Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 34 (21.8.1896)
- Date
- 1896-08-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 672 Dr. Vloch's Vochenfchrifi Nr. 34 Welt schaffen und Dinge, die er nie gesagt, an ihre Stelle setzen können? O, der Paragraph 19 hat eine große, unermeßliche Bedeutung für die antisemitische Aera und ein späterer Geschichtsforscher wird sie vielleicht einfach die Aera des Paragraph 19 nennen. Kein Tag ohne Berichtigung. Heute berichtigt Dr. Lueger, morgen Strobach, übermorgen Dr. Neu mayer und so geht das fort und die einzige Abwechslung besteht darin, daß sie manchmal alle zusammen an einem Tage den armen, abgemüdeten, abgehetzten Paragraph 19 besteigen, um einen Ritt in's romantische Land zu unternehmen, wo die Grenzen von Wahrheit und Dichtung ineinanderfließen. An dem erhabenen Beispiel der Großen hat sich offenbar auch Dr. G e ß m a n n gebildet, auch er berichtigt, so oft er nur kann, oder richtiger, er berichtigt auf alle Fälle. So sendet uns Herr Dr. G e ß m a n n mit Berufung auf den Paragraph 19 Folgendes: Wien, 7. August 1896. Herr R e d a c t e u r! Auf Grund des § 19 des Preßgesetzes ersuche ich um Aufnahme folgender Berichtigung der in Jahrgang XI!!., Nr. 31 von Dr. Bloch's „Oesterreichischen Wochenschrift" vom 31. Juli 1896 enthaltenen, meine Person betreffenden Unrichtigkeiten: Es ist unwahr, daß „meine Schwester die Gattin eines Juden ist." Es ist deshalb auch unwahr, daß „meine Schwester sich der Aufgabe geweiht hat, zur Verjudung des Antisemitismus Alles zu thun, was in der Macht eines Weibes steht." Es ist unwahr, daß „der Gatte meiner Schwester, der Vater meiner Neffen und Nichten, du Jude ist." Es ist daher auch unwahr, daß „mein Schwager ein ungarischer Jude ist." Es ist daher auch unwahr, daß „mein Schwager ein magyarisirter Jude ist." Es ist somit weiters unwahr, daß „mein Schwager ein sogenannter 50 Kreuzer-Magyar ist, der seinen echten unverfälschten Namen Rosenzweig gegen „diesen" geringen Betrag in einen wohlklingenden ungarischen Namen eintauschte." Es ist ebenso unwahr, daß „mein Schwager überdies der Sohn eines tüchtigen Talmudgelehrten ist und daß er in nahen verwandtschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Mitgliedern der Wiener Journalistik steht." Es ist deshalb auch unwahr, daß ich in verwandtschaftlichen Beziehungen zu jüdischen Journalisten stehe." Wahr ist vielmehr, daß mein Schwager, Herr Dr. Leopold Konvolina, k. k. Landesschul-Jnspector und Ritter des Ordens der Eisernen Krone, rein arischer Abstammung aus dein österreichischen Kronlande Mähren ist. Dr. Albert G e ß m a n n Reichsrathsabgeordneter und Gemeinderath der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien. Herr Dr. Geßmann, der in der jüngsteil Zeit nur mit Angst und Scheu Gesinnungsgenossen begegnete, fühlt sich nun leichter. Er athmet wieder auf, seil: Auge blickt wieder heiter, er stottert wieder so unbefangen wie je. Auf die Gefahr hin, dieses harmonische Gleichgewicht stören zu müssen, richten wir doch an Herrn Dr. Geßmann einige Fragen, deren Beantivortnng lvir ihm, zu unserem aufrichtigen Bedauern, nicht schenken können: Kennen Sie, Herr Dr. Geßmann, wirklich nicht einen Gyula Rosenzweig, der früher Cassier beim deutschen Theater war, jetzt den magyarisirten Namen Gyula Rozsa trägt und Cassier bei der ungarischen Oper ist? Steht der Mann Ihnen wirklich so ganz ferne? Ist dessen Gattin Ihnen wirklich eine Fremde, die durch keinerlei Bande des Blutes, der Verwandtschaft mit Ihnen verknüpft ist? Erscheinen die Kinder dieses Ehepaares Ihnen wirklich völlig gleichgiltig? Haben Sie keinen Antheil an beit Regungen ihres Herzens? Dürfen sie Sie nicht mit trauten Namen anrufen? Wir können nicht annehmen, daß Sie, Herr Dr. Geßmann, der Sie noch bei Ihrer jüngsten Anwesenheit in Budapest all den Erwähnten ein Zeichen aufrichtiger, verwandtschaftlicher Herzlichkeit gaben, plötzlich ein Anderer geworden wären. Deshalb möchten wir vor Allem, daß Sie zur besten Jllustrirung Ihrer Berichtigung unsere paar harmlosen Fragen beantworten. Wir erwarten Ihre Antwort und dann — reden lvir lveiter. Die Wahrheitsliebe eines Bieebürgermeiiters der Stadt Wien. Der selige Offenbach läßt in einer seiner Operetten eine groteske Persönlichkeit auftreten, einen emeritirten Seiltänzer, der die alte, süße