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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 33 Br. Vloch's Wochenschrift. hat, der ihnen Concrrrrenz gemacht hätte. Lackenbach war der von Archimedes gewünschte Puntt: außerhalb der Welt. Außer ' Schnorrern kam in Jahren kein Fremder dahin und Satan selbst! würde es nicht ausgesnnden haben, wenn er eigens geschickt worden I wäre, es in Versuchung zu führe«, denn es hatte keine Kirche und keinen Thurm. An einem Freitag Abends brachte mein Väter die sensationelle Neuigkeit aus der „Schul" heim, es sei ein Orach in der Schlafstatt, der wie ein Doctor aussieht und, wie Haschet Liberer erzählt, gewillt ist, sich hier als Kinderlehrer niederzulassen. Während der ganzen Tischzeit wurde dann in sabbathfreudiger Stimmung über diesen Gegenstand gesprochen. Ich war schon ganze sechs Jahre alt und hatte vor Kurzem meine Gemora-Sudeh gefeiert, wenn ich also auch etwas Neumodisches lernen sollte, war die höchste Zeit dazu da. Nach dem Morgengottesdienste am Sabbathe traten in der That einige Bailebathim zusammen, um über die Aufnahme des sich durch den Liberer offerirenden Lehrers zu beratheu, und noch vor dem Mussaf-Schulgang konnten die in der Gasse stehenden Rädeln die Sache schon als perfect besprechen und bespötteln. Der Fremde war für zehn Kinder ausgenommen, sollte für jedes einen Gulden monatlich und einen Kosttag in jeder Decade erhalten, außerdem ein vollständiges Bett in der Lehrstube. Den Anfang in den Kostgängen sollte er heute schon bei uns machen, eigentlich deswegen, damit mein Vater, der Gelehrteste unter den paar Bailebathim, die sich in diesem Kinderlehrer einigten, ihn zu strenger Erfüllung seiner Pflichten, besonders daß er in religiöser Beziehung den Kindern keinen Anstoß gebe, zu ermahnen. Wirklich kam mein Vater schon zu Mittag ans der Synagoge mit diesem Gast nach Hause. Meine Mutter begrüßte ihn freundlich, ich stand in einem Winkel der Stube und betrachtete ihn. Er war ein schlanker Mann in schwarzem Gewand und einem hohen Cylinderhut auf dem Kopf, der mit seinen dünnen grauenden Haaren etwas vorgebeugt war. Das Gesicht mit der scharfen Nase und den blauen Augen war hager und glatt rasirt und der Rock war bis an den Hals zugeknöpft. Er redete mich an. Es war das erste Mal, daß ich so sprechen hörte. Unsere Schabbes-Goite redete zwar auch deutsch, aber nicht das Hochdeutsch wie er. Ich war verlegen, jüdischdeutsch'wollte ich nicht und hochdeutsch konnte ich. ihm.nicht ant- . Worten. Er sprach aber so lieb und sanft, daß ich Vertrauen zu ihm gewann und den Muth fand, zu reden, wie mir der Schnabel gewachsen war und tvir verständigten uns. Er beobachtete auch beim Essen eine Etiquette, eine Haltung des Löffels, von Messer und Gabel, die mir ganz fremd war und aß da mit einer Ungenirtheit und doch Vornehmheit, daß wir Respect vor i h m hatten, als ob e r der Wirth und w i r arme Gäste an seinem Tische wären. Er sprach mit meinem Vater, aber auch für uns verständlich, über Politik, über jüdisch-sociale Zustände, wissenschaftliches, speciell über jüdisches Wissen, daß mein Vater voll Bewunderung auf ihn blickte. Nach aufgehobener Tafel forderte mein Vater ihn auf, die anderen Familien des Verbandes zu besuchen, um das Verhältniß mit ihnen inniger zu knüpfen. Nach seinem Weggehen sprach mein Vater seine Befriedigung über diese Acquisition aus und meinte, es müsse irgend ein Geheimniß im Leben dieses Mannes sein, denn mit einem solchen Bildungsgrade wird man nicht Kinderlehrer, man müsse aber dieses Geheimniß schonen und seine Privatverhältnisse niemals berühren. Man erfuhr auch wirklich nicht, woher er kam und wie er heißt. Er wurde schlechtweg Herr Lehrer angesprochen und in dritter Person der „Kinderlehrer" und von den Melamdim und ihrem Anhang der „Moschumed" oder der „Posche-Jisrael" genannt. Er begann seine Lehrthätigkeit gleich am Sonntag nach seiner Aufnahme. Die Lehrstube war ein einzeln stehendes, seit dem Tode seiner letzten Bewohnerin, einer alten Frau, verlassenes Häuschen, aus Zimmer und Küche bestehend, das mit all seinem armseligen Mobilar von den Erben zu dem nunmehrigen Zwecke vermiethet wurde. Zwei Bretter, auf Stühle gelegt, bildeten die Bänke und zwei aneinander gerückte Tische und ein wackeliger alter Lehnstuhl an einer der Schmalseiten des Katheder, welches unser Lehrer indeß nur wenig benütze, denn er unterrichtete im Auf- und Abgehen oder im Umkreisen des Tisches und gab dabei eine wunderliche Figur mit der langen Tabakspfeife im Munde, in Hemdärmeln und dem Cylinderhut stets auf dem Kopfe, weil er kein Käppchen hatte und doch nicht baarhäuptig sein durfte. Dies besonders nicht, nachdem sein ganzer Unterricht