Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 35 (28.8.1896)
- Date
- 1896-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 686 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 35 lichenVolte" vonWien, auf dessenSchnlterr^ er emporgeftiegen ist. Dieser Mensch ist die verkörperte Felonie. Auf dem anliliberalen Parteitage hat er die Stadt Wien an das Land Niederösterreich ausgeliefert, indem er unter dem Jubel der Bauern und Landjunker erklärte, daß die Forderung der Neichsunmittelbarkeit Wiens eine Lächerlichkeit fei, daß dieselbe ohne Staatsstreich nicht durchgefi'chrt werden könnte und daß er sie nie ernst gemeint habe. Wären wir rachsüchtig und stünde unser Herz nicht den Bedrängnissen der Menschen ohne Unterschied der Confession offen, wir würden dem „christlichen Volke" von Wien diese Führer gönnen. Man hat oft gesagt, Dr. Carl Lueger sei gar kein Antisemit. Heute zeigt es sich, daß er nicht einmal ein Herz für seine Christen besitzt. Er tritt Alle und Jeden, die ihn in die Höhe gehoben haben, unter seine Füße. Es gab eine Zeit, in der Dr. Lueger, um seine Freundschaft für die Juden zu mauisestiren, eine Busennadel mit dem Gesetzestafeln Moses trug. Als er mit Hilfe der Inden gewählt war, verrieth er sie. Heute trägt er die Bürgermeisterkette der Stadt Wien und in: Zeichen dieses Ehrenschmuckes verrieth er die Wiener Bürgerschaft. So wird er einst als Landmarschall-Stellvertreter das Land Niederösterreich. und wenn er noch höher steigen sollte, auch noch höhere Interessen verrathen. Merkt Euch das, all' Ihr mitleidswürdigen Thoren, die Ihr ihm heute znjubelt wie einem neuen, menschgewordenen Gotte! In diesem Alaune steckt nichts Menschliches und nichts Göttliches, er ist die Jncarnation einer wahrhaft teuflischen Selbstsucht. Dem Gewerbetreibenden, den er zu retten versprach, hat er das „Beuschel" Herausreißen und den Herrgott pfänden lassen. Den Czechen, um deren Stimme er warb, hatte er einen Fußtritt gegeben, die Deutschnationalen, um deren Gunst er jetzt buhlt, wird er dem Clericalismus ausliefern und den Clericalen, vor denen er auf den Kuieen rutschte, erklärt er heute bereits, daß er nicht clerical sei So klettert er von Ast zu Ast, sich selbst erhöhend, indem er seine Freunde in den Abgrund stößt. Welchen Nutzen hat das „christliche Volk" von Wien aus der Tätigkeit" dieses Mannes gezogen? Hören wir, was ein elastischer Zeuge, die niederösterreichische Handels- und Gewerbekammer, über die Segnungen des Antisemitismus sagt: „W e l ch e unerquicklichen Verhältnisse", heißt es in ihrem eben eröffentlichten Berichte über das Jahr 1895, „sich im Wiener Gemeindeleben unter dem Anwachsen der antiliberalen Strömung herausgebildet, beweist die Thatsache. daß am 5. Mai zur Auslösung des Gemeinderathes und zur Sistirung der Gemeindeautonomie geschritten werden mußte. Die Suspension der communalen Selbstvertvallung indem Augenblicke, wo dieselbe aus Anlaß der Verjüngung Wiens so viele für d i e Z u k u n f t d e r H a u p tstadtwichtige Fragen zu lösen hat, ist gewiß ein hochbedauerlicher Zwischenfall, der in wirthschaftlicher Beziehung dadurch an Bedeutung gewinnt, daßdie dieser Maßnahme zu Grunde liegende Anfeindung eines einflußreichen Theiles der Wiener Bürgerschaft an Stelle der zum Gedeihen jeglichen Gemeinwesens unentbehrlichen Eintracht de» Kraft undUnternehmungslust lähmenden Unfrieden s etzte. Eine Reihe von Geschäfts unter nehmungenführen denn auch ausdrücklich den nichtzufriedenstellenden Geschäftsgang auf die Zurückhaltung und Einschränkung jener Gesellschaftskreise zurück, gegen welche die herrschende Strömung gerichtet ist. Bedeutend verschärft wurde dieses negative Moment am Jahresschlüsse durch den Rückschlag ans dem Effektenmärkte, der auf dem hiesigen Platze die zahlreichste» Opfer forderte. Unter dem.Zusammen wirken dies er geschäftsfeindlichen Um stände fiel das für