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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Vlorft's WoitzenkchrlN Seite 693 ^chiedenen Völkerschaften des großen russischen Reiches angewendet werden können: „Es scheint", sagte der Monarch zn Sfamerin, „daß Sie bestrebt sind, den Haß der Deutschen gegen die Russen anzufachen. Sie säen zwischen ihnen Zwietracht, während m a n doch bemüht s e i n s o l l t e, zwischen ihnen eine An n äh erung zu Wege zu bringen. Sie wollen mit Zwangs maßregeln, durch Gewalt Deutsche zu Russen machen, mit dem Schwerte in der Hand, gleich Mohammed. Das sollen wir jedoch nicht t h u n, e b e n w e i l w i r C h r i st e n sind." Diese Worte sind so beredte, daß sie keines weiteren Cvmmentars bedürfen. Bas Kind in der jüdischen Literatur. Ans S. Schrchter's „Studies in Judcnsin",' London, A. & E. Block, 1896, übersetzt von Ignaz; Kaufmann. „Gestern war's, da sah ich eine jüdische Dame mit einem Kinde auf ihrem Schoß. Wie sie es anblickte, strahlte eine Engelsmilde aus ihren Zügen, die die Beiden mit einer Art von Glorie zu umgeben schien. Ich betheuere, ich hätte vor ihr niederknieen, sie anbeten können, als ein Sinnbild jener Mutterliebe, die durch Gottes Gnade mit denk ersten Menschen geschaffen wurde und durch die Geschichte der Menschheit geweiht wird." Diese Worte, die ich aus Thakeray's Pendennis entirommen, mögen dieser Studie zum Ausgangspunkte dienen. Die Thatsache, daß der große Menschenforscher diese Glorie gerade um beut Haupte einer jüdischen Frau wahrnahm, erweckt in mir die Hoffnung, daß der kleine Büchergelehrte mit etwas Fleiß im Stande sein werde, nianche ähnliche Spuren dieser göttlichen Gnade und heiligenden Empfindung in den Ueberresten unserer Vergangenheit zu entdecken. Freilich werden die ans vergangenen Zeiten stammenden Blicke aus den welken Blättern alter Bücher uns nicht so hell strahlen, wie diejenigen, die der Novellist so glücklich war, aus dein Antlitz einer erst gestern gesehenen Dame anszikfangen. Die Väter und Mütter, über die ich in diesem Essay zkl schreiben darangehe, sind längst dahingegaugen und längst sind auch dahingeschwunden, die ihrer Sorge und Mühen Gegenstand waren. Doch mag, was ihm an Frische abgeht, unserem Thema vielleicht an Lebenswahrheit und spannenvem Interesse abgewonnen werden. Einige Augenblicke verzückten Gebetes machen noch feilte» Heiligen aus; es muß eine ganze Reihe von Gefühlen und Empfindungen sein, die bei verschiedeiteit Anlässen an den Tag gelegt werden, in unterschiedlichen Arten zum Aktsdruck kommen, ein ganzes Leben von schweren Leiden, bitteren Enttäuschungen, aber auch von Augenblicken erhabenster Seligkeiten und wirklichen Glückes. Und sicherlich sind ähnliche Aeußerungen der göttlichen Gutthätigkeit, die am hellsten in der Literatur eines jeden Volkes erstrahlen, wenn es sich um das Kind handelt, am kräftigsten in der Literatur des jüdischen Volkes ausgedrückt. Bei ihm galt stets für den größten Segen, den Gott den Menschen bieten könne, ein Kind zu besitzen, und es zu missen, für den größten Fluch. Der Erzvater Abraham, mit dem Israel in die Geschichte eiittritt, klagt bereits: „O Herr, was willst Du mir geben, da Du mich kinderlos herumgehen siehst?" Die Rabbinen betrachteten den kinderlosen Menschen als todt, während die Kabbalisten des Mittelalters von dem, der ohne Nachkommen gestorben, dachten, er habe seine Mission im Diesseits verfehlt und müsse nochmals aus unserem Planete erscheinen, um dieser Pflicht nachzukommen. Die Gefühle zu erforschen, die den Gegenstand ihrer größten Sorge begleiteten, sie dem Leser in einer gewissen, der Zeitfolge nahekontmenden Ordnung übersehen zu lassen, auf gewisse, vor anderen hervorhebenswerthere Punkte aufmerksam zu machen, ist das Ziel, das dieser Studie gesetzt ist. Ich sagte, ich wolle den Gegenstand in einer der Zeitfolge nahekontmenden Weise behandeln. Damit meinte ich, daß ich dem Kinde auf den verschiedenen Stufen folgen werde, die es von seiner Geburt bis zum Aufhören der Kindheit, der Erreichung seiner Mündigkeit zu durcheilen hat. Diese letztere Periode ist der Anfang des dreizehnten Jahres im Falle eines Mädchens, und der Anfang des vierzehnten Jahres im Falle eines Knaben. Diesen Punkt näher zu untersuchen, werde ich später Gelegenheit haben. Es gibt jedoch auch eine Vorstufe, die Embryopertode eines Kindes, die auf dem Gebiete der jüdischen Legenden eine sehr bedeutende Rolle spielt. Tie Phantasie der Menschen