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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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L»eite 694 Vr Vloch's »ochrnfchrtfl. iltt. bö gehen und sagen, daß der Glaube an diese Legende zum großen Theile sür das Schicksal des Kindes bestimmend war. Was Anderes konnte einem Wesen von so glorreicher Vergangenheit bestimmt sein, als was ein altes deutsch-jüdisches Gedicht mit den Versen ausdrückte: Geboren soll es wehren Zu Gottes Ehren? Die Mission des Kindes ist, den Namen Gottes aus Erden zu verherrlichen. Und die ganze Erziehung des Kindes in den alten Judengemeinden war mehr oder weniger auf dies eine Ziel berechnet. Die Worte der Bibel: „Und Ihr sollt mir sein ein Reich von Priestern" wurden buchstäblich genommen. Ein Jeder fühlte es als seine Pflicht, seine Kinder oder wenigstens ein Mitglied seiner Familie für diesen Beruf zu erziehen. Wie sie dieses Programm ausführten, werden wir später sehen. Nun, da wir fast in jedem Kinde einen vorausbestimmten Priester erblicken und von ihm denken, daß es, ehe es auf diese Welt kam, eine gewisse Vorbereitung für diesen Beruf empfangen habe, kann es uns nicht Wunder nehmen, daß von dem Kinde angenommen wurde, es gebe Zeichen der Frömmigkeit von sich von den Tagen seines frühesten Daseins an und noch von früher her. So lesen wir, daß selbst die ungeborenen Kinder in den Chor auf dem Rothen Meer einstimmten und den Gesang M o s i s mitsangen. David wiederum dichtete Psalmen, ehe er das Antlitz dieser Welt erblickte. Am Versöhnungstage. pflegte man dem ungeborenen Kinde durch seine Mutter mittheilen zu lassen, daß es sich mit dem Guten, das es Tags vorher empfangen hatte, befriedigt geben müsse. Und als ein gewisses Kind, nachher Sabbatai genannt, einer solchen Bitte nicht Gehör schenken wollte, wendete R. Jochanan darauf den Psalmvers an: „Die Gottlosen sind entfremdet schon vom Mutterleibe". In der That wuchs Sabbatai zu einem großen Sünder heran. Es wird vielleicht interessiren, zu hören, was seine Sünde war. Sie bestand darin, daß er das Korn auf dem Markte aufkauste und es hernach zu einem viel höheren Preise an die Armen verkaufte. Von einem gewissen Kinde erzählt die Legende, daß es mit dem Worte Emeth (Wahrheit) auf seiner Stirne geboren wurde. Seine Eltern nannten es Amiti und aus dem Kinde wurde wirklich ein großer Heiliger. Doch konnte ohne Weihe kein Priester in's Amt eintreten. Als die erste Stufe in dieser Einweihung des Kindes können wir den Bund Abrahams, dem aber einige andere feierliche, sogleich zu erwähnende Handlungen vorausgingen, ansehen. Eine der ältesten mit der Geburt des Kindes zusammenhängenden Ceremonien war die Pflanzung eines Baumes. Im Falle der Geburt eines Knaben wurde eine Ceder, in dem eines Mädchens eilt Fichtenbaum gepflanzt; wenn sie heirateten, wurde dann aus abgeschnittenen Zweigen dieser Bäume der Trauhimmel gebildet. Dann kamen andere Riten, die, weil eher medicinischen Charakters, besser von einem Arzte gewürdigt werden müßten. Im Mittelalter spielte der Aberglaube eine wichtige Rolle. Ich habe allerdings von Heiligen gesprochen; aber vergessen wir nicht, daß auch Heilige ihre närrischen Momente haben, besonders wenn sie gegen Geisterlegionen kämpfen, deren Existenz freilich nur durch ihr eigenes überreiztes Gehirn verbürgt ist. Jahrhunderte lang wirkte die Furcht vor der Lilith, der Mutter des Teufels, die man des Kinderstehlens und Hinmordens derselben verdächtigte, auftegend auf jüdische Eltern. Die zur Verhütung solcher Grausamkeiten getroffenen Maßregeln sind ebenso thöricht, als der Gegenstand der Furcht selber. Ich beabsichtige nicht, hier all diese verschiedenen Vorkehrungen aufzuzählen. Fast jede Gegend hatte ihre eigenen Gebräuche und Zaubermittel, eines das andere an Unsinn übertreffend. Es wird genügen, hier das beliebteste -dieser Zaubermittel anzuführen, wobei gewisse Engel angerufen werden, das Kind gegen seinen gefährlichen Feind Lilith zu schützen. Auf welchen Ursprung solche Zaubereien immerhin zurückführen, besser, das Judenthum hätte nie mit chnen zu schaffen gehabt; es wäre denn die einzige Entschuldigung für ihr Vorhandensein unter uns, daß sie den berühmten Dr. Erter zur Dichtung einer der schönsten hebräischen Satyren anregten. Von minder aufregendem Charakter war die sogenannte Cerenwnie des Schemählesens. Sie bestand darin, daß man alle kleinen Kinder der Gemeinde in das Haus des neugeborenen Kindes versammelte, woselbst der Lehrer sie das SchemLh, zuweilen auch den 91. Psalm lesen ließ. Die Thatsache, daß kleine Kinder in dieser Ceremonie die Haupthandelnden waren, macht uns trotz ihres zweifelhaften Ursprunges mit ihr einverstanden. In