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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vloch's WochrnschrM Seite 697 die öffentliche Meinung — das Volk. Die liberale Partei, also die Regierung ist vor oem Auge des Volkes so ziemlich unsympathisch, und unsere jüdischen Abgeordneten — die nebenbei gesagt, die dringendsten Gelegenheiten versäumen, um ihre Worte gegen die gewissenlosen und höchst ungesetzlichen Blutmärchen-Agitationen ver Volkspartei zu erheben — degradiren sich meistens für willenlose Stimmapparate der Regierung. In der Lueger-Ängelegenheit hat auch kein einziger Liberaler das Wort erhoben, um die Regierung zu interpelliren, sondern nur ein 1848er Opponist, Meßlenyi, war es, der dies that. Die Vogel Strauß-Politlkantwort des Ministerpräsidenten ist Ihnen ja gewiß bekannt. Was nützt es uns, wenn einzelne jüdische Großindustrielle oder Großcapitalisten mit Ritterorden decoiirt werden, nebstbei aber die Verbreitung, ja sogar sehr oft die ungesetzlichste, hetzerischeste Verbreitung des Antisemitismus geduldet wird. Das dürfte auch dem „Asemitismus" etwas ähnlich sein — decoriren wir den Juden, aber nehmen wir ihnen die Luft. Ungarn war bis in letzter Zeit eine Insel der religiösen Toleranz. Wenn wir aber auch hier den Boden verlieren, welches Land wird dann das für die Antisemiten beschämende Beispiel bieten, um sie vor noch frecheren Hetzereien zur.lckzuhalten? Nördlich haben wir galizischen und russischen Antisemitismus, westlich den österreichischen und deutschen, südlich den rumänischen — nun fehlt uns noch der radicale ungarische Antisemitismus. Das Volk der Magyaren ist im Grunde genommen den Juden gut gesinnt. Diese jedoch mehr phlegmatische Güte stammt daher, weil das Volk hier fast immer materiell gut und sorgenlos leben konnte. Das ist aber heutzutage nicht mehr der Fall. In dem heutigen antisemitischen Concert spielt das wirthschastliche Elend die Baßgeige, und dadurch können auch unsere, sonst edelgesinnten Bauern ihre Meinungen über die Juden ändern, zumal sie dazu aufgehetzt werden. Außerdem ist ja die Hälfte Ungarns von Nationalitäten bewohnt, die den Inden nie so edel und gutgesinnt waren, als die Ungarn. Au<b dürfen wir nicht vergessen, daß wir in Beurtheilung der Verbreitung des Antisemitismus in Ungarn sehr falsch denken. Die Beobachtungen über den Wasserstand des Antisemitismus in Ungarn werden in Budapest verfertigt. Die Verfertiger dieser Beobachtungen sind meist Juden, die dann ihre Meinungen durch die Budapester Journalistik bekanntgeben. Budapest ist aber eine Stadt, wo man den Antisemitismus nicht direct beobachten kann. Wir leben hier inmitten einer großen Anzahl von Glaubensgenossen, auf dem Lande und in der Provinz ist das aber anders. Deshalb sind die Meinungen über den Antisemitismus in Ungarn sehr oft optimistisch, weil diese Meinungen meistens aus Budapester Quellen herrühren. Vielleicht werden wir noch rechtzeitig unsere Lage objectiver beurtheilen, damit der Parieizwist sich aus unserer Mitte entferne und wir unsere Aufmerksamkeit auf andere, derzeit viel wichtigere Ereignisse lenken können. ..H a l ev n". „Wunderrabbi" und Journalist. Der Karlsburger Correspondent des „Pester Lloyd" berichtet seinem Blatte Folgendes: „Der Wunderrabbi von Bustyahaza weilt, auf einer Badereise begriffen, seit einer Woche in unserer Mitte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich diese Nachricht in der Stadt und Umgebung, und bald stellten sich die Gläubigen zu Hunderten ein, um bei dem im Rufe der Heiligkeit stehenden Manne Trost und Hilfe zu suchen. Auch Schreiber dieser Zeilen machte ihm einen Besuch und der Rabbi erwies ihm die Ehre, eine volle Stunde lang über Welt und Leute unbefangen zu sprechen. Aus die Frage, worin eigentlich seine Wirksamkeit bestehe, meinte er: „Ich spreche dem Unglücklichen Trost zu und ermuntere ihn zu Frömmigkeit und moralischen Lebenswandel. Die meisten meiner Besucher verlassen mich mit gestärktem Gottesvertrauen, wodurch auch ihr Selbstvertrauen und ihre Thatkraft wächst, und in den meisten Fällen ist ihnen auf die natürlichste Weise geholfen. Darauf allein beschränkt sich mein Einfluß ans meine Besucher." Hetze gegen die Ariden. Die Repräsentanz des nächst Budapest gelegenen Städtchens S o r v k s a r faßte jüngst den Beschluß, den Bau einer staatlichen Volksschule mit 10.000 fl. zu subventioniren. Hierauf kam sofort der Waitzner Domherr Josef C s a v o l s z k y, einer der Hauptagitatoren der antisemitischen Volkspartei, nach Soroksar und hetzte gegen den Plan, indem er den Leuten cinredete, die Regierung werde ihnen jüdische Lehrer und jüdische S ch n l i n s p e c t o r e n auf den Hals schicken; man möge daher das Geld einer katholischen Schule zuwenden. Auch andere „heilige" Männer hetzten in diesem Sinne das Volk. Am jüngsten Sonntag hat nun in Angelegenheit der Schule eine katholische Volksversammlung stattgefunden, in welcher