Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seile 696 Dr. Vloch's Wortzrnfchrifl. Nr. 35 Polier Joseph Fröschl in das Local und setzt? sich zu den Männern. Hier begann er eine Conversation in polnisch-jüdischem Jargon, in welchem auch bald die Anderen verfielen. Der Inhaber des Locales, hiedurch provocirt, verwies die Männer zur Ruhe. Dieser Verweis brachte den Taglöhner Julius Ecker derart in Zorn, daß er fich auf Fröhlich stürzte und ihn mißhandelte. Ecker hatte sich deshalb vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Döbling, Adjuncten Dr. Ko sch in, wegen leichter Körperverletzung zu verantworten. Der Angeklagte leugnete jedes Verschulden, er wurde jedoch durch die Aussagen seiner damaligen Zechcumpane der Schuld überwiesen. Speciell der Zeuge Fröschl erklärte, vom Richter über die Ursache des Conflictes befragt: Der Herr Fröhlich hat sich halt darüber geärgert, weil wir „Hebräisch" gesprochen haben. — Richter: Können Sie denn Hebräisch? — Zeuge: Das nicht. Wir haben nur so... — Staatsanwattschaftlicher Funktionär: Sagen Sie nur rund heraus. Sie haben „gejüdelt" und Herrn Fröhlich „gefrozzelt". — Zeuge: Na ja, wir sind halt Antisemiten. — Der Richter verurtheilte Julius Ecker zu achtundvierzig Stunden A r r e st s. Antisemitische Jugend. Es war au einem Maitage beim Trabrennen. Der fünfzehnjährige Arthur Diamant stieg einen Hügel hinan, um von hier aus wenigstens etwas von dem Trabfahren zu sehen. Da kamen ihm mehrere Burschen entgegen, unter diesen auch der achtzehnjährige Hugo Benz. Die Burschen erkannten Diamant als Juden und Benz wußte nichts Eiligeres zu thun, als daß er dem „Juden" sofort die brennende Zigarette ins Gesicht schleuderte, ohne ihn jedoch zu verletzen. Der Knabe, der sich einer Uebermacht qegenübersah, ging rubig seiner Wege. Da rief ihm der wackere Ben; nach: „Feiger Judenbua!", stürzte sich mit seinen Genossen aus den wehrlosen Knaben und schleuderte ihn zu Boden. Da ergriff Diamant einen Stein und warf ihn dem Benz auf den Kopf, so daß dieser eine leichte Verletzung davontrug. Arthur Diamant stand deshalb, der leichten Körperverletzung angeklagt, vor dem Strafrichter des Bezirksgerichtes Lcopoldstadt, Rathssecretär Dr. Sedlaczek. Sein Bertheidiger, Dr. Siegfried Brüll, suchte geltend zu machen, daß Diamant aus Nothwehr gehandelt habe, in welchem Sinne auch mehrere Zeugen deponirten. Der Richter schloß sich der Ansicht des Vertheidigers, daß Arthur Diamant im Zustande der Nothwehr gehandelt habe, an, und sprach denselben frei. Budapest, 18. August. Die Gesetzgebung nahm behufs Entschädigung jener Seelsorger, die durch die Verstaatlichung des Matrikelwesens in ihrem Einkommen eine starke Einbuße erlitten, in den Elatsvoranschlag die Summe von 300.000 Kronen auf. Der Cultusminister, der den Rabbinern eine viel höhere Summe als im Vorjahre widmete, fordert nun die israelitische Landeskanzlei und die orthodoxe Durchführungscommission auf, ihm eine Liste der in ihrem Einkommen geschädigten Rabbiner vorzulegen, um die Bertheilung der Entschädigungssumme vornehmen zu können. Die Daten, die vor einigen Monaten abverlangt wurden, werden anläßlich der Regelung der Congrua bei der Bestimmung des Gehaltsminimums der Rabbiner und der entsprechenden Ergänzung desselben verwerthet werden. Budapest, 15. August. Keinem Besucher der Millenniumsausstellung entgeht jene einfache Halle, in der die Leistungen mehrerer Wohlthätigkeitsvereine das Interesse des Publikums fesseln. Bei einer kurzen Wanderung durch diesen „Pavillon f ü r Philanthropie" sehen wirmit großer Genugthuung, daß unsere