Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 684 Dr. Bloch's Wochenschrift Nr. 34 rüttelte an Thüren und Fenstern. „Geh' hinaus, geh' hinaus \“ riefen sie. „Geh' hinaus, Dein Geliebter erwartet Dich, um Dich in's Neue und Unbekannte zu führen!" Und je lauter sie riefen, desto lauter und freudiger fang Reb Schemuel den Segen: „Möge Er, der Frieden im Himmel schafft, Friede auch uns schenken und ganz Israel! Amen". Der Zeiger der Uhr kroch weiter. Es war halb Zehn. Hanna faß in völliger Lethargie, steif und unfähig zu denken, da; ihre angespannten Nerven wurden schlaff, ihre Augen standen voll bitter-süßer Thränen, ihre Seele schwebte in einem Traum auf den Wogen der bekannten Melodie. Plötzlich ward sie sich bewußt, daß die Anderen aufgestanden waren'und daß der Valer ihr winkte. Jnstinctiv begriff sie, stand automatisch auf und ging zur Thür. Plötzlich erschütterte das wiederkehrende Bewußtsein ihre Seele. Sie stand an dem Boden gewurzelt. Ihr Vater hatte den Becher Elias gefüllt, und es war jedes Jahr ihr Vorrecht, dem Propheten die Thür zu öffnen. Intuitiv wußte sie, daß David wie ein Wahnsinniger vor dem Haus auf und nieder ging; er wagte nicht, feine Gegenwart bekannt zu machen, und verwünschte vielleicht ihre Feigheit. Ein eisiger Schrecken ergriff sie; sie fürchtete, ihm entgegenzutreten. Sein Wille war stark, und ihrer fieberhaft überreizten Phantasie erschien er wie ein ungeheurer Ocean, der sich au der Thürschwelle brach und sie in den brüllenden Wirbel des Schicksals hinabzuzerren drohte. Sie riß die Zimmerthüre auf und blieb stehen, als sei ihre Pflicht nun gethan. „Nu, nu?", murmelte Reb Schemuel, indem er auf die äußere Thür deutete. Dieselbe war so nahe, daß er auch sie immer öffnen ließ. Hanna legte schwankend die paar Schritte durch den Flur zurück. Hut und Mantel nickten ihr sardonisch zu. Ein wilder Trotz durchzuckte sie. Sie streckte die Hand danach aus: „Flieh, flieh! Es ist Deine letzte Aussicht," sagte das Blut, das in ihren Ohren sauste. Aber ihre Hand sank herab und in diesem Augenblick furchtbarer Klarheit sah Hanna ihr ganzes Leben, wie es sich gerade und anmuthlos zwischen großen, öden Mauern hinstreckte, immer weiter bis zu einem einsamen Grab: sie erkannte, daß ihr die Kraft versagt war, sich nach rechts oder links zu wenden, daß es für sie weder einen Auszug, noch eine Erlösung gebe. Stark im Bewußtsein ihrer Schwäche riß sie die Hausthür geräuschvoll aus. Das Gesicht Davids tauchte blaß und gespenstisch im Dunkeln vor ihr auf. Große Regentropfen fielen von seinem Hut herunter und liefen über seine Wangen wie Thränen. Seine Kleider schienen vom Regen ganz durchtränkt zu feilt. „Endlich", flüsterte er heiser, aber glückselig. „Was hat Dich zurückgehalten?" „Boruch habo! Willkommen Du, der da kommt", erklang die Stimme Reb Schemuel's aus dem Zimmer, den Propheten begrüßend. „Still", sagte Hanna, „einen Augenblick!" Der Gesang des alten Rabbi vermischte sich herb mit dem Heulen des Windes. „Schütte Deinen Grimm über die Völker aus, die Dich nicht kennen, über die Reiche, die Deinen Namen nicht anrusen; sie haben Jacob verdorben und seine Wohnungen vernichtet. Schütte Deinen Zorn über sie aus, Dem brennender Grimm treffe sie! Verfolge sie mit Wuth und vertilge sie, daß unter Gottes Himmel sie nicht mehr zu finden seien!" „Schnell, Hanna!", flüsterte David. „Wir können keinen Augenblick länger warten. Zieh' Dich an, wir werden den Zug versäumen! Eine plötzliche Eingebung kam über sie. Statt der Antwort zog sie seinen Ring aus der Tasche und drückte ihn ihm in die Hand. „Leb' wohl!", flüsterte sie mit seltsamer, hohler Stimme und schlug ihm die Thüre vor dem Gesicht zu. „Hanna!" Er schrie es überrascht, in Todesangst und Verzweiflung; der Schrei drang, zu einem unarticulirten Kreischen gedämpft, durch das Holzwerk. In sinnloser Wuth rüttelte er heftig an der Thüre. „Wer ist da'? Was ist das ftir ein Lärm?", fragte die Rebbezin. „O, nur irgend ein christlicher Grobian, der auf der Straße schreit", antwortete Hanna. Es war wahrer, als sie dachte. Der Regen wurde immer stärker, der Wind heulte noch schriller, aber