Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 Sette 655 Dr. Blorh's Wortzrnsttzrifr. Die Antwort lautete: „Friedrichsruh, 2. April 1896. Ans Ihr Schreiben theile ich ergebenst mit, daß meine Instructionen mir nicht gestatteil, Seiner Durchlaucht dem Fürsten Gesuche mit Anlagen vvrzulegen, deren Rücksendung verlangt wird. Die vorhandenen Hilfskräfte reicheil nicht ans, alle Eingaben zu beantworten. Secretariat des Fürsten v. Bismarck". — So was sollte ein Jilde thnn, der nur einen Theil der Millionen besäße, die Bismarck sein nennt! Hieronymus Lorm. Am 9. August d. I. feierte Hieronymus Lorm seinen 75. Geburtstag, und der Veteran der literarischen Kritik in Oesterreich ist es wohl werth, daß man dieses Tages auch in der Oefsentlichkeit gedenkt, zumal, da es ungefähr zur selben Zeit 50 Jahre wird, daß Lorm seinen stürmischen krititischen Erstling: „Wiens poetische Schwingen und Federn" in die damals, anderthalb Jahre vor den Märztagen, so recht gewitterschwüle Welt schleuderte. Für Alle, die da wissen, mit welch großen körperlichen Schwierigkeiten Hieronymus Lorm seitseinen Jünglingsjahren zu kämpfen hatte, um Wissenschaft in sich aufstapeln zu können, ist es ja fast ein Wunder, daß er seinen 75. Geburtstag nicht blos erlebte, sondern auch in solch geistiger Frische erlebte, daß er heute noch immer literarisch schaffen kann. Lorm hat die Feder noch nicht niedergelegt, wenn man bei einem Ailtor, der blind und taub, seit vielen Jahren aufs Dictiren seiner Gedanken angewiesen ist, vom Führen der Feder reden darf. Sein Gehör verlor Lorm schon als Jüngling, die Augen waren ihm auch schon frühzeitig geschwächt und erblindeten allmälig. Nur durch ein äußerst sinnreiches System von tastender Mittheilung, dem sich seine Gattin in liebevollster Hingabe widmete, verkehrt L o r m mit der Außenwelt, nimmt er den Inhalt neuer Bücher auf und theilt er den Inhalt seiner eigenen Schriften mit. Was für eine Energie mußte ursprünglich seinem Geiste iniiewohnen, welche Macht des Gemüthes mußte ihm angeboren sein, daß Lorm auf diesem Wege literarisch so viel und so Werthvolles leisten konnte! Denn er schrieb nicht blos kritische Aussätze, sondern auch philosophische Werke, Erzählungen und lyrische Gedichte. Und er hat es in seiner Produciion auch zu einer besonderen, deutlich erkennbaren literarischen Physiognomie gebracht. Seine Poesie und Philosophie ruhen ans dem Grunde seiner eigenen Persönlichkeit, welche Erfahrung und Reflexion zu dem gemacht haben, was sie ist. Dieser Mann mußte als Philosoph der Quietist werden, als welcher er sich bekennt. Seine Philosophie trägt den Charakter jener schwermüthigen Güte und Menschenliebe, die dem österreichischen National-Charakter überhaupt eigen sind und in verschiedenen Schattirungen bei vielen anderen, auch den großen Dichtern, wiederkehren. Lorm hat für seine Philosophie auch eine Formel gefunden, die sich mit seiner Persönlichkeit deckt; er nennt sie die „Philosophie des grundlosen Optimismus". Es ist ein Pessimismus, der allen Berstandesurtheilen zum Trotz nicht umhin kann, zu bekennen, daß er doch den „Willen bejahe", daß das Leben selbst trotz alledem und alledem ein unschätzbares Gut ist: das erste aller Güter. L o c m, der vom Schicksal wahrhaft stiefmütterlich bedachte Denker, hätte gewiß mehr als irgend ein Anderer ein Recht auf den Pessimismus gehabt; aber er war zu ehrlich, um ihn auch nur metaphysisch zu bekennen. So steht er als Philosoph