das Hebräische als Unterlage hatte. Chumesch und mit den Fortgeschritteneren die Psalmen Jesais und die kleinen Propheten und nur an den Seite 661 Bibelvers grammatikalische Regeln, alte Geschichte und Geographie und Naturwissenschaftliches knüpfte, und selbst die Schönschreibvorlagen, die er uns machte, Verse aus den Sprüchen Salamonis waren. Anfangs war kein einziges Buch zur Uebung im Deutschen vorhanden und er mußte ganze Lesestücke in Druckform schreiben, die er aus Fabeln im Talmud selbst verfaßte. Nur die neuere politische Geographie unterrichtete er systematisch nach einem Buche, das er besaß, und als icheinmal bei Aufzählung der Orte des Oedenburger Comitakes meinem ki idlich patriotischen Schmerze Ausdruck gab, daß Lackenbach nicht genannt wird, gab er die mit wenig Worten die Stellung des Judenthums vollkommen bezeichnende Antwort: „In der christlichen Welt ist für einen Judenort kein Platz." Es war der erste Stachel des Weltschmerzes in meiner jugendlichen Brust. Es kamen von nun an Tage über mich, an denen ich träumerisch und unaufmerksam beim Unterrichte war, manchmal sogar Unlust zum Lernen zeigte und schwänzte, noch begünstigt durch die Zärtlichkeit meiner Mutter, die bei meiner geringsten Unpäßlichkeit, wirklichen oder gemachten, mich mit den Worten zu Hause behielt: „Wirst Du um einen Tag später Row werden!" War ich unachtsam, ermunterte er mich mit liebevollen Worten, die mich zu Thränen rührten; blieb ich einen Tag aus, kam er des Abends nach den allgemeinen Lehrstunden zu uns und brachte mir in erzählender Form bei, was ich versäumte. Er ging ganz in seinem Berufe auf und außer seinen Schülern schien Alles für ihn todt. Er erhielt niemals einen Brief und schickte keinen ab; er ging zu Niemanden, außer zu den Kosttaggebern zur Essenszeit, wie man eben in ein Gasthaus geht, und empfing Niemanden. Er hatte auch bei vielen Feinden keinen einzigen Freund, selbst nicht unter den Vätern der Kinder, die er unterrichtete, bei aller Anerkennung, daß er in einwandsfreier Weise seinen Beruf ausfülle. Er war Allen zu abgesonderten und vornehmen Wesens. Die' Synagoge besuchte er nur an Sabbathen und Feiertagen und das immer nur erst nach dem „Leinen", damit er nicht aufgerufen werde, und stand da niemals anderswo, als in der untersten Reihe unter den Aermsten und Schnorrern und entfernte sich noch vor Beendigung des Gottesdienstes, um von keinem gegrüßt zu werden und keinen -grüßen zu müssen. Aber, wenn er sich zeigte, war er viel vernachlässigt. Er trug zwar immer ein- und denselben Rock, der war jedoch stets auf's Reinlichste gebürstet, die Stiefel gewichst und das Gesicht glatt rasirt. Ausgaben machte er keine, außer auf Tabak, Wäsche putzen und Stiefelwichse, und er hätte selbst von seinem geringen Einkommen noch Einiges zurücklegen können, wenn er nicht den letzten Kreuzer, den er besaß, verschenkt Hütte. Die Frauen der Melamdim waren seine Hausarmen. Nach einigen Monaten war er des Kosttagessens überdrüssig. Um sich selbst verköstigen zu können, wurde ihm gestattet, einige Kinder mehr aufnehmen zu dürfen. Nun lebte er nur von Milch und Brot und wurde außer von seinen Schülern fast von Niemandem mehr gesehen, denen es allerdings, gar nicht auffiel, daß er von Tag zu Tag schwächer und kränklicher wurde, denn er hatte ihnen keine Stunde Abbruch gethan, und immer mit derselben Wärme und Freudigkeit unterrichtet. Eines Tages jedoch mußte er sie wegen Unwohlseins nach Hause schicken. Dies fiel den Eltern nicht zu sehr auf, weil man von den Melamdim her an solche Ferialtige gewohnt war, die zum Gaudium der Kinder außer den kalendarischen Ferien eintraten, wenn eine Hochzeit in der Gasse stattfand und der Melamed mit einem Theil des Brautpaares wie des Vetters-Fuhrmann- Peitschenstiel verwandt war, oder wenn sein Weib in die Wochen kam und bei anderen fteudigen und traurigen Gelegenheiten. Alls wir aber am nächsten Morgen wieder kamen, war die Küche, durch die wir gehen mußten und die so lange kein Feuer gesehen, von Rauch erfüllt und ein brenzeliger Geruch verbrannter Papiere mit Siegellack schlug uns entgegen. Im Lehrzimmer selbst fanden wir den Lehrer noch im Bette, wie schlafend, es war jedoch der ewige Schlaf — der Tod. Er mußte mit Bewußtsein gestorben sein und alle seine Documente ftüher dem Feuer überantwortet haben, um sein Geheimniß in das Grab mitzunehmen. Noch an demselben Tage trug man ihn hinaus auf den guten Ort. Nur Wenige begleiteten die Leiche, aber wir Kinder vollzählig und wahrhaft vom Schmerz ergriffen. Auf dem Rückwege konnte ich es ttotz des Grauens nicht unterlassen, durch das offene Fenster hineinzuschauen in die schau-

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