Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr Bloch's Worlrenfchrifi. Seite 691 müfsig, hier Betrachtungen anzustellen, was Rußland im Laufe dieses Säculums geworden. Das liegt auch nicht in meiner Aufgabe. Da jedoch der gegenwärtige Czar seinen Großvater sich znm leuchtenden Vorbilde genommen, so ist es von großer Wichtigkeit, einige retrospektive Blicke auf das Regime Nievlai I. zu werfen (besonders in Bezug auf die Judenfrage), um daraus mehr oder weniger berechtigte Schlußfolgerungen zu ziehen, was wir Juden von Nicolai II. zu erwarten haben. Die Vergangenheit soll uns lehren, die Gegenwart zu begreifen und zu würdigen und der Zukunft gefaßt entgegenzusehen. Kein russischer Monarch ist von den Juden so wenig begriffen und geschätzt worden, als eben Nicolai I. Die jüdischen Zeitgenossen hatten kein Berständniß für diesen ritterlichen Czaren, für dieses chevalereske Temperament, für diesen Monarchen, welcher am Tage seiner Thronbesteigung eine Militärrevolte im Blut unterdrücken mußte und dennoch dabei edel und großherzig war, fern von kleinlicher Rache, mild und langmüthig, wenn es die Interessen des Landes, denen er seine individuellen bedingungslos unterordnete, gestatteten oder gar erheischten. Kaiser Nicolai Pawlowitsch wollte den Juden wohl und that sicher mehr für sie als irgend einer seiner Vorgänger oder Nachfolger. Ich will auch sogar das milde Reginre Alexander II. nicht ausnehmen, da dasselbe, Dank seiner Sentimentalität, denen oft mehr schadete als nützte, die er beglücken wollte. Bei der Regierung des Czaren-Märtyrers ging oft der kühle Kopf mit dem warmen Herzen durch und daher waren auch die Reformen, welche unstreitig die Juden beglücken sollten, nicht von Dauer und wurden noch beim Leben Desjenigen, der sie ins Leben gerufen, neutralisirt, oft ganz rückgängig gemacht. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht und als solches streng und unerbittlich, läßt sich von keiner krankhaften Sentimentalität beeinflussen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß Nicolai I. es gut mit den Juden meinte, wenn er gleich am Anfänge seiner Regierung bald nach dem militärischen Pronunciamento, das seine Thronbesteigung umdüsterte, in Bezug auf seine jüdischen Uuterthanen in große Fehler verfiel, die zu schreienden Ungerechtigkeiten und unverzeihlichen Vergewaltigungen führten. Doch der ritterliche Monarch, der von schlechten Rathgebern beeinflußt wurde, sah seine Jrrthümer ein und war bestrebt, dieselben nach Kräften gut zu machen. Leider waren die damaligen russischen Juden so verstockt und standen noch so sehr unter dem Banne mittelalterlichen Fanatismus, daß sie die ihnen gebotenen Wohlthaten schnöde zurückstießen, daß man sie mit Gewalt zwingen mußte, sich dieselben octroyiren zu lassen. Wie verblendet waren unsere Großväter, daß sie nicht begriffen, wie der Czar nur ihr Bestes wollte, wenn er ihre Aufklärung und allmälige Amalgamirung mit dem russischen Volke anstrebte, ohne ihren religiösen Ueberzeugungen im Geringsten nahezutreten. Am 25. Juni 1896 (alte Styls) war es genau ein Jahrhundert, seit Nicolai I. das Licht der Welt erblickte und sein Urenkel war pietätvoll bestrebt, das Andenken an seinen großen Ahnen zu ehren und zu verewigen. Es gereicht dem jungen Monarchen zur Ehre und ist es Pflicht des russisch-jüdischen Publiciften, der durch die traurigen Verhältnisse gezwungen ist, sich größtentheils kritisch abwehrend zu der russischen Regierungspolitik zu verhalten, das Andenken des Monarchen zu rehabilitiren, welcher der erste unter den russischen Czaren war, der in dem Juden den Menschen anerkannte und ehrlich bestrebt war, ihn der menschlichen Würde theihaftig zu machen. Nikolai I. wurde jedoch von den Juden falsch verstanden und sie sahen in ihm, Dank ihrer Starrköpfigkeit, den Henker des Judenthums, während er in der That ihr Wohlthäter war, der sich eifrigst bestrebte^ das düstere Dunkel der Unwissenheit, in welcher sie lebteit, zu zerstören. Freilich waren die zur Erreichung dieses schönen Zweckes allgewendeten Mittel iricht immer die geeignetsten, lvodurch sich auch theilweife der Haß erklärt, den die Juden dem Kaiser Nicolai l. entgegenbrachten. Er war eben nicht sanft dieser Monarch und faßte Widersacher, oder die er flir solche zu halten sich berechtigt glaubte, nicht eben mit Glacehandschuhen an. II. Ich will es durchaus nicht in "Abrede stellen und trotz meiner Vorliebe für das Andenken des ritterlichen russischen Monarchen ist es nicht zu leugnen, daß die ersten Regierungsjahre von Nicolai Pawlowitsch eine außerordentlich bedrückende und schwere Epoche für das russische Judenthum war. Der junge, echt in