Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 660 Vr. Vloch's Wartzen;chrifL Nr. 33 Er warf einen raschen Blick auf sie. „Meinst Du es auch wirklich?", fragte er. Sein Herz klopfte heftig, als müsse es zerspringen. Blendende Farbenwogen schwammen vor seinen Augen. „Ich meine es", sagte sie ernst und ruhig. „Glaubst Du, ich könnte Vater und Mutter gegenübertreten, wenn ich weiß, daß ich sie in's Herz treffen werde? Jeder Tag der Verzögerung wäre für mich eine Qual." Sie hielt einen Augenblick inne, von Bewegung überwältigt, die sie bisher unterdrückt hatte. Dann fuhr sie in derselben ruhigen Weise fort: „Ja, wir müssen gleich mit Allem brechen. Das soll unser letztes Peßachfest sein. Führ' mich noch heute nach Liverpool, David! Du bist mein verlobter Gatte — ich vertraue Dir." Sie blickte ihn frcimüthig mit ihren dunklen Augen an, die sich leuchtend von dem blassen Gesicht abhoben. Er schaute in diese Augen, und ein Blitz wie aus dem inneren Himmel der Reinheit durch uckte seine Seele. „Ich danke Dir, Lcebste", sagte er mit thränenschwerer Stimme. Sie gingen schweigend weiter. Worte waren ebenso überflüssig, wie unpassend. Als sie wieder sprachen, klangen ihre Stimmen ruhig: der Friede, welcher einem festen Entschluß entspringt, war ihnen endlich zu Theil geworden, und beide waren voller Freude in dem Bewußtsein, daß sie etwas Großes für ihre Liebe wagten. Während Hanna in der grauen Kühle des bewölkten Morgens von der geschwätzigen Menge in den mißduftigen Gassen des Ghetto herumgestoßen wurde, meinte sie in einem Zaubergarten zu wandeln und den Duft der Rosen der Liebe zu athmen, gemischt mit der scharfen Salzluft, die von dem Meer der Freiheit herüberwehte. Ein ftisches, neugeseguetes Leben wähnten sie vor sich; die zähen Nebel der Vergangenheit wälzten sich endlich fort. „Wann kannst Du fertig sein?", ftagte er, ehe sie sich trennten. „Jederzeit", antwortete sie. „Ich kann nichts mitnehmen, ich wage nicht zu packen. Ich werde wohl alles Nothwendige in Liverpool bekommen. Ich kann blos Hut und Mantel mitnehmen." „Aber das genügt", sagte er innig. „Ich will nur Dich." „Ich weiß es, Lieber", eutgeguete sie leiste „Wärst..Du wie die anderen jungen Leute, so könnte ich nicht alles Andere Deinetwegen aufgeben." „Du wirst es nie bereuen, Hanna", sagte er, bis in's Innerste bewegt, da der volle Umfang ihres Liebesopfers ihm aufdämmerte. Er selbst war ein unsteter Wanderer auf Erden, aber sie riß sich aus tiefen Wurzeln im Heimatboden und von den Sitten chres Kreises und ihres Geschlechtes los. Wieder durchzuckte ihn ein Gefühl von Unwürdigkeit, ein plötzlicher, ängstlicher Zweifel, ob er auch edel genug sei, um ihr Vertrauen zu lohnen. „Ich denke, mein Packen und meine sonstigen Anordnungen werden den ganzen Tag in Anspruch nehmen", fuhr er, seine Bewegung beherrschend fort. „Ich muß meinen Banquier aufsuchen, wenn auch sonst Niemand Anderen. Ich nehme von Keinem Abschied, das würde nur Argwohn erregen. Um neun Uhr bin ich an der Ecke Deiner Straße. Dann kommen wir zum Zehn Uhr-Expreßzug zurecht. Wenn wir den verfehlen, müssen wir bis Mitternacht warten. Es wird dunkel sein, Niemand wird mich bemerken. Ich werde einen Toilettekasten für Dich kaufen und sonst noch Alles, was mir einfällt, und zu meinen Sachen Zacken. „Gut", sagte sie einfach. Sie küßten sich nicht, sie reichte ihm die Hand und in einer plötzlichen Eingebung schob er ihr den Ring, den er am Tage vorher gebracht hatte, an den Finger. Die Thränen schossen ihr in die Augen,: als sie sah, was er gethan hatte. Wie durch einen Nebel blickten sie sich an und fühlten sich fester verknüpft, als sie es je durch Menschenhände hätten werden können. „Leb' wohl!" stammelte sie. „Leb' wohl!" sagte er. „Also um Neun!" „Um Neun", hauchte sie und eilte fort, ohne sich umzuschauen. Es war ein harter Tag; die Minuten verwandelten sich zögernd in Stunden, die Stunden schleppten sich langsam weiter der Nacht zu. Das Wetter war ein typisches Aprilwetter, Regenschauer und Sonnenscheiir in launischer Abwechslung. Als es gegen Abend ging, legte Hanna für das Fest ihre besten Kleider an, stopfte ein paar kostbare Andenken in ihre Taschen und steckte das Bild ihres Vaters zu dem ihres Geliebten in die Brust. Dann hing sie einen Reisemantel und einen Hut auf seinen Sachen neben der Flurthür, um sie zur Hand zu haben, wenn sie das Haus