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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-21 · 34 (21.8.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
34 (21.8.1896)
Date
1896-08-21
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 34 Dr. Vloch's Wochenschrift. einiger Legate zu Humanitären Zwecken testirt. Dessen Berwandte fochten jedoch das Testament an. Das Gericht hat - deren Klage zurückgewiesen und das Testament vollinhaltlich bestätigt. Amsterdam, 4. August. Dem Präsidenten des deutschen Hilfsvereines, Herrn Julius E l tz b a ch e r, ist vom Deutschen Kaiser der K r o n e n o r d e n dritter C l a s s e verliehen worden. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck verboten.) Ueberall flammten Wachskerzen in großen, vergoldeten Kronen, die von der Decke herabhingen, in Leuchtern, in Candelabern, die von den Wänden auszweigten. Eine heilige Freude lag über dem feierlichen, alten Gebäude mit seinen massiven Säulen, den schmalen Seitensenstern, dem hohen, verzierten Dach : und den Tafeln mit Goldbuchstaben zum Andenken an fromme! Geber.! Die Gemeinde ertheilte die Antworten mit freudiger Sal-! bung. Einige Betende mäßigten ihre Andacht durch kleinliches | Geschwätz, und der Tempeldiener schob alle, die niedrige Hiite! trugen, hinter das eiserne Geländer, während er mit sonorer! Stimme sein automatisches „Amen" sang. Heute Abend hatte Hanna kein Auge für das, was im Gotteshauses vorgiug; eine wirkliche Bewegung ergriff sie, dieselbe Abschieds-Stimmung wie vorhin in ihrem eigenen Zimmer. Ihre Blicke wunderten zur Bundeslade, über welche sich die steinernen Gesetztaseln erhoben, und das brütende Licht der Kinder-Erinnerungen erfüllte die traurigen, dunklen Angensterne. Als sie ein kleines Mädchen war, sagte ihr der Bater einst, daß in der Peßachnacht manchmal ein Engel ans den Thüren der Bundeslade hervorkommt. Jahrelang schaute sie nach dem Engel aus und hielt die Augen geduldig auf den Borhang gerichtet; endlich gab sie es auf und kam zu dem Schluß, daß ihre Augen nicht genügend rein seien, oder daß er in einer anderen Synagoge erscheine. Heute Albend kam ihr der kindische Gedanke wieder; sie blickte unwillkürlich auf die Bnndeslade, als erwarte sie den Engel. Am Morgen, als sie ihre Verabredung mit David traf, hatte sie nicht daran gedacht, daß sie einen Theil der Sederfeier werde mitmachen müssen; aber als es ihr unter Tags einfiel, zog ein cynisches Lächeln über ihre Lippen. Wie sich das traf! Herite Nacht lvar auch der Auszug aus ihrer Sclaverei! Gleich ihren Voreltern, als sie aus Egypten anszogen, so würde auch sie mit dem Stab in der Hand und reisebereit an dem Mahle theilnehmen. Und wie muthigen Herzens würde auch sie sich in das verheißene Land aufmachen! So hatte sie vor ein paar Stunden gedacht, aber ihre Stimmung war nun umgeschlagen. Je näher der Seder kam, desto mehr schreckte sie davor zurück. Hier in der Synagoge erfaßte sie beinahe ein panischer Schrecken, als das Bild ihrer Häuslichkeit vor ihrem geistigen Auge aufstieg. Es war ihr zu Muthe, als müsse sie auf die Straße hinauseilen, hin zu dem Geliebten, ohne sich umzublicken. O, warum hatte David nicht eine frühere Stunde bestimmt, damit ihr diese Qual erspart bliebe? Die Chorsänger ül ihreir schwarzen Tataren sangen so süß. Hanna verscheuchte ihr thörichtes, schreckhaftes Zittern, indem sie in den Gesang einstimmte. Sie that es leise, denn das Mitsingen der Gemeinde wird als ein Eingriff in die Privilegien des Chors betrachtet. „Mit ewiger Liebe liebst Du Dein Volk, das Haus Israel; Du hast Lehren uitb Gebote, Gesetze und Rechte uns gelehrt. Darum, o Herr, unser Gott, denken wir, wenn wir uns niederlegen und wenn wir ausstehen, an Dein Gesetz und freuen uns der Worte Deiner Lehre und Deiner Gebote für immer und ewig. Denn sie sind unser Leben und verlängern unsere Tage, und in ihnen wollen wir forschen Tag und Nacht. Entziehe uns Deine Liebe auch in Ewigkeit nicht! Gelobt seiest Du, o Herr, der sein Volk Israel liebt!" Hanna schaute, während sie sang, in die englische Uebersetznng' des hebräischen Textes in ihrem Machsor; obwohl sie jedes Wort übersetzen konnte, ward sie sich des Sinnes dessen, was sie sang, nie vollständig bewußt. Die Macht des Gesanges über die Seele hängt wenig von Worten ab; jetzt Seite 683 kamen ihr die Worte verhängnißvoll vor und schienen ihr eine besondere Botschaft zu bringen. Ihre Augen waren verschleiert, als die Fugen zu Ende waren. Wieder schaute sie aus die Bundeslade mit den ichön gestickten