Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 676 Dr. Vloch's Wochrnsttzrist Nr. 34 nehmen, vor welcher der wohlgesinnteste und ehrenhafteste Christ wegen Unmöglichkeit der Erfüllung zurückschrecken müßte. Der Ausschuß des .C e n t ra l v e r e i n e s zur Pflege jüdischer Angelegenheiten. Prag, 12. August 1896. In der „Neuen Freien Presse" antwortet Abgeordneter F o u rn i e r mit folgender Zuschrift: „Hochgeehrte Redaction! Der Ausschuß des „Centralvereines zur Pflege jüdischer Angelegenheiten in Prag" veröffentlicht in Ihrem Blatte ein offenes Schreiben an mich, mit welchem er an eine citirte Stelle meiner in Tetschen und Bodenbach gehaltenen Rede anknüpft. Gestatten Sie, daß ich hierauf — durch Ihre gütige Vermittlung -- kurz erwidere. Kein Wort meiner Rede läßt die Deutung zu, daß ich „die vielen wohlgesinnten und ehrenhaften Angehörigen des Judenthums für das Entstehen und Weiterverbreiten des Antisemitismus verantwortlich mache", und ich muß diese unrichtige Annahme ablehnen. Dagegen habe ich allerdings die Meinung geäußert, sie könnten in einer bestimmten Richtung bei der Bekämpfung des Antisemitismus mitthätig sein. Und dieser Gedanke ist weder neu noch unerhört. Der Prager Universitätsprofessor Dr. Zucker, dem der geehrte Ausschuß gewiß nicht „Unkenntniß der Verhältnisse" zum Borwurfe machen wird, hat ihn im Reichsrathe ausführlich erörtert und scharf pointirt; in deutschböhmischen Zeitungen ist er vor Kurzem wieder zur Sprache gekommen, und ein angesehenes Blatt fortschrittlicher Richtung, dessen Redacteur ein Jude ist, hat ihn in demselben Sinne wie ich dargelegt. Nachdem ich meine Rede beendigt hatte, haben mir voraus jüdische Wähler, Männer in hervorragender Stellung und öffentlicher Wirksamkeit, insbesondere fiir die vom geehrten Ausschuß angefochtene Stelle gedankt, und ein angesehener Rechtsanwalt jüdischen Bekenntnisses war es, der in Bodenbach eine zustimmende und mich ehrende Resolution beantragte. Nach alledem muß es mir doch scheinen, als wäre die von mir ausgesprochene Idee nicht so völlig undiscutirbar, wie sie der geehrte Ausschuß hinstellt, und ich sehe mich genöthigt, demselben das Recht zu bestreiten, mir „grundlose Insinuationen" vorzuwerfen. Mit vorzüglicher Hochachtung Dr. August Fournier Reichsraths- und Landtagsabgeordneter. Grundlsee, den 15. August 1896." Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. LIV. Obgleich räumlich die Entfernung zwischen Budapest und Wien eine sehr geringe ist sich machte die Fahrt im Luxuszuge in etwa 5 */2 Stunden), so ist der Unterschied zwischen den zwei Metropolen — der von Eis- und Transleithanien — ein gar gewaltiger, ein so bedeutender, daß man seinen Sinnen nicht trauen möchte, nicht glauben will, daß eine solche Differenz denkbar ist. Es däuchte mir, als ob ich im Verlause dieser wenigen Stunden Eisenbahnfahrt in eine ganz andere Welt versetzt worden, in welcher diametral entgegengesetzte Lebensanschauungen, als die, welche ich soeben kennen gelernt hatte, dominiren. Ich mußte mir förmlich die Augen reiben, in die Arme zwicken, um an die Realität dieser Metamorphose zu glauben. Man sagt, daß es irgendwo im Stillen Ocean eine Insel gab, die durch einen hohen Berg in zwei gleiche Theile getheilt ist. Es genügte, diese Hügelkette zu übersteigen, um aus dem blühenden Sommer in den starren Winter und via« veysa ju gelangen. Ich weiß nicht sicher, ob eine derartig beschaffene Insel wirklich existirt. Indem ich jedoch durch einen mit rasender Geschwindigkeit dahinjagenden Eisenbahnzug aus der ungarischen Metropole in die österreichische versetzt wurde, mußte ich an obiges sagenhafte Eiland denken, das sich in anderer Gestalt vor meinen Augen präsentirte. „'s gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien". Dieser alte Refrain, auf den die Wiener einst nicht wenig stolz waren, bewährt sich