das aufgeregte Volk wiederholt schrie: Wir wollen keine Juden werden, wir bleiben Christen! Die Versammelten beschlossen denn auch, gegen die staatliche Schule Stellung zu nehmen, „weil sie keine Juden werden wollen." Das Blutmärchen in allerrreuefter Auflage. Wie man Budapester Blättern au? Großwardein mitthellt, hat ein walachischer Geistlicher es sich zur Ausgabe gemacht, die tausend- und abertausendmal widerlegte Lüge, „daß die Inden Christenblut zu rituellen Zwecken benöthigen", zu verbreiten. Es ist dies der Also-Dernaer „Seelsorger" Aurel Bersan, der am jüngsten Sonntag von der Kanzel herab seinen Gläubigen die Blutlüge allstischte. Er erzählte ihnen, daß mehrere Inden, die im Dorfe hausiren, die rumänischen Kinder stehlen lvollen, um ihnen das Blut zu entziehen, da die Inden zn ihren religiösen Gebräuchen das Blut christlicher Kinder haben illüffen. Die Inden -- erzählte der elende Verleumder in der Kutte weiter — verpacken die Leichen der Christenkinder in Kisten u. s. w. Infolge dieser Hetzpredigt wurde gegen den gewissenlosen Geistlichen bei der Großwardeiner Staatsanwaltschaft die Strafanzeige erstattet, und zwar „wegen Aufreizung wider eine Religionsgenossenschast." Neutra. (I s r are l i t i s ch e V v l k s k ü ch e.) Der Jahresbericht pro 1895—96 der hiesigen israel. Volksküche liegt vor. Während der Zeit ihrer diesjährigen Thätigkeit, welche vom 5. November 1895 bis 13. Mürz 1896 dauerte, wlirdell 8744 Mittagmahle, darunter 7874 gratis verabreicht; die übrigen für den Preis von je 10 Kreuzern. Die Volksküche wurde in diesem Jahre unr zwei Wochen früher als üblich geschloffen, weil der Comitatsausschnß aus sanitären Rücksichten in dem engen Schulgebäude die Volksküche für unzulässig fand. Die Einnahmen beliefen sich aus 1829 fl. 78 kr. inclusive des vorjährigen Saldos per 429 sl. 40 kr. Die Ausgaben beanspruchen 1294 fl. 78 kr. der Rest wurde in einenr hiesigen Geldinstitute nutzbringend angelegt. Das Vermögen der Volksküche beträgt derzeit 5626 fl. 50 kr., um 445 fl. 10 kr. mehr als im Vorjahre, was ein beredtes- Zeugniß ist für den Wohlthätigkeitssinn unserer jüdischen Bürgerschaft. Wegen günstigerer Unterbringung der Volksküche für die nächste Periode werden schon jetzt Vorbereitungen getroffen. Für die Volksküche sind 705 sl. 85 kr. an Spenden eingeflossen, das Gründungscapital beträgt 1892 fl. Außerdem haben mehrere Bürger Naturalien und Victualien gespendet. An Tempelspenden waren im vergangenen Rechnungsjahre i l. Juni 1895 bis 5. Juli 1896) 113 fl. 76 kr. eingegangen. Nagy-Beeskerek iD e r Geb n r t s r a g Sr. M a j est ä t.) In besonders erhebender Weise wurde der Geburtstag des Königs von der israelitischen Cultusgemeinde Nagy-Becsk e r e k begangen, indem sie ihre n e u e r b a u t e S y n a g o g e a m 18. d. M. e i n w e i h t e. Tie überaus große Betheiligung der Sommitäten des öffentlichen Lebens und aller Kreise der Gesellschaft lieferte einen neuen Beweis der T o l e r a n z und des friedlichen Einvernehmens der einzelnen C o n s e s s i o n e ». An dieser erhebenden Feier nahmen unter Anderen der Obergespan Eugen Ronay. der Vicegespan Dr. D e l i m a n i c s, der Comitatsvbernotär Baron F e i l i tz s ch, die Reichsabgeordneten Dr. Paul D e m k o und Geza Papp, ferner Deputationen der geistlichen und der Militärbehörden, sowie aller öffentlichen und gesellschaftlichen Corporationen theil. Die Feier wurde durch eine schwungvolle Ansprache, gehalten vom Gemeindepräsidenteil Dr. Samuel M a n g o l d, eingeleitet. Nachdem dann die Bangeschichte des Tempels verlesen worden war, wurde die von den oben genannten Herren unterschriebene Urkunde mit dem Schlußstein an Ort und Stelle gebracht. Als die letzten Hammerschläge verhallt waren, hielt Rabbiner Dr. K lein die Festrede, in der er in geistvoller Weise die Bedeutung des Tages erklärte. Die Anwesenden besichtigten dann eingehend die Synagoge, und Laien wie Sachverständige äußerten sich in Ausdrücken höchster Anerkennung über den Prachtbau, der in ilidividualisirtem orientalischen Styl hergestellt wurde und einen Kostenaufwand von 80.000 fl. verursacht hat. Brüx. Seit 20 Jahren wurde, wenn der hiesige Wochenmarkt auf den israelitischen Neujahrstag oder Versöhnungstag fiel, über Ansuchen der Cultusgemeinde der Markt um einen Tag verlegt. Es geschah dies zu einer Zeit, wo zwar der Antisemitismus hier noch nicht grassirte, aber es geschah im wohlverstandenen Interesse der zu Markte kommenden Oekonomen und der Umgegend, da die Käufer für Getreide zumeist Juden find und selbst aus dem Bictualienmarkte die Deckung des Bedarfes für circa 1000 Juden aus die Preise einwirkte. Auch Heuer fällt der Wochenmarkt aus den Versöhnungstag, und das Ansuchen um Verlegung wurde voni derzeitigen liberalen l!) Stadtrath abgelehnt mit der Motivirung, es sei kein { Bedürfniß und man wolle einmal eine Probe machen.

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