbleib der verlorenen Leiche im Unklaren bleiben. Zusammengekauert lag sie in einer Ecke des Zimmers und grinste ihn gespensterhaft an. Bei diesem Anblicke taumelte der Professor, an Leib und Seele zitternd, rücklings der Thüre zu, in seiner Rechten das Licht, mit der Linken nach der Thürklinke tastend, dabei verfolgte ihn die Leiche mit ihrem gespensterhaften Blick, ja sie erhob sich sogar und trat, oder vielmehr sie schwankte auf ihn zu. Der Anblick dieses nackten, verwilderten Gespenstes, das Bewußtsenk des Alleinseins, die mitternächtliche Todesstille — Alles dies vereinigte sich, um die Angst des Professors zu erhöhen und sie bis zur Unerträglichkeit zu steigern. Wie ein schwerer Alp lag es auf seiner Brust, wie Espenlaub zitterten seine Hände und Füße; das Licht, das er bis jetzt krampfhaft gehalten hatte, entglitt seiner Hand — und erlosch. Umgeben von der düsteren Finsterniß tappte er mühselig umher, bis er mit Müh' und Nvth sein Zimmer erreichte, wo er erschöpft auf sein Bett niederfiel. Hier wartete seiner ein Schrecken, der den ersten bei zweitem überbot. Die Leiche war ihm nachgeschlichen, und vor ° seinem Bette niederknieend, hatte sie krampfhaft seine Füße umschlungen, während sie nnarticulirte, wildschmerzliche Töne hervorstieß. „Wer bist Du, wer?", kam es endlich in hohlem Tone aus der gepreßten Kehle des Professors. „Laß ab von mir!" Die krampfhafte Umarmung der Leiche löste sich und ein tiefer, langgezogener Athem entrang sich ihrer Brust. Mit aller Kraftanstrengnng gelang es ihr, ihre Lippen zu bewegen und in leisem Flüstertöne flehte sie: „Oh Henker, schone meiner, sei mir gnädig, erbarme Dich über mich!" Da erst ging dem Professor ein Licht auf. Wie nach einem schweren, drückenden Traum erwachte er und erholte sich von seiner Angst, indem er sich sagte, daß der Mann zu früh abgeschnitten wurde und infolge seiner starken Natur die Lebenskräfte wiederkehren. Der Professor beruhigte ihn, er sei kein Henker, sondern Professor an der Universität, nun aber wolle er einen Hausgenossen rufen, damit er seine Anordnungen treffen könne. „Oh, nicht doch!", flehte der Unglückliche mit ängstlicher Stimme. „Stürzen Sie mich nicht wieder ins Verderben, denn sobald die Sache ruchbar wird, werde ich wieder gehenkt, im Namen des barmherzigen Gottes flehe ich Sie an: erretten Sie mich vom Tode!" Professor Junker überlegte, was zu thun sei. Bor allen Dingen ließ er. ihn ein Hemd anlegen, sodann gab er ihm ein stärkendes Getränk, worauf er ihn dann über die Art seines Verbrechens ausforschte. Der Mann hatte sich soweit erholt, daß er erzählen konnte, er sei wegen Desertion zum Tode verurtheilt worden. Der Professor dachte darüber nach, wie es möglich wäre, den Unglücklichen, über dessen Haupt das unglückselige Damoklesschwert so verhängnißvoll schwebte, zu retten. Im Hause konnte er ihn nicht behalten, auf die Straße durfte er ihn nicht ohne Weiteres setzen, das ließ sein Gesundheitszustand nicht zu; es blieb nichts Anderes übrig, als ihm zur Flucht über die Grenze zu verhelfen. Dieser Entschluß war das Ergebniß reiflicher Ueberlegung. Es galt nur zunächst den Mann unbeobachtet aus dem Weichbilde der Stadt zu entfernen. Zu diesem Zwecke übergab er ihm einen seiner Anzüge und schon beim ersten Morgengrauen machten sich die beiden Männer auf den Weg, um so schnell als möglich das Stadtthor zu passiren. Alls die Frage der Wächter, wer dieser Mann sei und wohin er gehe, antwortete der Professor, er sei zu einem Kranken nach Auswärts gerufen worden und dieser Mann sei sein Assistent. Sv konnten sie unbehindert die Stadt verlassen. Auf einem Feldweg angelangt, fiel der Neubelebte seinem Retter zu Füßen, dankte ihm für seine große Wohlthat und schwilr es feierlich, seiner niemals zu vergessen. Darauf gab ihm der Professor einige Geldstücke zur Verzehrung und verabschiedete sich von ihm. Der Mann ging seines Weges, der Professor kehrte zur Stadt zurück. * ’* * Zwölf Jahre waren seit jenem merkwürdigen Ereignisse verflossen und eine Studienreise führte Professor Junker nach Amsterdmn. Da ihm die dortige Börse als Sehenswürdigkeit bezeichnet wurde, suchte er diese auch auf. Hier begegnete ihm ein hochelegant gekleideter Herr, der sich ihm in tiefster Ehrerbietung näherte und ihn ehrfurchtsvoll begrüßte: „Habe ich die Ehre, mit Herrn Professor Junker aus Halle?" „Jawohl", antwortete dieser, „so ist mein Name". Hierauf ward der Professor von dem Herrn in höflichster Form zu Tische geladen, welcher Einladung Professor Junker auch Folge leistete. Der Herr nahm seinen Gast gleich mit nach Hause, woselbst eine liebenswürdige, anmuthige Hausfrau und zwei allerliebste Kinder ihn auf's Herzlichste empfingen.

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