auch jetzt. Freilich in ganz entgegengesetztem und für die Bevölkerung der Kaiserstadt an der schönen blauen Donau nicht sonderlich schmeichelhaften Sinn. Denn in der That gibt es keine einzige Stadt auf dem Erdboden (meine geliebte Heimat nicht ausgenommen), in welcher sich so wüste Orgien abspielen, wie in Mitte der Cultur, so viele Großthaten der Barbarei sich vollziehen und wo man an die Genauigkeit des Kalenders zu zweifeln beginnt, der unverfroren sich zu der kühnen Behauptung versteige, daß blos vier Jahre uns vom zwanzigsten Jahrhundert trennen, an dessen Schwelle wir zögernd stehen, während in der That man sich ins Mittelalter, in die Zeit der Kreuzzüge versetzt wähnen dürfte. .. Das gemüthliche anheimelnde Leben, das ich vor vielen Jahren während eines längeren Aufenthaltes in Wien zu beobachten und zu schildern Gelegenheit hatte, und welches eine so gewaltige Anziehungskraft für den Fremden war und einen steten großen Zufluß von auswärtigen Touristen zur Folge hatte, ist ganz verschwunden und hat einen gegenseitigen Antagonismus Platz gemacht. Anstatt der früheren Eintracht, die so traulich auf den Fremden wirkte und ihm den Aufenthalt in der Kaiserstadt so angenehm machte, ist Haß und Feindschaft, Erbitterung und Mißtrauen eingezvgen. Es ist ein Krieg Aller gegen Alle, ein erbitterter unaufhörlicher, nicht rastender Kampf, der gegenseitige Vernichtung anstrebt. Man betrachtet sich gegenseitig mit unverhohlenem Mißtrauen, mit offener Feindseligkeit, da man überall Verrath wittert, in Jedem den Gegner, wenn nicht in der Gegenwart, so doch in der Zukunft sieht. Kein Wunder, daß | derartige trostlose Zustände abschreckend auf den Fremdenverkehr einwirken. Die auswärtigen Touristen, die einst Wien mit Vorliebe besuchten und ihr Geld auf die angenehmste Weise daselbst verausgabten, meiden jetzt sorgfältig die österreichischen Metropole begeben sich dahin nur der Noth gehorchend, nicht dem eigenem Triebe. Denn es ist wirklich kein Vergnügen, sich in einer Stadt aufzuhalten, deren Bevölkerung kampflustig einander gegenübersteht, denn bei den häufigen Reibungen die da Vorkommen, kann man leicht in Mitleidenschaft gezogen werden und genügt es oft eines etwas jüdischen Aussehens, um sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen. Daher stehen auch die Hotels in Wien während der Reisesaison, wo sich die große Fluth von , Touristen aus dem Norden und Osten nach dem Süden und Westen ergießt, fast ganz leer, wie ich Gelegenheit hatte, mich im Grand Hotel, wo ich logirte, wie auch in anderen großen Comparserien, zu überzeugen. Eine etwas gebogene Nase und dunkles Kraushaar genügt, um den Besitzer dieser semiti chen Symptome der Gefahr auszusetzen, vom süßen Mob, wie ihn Lueger und Consorten großgezogen, gehänselt zu werden. Darüber kann ich eine kleine köstliche Episode erzählen, die werth ist, der Vergangenheit, der sie sonst anheimfallen dürfte, entrissen zu werden. Und es wäre doch wirklich schade, da dieses Jncident die verfahrenen Wiener Zustände der Gegenwart ziemlich treffend charakterisirt. Mit einer aus Budapest auf der Rückkehr nach der Heimat begriffenen Gruppe russischer Journalisten machten wir auf der Zahnradbahn einen Ausflug nach den: Kahlenberge und ergötzten uns an dem sich von der Höhe bietenden, wirklich entzückenden Anblicke, den Wien von der Vogelperspective bietet. Da lag zu unseren Füßen dieses bunte Häusergewürfel im üppigen Grün und dazwischen schlängelt sich gleich einer breiten Silberader der Donaustrom. In unserer Gruppe befand sich auch einer der hervorragendsten Mitarbeiter der stark in Antisemitismus machenden Zeitung „Nowoje Wremja", ein recht talentvoller und ziemlich bissiger Journalist in echt und unverfälschter slavisch-orthodoxen Wolle gefärbt, der aber durch eine seltsame Ironie des Schicksals ein prononcirt jüdisches Aussehen hat. Es ist