verließ. Sie war an diesem Tage in der Küche von wenig Nutzen, aber ihre Mutter war zärtlich gegen sie, da sie ihren Kummer kannte. Von Zeit zu Zeit ging Hanna in ihr Zimmer, uni einen letzten Blick auf die Gegenstände zu werfen, deren sie so überdrüssig geworden war. Das kleine eiserne Bett, der Schrank, die eingerahmten Lithographien, das Waschzeug mit seinem Blumenmuster, Alles kam ihr jetzt, wo sie es zum letztenmal sah, seltsam theuer vor. Hanna nahm alles in die Hand, selbst das kleine Brenneisen und die Pappschachtel mit dem Restchen von Band, Spitzen und zerdrückten Blumen, die Fächer mit den gebrochenen Rippen, die Mieder mit den gebrochenen Federn, die Unterkleider mit den unsaubern Krausen und die zwölfknöpfigen Ballhandschuhe mit den schmutzigen Fingerspitzen. Sie hätte gern einige Bücher, besonders ihre Schulprämien mitgenommen, aber das konnte nicht sein. Auch das übrige Haus ging sie von oben bis unten durch; das machte sie schwach, aber sie konnte den Impuls des Abschiednehmens nicht unterdrücken. Zuletzt schrieb sie einen Brief an ihre Eltern und verbarg ihn unter ihrem Spiegel; denn sie wußte, daß sie das Zimmer nach Spuren von ihr durchstöbern würden. Sie sah sich dabei neugierig an; die Farbe war noch nicht in ihre Wangen zurückgekehrt. Sie wußte, daß sie hübsch war, und bemühte sich nur nett auszusehen. Alle ihre Jnstincte waren ästhetisch: Jetzt sah sie wie eine exaltirte Heilige aus und erschrack beinahe über den Anblick. Sie hatte ihr Gesicht gesehen, wenn sie weinte, übellaunig oder finster war, doch nie hatte es einen so verhängnißvollen Ausdruck gehabt. Es war, als ob ihr Entschluß mit großen Buchstaben auf ihren Zügen stehe, damit Jedermann ihn lestu könne. Am Abend begleitete sie Pen Vater in Schul. Sie ging sonst Abends nicht oft hin, und es fiel ihr auch plötzlich ein. Gott weiß, ob sie je wieder eine Synagoge betreten würde! Der Besuch derselben gehörte zu ihrem systematischen Abschiednehmen. Reb Schemuel hielt es für ein Symptom der Ergebung in den Witten Gottes und legte schweigend die segnende Hand auf ihren Kopf. Hanna fühlte das Mißverständniß zu spät und empfand Reue darüber. Reb Schemuel betete an diesem Festabend in der großew.Synagoge; .Hanna-saß-unter den spärlichen Besucherinnen der Frauerigalerie und blickte, mechanisch in einem Machsor blätternd, zum letztenmal auf das dicht gedrängte Auditorium hinab. Die Männer saßen in hohen Cylindern und Festkleidern da. (Fortsetzung folgt.) Mein erster Lehrer. Man kannte in der Gasse zwar schon den Namen Lehrer, bezeichnete aber damit blos die Harrslehrer dreier reicher Familien, die auch sonst nicht mehr mit dem Volke lebten; die Chederhalter hießen nur Melamdim, die sich nach der Ausdehnung ihres Jüdisch-Unterrichtes, des einzigen Lehrgegenstandes im Cheder, von einander unterschieden. Es gab Melamdim fürs Dawnen, für Chumesch, für Chumesch und Raschi urrd den obersten Rang nahm der Gemara-Melamed ein. Nicht Wenige in der Gasse fühlten jedoch bereits das Bedürsniß, ihre Kinder auch in profanen Gegenständen unterrichten zu lassen, und zu diesen den Zeitgeist Ahnenden zählten auch meine Eltern bei all ihrer Frömmigkeit und trotz des Kosenamens „Mein Landrow", den mir meine Mutter beilegte. Man wollte in mir ein Genie fürs „Deutsche", unter welchem Namen alles weltliche Wissen zusammengefaßt wurde, entdeckt haben, weil ich unsere Wandbilder, grobe Holzschnitte, die vier Jahreszeiten darstellend, uachzeichnete und eine „gute Hand" eben als Zeichen eines modernen Genies galt, daß man bei mir nicht einrosten lassen wollte. Daß sich die Melamdim doch noch immer behaupteten, lag in der Angst, die man vor den „geschickten" Menschen hatte, daß sie die Kinder in religiöser Beziehung verderben könnten, dann in der Kostenfrage — die Melamdim waren Heimische, hatten die Lehrstube in ihrer Wohnung und das Unterrichten war nur ihre Nebenbeschäftigung, der Eine war Schames bei irgend einer Chewra, der Andere Mischnajos-Lerner in Trauerhäusern, ein Dritter Mazewesstecher u. s. w. Wie sollten aber einige Familienväter einen modernen Lehrer erhalten können, für den inan erst eine Stube mit Tisch und Bänken und einem Bette besorgen muß und der wahrscheinlich auch besser lebt, als so ein Melamed und daher mehr bezahlt haben will. Das größte Glück der Melamdim war jedoch, daß sich kein moderner Lehrer eingestellt