Glaubensgenossen hervorragend vertreten sind. Der P e st e r israelitische F r a u e n v e r e i n, dessen Ausstellung einen Lichtpunkt der ganzen Abtheilung bildet, bringt in mannigfaltigster Weise seine glänzenden Erfolge zur Darstellung. Während der 30jährigen Wirksamkeit wurden an llnterstützungen 820.440, für Waisenerziehung 951.628 und für die Armenspeisung 380.658 Kronen verausgabt. Mehr als 150 Waisenmädchen stehen unter der Obhut des Vereines, der seinen Schützlingen eine streng religiöse Erziehung angedeihen läßt. Viel Interessantes bietet die Ausstellung des israelitischen Handwerker- und Ackerbau Vereines, dessen Schützlinge auf allen Gebieten des Gewerbes Ersprießliches leisten. 324 Zöglinge, welche 54 verschiedenen Berufszweigen angehören, standen unter der Obhut des Vereines, von denen 20 im Lehrlingsheim untergebracht waren. — Als im Vorjahre die Angelegenheit des Garam-Kis-Salloer Blutmärchens verhandelt wurde, gaben der Dorfnotär und zwei Mitglieder der Gemeindevertretung zu Gunsten des angeklagten Ignaz A d l e r Zeugenschaftab. Kurz darauf erschien im „Alkotmany" ein Artikel, in dem die Zeugen beschuldigt wurden, daß sie bestochen seien, den „Ritualmvrd" gefördert haben u. s. w. Gegen das genannte Blatt wurde der Preßproceß angestrengt. Die Verantwortung übernahm ein gewisser Rhedey, welcher vom Pfarrer des Ortes, der in dieser Angelegenheit die Hauptrolle spielte und verurtheilt worden ist, informirt wurde. — Bischof Zalka in Eperies hat ein schönes Beispiel toleranter Gesinnung gegeben. Die dortige Lehrer-Präparandie besuchte ein einziger jüdischer Candidat, welcher dem Director erklärte, lieber von der Befähigungsprüfung zurückzutreten, als die schriftlichen Arbeiten, die auf einen Samstag anberaumt waren, an diesem Tage auszuarbeiten. Der Director meldete das dem Bischof Paul Z a l k a als Protector der Anstalt, und dieser traf sofort die Verfügung, daß der jüdische Candidat seine schriftlichen Arbeiten.am nächsten Tage ausarbeiten dürfe. Dieses Verhalten eines Kirchenfürsten wirkt umso wohlthuender angesichts der wüsten antisemitischen Agitation, welche die katholische Volks Partei im ganzen Lande entfaltet. Um die Massen für ihr Programm empfänglicher zu machen, wird in Volksversammlungen und in der in ihrem Dienste stehenden Presse gegen die Juden gewüthet, was die Oberstaatsanwaltschaft veranlaßt hat, gegen die Hetzer das gerichtliche Verfahren einzuleiten. So sind gegen mehrere periodische Druckschriften wegen Aufreizung zum confessionellen Haß beim hiesigen Preßgericht fünfzehn Processe im Zuge. Dank der Besonnenheit der Landbevölkerung findet die antisemitische Seuche keinen Boden. — Die ungaris ch-j üdische Literatur- Gesellschaft hat bekanntlich beschlossen, aus Anlaß des Millenniums sämmtliche, auf die Geschichte der ungarländischen Juden bezughabenden Documente und Urkunden herauszugeben. Für dieses bedeutsame historische Werk dient das Preßburger städtische Archiv als wichtigste Fundgrube. Herr Rabbiner Dr. B ern st e i n-Steinamanger wurde mit der Erforschung derselben betraut; der städtische Archivar geht ihm in liebenswürdigster Weise an die Hand. — In Altosen fand die Amtseinführung des neuerwählt?n Rabbiners Elias Adler aus Kun-Felegyhaza statt. Von den Abordnungen, die nach dem Gottesdienste beim Rabbiner vorsprachen, verdienen verzeichnet zu werden: die der Bezirksvorstehung, des Bürgerclubs, der refornurten Gemeinde, der Schiffswerft rc. — Die prachtvolle Zions- Synagoge in Großwardein wurde von der Behörde geschlossen, weil sich bedenklicbe Svrnnge an den Mauern gezeigt