die Jahresbilanz zahlreicher Handels- und Gewerbezweige a u s s ch l a g gebende Weihnachtsgeschäft im Großen und Ganzen, namentlich aber für das Luxus- und K u n st g ewerbe, weitweniger gün st ig als im Vorjahre a u s." Zu diesem durch Lueger und seine Garde verschuldeten Rückgang des gesammten Erwerbslebens gesellt sich nun noch die politische und wirthschaftliche Auslieferung Wiens an die mißgünstigen Bauern und Großgrundbesitzer, die Verewigung des Sclavendienstes, welchen die Millionenstadt für das Land leisten muß Glückliches Wien! Glückliches „christliches Volk!" Der Weinrid-Canonirus in Eger. u. Der bekannte Meineid-Canonicus glaubt offenbar, es sei wieder eine Zeit gekommen, in der er ungescheut das Wort erheben dürfe. Er hat lange geschwiegen, er, der gewohnt war, gleich einem Gummi» voyageur in überströmender Beredsamkeit seine Waare anzupreisen. Und der Meineid-Canonicus war ja auch Gummi» voyageur in Antisemitiois; er reiste in Ritualmord-Beschuldigungen, er hausirte mit Meineiden. Wann und wo innner von Lügnern und Schurken oder Bethörten und Fanatikern eine falsche Anklage gegen die Juden erhoben wurde, flugs war Rohling bei der Hand und bot sich an, mit einem Eide die Wahrheit des Blutrituales zu belästigen. Vor den Pforten des Gerichtshofes hörte man fort und fort die Stimme des Mannes im ehrwürdigen Kleide ertönen: „Nichts zu beschwören?" Dann kam das lange, lange Schweigen Rohling's. Er hatte sich selbst das Stigma des Meineidigen auf die Stirne gedrückt, als er im letzten Momente von der Anklage zurücktrat, die er gegen Dr. Bloch erhoben, der ihn des bewußten Meineides bezichtigte. Knirschend vor Wuth mußte seither Rohling den Fluch mit sich schleppen, den er selbst auf sich geladen, er mußte es sich gefallen lassen, daß man ihn als Ignoranten, Fälscher und Meineidigen brandniarkte, der seine Schmach selbst bekannte und gestand, da er nicht den Muth hatte, sich die einzige mögliche Satisfaction vor dem Richter zu verschaffen. Rohling stand vor zwei Möglichkeiten: er mußte den Versuch wagen, seinen Ankläger vor Gericht zu stellen und dessen Beschuldigungen als falsche zu entlarven. Gelang ihm dies, so hätte er seinen Gegner zerschmettert. Mißlang ihm dies, so hätte die Welt das Urtheil gefällt: Rohling ist ein Fälscher, ein Ignorant, ein Meineid ger. Rohling wählte aber einen dritten Weg: Er citirte seinen Gegner vor Gericht und lief dann angstbebend davon. Er wartete nicht das Urtheil der Richter, nicht das Urtheil der Welt ab, er übte einen Act der Selbstjustisicirung aus, wie er gründlicher unmöglich erdacht werden konnte. Wie versuchte Rohling seine Blößen zu bedecken? Er stammelte: Die Regierung hat mich gezwungen, vom Proceffe gegen Dr. Bloch zurückzutreten. Rohling sagte es, aber kein Mensch, der seine fünf Sinne beisammen hatte, glaubte es. Jedermann fragte: Wie, die Regierung wird einem geistlichen Würdenträger, einem Universitätsprofeffor die Zumuthung stellen, er solle sich, dem Dr. Bloch zuliebe, ruhig als Fälscher, Ignorant und Meineidiger brandmarken lassen, ohne etwas zum Schutze seiner Ehre zu Ihm:? Aber man folgerte noch weiter: Angenommen das Unmögliche, das Ungeheuerliche, eine Regierung würde einem katholischen Priester, einem Universitätsprofeffor eine solche Zumuthung stellen, wie könnte es diesem einfallen, derselben Folge zu leisten und damit einen moralischen Selbstmord an sich zu verüben. Das sagte Jedermann, aber Rohling blieb dabei: ich habe einen moralischen Selbstmord verübt denn ich konnte der hohen Regierung und dem Dr. Bloch diesen kleinen Dienst nicht abschlagen. Auch gut. Rohling gefiel diese Erklärung, wir gönnten sie ihm vom ganzen Herzen. Was ficht aber den Meineid-Canonicus plötzlich an, nach Jahr und Tag mit einer Erklärung für sein Vorgehen heranzutreten, in der von allem Anderen die Rede ist, nur nicht von der famosen Forderung der Regierung?