Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 688 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 Abermals der Antisemitismus in Galizien. Sehr geehrter Herr Redacteur! In Nr. 33 Ihrer geschätzten Zeitschrift tritt Herr Doctor Isidor Daniel als Beschwichtigungshoftath den Ausführungen des Herrn Arthur Eibenschitz entgegen und sucht die antisemitische Bewegung in Galizien rundweg zu leugnen oder mindestens abzuschwächen. Ein Radau-Antisemitismus allerdings wird niemals hier platzgreifen. Kein Hausirer wird im Gasthause insultirt oder gar mißhandelt werden, weil eigentlich der Baccillus antisemiticus, die deutschen (Sauf-) Brüder hier nur sporadisch auftreten und überdies gar oft fühlen müssen, daß sie Fremdlinge hier sind. Die Schlachta ist zu nobel, zu vornehm, um einem G r e g o r i g oder Schneider nachthun zu wollen. Aus manchen Gründen sucht die Schlachta ihren-Judenhaß zu verheimlichen, sogar zu verleugnen, hauptsächlich deshalb, weil der Jude stets der Berather des Edelmannes und sein Retter in der Noth ist. Jak bjeda to do zyda (wo Noth thut, dort hilft der Jud') ist ein altpolnisches Sprichwort, welches sich täglich bewährt, daher ist es auch begreiflich, daß nur wenige mit dem Judenhasse prunken wollen. Im Allgemeinen wird der Jude bereits seit einigen Jahren in jeder Gesellschaftsschichte, vornehm ignorirt und eine Begegnung mit diesem wird nach Thunlichkeit vermieden. Die allerorts errichteten „Lülka rolnicze" sorgen für alle Bedürfnisse des Haushaltes. — In den zahlreich entstandenen Banken läßt sich unschwer Credit erlangen. Die Casinos, Ressourcen u. s. w., wo die „Intelligenz" ohne Unterschied der Confession gesellige Zusammenkünfte Pflegte, sind in allen Städten bereits getheilt. Allüberall findet man das „Städtische Casino", d. h. das Casino für die Bürger arischer Abstammung und neben diesem ein Locale für die Erholung suchenden Bürgerjüdischer Confessiom Diese Locale tragen durchwegs polnische Benennungen: „Klub towarzyski", „Casino kupiecbie“, „Czytelnia towarzysba“ n. d. G. vielleicht als „Demonstration, daß die jüdische Intelligenz, trotz aller Separation glühende und begeisterte Patrioten sind. Kein Antisemitenhäuptling kann es wagen, der jüngeren Generation den Patriotismus hinweg zu escamotiren. Sie sind Polen mit Leib und Seele, so daß eigentlich nicht mehr von polnischen Juden, sondern vielmehr von jüdischen Polen die Rede sein kann. Die nichtjüdiscben Polen vermeiden es jedoch sorgfältig, mit den Juden in Berührung zu kommen, und die antisemitische Preßmeute kläfft unausgesetzt nach bewährtem Mn st er aus Geschäftsinteresse. Geradezu charakteristisch ist es, daß ein Stand, dessen Beruf die Ritterlicheit ist, das größte Contingent der Pionniere zur Verbreitung des Judenhasses in diesem Kronlande stellt. Es sind dies die Herren k. u. k. Officiere, denen das Dien streglem e nt jedes Po litikt re i b en untersagt und die Respectirung jeder religiösen Ueberzeugung empfiehlt. Im Dienstreglement für das k. u. k. Heer, l. Theil, H. Auflage vom Jahre 1873 lautet §2, Absatz 13 wörtl i ch, wie folgt: „Spott über religiöse Gegenstände oder Verunglimpfung derselben ist ebenso wie Alles, was eine Gehässigkeit zwischen den verschiedenen Glaubensgenossen Hervorrufen könnte, zu vermeiden." „Der Soldat soll demnach die Achtung, welche jeder religiösen Ueberzeugung gebührt, bei keiner Gelegenheit verletzen, sie vielmehr jederzeit würdig zum Ausdruck bringen" Trotz dieser Allerhöchsten Verordnung tragen viele Angehörige des k. u. k. Heeres den Judenhaß ostentativ zur Schau. Daß die Untergebenen jüdischer Confession von ihren antisemitischen Vorgesetzten viel zu leiden haben, ist in Ihrem geschätzten Blatte des Oefteren erörtert worden — natürlich mit wenig Erfolg, da der Vorgesetzte gegen seinen Untergebenen stets im Rechte sein muß. Aber auch die „civile" Bevölkerung und in erster Reihe die Juden haben unter dem Uebermuthe dieser Herren nicht wenig zu erdulden. In Wien, denk Antiseniitenneste par LLcelleuee, ist den Regimentscapellen der „Luegermarsch" strengstens