Gewohnheit des Seiltanzens nicht lassen kann, obwohl er längst ein wohlbestallter Hausherr geworden ist und es Gott sei Dank nicht mehr nöthig hat, die alten halsbrecherischen Künste zu üben. Offenbach mit seinem semitischen Witze ist nicht mehr. So müssen denn unsere Antisemiten trotz ihres Mangels an Witz für die Erheiterung der Welt sorgen. Nichts liegt uns ferner, als einen Vicebürgermeister von Wien, vor dem wir fast so viel Ehrfurcht haben wie vor dem Bürgermeister selbst, mit einem geschickten Seiltänzer zu vergleichen. Allein Menschen, Menschen sind wir Alle, und so kann sogar ein Vicebürgermeister von Wien gewisse liebgewordene Gewohnheiten nicht lassen, obwohl er sie nicht mehr nöthig hat. Jahrelang ist man von Wirthshaus zu Wirthshaus gezogen, sich an den eigenen Phrasen berauschend, als ein „geschickter Agitator". Wer wird von einem Agitator, besonders von einem, der von gewisser Seite geschickt worden ist, verlangen, daß er den Leuten etwas Anderes sage, als was ihnen gerade eine angenehme Aufregung bereitet, was ihren Haß und Neid gerechtfertigt erscheinen läßt und ihrer Dummheit als eine sensationelle Entdeckung erscheint? Es haben ja die Agitatoren eine gewisse Aehnlichkeit mit gewissen Weinreisenden. Sie credenzen berauschende Tropfen, die nicht immer ganz echt sein sollen, und sie müssen selbst mitkosten. Wer kann sich da verwundern, wenn ihnen der Wein hie und da ein Bischen zu Kopfe steigt und sie bei dem Bestreben, neue Kundschaften zu gewinnen, mitunter Behauptungen aufstellen sollen, die — in München den „Fliegenden Blättern" Stoff zu bieten pflegen? Wie gesagt, einem Weinreisenden leichterer Qualität oder einem Agitator leichtfertigerer Sorte kann man nicht zumuthen, daß er es mit der Wahrheit gar zu streng nehme. Seine Thätigkeit ist jedenfalls eine lautere; denn sie strengt die Lungen ungewöhnlich an. Etwas Anderes ist es nun freilich, wenn den Agitationsreisenden die goldene Kette der Stadt Wien ziert. Da hört der Scherz auf. Es ist die Ehre der Reichshaupt- und Residenzstadt, welche bei jedem Worte ihres Vicebürgermeisters engagirt ist. Herr Dr. Lueger soll einmal versuchen, einem Vorstandsmitgliede der von ihm so unsäglich verachteten Wiener Cultusgemeinde eine öffentliche bewußte Lüge nachzuweisen. Es versteht sich von selbst, daß der Versuch bei ernsten Männern, die sich nicht zu Wirthshausschreiern hergeben, völlig aussichtslos ist. Der Fall ist undenkbar. So viel aber steht fest, daß ein solcher Würdenträger durch einen Sturm der Entrüstung aus dieser Versammlung hinweggefegt würde. Und nun richten wir an den Herrn Vicebürgermeister Dr. Lueger die ernste und feierliche Anfrage: Ist es wahr, daß er in der großen Münchener Antisemitenversammlung die Behauptung aufgestellt hat, „daß in Galizien die Verjudung des Bauernstandes in so immenser Weise zugenommen hat, daß nahezu 70 P e r c e n t des Grundbesitzes d e n I u d e n gehörten?" Diese Behauptung wird von seinem Leiborgan, dem „Deutschen Volksblatt", in der Nummer vom 15. August 1896 im Texte der darin enthaltenen Rede Lueger's mit angeführt. Wenn der Bericht seines Moniteurs ungenau sein sollte, so war es Pflicht und Schuldigkeit Lueger's, seine Getreuen nicht in diesem Jrrthum zu lassen, der ihrem thörichten Haß, Neid und Argwohn gegen die Juden neue Nahrung zuführen mußte. Wenn aber der Bericht exact ist, so richten wir an den Vicebürgermeister der Stadt Wien die Anfrage, mit welchem Rechte er eine im Reichsralhe in seiner Gegenwart widerlegte Behauptung den Münchenern als thatsächlich begründet aufbinden konnte? Wie durfte er, der sich als Vertrauensmann von Wien aufspielen möchte und als Vertreter des christlichen Volkes fühlt, eine in seiner Anwesenheit nachgewiesene Unwahrheit als wahr behaupten? Gehört die Lüge nach seiner Ansicht zu den erlaubten Kampfmitteln der christlichen Moral? Die nunmehr von Dr. Lueger wieder aufgewärmte Lüge von dem vorwiegend jüdischen Grundbesitze wurde vor sechs Jahren von dem Abgeordneten Türk vorgebracht und sofort von dem Abgeordneten Dr. Zucker widerlegt. In jener berühmten Rede des Abgeordneten Professor Dr. Zucker, gehalten am 7. Februar 1890, welche Jedermann in den Sitzungsprotokollen des österreichischen Reichsrathes und in Nr. 8 der „Oesterreichischen Wochenschrift" vom Jahre 1890 Nachlesen kann, heißt es unter Anderem: