Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 678 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 34 Beweis dienen kann, daß auch an betreffender Stelle die Wellen der Scham in die Wangen traten und man sich scheute, Jemand zu belohnen, der so häßliche Dienste geleistet. Jetzt, nachdem die heilige Stadt ganz (oder fast ganz, da es doch daselbst noch Juden gibt — freilich in sehr beschränkter Zahl — die auch ein W l a s s e w s k i bei der energischesten Unterstützung von der höchsten Seite nicht an die Luft setzen konnte, obwohl es ihm und seinen mächtigen Helfershelfern sicherlich nicht au gutem Willen fehlte) judenrein geworden, benützte man die erste beste Gelegenheit, um sich des unbequem gewordenen Polizeichefs zu entledigen: der Mohr hatte seine Schuldigkeit gethan, der Mohr konnte nun gehen. Das war das komische Finale zu der vierjährigen Wlassewski'fchen Tragödie. Und das Gerechtigkeitsgefühl ist befriedigt. Er, der Biele so unschuldig hingerichtet, wurde vom selben Schicksal ereilt. Doch mit der Entlassung Wlassewski's ist der Chodinski-Jncident und dessen eventuelle Folgen für die russischen Juden noch weit nicht erschöpft. Die Katastrophe brachte noch eine ganz andere Frage auf's Tapet, weit wichtiger und folgenschwerer, als das durch die Entlassung eines verhaßten Polizeichefs hervorgerufene Gefühl befriedigter Rache. In einem Ukas an den dirigirenden Senat constatirt der junge ritterliche Kaiser Nicolaus II. mit einem nicht genug zu beherzigenden Freimuth, daß die Voruntersuchung über die Katastrophe auf den Chodinskifeldern das betrübende Factum zu Tage gefördert (auf welches ich übrigens in meinen früheren Artikeln, und zwar zuerst hinzudeuten Gelegenheit Hatte), daß der Wunsch der untergeordneten Executivbeamtcn, sich eine ihrer Stellung nicht zukommende Bedeutung anzueignen, zu einer Rivalität zwischen ihnen führt, die Mangel au gemeinsamem Zusammenwirken zur Folge hat. Und wer hatte von dieser Rivalität von diesem Mangel an gemeinsamen Zusammenwirken mehr zu leiden, als die Juden Rußlands, an denen der geringste Beamte seine administrativen Experimente machte, wobei nicht nur (wie ich vielfach durch Thatsacheu erhärtet) die Alwrdnungen der höchsten Regierungsbehörden, die Befehle des Senats vollständig ignorirt, sondern sogar Kaiserukase nicht beachtet oder ganz entstellt und vom Segen zum Fluch gemacht wurden. Daher ist der Kaiserukas, hervorgerufen durch die Chodinski'sche Katastrophe, für uns von größter Wichtigkeit und wollen wir nur hoffen, daß auch diese herrliche Anordnung des chevaleresken Monarchen nicht gleich der Stimme des Predigers in der Wüste ungehört verhalle, sondern Beachtung finde Wir stellen uns auf den Boden der Gesetze und, wie schlecht auch die Gesetze seien, sie sind immer besser, als die Gesetzlosigkeit der Beamten. Der elastische Spruch : „dura lex — sed lex“ bleibt immer wahr. Correspondenzen. Wien. (Das neue Kaiserbild vonHorovitz.) AusJschl wird uns vom 13. d. M. geschrieben: Bor einigen Tagen traf es sich, daß Se. M a j e st ä t auf einem Spazierritt in dem Augenblicke, als er eben den Park verließ, des Malers Horov i tz ansichtig wurde, der in der Nähe der kaiserlichen Billa sein Atelier aufgeschlagen, um sich der Vollendung des in Budapest begonnenen Kaiserporträts widmen zu können. Der Monarch hielt nun das Pferd an und sagte äußerst huldvoll zu dem Künstler, der herangetreten war: „Die Kaiserin hat das Porträt gesehen, sie ist ganz entzückt." Und als der Meister bemerkte, er sei hochbeglückt, ein solches Lob zu vernehmen, setzte der Monarch hinzu: „Dem Urtheil der Kaiserin genügt man nicht leicht, diesmal ist sie jedoch sehr zufrieden." Mau darf nach dieser Aeußerung mit Recht auf das neue Kaiserporträt gespannt sein, das, bevor es an seine Bestimmung nach England gelangt, hoffentlich auch in Budapest für das Publicum zur Ansicht ausgestellt werden wird. Merkt es Cuch, anständige Juden! (E i n g e s e nd e t.) Ein deutsch-liberaler, jetzt fortschrittlich-freisinniger Abgeordneter und deutscher Universitätsprofessor hat jüngst in offener Wählerversammlung in Tetschen an die anständigen Juden den Aufruf gerichtet: „Den dem Jndenthume seit Jahrhunderten anhaftenden unmoralischen Erwerbstrieb unter ihren Glaubensgenossen zu bekämpfen." Der