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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-28 · 35 (28.8.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
35 (28.8.1896)
Date
1896-08-28
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Seite 687 Dr Vlvch's Wochenschrift So geht das nicht, hochwürdiger Herr Meineid-Canonicus. Wenn Sie der Welt und uns Jahre hindurch zumutheten, daß wir Ihnen glauben sollen, die Regierung habe Sie zum Rücktritt von dem Processe veranlaßt, so bleiben Sie gefälligst dabei. Geglaubt haben wir Ihnen zwar diese Motivirung ebensowenig wie ein anderer vernünftiger Mensch, aber das kann doch kein Grund für Sie sein, plötzlich durch die „Egerer Zeitung" neue Rittersgeschichten über diese Angelegenheit in die Welt zu setzen. Das ist nicht schön, Herr Canonieus Rohling. Wir verlangen ja von Ihnen nicht, daß Sie bei der Wahrheit bleiben sollen, aber bleiben Sie doch wenigstens bei der von Jh >en so oft wiederholten Lüge, die böse, juden- und blochfreundliche Regierung hat Sie, den katholischen Priester und Universitätsprofesfor zu dem decrificio dele inteletto bewogen. So, Herr Rohling,, das hatten wir noch aus dem Herzen und das wollten wir Ihnen nock zur Erwägung unterbreiten. Nicht in der vergeblichen Hoffnung, daß wir Sie damit auf den Weg der Wahrheit zurückführen könnten. O nein, so naiv sind wir nicht. Aber wir wollten nicht, daß ihre Speculation auf das schlechte Gedächtniß der Leser gelinge. Me Hrinrmännchen. Und da jammert man über den Niedergang der alten Wiener Gemüthlichkeit, behauptet, daß dieselbe ausgestorben sei, ersäuft im Lueger'schen Freibier, erstickt im Qualme der vielen Birginiercigarren, die an Wahltagen aus der fürstlich Liechtenstein'schen Privatcassa bezahlt werden. Weit gefehlt! Die Wiener Gemüthlichkeit blüht und gedeiht. Gemüthlicher, als es bei uns hergehl, kann es nirgends in aller Welt sein! Da liest man in allen Blättern, daß die Abgeordneten Ofner und Heinemann, die bisher als „liberale" Mandatsträger in die Gemeindevertretung entsendet worden'waren, von nun an auf Grund des antisemitischen Programmes candidiren. Das steht eines Tages in den Zeitungen. Und die Welt zuckt die Achseln, blättert um, ob der Telegraph nicht wichtigere, interessantere Mittheilungen bringt und gibt sich zufrieden. Höhere Gemüthlichkeit das! Gewiß, es ist für die Weltgeschichte höchst gleichgiltig, ob der Herr Heine mann „die Fahne des Fortschrittes hochhält" oder ob Herr Ofner sich die Sache zurechtgelegt hat und nunmehr alles Heil für „das ausgesogene und ausgebeutete Volk" von den Antisemiten erwartet. Aber bezeichnend bleibt die Wiener Gemüthlichkeit, mit der man Abgeordnete mit Nachsicht des Charakters ruhig hinnimmt itub die Gesinnungswechsel unserer Volksvertreter voll schönen Gleichmuthes escomptirt. Niemand scheint zu erwarten, daß die Heinemanns und Ofners eine solche Zumutyung mit einer Ehrenbeleidigungsklage beantworten würden. Und hätte sich Jemand solch utopistischen Träumen hingegeben, der wäre rasch eines Besseren belehrt worden. Die Herren haben sich die Sache eben überlegt und da — um so recht in dem Jargon Verganis zu reden — für den „Liberalismus" dieser Herren nicht einmal der Jud etwas gibt, so werfen sie den schleißig gewordenen Mantel der Fortschrittsphrasen ab, und aus dem Banner der Freiheit, das sie so oft im ungewaschenen Mund geführt, schneiden sie Lappen, um ihre Charakterblößen zu bedecken. Und das sind die Leute, für die man lange Jahre hindurch die widerspänstigen Wähler zur Urne getrommelt hat! Sie stellten so lange ihre Principien in den Hintergrund, bis sie sicher waren, dieselben völlig entbehren zu können. Das Mandat ist ihnen Selbstzweck, die Parieirichtung Nebensache, die Grundsätze Ballast, den man zur rechten Zeit über Bord wirft, um sich über den antisemitischen Wassern zu erhalten. Aber die liberale Partei und die liberalen Wählerschaften sollen sich ihre Ofners und ihre