Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 35 Br. Vloch's WochrnPtzrM Sette 699 bisher eine Staatspartei gewesen ist, will sie jetzt eine nationale Partei werden. Es ist klar, daß wir Juden der Partei auf diesem Wege nicht folgen. Wir wolle t die Frage unerörtert lassen, ob die Partei in der Vergang rheit sich immer ihrer Pflicht bewußt gewesen ist, wegen der liberalen Grundsätze unsere Rechte wahrzunehmen. Bei nachträglichen Vorwürfen kommt nichts heraus, wir hätten die Herren rechtzeitig an ihre Pflicht mahnen sollen. Auch mag die Behauptung spöttisches Lächeln erregen, daß die Partei bisher eine Staatspartei gewesen ist Eine Partei, die über die Gymnasialclasse von Cilli ein Ministerium fallen läßt und eine nothwendige Wahlreform ablehnt, weil dabei die Deutschen Sitze verlieren, war schon längst eine lediglich nationale Partei. Bisher hat sie aber wenigstens manchmal so gethan, als sei sie eine Staatspartei. Nachdem sie in dieser Beziehung ihre Meinung geändert, liegt für uns Juden gewiß keine Veranlassung vor, der Partei blinde Gefolgschaft zu leisten. Die lumpigen kleinen Belästigungen, welche den Deutschen hie und da zu Theil werden, sind nichts im Verhältniß zu dem, was die Juden zu erleiden haben Rechtfertigen die paar Nadelstiche eine deutsche Partei, so rechtfertigen die Keulenschläge, die wir erhalten, gewiß umso mehr eine jüdische Parrei Hat man ins von deutscher Seite immer vorgehalteu, daß die Bürgerrechte der Juden auf dem Boden der Staatsgrundgesetze zuvertheidigen.'seien, so gilt dasselbe von dem Schutz der Deutschen. Ihr könnt ja die Rechte der Deutschen als Liberale oder Socialisten verfechten und braucht dazu keine d e u t s ch-liberale Partei. Nachdem wir Juden so lange passiv das Object der Politik waren, haben wir reichlich so viel Berechtigung und Veranlassung, uns einer jüdischen wie einer deutschen Partei anzuschließen. Wenn die Deutschen Sitze verlieren, so ist das ihr Pech und ein Beweis, daß sie durch ein plutokratisches System zu Unrecht Wahlprivilegien hatten. Aber was sckadet das dem österreichischen Staate und uns? Es ist vom menschlichen Standpunkte recht verzeihlich, wenn die Herren ihre Erwählung zu den Abgeordneten des öst rreichischen Volkes für dieses Volk außerordentlich wichtig halten. Aber wir brauchen das den Herren wirklich nicht zu glauben, das österreichische Volk wird den Beweis liefern, daß es auch ohne die Herren sich wohl fühlt. In Deutschland hat man in jüngster Zeit zweimal an die jüdischen Wähler — qua Juden — appellirt. In Freiburg i. B. hatte die katholische Partei in einem Wahlaufruf au die jüdischen Wähler sich mit Recht darauf berufen, daß sie — im Gegensätze zu den Nationalliberalen — nie mit den Antisemiten geliebüugelt habe. Im Wahlkreise Schwetz ließen Freiconservative die jüdischen Wähler sogar in Jargonstugblättern darauf aufmerksam machen, daß ihr Candidat in puneto Antisemitismus jüdischen Wählern keine Veranlassung zu Bedenken gebe. Zweierlei gehe daraus hervor: 1. daß man in Deutschland eine jüdische Stimmabgabe, das heißt ein Wählen aus jüdischen Gesichtspunkten für durchaus natürlich hält. Da die Juden in Oesterreich viel zahlreicher lind und unter dem Antisemitismus mehr leiden, ist dort eine Wahl unter jüdischem Gesichtspunkte umsomehr berechtigt; 2. daß die geringe Anzahl der Juden nichts verschlügt. Bei verwickelten Parteiverhüllnissen gibt eine Partei häufig den Ausschlag, wir wissen, daß die Herrschaft der Deutschen in Böhmen und Mähren sehr wesentlich durch die Gefolgschaft der Juden bedingt ist. Es würde nahe an Gehirnerweichung streifen, sich einer Partei anzuschließen, die zum mindesten in den national ungefährdeten Provinzen den Antisemitismus als „Privatsache"- gelten läßt. Wenn wir bei den Wahlen keine Erfolge erreichen, so schadet das Nichts, unser Zusammenschluß hebt uns moralisch. Und bisher hat noch stets jede Minorität Erfolge gehabt, die von ihrem Rechte durchdrungen war. Wir werden den Völkern Oesterreichs weit sympathischer sein, wenn wir Schutz für unsere mißhandelten Rechte fordern, als wenn wir die Privilegien der Deutschen schützen, welche uns