ist am Meisten von den Dingen eingenommen, die sie am Wenigsten verstehen, und so hat sie sich auch dieser menschlichen Halbexistenzen, die der Erfahrung und Beobachtung am Wenigsten zugänglich sind, bemächtigt und sie mit einem ganzen Kreis von Legenden und Erzählungen umschlossen. Sie alle hier vorzubringen, find ihrer zu'viele, doch will ich auf einige Punkte Hinweisen, die ich als die Hauptzüge dieser Legenden ansehe. Hauptsächlich liegt solchen Legenden einerseits die Meinung zu Grunde, daß die Seele früher da war; doch wird auch andererseits durch sie lebhaft der Satz der Väter beleuchtet: „Gegen Deinen Willen bist Tn zur Welt gekommen". Sv, wenn die Seele vor Gottes Thron gebracht ans feilt Geheiß in den Körper eiuzutreteu, ihm zur Antwort gibt: „ O Herr, bis nun bin ich heilig und rein gewesen; bringe mich nicht in Berührung mit dem, was gentein ist und unrein", und die Seele hierauf die Belehrung erhält, eben einzig mtb allein wegen dieser Bestimmung sei sie geschaffen worden. Ein anderer bemerkenswerther Zug ist die Warnung, die dem Menschen vor seiner Geburt ertheilt wird, daß er verantwortlich sein werde für seine Handlnttgelt. Ein regelrechter Eid kvird ihm abgenommeu, der den doppelten Zweck hat, ihm das Bewußtsein der Pflicht, ein heiliges Leben zu flihren, einzuprägen und ihn auch gegen die Gefahren, daß ein heiliges Leben ihn eitel mache, zn wavvnen. Wie um diesen Eid eindringlicher zu machen, werden dem neugeborenen Halbgott zwei Engel gesellt, die ihn nicht nur mit dem Ganzen der Thora vertraut machen, sondern auch allmorgendlich ihn durch's Paradies führen und ihm die Herrlichkeiten der Gerechten zeigen, die hier ihren Aufenthalt haben. Am Abend führelt sie ihn dann auch zur Hölle, damit er ebenfalls die Leiden der Rrtchlosen kennen lerne. Aber durch solch einen Unterricht würde fein freier Wille unmöglich gemacht, sein späteres Verhalten nur von der Furcht vor der Strafe und der Aussicht auf den Lohn eingegeben werden. Darum ist nach den jüdischen Vorstellungen für den moralischen Werth seiner Handlungen auch die Fähigkeit zu sündigen entscheidend, wie es in einer anderen Legende heißt: „Als Gott die Welt erschuf, brachte er ani zweiten Tage die Engel hervor, die die natürliche 'Anlage befaßen, Gutes zu thun und absolut unfähig waren, zu sündigen. An den folgenden Tagen schuf er die Thiere mit ihren animalischen Begierden. Doch gewährte keines dieser Extrenie Befriedigung. Wenn die Engel meinen Willen befolgen, sagte Gott, ist's nur kvegen ihrer Unfähigkeit, in entgegengesetzter Weise zu handeln. Daher werde ich den Menschen erschaffen, der eine Vereinigung von Engel und Thier fein wird, so daß er sowohl feinen gutert wie seinen bösen Steigungen wird folgen könlien. Seilte bösen Thaten werden ihn niederer als die Thiere stellen, während seine edlen Bestrebungen ihn befähigen kverden, eine höhere Stellung zu erreichen als die Engel". Deshalb wird die Vorsorge getroffen, daß das Kind Alles vergesse, was es in den oberen Regionen gesehen und gehört hat. Ehe es nämlich zur Welt kommt, wird es von einem Engel an der Oberlippe geschlagen und mit einent Male schwindet ihm alles Wissen und alle Kenntniß. Die Vertiefung in der Oberlippe ist ein Ergebniß dieses Schlages, und dieser auch die Ursache, warum die Kinder schreien, wenn sie geboren werden. In Betreff des Ursprungs dieser Legenden, deren Hauvtzüge sich schon im Talmud finden, muß ich den Leser auf die Untersuchungen Löw's und Anderer verweisen*), da wir hier nur die Wirkung solcher Legenden auf die Gemüther jüdischer Eltern zu beobachten haben. Sie sahen das neugeborene Kind, das wenige Minuten vorher mit Engeln und Heiligen verkehrt hatte und nun auf unsere profane Welt herabgestiegen war, um zwei gewöhnliche Sterbliche glücklich zu machen, folgerecht als ein höheres Wesen an, und demgemäß war die dein Kinde von seinen Eltern wie von der Gesammtheit der Gemeinde erwiesene Behandlung ein Gemisch von Liebe und Anbetung. Man kann sogar weiter *) Die Hauptquellen zu diesem Essay sind: „Die Lebensalter" von Dr. Leopold Löw; „Der jüdische Ritus der Beschneidung" von Dr. Asher; ein Artikel in der Grätz'schen Jubelschrift, Seite 23 ff.; „Merkwürdigkeiten der Juden" von Schndt; die Nekore ha-Minhagijn und andere Werke über Rimalgebräuche; Güdemanns „Geschichte des Erziehungswesens und der Cultur der Juden" und „Das Kind in Brauch und Sitte der Völker" von Dr. Ploß.

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