die Kinder des Ghettos wärmten sich vertrauens- und hoffnungsvoll und befriedigt an ihrem Herdfeuer. Seit Jahrhunderten von Küste zu Küste gehetzt, hatten sie nun die Erfüllung ihrer Sehnsucht — den Frieden — in einem Lande gesunden, wo das Passahsest erschien, ohne sie mit Blut zu bedrohen. In . der , Dachstube des Hauses Royal Street Nr. 1 brütete die kleine Esther Ansell vor sich hin. .Ihr Herz war voll unbestimmter, zärtlicher Poesie, durchdrungen von den Schönheiten des Judenthums, an dem sie — so Gott will — immer festhalten wollte, und ihr kindlicher Geist sah hoffnungsvoll dem weiteren Leben entgegen, das die Jahre bringen würden. Ende des ersten Th eiles. Literatur. „Erste israelitische Kochschule." Von Marie Kauders. Verlag von Samuel W. P a s ch e l e s in Prag. Das Kauder'sche Kochbuch bedarf einer besonderen Anpreisung nicht mehr. Es ist in seinen zahlreichen Auflagen schon so sehr in den Kreis der jüdischen Hausfrauen eingedrungen, daß man dort, wo sich dasselbe noch nicht befindet, den Mangel sehr fühlbar empfindet. Und diesem Mangel abzuhelfen, hat der genannte Verleger eine neue Auflage des Buches veranstaltet, das sich nicht nur äußerlich in sehr hübscher Ausstattung präsentirt, sondern auch inhaltlich den früheren Auflagen gegenüber ansehnlich vermehrt erscheint und einer in Verlegenheit geratheueu Hausfrau und Köchin selbst bei den rarsten Delicatessen eine verläßliche Auskunft ertheilt. Das Kochbuch enthält nicht nur die klar verständliche Anweisung über die Zubereitung aller nur erdenklichen festen und flüssigen Speisen und Getränke, wobei auch aus die rituellen Speisen weiteste Rücksicht genommen ist, es ertheilt auch Rathschläge über das Tranchiren, stellt für die verschiedenen Jahreszeiten passende Menus zusammen u. s. w. Das Buch ist von der V e r l a g s b u ch h a n d l u n g Samuel W. P a s ch e l e s, Prag, Z e l t n e r g a s s e, zil dem mäßigen Preise von 45 kr. franco zu beziehen. _ Briefkasten. L. B. Unbefangene Zuhörer in München erhielten den Eindruck, daß der Redner entweder die Mütze eines Hausmeisters oder die Zwangsjacke eines Narren tragen müßte. Dr. G. K. Es ist anerkannt, daß Maimonides unendlich viel für die arabische Sprache geleistet hat. B—NN. Der „jüdische" Papst wurde wiederholt im „Deutschen Volksblatt" verhöhnt. M. Z (BrünnP Sie haben Jro's Stylblüthrn mit treffender Ironie gegeißelt, aber der gute Mann verdient nicht so viel Raum. B. R. Der antisemitische Straßenbettler, der die Juden beschimpft, die ihm Geld geben, dürfte sich an einem antisemitischen Zeitungsgründer ein Beispiel genommen haben. A. Die Kunst fragt nicht nach der Confeffion, wohl aber die antisemitische Zeitungskritik. i. u. Aus Bregenz ist Dr. Lueger arg verschnupft abgerrist.? Wenn B e r g a n i deutsch schreibt, so macht er seinem Namen alle Ehre. Karlsbad. Die Literatur ist bereits so umfangreich, daß sie in den Rahmen einer Briefkastennotiz nicht gepreßt werden kann. Ignatz Kelbl in Pürnitz. Wir haben Aehnliches wiederholt in der Wochenschrift dargelegt. S. Weinstein, Ober-St. Veit.. Sie haben Recht, doch muß das in der Wählerversammlung der israelitischen Cultnsgemeinde hervorgehoben werden. R. Heller in Laun. Daß ein christlicher Kaufmann als vermeintlicher Jude antisemitische Schmähkarlen erhält, ist weder neu, noch verwunderlich. Ein Zahntechniker, Liesing. Daß der antisemitische „Kikeriki" jüdische Inserate aufnimmt, ist bei der Charakterlosigkeit der Antisemiten nicht so verwunderlich, als daß sich Juden finden, die in einem solchen-Blatte instriren. David Spitzer, Wien. Für unser Blatt ungeeignet. M. Brovy: Ihr Schreiben ist uns unverständlich. M. I. Duff, Jassy. „Der Judenstaat" ist durch die Buchhandlung M. Breitenstein, Wien, IX, Währingerstraße 5, zu beziehen. Soeben erschienen und durch jede Buchhandlung zu beziehen : Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage. Preis 60 kr. Wahringerstrasse 9. Der Jiidenstaat in. Auflage. Von Dr. Theodor Herzl. Verlag von M. Breitenstein, Wien, IX/3, Herausgeber u, veranrw. Redakteur: Dr. Josef S. Bloch. — Druck v. L. Beck & Sohn, Wien. VIII., Lerchenfelderstr. 46.