nichts angehen und in die jetzige Zeit nicht mehr Hineinpassen. Daß man sich nicht mit einem Leichnam verbünden soll, gilt umsomehr von dem Leichnam dessen, der uns schon bei Lebzeiten im Stiche gelassen hat. Wir fordern die jüdischen Wühler auf, sich zu einer Partei zu s ammenzu sch ließen. Wir ersuchen Glaubensgenossen, die bereit sind, für eine solche Partei als Vertrauensmänner zu arbeiten, ihre Adressen in der E x p e d i t i o n u n s e r e r Zeitung abzugeben. Wir werden demnächst ein Comite bekannt geben, das Gelder zu Wahlzwecken in Empfang nimmt und Versammlungen veranstalten wird, die über Vorstand und Organisation der Partei Bestimmung treffen sollen. Die Juden und das Deutschthum in Mähren. Bekanntlich werden die Inden von den mährischen Czechen allgemein für die einzigen Stützen des Deutschthums in Mähren erklärt. So z. B. sagte der Abgeordnete Dr. Stransky in einer Rede im Landtage am 21. Jänner d. I.: „und doch wären Sie _ hie Deutschen — die Aermsten in diesem Lande, wenn Ihnen der Jude nicht aus die Beine helfen würde, niemand von Ihnen würde aus den Handelskammern hier sitzen, wenn die Juden nicht mitziehen würden, niemand von Ihnen würde in der Brünner Gemeinderathsstube sitzen, wenn die Juden nicht mitthun würden. Wenn die Juden nicht überall die Agitationsgelder vorstrecken würden, um Ihrer Partei auf die Beine zu Helsen, so wäre von der deutsch-liberalen Partei nirgends eine Spur; es säßen hier vielleicht der Abgeordnete für Römerstadt, der für Neutitschein, vielleicht noch einer ftir Mährisch-Trübau oder Zwittau, aber sonst wären sie fertig. Ich bin überzeugt: Wenn nicht hie und da nämlich wenigstens einmal in 6 Jahren die große Casse des sehr geehrten Abgeordneten Auspitz aufgemacht werden würde, um die allzugroßen Kosten zu decken, die Sie brauchen, um die Mandate bei den Wahlen hereinzubringen, Sie würden nicht da sitzen!" Diese von Dr. Stransky geäußerte Anschauung kann man tagtäglich in czechischen Zeitungen der verschiedensten Parteirichtungen lesen und in czechischen Kreisen hören. Demgegenüber dürste es von Interesse sein, daraus hinzuweisen, welchen Dank die Juden Mährens für die werkthätige, erfolgreiche und opferwillige Unterstützung des Deutschthums von den Deutschen des Landes einheimsen. Wenn von den Deutschen Mährens die Rede ist, so können selbstverständlich nur die Deutschnationalen gemeint sein, denn die Liberalen existiren, fettbem sich ihre Führer den Nationalen unterworfen haben, eigentlich nur noch dem Scheine nach. Zum Glücke ist es uns leicht gemacht, die wahren Ansichten der Deutsch nationalen kennen zu lernen, da dieselben über zahlreiche Blätter verfügen. Wir können uns so aus das Ueberzeugendste belehren, wieviel davon zu halten sei, wenn z. B. Herr Dr. Pro mb er, als ihm im vorigen Jahre vorgehalten wurde, daß er um die Gunst der Antisemiten buhle, einen strengen Unterschied zwischen Deutschnationalen und Antisemiten machte, oder wenn gelegentlich der Wahlen Jemand erklärt, er sei zwar ein Deutschnationaler aber kein Antisemit. Wir können daher den mährischen Juden, die sich bisher von den im Solde der liberalen Partei stehenden Zeitungen einschläsern ließen, die Lectüre der deutschnationalen Presse eindringlichst empfehlen, in der Hoffnung, daß dieselbe sie ehebaldigst aus ihrem Schlafe rütteln werde. Als Probe für die Dankbarkeit der Deutschen wollen wir einige Pröbchen hierhersetzen aus einer Artikelserie, betitelt: „Die Deutschen Städte Mährens", welche vor Kurzem in der „Ostdeutschen Rundschau" veröffentlicht wurde. Da wird auf den Rückgang des Deutschthums in zahlreichen mährischen Städten hingewiesen und dafür werden ausschließlich die Juden verantwortlich gemacht. „Der deutsche Philister hingegen überließ die Vertretung des Deutschthums den liberalen Größen, unter welchen die Juden die erste Geige spielten. Es ist nun bezeichnend für die nomadische Eigenart der Semiten, daß sie nur nach in die Augen springenden, augenblicklichen Erfolgen haschen und die andauernde, unscheinbare, aber für eine fernere Zukunft wirksame nationale Arbeit nicht kennen. Alle nationalen Veranstaltungen der Deutsch-