auf dem Wendepunkte zweier Zeiten, er ist einer der Mitstreiter und Mithelfer im Streben nach der Ueberwindung des Pessimismus, welches die Gegenwart von dem Geschlecht, das ihr unmittelbar vorherging, unterscheidet. Lorm hat auch nicht als Quietist begonnen. Ganz im Gegentheil I Sein obenerwähnter kritischer Erstling ist ein leidenschaftlicher Protest gegen alle jene Wiener Dichter und Schriftsteller, welche sich in der Wiener Druck- und Stickluft Metternich's und Sedlnitzky's festhalten ließen, die nicht die Kraft aufbrachten, sich loszureißen von dem undankbaren heimischen Boden und sich muthig „draußen" in Deutschland eine literarische Stellung zu schaffen. Lorm war in „Wiens poetischen Schwingen und Federn" der kritische Wortführer der neuen österreichischen Generation, die sich mit Moriz H ar 1 m amt (L or m's bestem Freunde in jener fernen Jugendzeit), Alfred Meißner und Anderen um Kuran & a's „Grenzboten" in Leipzig schaarten und in der That die österreichische Literatur aus dem Schmollwinkel herausführten, in den sie sich, mit Grillparzer an der Spitze (wegen Gervinus' ungerechter Beurtheilung), zurückgezogen hatte. Darum ist Lorm's Buch noch heute lebendig. Sind auch manche Urtheile darin nicht mehr haltbar — er ging zumal mit Gr il l p ar z e r's Dichtungen trotz der großen Verehrung für den Dichter gar zu scharf ins Zeug, für die griechische Romantik des Wiener Tragikers fehlte dem Modernen von 1846 jedes V'rständniß. es mußte erst Laube kommen, um sie zu neuen Ehren und für die Dauer zu bringen — so sind „Wiens poetische Schwingen und Federn" im Großen und Ganzen ein noch heute richtiges Gemälde der Wiener Literatur im Vormärz, das keiner ihrer Geschichtsschreiber wird übersehen dürfen. Wir können heute, nach fünfzig Jahren, noch ganz wohl das Gefühl der Befreiung nachempfinden, das die literarischen Menschen von 1846 bei der Lectüre dieses muthigen Erstlings empfanden, und gedenken gern der ersten literarischen That Lorm's, die seinen Namen für immer in die Geschichte des heimischen Geisteslebens einprägte. Das Glückwunschschreibe t, welches der Brünner Gemünderath an Hieronymus Lorm richtete, hat folgenden Wortlaut: „Euer Wohlgeboren! Sehr geehrter Herr Doctor! Im Aufträge des Gemeinderathes der Landeshauptstadt Brünn gebe ich mir die Ehre, Euer Wohlgcboren zu dem seltenen Doppelfeste der 75. Geburtstagsfeier und des Schriftsteller-Jubiläums, das Sie am 9. August begehen, aus das Herzlichste zu beglückwünschen. Was Sie, sehr geehrier Herr Doctor, als Dichter und Schriftsteller geschaffen, ist Gemeingut aller Deutschen geworden, Ihre Werke sichern Ihnen für alle Zeit einen Ehrenplatz in der deutschen Literatur. Aber auch Ihre Antheilnahme an jenen denkwürdigen Ereignissen, welche die Umgestaltung unseres Staatswesens im Sinne der Freiheit und des Culturfortschrittes zur Folge hatten, ist genugsam bekannt. Wenn Sir an Ihrem Jubeltage von der hohen Warte Ihrer Erfahrungen den Weg überblicken, den Sie zurückgelegt haben, dann muß Stolz und Freude Ihr Herz erfüllen, denn Sie haben nicht nur sich allein, sondern dem ganzen deutschen Volke gelebt, das in Ihnen einen seiner besten Männer verehrt. Möge es uns gegönnt sein, Sie, sehr geehrter Herr Doctor, noch lange in rüstigem, literarischem Schaffen in unserer Mitte weilen zu sehen als Vorbild für unsere Jugend, als Vorbild zu nacheiferndem Schaffen Allen, die sich die Liebe für das Schöne und Edle bewahrt haben. Das wünsche ich mit allen Mitbürgern aus vollem Herzen. Mit dem Ausdrucke der Hochachtung Dr. August von Wieser." — Der Deutsch-akademische Leseverein in Brünn, der Lorm bereits früher zu seinem Ehreumitgliede ernannt hat, ehrte den Dichter durch ein schwungvolles Glückwunsch-Schreiben. 