Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 692 Dr. Vloch's Mochrnschrifk Nr. 38 traurige Ereignisse der Zukunst unmöglich gemacht hätte, wenn die damalige jüdische Generation die edlen Intentionen des hochherzigen Monarchen begriffen und gewürdigt hätte. Leider wurden die Maßregeln der Regierung mißverstanden und stießen auf den hartnäckigsten passiven Widerstand seitens derjenigen, denen sie zum Segen gereichen sollten. Man kann kühn behaupten, daß, wenn die russischen Juden den Kaiser Nicolai besser verstanden hätten, ihre Märtyrologie unter Alexander III. ganz undenkbar gewesen wäre, da ihnen längst das gewährt worden wäre, was man bis jetzt mit so wenig Aussicht auf Erfolg anstrebt. Mögen die russischen Juden bei dem gegenwärtigen jungen Monarchen nicht in dieselben Fehler verfallen, die sie sich bei seinem Urgroßvater haben zu Schulden kommen lassen und die so traurige Consequenzen nach sich zogen. m. Bon dem Augenblicke an, wo Kaiser Nicolai ll. das Jrrtbümliche seines Systems in Bezug auf die Lösung der Judenstage einsah, brach das Morgenroth einer schönen Zeit an, welche zu den weitgehendsten Hoffnungen berechtigte. Eine lange Reihe von Reqierungsmaßreqeln bezweckte die Ansklärnng und Ausbildung der jüdischen Bolksmassen einerseits und hatten sich anderseits die nicht hoch genug anzuschlagende Aufgabe gestellt, dieselben an Productive Arbeit zu gewöhnen, von welcher sie, Dank dem Factoreiwesen, das unter dem polnischen Regime so tiefe Wurzeln geschlageu, ganz entwöhnt waren. Die russischen Juden jedoch, welche bisher im Laufe von Jahrhunderten gewaltsam in der Nacht der Unwissenheit zurückgehalten waren und durch die gegen die Grundsätze der iüdischen Religion gerichteten Maßregeln der ersten Periode des Nicolaireqimes nicht ganz mit Unrecht mißtrauisch und argwöhnisch geworden waren, gegen Alles, was von dieser Regierung ausging, bebarrten auch ietzt in ihrem Argwohn und setzten dem neuen System einen freilich nur passiven, doch um so erbitterteren Widerstand entgegen. In ihrer Kurzsichtigkeit sahen sie auch in dem Segen den Fluch, wähnten, daß die Maßregeln, die ihre Bildung bezweckten, ein Attentat auf ihre religiösen Ueberzeugungen seien. Nicolai I. ließ sich jedoch durch diesen Widerstand nicht beirren und mit der ihm eigenen soldatischen Geradheit, welche keine Compromiffe zuließ, fuhr er fort, die Juden auszuklären, ob sie nun wollten oder nicht. Einer der hervorragendsten jüdischen Bürger von Riga, der durch seine talmudische Gelehrsamkeit und außerordentlichen Scharffinn bekannte Febus Jliisch (der im Laufe vieler Jahre als Vertreter der Rigaer Judenschaft in Petersburg gegen die Bedrückungen seitens der baltischen Bevölkerung kämpfte und wahrlich einen glänzenden Sieg davontrug), ward beauftragt, in Deutschland einen gebildeten und intelligenten Juden aufzusuchen, der das große und schwere Werk der Aufklärung seiner iüdischen Glaubensgenossen vornehmen und durchführen sollte. Der Bevollmächtigte des Ministers war in der Wahl sehr glücklich. Es gelang ihm. den jungen, hochbegabten Rabbiner Dr. Max Lilienthal in München anzuwerben (der vor etlichen Jahren hochbetagt in New-Pork starb), und nachdem derselbe als Oberrabbiner in Riga sich für seine Mission vorbereitet hatte, wurde er vom Grasen Uwarow beauftragt, eine Rundreise durch das Gebiet des jüdischen Ansiedlunasrayons zu machen, um die entsprechenden Vorbereitungen zur Gründung von Schulen zu treffen und das Terrain kennen zu lernen. Leider stieß Dr. Lilienthal auf trotzigen Widerstand seitens der Juden und war durchaus nicht aus Rosen gebettet. „Der Minister wünscht", sagte der würdige Delegat unter Anderem in Wilna, als er der dortigen Judenschaft seine Mission erklärte, „daß die Juden selbst Lehranstalten gründen, entsprechend dem Geiste und den Forderungen der Zeit, bevor die Negierung sich veranlaßt sehen sollte, sie zu zwingen, das zu thun." (Wie grundverschieden doch die Vergangenheit zu der Gegenwart ist. Damals wollten die Juden nichts von europäischer Bildung wissen und die Regierung mußte sie zwingen, Schulen zu besuchen. Jetzt möchten die Juden gern sich ausbilden, die Regierung schließt jedoch die Thore des Tempels des Wissens säst hermetisch vor ihnen ab. Dr. Lilienthal stand auf der Höhe seiner Mission; er war ein energischer Wanderapostel der Aufklärung; er sprach öffentlich, predigte in den Synagogen und suchte seinen Zuhörern begreiflich zu machen, daß die Regierung nur ihr Bestes wolle, wenn sie das Licht der Aufklärung in das Dunkel der Unwissenheit trage. Einerseits zündeten diese glühenden, überzeugenden Allocutionen, andererseits fachten sie die Flammen des Fanatismus noch mehr an. Es war ein wirklich wunderbares Schauspiel, das sich