Vorhängen, hinter denen die kostbaren Rollen in ihren seidenen Hüllen und ihren goldenen Zierrathen standen. Ach, wenn der Engel jetzt herauskäme, wenn die blendende Vision nur einen Augenblick auf den weißen Stufen erschiene? Warum kam er nicht und rettete sie? - Retten? Vor was? Sie fragte sich zornig, der leisen Stimme, die sich in ihr regte, zum Trotz. Der Gottesdienst näherte sich seinem Eikde. Der Chor sang die Schlußhymue. Der Chasan verzierte den letzten Vers mit vielen musikalischen Arabesken: „Gelobt sei in Ewigkeit Sein glorreicher Name." Betpulte und Sitze klappten nieder, und die Gemeinde strömte mit gegenseitigem „Gilt Jontef" hinaus. Hanna gesellte sich ihrem Vater zu. In ihrer Brust kochte noch immer die Erregung. Wührelid sie in der frischen Lust unter dem sternenhellen Himmel üb'r das nasse, glitzernde Pflaster schritten, schüttelte sie den letzten Einfluß der Synagoge ab: allein ihre Gedanken drehten sich nun um die Begegnung mit David, um die wilde Flucht nach Norden. Das Blut brauste stürmisch durch ihre Adern. Sie erwartete die kommende Stunde in einem Fieber der Ungeduld, und so kam es, daß sie wie in einem Traume am Sedertisch saß. Das Gesicht des Geliebten schwamm vor ihren Augen, ganz dicht vor ihrem eigenen Gesicht. Dann und wann ward sie sich der Scene, welche um sie her sich abspielte, bewußt, und sie drang ihr luie ein Messer iu's Herz. Als Levi die Eingangsfrage stellte, dachte sie, was wohl aus ihm werden würde. Was für ein Leben würde er dem armen Rabbi und seiner Frau bereiten? Der unglückliche Vater, sein Bart war jetzt schon fast schneeweiß! Sie hatte nie zuvor bemerkt, wie alt er ward. Und die Mutter? Ihr Gesicht war ganz runzelig. Nun, wir müssen Alle alt werden .... Was für ein sonderbarer Mensch lvar dieser Melchisedek Pinkas! Wie fröhlich sang er die wunderbare Geschichte! Ja, das Judenthum brachte manch' seltsame Typen hervor. Ein Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie sich als seine Braut dachte! Sie bemühte sich, eilt lvenig zu essen, da sie wußte, daß sie es brauchen würde. Als sie ein paar Teller aus der Küche hereinbrachte, warf sie einen Blick aus ihren Mantel und Hut, welche ans dem Rechen zunächst der Straßenthür hingen. In einer Secunde konnte sie dieselben anziehen. Sie nickte ihnen zu, lvie Einer, der sagt: „Ja, wir sehen uns bald wieder." Während des Mahles hörte sie dem Dichter zu, der mit hochliegender, kreischender Stimme wie gewöhnlich Monologe hielt. Als das Abendessen beendigt war, begann der Wind die Fenster heftig zu erschüttern, und ans einmal klatschte der Regen gegen die Scheiben. Reb Schemuel theilte den Afikomon mit einem glücklichen Seufzer aus, dehnte sich auf seinen Kissen, und im Gefühl der Rettung Israels, seiner eigenen Familie Sorgen fast vergebend, stimmte er singend den Segenssprnch an. Die kleine Uhr auf dem Kaminsims begann zu schlagen. Hanna riihrte sich nicht. Blaß und zitternd saß sie auf ihre»! Sessel. 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7 — 8. Sie zählte die Schläge, als könne sie nur so erfahren, wie viel Uhr es sei, als wären ihre Augen nicht dem langsamen Vvrwärtskriechen der Zeiger gefolgt. Sie hoffte wie wahnsinnig, daß es blvs acht Schläge seien und sie dann noch immer Zeit haben werde, sich zu bedenken. Nenn! — Sie wartete, ihr Ohr sehnte sich nach dem zehnten Schlag. Wenn es nur zehn Uhr wäre! Dann würde es zu spät sein, die Gefahr wäre vorüber. Sie saß da und schaute maschinenmäßig aus die Zeiger. Sie krochen weiter. Es waren nun siins Minuten nach Neun. Sicherlich stand David schon an der Straßenecke und ward naß und ein wenig ungeduldig. Sie erhob sich halb von ihrem Stuhl. Es war keine schöne Nacht für eme Entführung! Sie sank wieder aus ihren Sitz zurück. Vielleicht wäre es das Beste, bis morgen Abends zu warten. Sie wollte hinausgehen, um es David zu sagen, aber er würde sich nicht um das Wetter kümmern, sondern wenn sie einmal draußen bei ihm war, sie in die Droschke schieben, und dann würden sie svrtsahren und die alte Welt für immer hinter sich lassen. Ihre Willenskraft war gelähmt — sie saß starr da, von dem warmen, behaglichen Zimmer magnetisirt, und die alten, vertrauten Möbel, die Sedertafel mit ihrem weißen Tischtuch, ihren Schüsseln und Gläsern, die Gesichter von Vater und Mutter sprachen beredt von tausend Erinnerungen. Die Uhr tickte laut lind zornig, wie eine Trommel, die zum Streite ruft. Der Regen schlug ungeduldig Sturm an die Scheiben. Ter Wind

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