verboten, und wenn die concertirende Militärmufik vom Publicum zum Vortrage dieser saftigen Weisen aw gefordert werden soll, so hat die Musikmannschaft s; f o r t einzupacken und das betreffende Local zu räumen. So lautet beiläufig der Befehl des II. Corpscommandos. Anders erscheint jedoch, , die Ansicht im XI. Corps. Da wird in öffentlichen Gärten der „Luegermarsch" von der Militärmusik lustig aufgespielt, und die Herren Officiere, von diesem pikanten Ohrenfchmause ganz begeistert, überbieten an Beifallsbezeugungen die bezahlte Claque in den Wiener Vorstadttheatern. Vielleicht aus Sympathie für den „braven Volksmann", dem dermaligen Herrgott von Wien? Ich glaube kaum, da dieser bis nun gottlob auf Galizien keinen Einfluß üben kann. Doch wozu nach Gründen forschen, dre sattsam bekannt sind? Den Bauernkindern in den Dörfern ist zwar die Bedeutung der weißen Nelke schwer beizubringen, doch hat man ihnen bereits das „Hepp-Hepp" mundgerecht gemacht und sie versäumen nienials — wie es scheint auf Befehl von irgend einer Seite — diesen „Gruß" jedem Juden, der die Gemarkung des Dorfes überschreitet, aus kräftigen Lungen entgegenzubrüllen. Noch ist die bäuerliche Bevölkerung nicht verseucht — der galizische Landmann sieht in seinem jüdischen Nachbar noch immer den Freund und Berather, den Helfer in der Noth. Die Fälle sind gar nicht selten wo der Arendarsch Moszko oder Schloma einen, zwischen einzelnen Bauern und ganzen Gemeinden, jahrelang bei den Gerichten geführten Rechtsstreit, in kürzester Zeit schlichtet. Der Bauer hat also Vertrauen zu seinem jüdischen Nachbar und dieses Vertrauen erwies sich stets als gerechtfertigt. Durch die in jeder Stadt, wie es scheint, vom Religionsfond errichtete „Torhowlja narodnaja“ und die Kramereien in den einzelnen Dörfern, sucht man den Verkehr zwischen Bauern und Juden zu unterbinden, aber die wenigsten ftequentiren die zumeist von Kirchendienern geleitete Krämerei aus triftigen Gründen denn, der geschäftsunkundige Kirchendiener oder Gemeindeschreiber, besorgt die Einkäufe in ganz kleinen Quantitäten, daher die Waare viel theurer zu stehen kommt, und was die Hauptsache ist, in der „christlichen" Krämerei wird nichts auf Borg gegeben, während der Jude stets bereit ist, seinem bäuerlichen Nachbar, mit dem er innig verwachsen ist, aus der Verlegenheit zu helfen. Herr Dr. Daniel bezeichnet den „Zionismus" als die Ursache des sich ausbreitenden Antisemitismus — er nimmt wohl die Wirkung für die U r s a ch e, da man vor der antisemitischen Bewegung niemals etwas vom Zionismus gehört hat. Bei näherer Betrachtung ist der „Zionismus" blos eine Firma, unter welcher die intelligente jüdische Jugend sich vereinigt, um die Idee des Judenthums, den jüdischen Gedanken, die jüdische Zusammengehörigkeit zu Pflegen und verdient eher Anerkennung als Tadel, da derselbe als der erste Schritt zu der unstreitig nöthigen Organisation zu betrachten ist. Gleichwie die nationalantisemitische Studentenverbindung sich z. B. der Firma „Teutonia" bedient, ohne die Rückkehr zum Wotancnltus anstreben zu wollen, so nennen sich die Anhänger der jüdischen Idee und Gegner der Assimilation „Zionisten", ohne im Entferntesten an die Rückkehr nach Zion zu denken. Ich hatte Gelegenheit, einigen Vortragsabenden in einem Zionsverein beizuwohnen. Wohl hörte ich sehr geistreiche Vorträge, manches wissenschaftliche Thema in gediegener polnischer Sprache behandeln, jedoch gar Nichts, was einer Sehnsucht zur Rückkehr n a ch P a l ä st i n a ähnlich gesehen hätte. Das Bestreben zur Organisirung verdient mit allen Mitteln unterstützt zu werden, da nichts geeigneter ist, der Ausbreitung des Antisemitismus wirksamer zu begegnen, als eine stramme Organisirung. D m u ch a l s k i. Vom Jahrmarkt des Lebens. Deutschliberale uud Juden. So zerfahren die deutsch liberale Partei zur Zeit auch ist, in einem Punkte scheint Einigkeit zu herrschen. Darin nämlich, daß die Partei es für angemessen hält, nach wie vor die deutsche Fahne zu schwenken. In dieser Beziehung will sie sogar ihren Eifer verdoppeln; nachdem sie angeblich