haben. Budapest, 21. August. (Gabriel u g r o u gegen die antisemitische Volkspartei.) Der Führer der Unabhängigkeits- und Achtundvierzigerpartei des ungarischen Abgeordnetenhauses, Herr Gabriel U g r o n, stand bis jetzt im Gerüche der Reaction; es wurden ihm Sympathien für die autisemitische Volkspartei zugemuthet. In einer dieser Tage in B ü d- Szent-Mihaly gehaltenen Rede hat jedoch dieser Parlamentarier obige Vermuthuug gründlich widerlegt, indem er Folgendes sagte: „Daß sich Parteien nach C o n f e s si o n e n bilden, halte ich ftir ein großes, unendliches U it g l ü ck. Ich dulde wohl nicht, daß irgend Jemand i n i e i n e m religiösen Gefühl g e k r ä n k t w e r d e, aber eben deshalb halte ich es für ein Verbreche n, in Ungarn P a rt e i e n auf c o n f e s s i o n e l l e r Basis zu bilden." Budapest, 20. August 1896. Sehr geehrter Herr Redacteur! Gestalten Sie mir, daß ich von hier aus mein vielleicht bescheidenes Wort erhebe, um die Lage der Juden in Ungarn vom etwas neuerem, aber wohl nicht ganz neuem Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Es geschehen hier auch Dinge, die gewiß bald — sobald sie Gelegenheit haben — dieselben Ereignisse zeitigen werden, ja vielleicht noch in häßlicherer Form wie die Wiener Angelegenheiten. Leider sind unsere confessionellen Blätter zu sehr von Parteizwist befallen und vergeuden ihre besseren Kräfte, Neologe und Orthodoxe, auf gegenseitige Niederreißung, als wenn sie gar keine äußeren gemeinsamen Feinde hätten. Und in der Beurtheilung der Ereignisse und deren Consequenzen sind sie etwas optimistisch. Die Reception hat uns ganz verblüfft; ich meinerseits glaube nicht so fest an die wirkliche überzeugungstreue Judenfreundlichkeit der liberalen Partei. Sehr oft bemerke ich Symptome, wo mir die „Verfolgung" der Bolkspartei durch die Negierung nur als eine scheinbare Verfolgung vorkommt. Vielmehr glaube ich schon seit langer Zeit, daß unsere Regierung hier — ä la Badeni — eine Macht emporwachsen läßt, die ihr gar nicht so sehr zuwider ist, um im geeigneten Momente sich mit diesem „Feinde" zu susioniren. Unsere liberalen Blätter wetteifern darin, daß sie bei Mittheilung einer Volkspartei-Versammlung die Anzahl der Anwesenden auf die Hälfte oder sehr oft auf den zehnten Theil verkleinert vorgeben. Warum die Krankheit nicht constatiren, so wie es ist und steht? Durch solche gewissenlose Ignoranz wird der antisemitischen Volkspartei nichts geschadet und den Juden nichts genützt. Oder heißt das schon die „Verfolgung" der Volkspartei? Wer weiß ob diese Ignoranz nicht auch einen feineren, tactischeren Antisemitismus in sich birgt, und die jüdischen Mitarbeiter der liberalen Blätter, die solche Jrrdaten verbreiten und dadurch die Vertheidigung hemmen — oder sich zur Bertheidigung erst zu spät anschicken — sind auch die unwillkürlichen Mitarbeiter des Antisemitismus. Vieles, Vieles sollte bei uns anders sein, als es ist. Wir haben in den letzten Jahrzehnten sorgenloser gelebt, als unsere deutschen Stammesgenoffen, wir waren mit dem Antisemitismus nie in solch directem Verkehr, als unsere deutschen und österreichischen Genossen, und haben von den Ungarn gelernt, den Schaden, das „Feuer erst dann wahrzunehmen, wenn uns das Haus schon auf die Nägel brennt". Im Parlament sitzen die Juden — mit Ausnahme eines — auf den Regierungsbänken. Wenn es wahr ist, daß das ungarische Volk so tief in der Seele den Juden gut gesinnt ist — was ich selbst glaube —, wozu dann diese unbegrenzte Anhänglichkeit zur Regierungspartei, da es ja doch nicht die Regierung ist, die uns beschützt, sondern