'Weiters gratnlirten: Ferdinand von Saar, P. K. Rosegger, Graf Albrecht Wickenburg, Marie von Ebner- Eschenbach, Paul Lindau, Professor Ludwig Pietsch in' Berlin. C. von Lützow im Namen der Literarischen Gesellschaft in Wien, Dr. Emil Reich als Schriftführer der Grillparzer-Gesellschaft ihrem Ehrenmitgliede, Dr. Landau. Vice-Bürgermeister Roh rer, die israelitische Cultusgemeinde in Brünn, Superintendent Dr. H aase, Bortragsmeister Alexander S Irak o sch und viele andere Persönlichkeiten aus literarischen Kreisen. Der Geburtstagstisch des Jubilars war mit zahlreichen Blumenspenden und Geschenken überhäuft. Correspondenzen. Wien. (Eine wackere Thal.) Zur letzter! Unwetter - Katastrophe erfahren wir noch von einer ebenso schönen als wackeren That, die umsomehr dem Orkus der Bergessen heit entrissen zu werden verdient, als die handelnde Person mit diesem Blatte in einem gewissen Contact steht. Wie bekannt, wurden bei diesem Unwetter auch Wohnungen und Geschäftslocale der Lerchenfelderstraße unter Wasser gesetzt So auch die Wohnung der Hausbesorgerin Christine W i tz m a n n, VII., Lerchenfelderstraße s)lv. 51. Mit elementarer Gewalt wälzten sich die Fluthen durch Thüren und Fenster in die Behausung der Aermsten und im Nu schwammen sümmtliche Einrichtungsgegenstände in Zimmer und Küche umher und die vor Schreck erstarrte Hausbesorgerin schwebte in Lebensgefahr. Verblüfft durch die Fürchterlichkeit und Plötzlichkeit des Unglücks standen die Hausparteien und durch den Lärm herbeigelockte Nachbarn und Passanten händeringend und jammernd da. In diesen! überaus kritischen Momente war es der Buchdruckereibesitzer Herr Julius Be ck, VIII., Lerchenfelderstraße Nr. 46, der Drucker der „Oesterreichischen Wochenschrift", welcher die Situation richtig erfaßte, schleunigst seine Arbeiter aus dem gegenüberliegenden Geschäfte herbeiholte und im Vereine mit diesen nicht nur die arme Hausbesorgerin aus ihrer fürchterlichen Lage befreite, sondern auch all' ihre Habe in Sicherheit brachte. Herrn Julius Beck und seinem Personale sind für ihre menschenfreundliche und unerschrockene That vielfache Anerkennungsschreiben und Danksagungen zugekommeu, denen wir uns hiemit gerne anschließen. Wien. (A r i s ch e H u m a n i t ii t.) Mittwoch den 15. Juli wurde Frau Chomet über Empfehlung ihres Hausarztes im Rudolfs-Spital mit einem schweren Frauenleiden ausgenommen, und als sie an diesem und am nächsten Tage zusah, wie alle Patientinnen Kaffee erhielten und sie übergangen wurde, fragte sie die Krankenpflegerin, warum denn ihr allein nichts verabreicht wird, gab ihr diese Menschensrenndin den Rath, sich in nächster Nähe die nöthigen Ingredienzien zu verschaffen und sich in der Küche einen Kaffee zu brauen. — Bis Freitag den 17. erhielt diese arme Frau weder irgendwelche Nahrung, noch ärztliche Visite, in Folge dessen erschien ihr Mann in der Aufnahmskanzlei, um seine Frau wieder abzuschreiben. — Befragt, was ihn dazu veranlaßt, beschwerte er sich über die Jguorirung seiner Frau und bekam vom journalhabenden Arzte Liebenswürdigkeiten wie: Jüdische Bagage, verdammtes Judengesindel freches Judenvolk u. dgl. zu hören. — Zum Schlüsse wurde deui