Satz ist in der heutigen Zeitströmung aus solchem Munde so pyramidal, daß er Alles, was bisher von roher, ungebildeter oder heuchlerisch ehrgeiziger Seite an Anwürfen gegen das „Judenthum" geleistet wurde, klafterhoch überragt und in die zahllosen zerfahreilen Ansichten der jetzigen jüdischen Wählerkreise wie eine brennende Fackel hineinleuchten muß. Wenn ein in seiner Zurechnungsfähigkeit bedauernswerthes Geschöpf, wie Schneider, die bessere Welt mit dem „dein Judenthume anhaftenden Blutmärchen" in traurige Heiterkeit versetzt, wenn ein Bandlkrämer Gregorig dem Jndenthume einen Platz in Europa verweigert, luemt selbst ein Schlaukopf ä la Lueger die mit seiner juristischen Beihilfe einst durchgeführten nucorrecten Schliche, Kniffe seiner vereinzelten jüdischen Geldclienten nach uraltem Recepte heute dem Judenthume in die Schuhe schieben will — so wiegt das alles federleicht — gegen den Ausspruch eines deutschen Hochschulprofessors — eines deutschen — freisinnigen Abgeordneten: „Daß dem Judenthume seit Jahrhunderten ein unmoralischer Erwerbstrieb anhaftet." Was wurde der Herr Professor sagen, wenn ein Jude ihm, dein anständigen Christen, rathen würde: die schwersten Verbrechen einzelner seiner Mitbrüder, als der Christenheit seit jeher anhaftend, im gesummten Christenthume zu bekämpfen? So wenig denkbar dies für ihn, ebensolvenig können lvir anständige Juden es zulassen, daß unser gesanrmtes Jndenthum, unser ebenso für uns heiliger jüdischer Glaube mit der unsoliden Geschäftsgebahrnng irgend eines einzelnen Juden verquickt werde! Der Herr Professor hat zweifelsohne nicht zu den anständigen Juden — sondern zu den unanständigen, unl Tetschen-Bodenbach nicht seltenen Antisemiten gesprochen und ihnen so eine ganz kleine Concession gemacht mit dem bekannten Lessing'schen Cardinalsatze: „Ob liberal, ob fortschrittlich, ob deutsch-volklich oder deutschnational: der Jude wird verbrannt!" Wie aber sollen wir deutsche anständige Inden diesen Appell beantworten? Die Vereinigte Linke hat in unzähligen Wählerversammlungen den Juden Alles versprochen und im Parlamente nichts davon gehalten! Zu den Hauptursachen ihres Austritts aus der alten Partei rechnet diesen Fehler die neue deutsche Fortschrittspartei in Böhmen, Mähren, und noch nicht recht constituirt — spricht sie — wie Professor Fournier in Tetschen oder geht in Mähren ein Compromiß mit der deutsch-national-antisemitischen Partei ein, dessen Genehmigung dem Papste aller mährischen Antisemiten, Herrn Braß aus Hohenstadt, unterbreitet werden soll! Muß denn derjenige Jude, der von deutschen Eltern geboren, deutsch erzogen, deutsch herangebildet, deutsch fühlt, lebt und denkt, schon aufhören „deutsch zu sein", wenn er auch nicht die steiheitssäuselnden Männer der alten Linken, noch die neupatentirten Freiheitshelden der neuen Fortschrittspartei wählt? Müssen wir deutsche, anständige Juden unsere ganze Kraft dafür einsetzen, daß Professor Fournier in Tetschen, (resp. Böhmen) oderneue Fortschrittsmänner wie Dr. Fifchl und Strakofch in Brünn ihren Ehrgeiz und Mandatsdurst sättigen, trotzdem sie ihr Lebtag lang auf „dieses Judenthum" hochnäsig (gelindest gesagt) herabsahen? Merkt es Euch, anständige Juden, den Satz vom „unmoralischen", Jahrhunderte dem Judenthume anhaftenden Erwerbssinn! „Nach diesen Zeiten — kommen doch wieder andere, die Sonne des Fortschrittes und Zeitgeistes geht niemals unter", und so Gott will andere Zeiten — andere Männer! Wien. Der Kampf im antisemitischen Lager dauert ungeschwächt fort. Sowohl in den beiderseitigen Organen, als auch in Wählerversammlungen kommen die Gefühle der beiden Parteischattirungen entsprechend zum Ausdruck. Die deutschnationalen Schönerianer wollen sich nicht unter das Commando des antisemitischen Schlachtenführers Lueger stellen und gestatten sich, vorläufig wenigstens, auf eigene Faust Candidaten anfzustellen. Die Hauptarbeit der Schönerianer in Niederösterreich scheint aber darauf gerichtet zu sein, dein Abgeordneten der Kremser Landgemeinden, Ernst V e r g a n i, das Mandat zu entreißen. Nach den Berichten des deutschnativnalen Organs ist dem Herausgeber des „Deutschen Volksblatt" das Mandat nicht sicher. Die Versammlungen, die er an den beiden Feiertagen nn'er Assistenz der Herren Dr. G e ß m a n n und P o l z-