Heinemännchens gut anschauen! Jede Partei hat die Marodeure, die sie verdient. Und die Liberalen haben die Leute, die jetzt auf den Schlachtfeldern der Politik die Todten und die Schwerverwundeten plündern, selber großgezogen. Ihre Schuld ist es, wenn sie sich jetzt mit dem Ofner Bitterwasser den Magen verderben und ihnen der Kremser Senf, den Herr Heinemann, der Bürgermeister von Krems, servirt, in die Augen steigt. Das alte Märchen erzählt von den Heinzelmännchen, kleinen wohlthätigen Kobolden, die den ihnen befreundeten Hauslruten die schwere Arbeit abnahmen, das Wasser zutrugen, den Boden scheuerten und das Holz verkleinerten. Freilich konnten die Heinzelmännchen auch recht boshaft sein und manchen Schaden und Schabernak anrichten. Die Heinemännchen der liberalen Partei haben im Hause der Letzteren die Arbeit der — Antisemiten verrichtet. Und jetzt geht durch alle Räume und Gemächer ein tolles, schadenfrohes Kichern. . . O über den dummen Hausherrn, der nicht zur rechten Zeit den Besen in die Hand nahm und die Heinemännchen stäupte. In geheimer Verhandlung. Mit trauriger Regelmäßigkeit zieht sich in den letzten Monaten dieser Titel durch die Gerichtssaalrubriken unserer Tagesblätter. Da wird kurz und knapp, mit der durch Staatsanwalt und Preßgesetz vorgeschriebenen Wortkargheit von den abscheulichsten Verirrungen der menschlichen Natur und der gerichtlichen Ahndung gesprochen, welche dieselben gefunden haben. Nicht einmal die anttsemitische Sensationslust, welche sonst die abgestandensten Wassersuppen mit dem beliebten Kräutlein „Tendenz" aufzukochen wech, vermag es, hier ein klebriges zu thun und die Juden, die doch an Allem Schuld sind, für das Ueberhandnehmen der Sittlichkeitsdelicte verantwortlich zu machen. In richterlichen Kreisen ist es ein offenes Geheimniß, daß der Percentsatz, den die Sittendelicte in unserer criminalistischen Statistik einnehmen, in ganz unerhörter und erschreckender Weise anschwillt. In einzelnen Oberlandesgerichtssprengeln wurde eine Steigerung von 40—55 Percent constatirt, '^während merkwürdigerweise, was die Person des Thäters anbelangt, die Antheilnahme der jüdischen Bevölkerung seit zehn Jahren in steter Abnahme begriffen ist. Es liegt nahe, an den Nachahmungstrieb zu denken! C a r l y l e hat in seinem berühmten Werke über „Helden und Heldenverehrung" in schlagender Weise die Argumentation bekräftigt, derzufolge einflußreiche Männer nicht nur in ihrem öffentlichen Wirken, sondern auch in ihrem privaten Leben, in ihrer rein persönlichen Bethätigung, in ihren Neigungen und Absonderlichkeiten sogar von der namenlosen, unberühmteu Menge gerne zum Vorbild genommen werden. So viele antisemitische Helden haben wegen ihrer Abneigung gegen das Gesetz in Sachen geschlechtlicher Zucht und Sitte die Rolle von Märtyrern im Arrest und Kerker gespielt, so daß ein Carlyle unserer Tage vielleicht einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem raschen Steigen der antisemitischen Stimmenzahlen und der Zunahme der Sittlichkeitsdelicte herausfinden würde. Aber, wenn wir auch davon absehen, liegt es überaus nahe, der reichen Rubrik „In geheimer Verhandlung" besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Unsere Antisemitenblätter erzählen so gerne von „jüdischen Wüstlingen", und die Sache gestaltet sich für sie sehr anstrengend, mühevoll und zeitraubend. Sie erzählen mit Vorliebe vvn jüdischen Schandthaten, die sich in der Ferne zugetragen haben, weit hinten in der Türkei, wo die Völker aufeinanderschlagen. Warum in die Ferne schweifen, sieh', das Gute liegt so nahe! Die Burschen sollten doch die heimischen Gerichrssaalberichte fleißiger lesen und Lorbeeren pflücken für die autochthonen Race- und Gesinnungsgenossen! Der üppige Same, der mit vollen Händen auf das fruchtbare Land gestreut wurde, geht herrlich auf und trägt die erwarteten Früchte. Der Same der Verrohung und der Entsittlichung!

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