da entwickelte. Die Regierung ließ sich durch den Widerstand, auf den sie stieß, durchaus nicht beirren und der Kaiser und seine Rathgeber bekundeten eine Lanqmuth und Geduld, die uns unter den gegenwärtigen Verhältnissen kaum glaublich erscheint. Freilich wurden der Monarch und seine Minister in ihrem edlen Streben durch die Minorität der iüdischen Bevölkerung ermuntert, welche die neu angebrochene Reformära mit Begeisterung begrüßte und den Namen Nicolai I. enthusiastisch als das Symbol alles Guten und Schönen betrachtete, während die. rohe Majorität in dem Czar die Verkörperung alles Bösen sah und ihn als den Henker des Judenthums betrachtete. Die Reformära Nicolai I. fand unter den ausländischen Juden weit mehr bedingungslose Anerkennung, als unter den russischen. Viele ausländische jüdische Gemeinden sandten, dem Kaiser begeisterte Collectivadressen, in welchen sie ihm ihre Anerkennung für seine hohen humanen Ideen ansdrückten. Berühmte iüdische Gelehrte, als: Jost, Geiger, Filivsohn, Mannheimer, Auerbach und Andere beeilten sich, dem Grafen Uwarow ihre Bewunderung und Dankbarkeit für seine energischen Maßregeln auszusprechen, und in dem Bericht, den der Minister dem Czaren in dieser Angelegenheit erstattete, befand sich unter Anderen folgende charakteristische Stelle: ..Man kann sich überhaupt keine Idee davon machen, welch Helle Begeisterung und welch tiefen Eindruck auf die ausländischen gelehrten Juden die majestätische Idee gemacht hat, die Juden Rußlands durch Anstlärnng zu reformiren." Doch mit den energischen Bestrebungen auf dem Gebiete der Aufklärung hielt die russische Regierung Nicolai I. ihre Ansichten in Bezug aus die russischen Juden noch weit nicht erschöpft. Um die Juden an den Ackerbau zu gewöhnen, hatte der Minister der Reichsdomänen Graf Kisselew auf Befehl des Kaisers im Gouvernement Jekatarinoslaw bedeutende Länderstriche zur Gründung jüdischer Ackerbaucolonien designirt, und gegenwärtig befinden sich daselbst 17 jüdische Dörfer mit einer Bevölkerung von 8000 Seelen, welche gegen 17.000 Desjatinen Land bearbeiten. Um die Juden in die Universität zu locken (an deren Pforten sie jetzt vergeblich pochen und um Einlaß flehen), wurde denjenigen Juden, die den Curs einer Hochschule absolvirt, gestattet, ohne jegliche Einschränkung in den Staatsdienst zu treten. Die Thore sämmtlicher russischer Lehranstalten wurden der jüdischen Jugend sverrweit geöffnet, und um dieselbe zu bewegen, einzutreten, wurden ihr verschiedene Privilegien ertheilt. Die Juden, die bis jetzt so sehr mißachtet wurden, daß man sie nicht einmal zum Militärdienst heranziehen wollte, wurden der Ehre theilhaftig, in die Reihe der Baterlandsvertheidiger zu treten. Und die verblendete Masse anstatt sich über diese Berbriefung von Bürgerrechten (da doch gleiche Pflichten selbstverständlich gleiche Rechte nach sich ziehen, obgleich freilich in der Gegenwart dieser Grundsatz, der doch eilt Axiom sein sollte, vielfach bestritten und häufig gar nicht anerkannt oder vornehm ignorirt wird) zu steuen, jamnierte darüber, während die intelligente Minorität diese Maßregel begeistert begrüßte. Trotzdem waren die edlen Bestrebungen Nicolai I. und seiner Rathaeber bezüglich der Juden mit Erfolg gekrönt, und als der Kaiser starb, war die Lage der Juden eine grundverschiedene von der, welche sie bei seinem Vorgänger gewesen war. Alexander ll. setzte die jndensreundliche Politik seines Vaters fort und dehnte sie noch mehr aus. Ein neuer freudiger Hauch ging durch Israel, bis der verhängnißvolle Schuß im Catherinenthal am 13. (1.) März 1881 den glänzenden Hoffnungen und süßen Erwartungen einen Dämpfer aufsetzte und sie bald ganz ertödtete. Ich habe seinerzeit an dieser Stelle eingehend die Gründe auseinandergesetzt, welche Alexander lll. bewogen, so rigoros gegen die Juden auszutreten. Der Sohn rächte den Vater an denjenigen, denen er einen Theil der Schuld an diesem tragischen Tode zuschrieb. Inwiefern dieses Rachegefühl, dieser Durst nach Sühne berechtigt war, wollen wir dahingestellt sein lassen. Da Nicolai ll. seinen Urgroßvater einen solchen Cultus entgegenbringt, so wäre nur zu wünschen, daß er diesem seinem leuchtenden Vorbild auch in Bezug auf die Juden nachahme, ohne in dessen Fehler während der ersten Regierungsperiode Nicolai I. zu verfallen. Sehr charakteristisch und prägnant sind die Worte, die Nicolai I. an den berühmten Slavophilen Sfamerin gelegentlich des von ihm bekundeten Uebereifers, in Angelegenheit der Russificirung der deutschen Ostseeprovinzen, richtete. Obgleich diese Worte des Kaisers auf die Juden keinen Bezug haben, so verdienen die außerordentlich humanen Ideen, welche sie zum Ausdrucke bringen, Beachtung, da sie auf die zahlreichen ver >