einzelnen Gemeinden fand dieses Lesen allabendlich bis zu dem Tage statt, da das Kind in den Bund Abrahams gebracht wurde; in anderen verrichtete man diese Ceremonie nur am Vorabend des Brith Milah (des Beschneidungsfestes). Dies allerdings war die Nacht, in der Lilith ihre schlimmsten Streiche zu spielen verdächtigt und die Obsorge sür das Kind verdoppelt wurde. Daher der Name „Wachnacht", weil man die ganze Nacht wach blieb und sie fastend und gewisse, meist auf das Ereigniß des folgenden Tages Bezug habende Abschnitte aus der Bibel und dem Talmud studierend, zubrachte. Diese Ceremonie war schon den jüdischen Schriftstellern des dreizehnten Jahrhunderts bekannt. Gleichwohl wird sie von den besten Autoritäten über diesen Gegenstand für fremden Ursprunges gehalten. Ganz jüdisch und von Flecken des Aberglaubens frei war dagegen der Besuch, den man dem Knäblein am ersten Sabbat seines Daseins abstattete. Man hieß es „Schalom Sachar" (->2: m^w) „Friedensmännchen", wohl in Anspielung auf eine berühmte Talmndstelle, wo es heißt, daß die Ankunft eines Knäbleins in der Familie der Welt Frieden bringe. Endlich kam der Morgen des großen Tages, der Aufnahme in den Bund Abrahams (des Brith). Ich will hier jedoch nur die gesellschaftlichen Beziehungen dieses Ritus besprechen. Seine Volksthümlichkeit begann, wie es scheint, in sehr frühen Zeiten. Den besten Beweis für das liebevolle Festhalten an demselben bieten die Verfolgungen, die Israel in den Zeiten des Antiochus Epiphanes erduldete, „wo Fürsten und Aelteste sich in Trauer hüllten, Jungfrauen und Jünglinge schmachteten, die Schönheit der Frauen wie umgewechselt war und gewisse Frauen zum Tode verurtheilt wurden, weil sie ihre Kinder beschneiden ließen". Die wiederholten Anschläge gegen dieses Gesetz heidnischer¬ und christlicherseits dienten nur dazu, seine Volksthümlichkeit zu verstärken. In der That kennzeichnete R. Simeon ben Eleazar diesen Ritus als das Gesetz, um dessentwillen Israel das Opfer des Märtyrerthums brachte und darum es festhielt. Mit anderen Worten, es litt dafür und darum wurde es ihm werth und theuer. R. Simeon ben Gamaliel erklärt es als das einzige Gesetz, welches Israel freudig und mit Begeisterung erfülle. Als ein Zeichen dieser Willensfteude können wir den Eifer und das lebhafte Interesse ansehen, wodurch diese Ceremonie aus einer streng familiären Angelegenheit zu einem die Gesammtheit der Gemeinde angehenden Gegenstände erhoben wurde. So finden wir, daß schon in die Zeiten der Gaonim die Ceremonie aus dem Hause der Eltern in die Synagoge verlegt wurde. Hier fand sie nach dem Gottesdienste in Gegenwart sämmtlicher Gemeindemitglieder statt. Der Tempel wurde dem Brauche gemäß eigens zu Ehren des Ereignisses festlich beleuchtet. Gewisse, ihrer Natur nach trauervolle Stücke aus den Gebeten des Tages, wie das Sündenbekenntniß, wurden weggelassen, damit die Harmonie der Feststimmung nicht gestört werde. Zum Ersatz dafür wurden verschiedene für die Gelegenheit passende Hymnen gedichtet und in die Liturgie des Tages eingeschaltet. Die hervorragendsten Mitglieder unter den Anwesenden bildeten der glückliche Vater des Kindes und der Arzt, der die Ceremonie verrichtete, gewöhnlich der Mohel oder Gozer genannt (“ivn »bma). Beide mit festlichen Kleidern angethan und mit gewissen Vorrechten ausgezeichnet, wie, daß sie zur Vorlesung der Thora aufgerusen wurden und gewisse Gebetabschnitte mit Sington recitirten. Erst nach dem zehnten Jahrhundert kommt plötzlich ein dem Vater des Kindes gleichbedeutendes drittes Mitglied zum Vorschein; ich meine der Gevatter oder Sandek, in einzelnen Gegenden auch Baal B'rith (Bundesherr) genannt. In Italien scheint es zwei Sandeks gegeben zu haben. Dieses Wort galt lange Zeit als das griechische Wort Syndikus, ist aber jetzt zweifellos als eine Verderbniß des in der griechischen Kirche für den Begriff „Gevatter" verwendeten Wortes Syntecknos festgestellt. In der Kirche war er der Mann, der den Neugeborenen aus dem Taufbecken hob. Bei den Juden dagegen hatte der Sandek das Kind aus den Knieen zu halten, während an letzterem der Ritus vollzogen wurde. Der Platz des Sandeks war oder ist vielmehr noch neben dem der Thron Eliahs geheißenen Ehrensitze, welch letzteren man für den Engel des Bundes hielt. Noch andere Engel, glaubte man, functioniren bei diesem Ritus. So soll der Engel Gabriel bei einem gewissen Kinde als Sandek assistirt haben, nach anderen Quellen wohnte der Erzengel Metatron selber einer solchen Function bei. Wahrscheinlich aus diesem Grunde ermahnten die späteren Rabbiner die Eltern, für ihre Kinder nur einen guten, frommen Juden als Sandek zu bestellen.

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