rechtgläubiger Wolle gefärbte Czar, von Rathgebern beeinflußt, hatte sich anfangs die Aufgabe gestellt, sämmtliche Judeir Rußlands zuni Christenthum zu bekehren, eine Mission, an deren Möglichkeit sein eiserner Charakter nicht zweifelte. Es war in der That ein großes, schönes Ziel, das er sich gestellt, hundertlausende Ungläubige zu bekehren, sie in den Schovß der allein seligmachenden griechisch-orthodoxen Kirche zu werfen. Der Zweck heiligt die Mittel bekanntlich nicht allein bei den Jesuiten. Um dieses human? Ziel zu erreichen, wurde zn den grausamsten, unmenschlichsten, barbarischesten Maßregeln gegriffen. Man begann mit Kinderraub, entführte gewaltsam zarte Kinder den Eltern, um sie in die gegründeten Militärcolonien zu stecken, wo man die armen Würmchen durch Hunger und Schläge zwang, das Christenthum anzunehmen. Viele dieser kleinen „Cantonisten" erlagen dem Drucke und diese winzigen Märtyrer für Gott und Glauben zogen den Tod der Taufe vor; viele traten zürn Christenthum über und wurden die Stammhalter von Familien, die noch gegenwärtig in der Geschichte Rußlands eine bedeutende Rolle spielen. Die berühmten Generale Liprandi und Befak (letzterer nun in der Folge Generalgouverneur von Kiew) und noch andere sind Nachkommen dieser gewaltsam getauften kleinen jüdischen Cantonisten. Manche haben sich im Staatsdienst ausgezeichnet und hervorragende Stellungen eingenommen, ja als Minister im Rathe der Krone gesessen. Andere wiederum, die sich, trotz der zarten Jugend, in welcher der gewaltsame Taufact an ihnen vollzogen wurde, mit dem ihnen anfgedrungenen Christenthum nicht befreunden konnten, traten in der Folge wieder zum Judenthum über, trotzdem darauf nach russischen Gesetzen die härteste Strafe steht. Mehrere dieser Neophiten wurden der Justiz übergeben und seltsamerweise fast ausnahmslos freigesprochen, da deren Vertheidiger darthaten, daß ein gewaltsam von einem Kinde vollzogener Taufact für den Erwachsenen nicht obligatorisch sein dürfe. Freilich nicht alle kamen so glimpflich davon; viele mußten in den Bergwerken Sibiriens für ihre Anhänglichkeit an den angestammten Glauben büßen. Während mehrerer Jahre dauerte dieser systematisch organisirte „Kindermord", bis endlich der Monarch selbst einsah, daß die von ihm angewandten Mittel schwerlich je zum Ziele führen würden. Das Resultat war bis dahin ein sehr klägliches oder negatives gewesen und der Tod vieler dieser kleinen Märtyrer soll das Herz des Monarchen gerührt haben, der einsah, daß er schlecht berathen gewesen. Er glaubte durch das gewaltsame Einreihen der Heranwachsenden Generation in die Militärcolonien wenn nicht die Bekehrung aller Inden in Bausch und Bogen, so doch eine Annäherung zwischen der christlichen und jüdischen Bevölkerung zu Wege zu bringen. Die gewaltsame Taufe und die dieselbe begleitenden dramatischen Episoden riefen in der jüdischen Bevölkerung eine außerordentliche Erbitterung hervor und machte den Abgrund zwischen Inden und Christen noch tiefer, weiter, so daß er ganz unüberbrückbar war. Kaiser Nicolai sah feinen Jrrthum ein und beschloß, ganz andere Wege einzuschlagen. Da erbarmungslose Strenge und Grausamkeit nichts geholfen hatte, so wollte man es mit Güte und Milde versuchen. Auf diesem neuen Wege, den der Kaiser in Bezug auf die Juden betrat, fand er eine sehr wirksame Stütze in dem damaligen Minister für Volksaufklärung i Unterrichtsminister» Grafen Uwarow, einen eben so aufgeklärten als humanen und vorurtheilsfreien Staatsmann. Am besten könnte man den Grafen Uwarow durchein Memorandum kennzeichnen, das er dem Kaiser bezüglich der Judenfrage überreichte und in welchem sich unter Anderem folgende historisch bemerkenswerthe Worte finden, welche im Vergleiche mit der düstern Gegenwart aus dein Dunkel der Vergangenheit hervorgehoben zu werden verdienen. „Im Laufe vieler Jahrhunderte", sagte unter Anderem oeredle Minister, „waren die europäischen Regierungen bestrebt, die Judenfrage durch Verfolgungen und Gewaltthaten verschiedener Art zu lösen. Doch sahen sich dieselben veranlaßt, diesen eingeschlagenen Weg zn verlassen und zu milden Maßregeln ihre Zuflucht zu nehmen. Dieser Zeitpunkt ist jetzt auch für Rußland gekommen". Der Kaiser schrieb auf dieses Referat folgende Randbemerkung: „Die angeführten Gründe sind gerecht". Und der Monarch ging auf die Intentionen des Ministers ein; ja, andere stellen sogar die dem "Anscheine nach glaubwürdige Behauptung auf, daß die Initiative zu einer totalen Frontveränderung in der Judenfrage der edlen Absicht des Kaisers selbst gehört. Von da ab begann für die Juden Rußlands eine neue Aera, die unstreitig die günstigsten Resultate erzielt und viele