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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-14 · 33 (14.8.1896) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
33 (14.8.1896)
Date
1896-08-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 654 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 33 beim Mißerfolge schadenfrohe Nachbarn; dort wären wir Niemand im Wege und die Insel ist leicht zu erreichen. So sehr wir die Empfindungen unserer Zionsfreunde verstehen, bis zu einem gewissen Grade theilen, so lebhaft wir das Gedeihen der jüdischen Colonien in Palästina wünschen, eine Masseneinwanderung der Juden oder gar eine staatliche Occupation des einstigen Landes Israel wird kaum der Sultan und gewiß nicht das christliche Europa zugeben. Wozu wollen wir uns ermüden in der Jagd nach dem Unmöglichen! Suchen wir lieber für die Colonisation nach Länderstrecken, die einmal nahe liegen und wo wir sodann die Eifersucht der Völker nicht zu fürchten haben. Vom Jahrmarkt des Lebens. Die „Berjudring" Oesterreichs macht unglaublich reißende Fortschritte, die um so uubegreisticher sind, als ja die antisemitische Bewegung stets neue „Siege" bildet, von wo aus der jüdische Einfluß auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens bekämpft werden soll. Es ist unbegreiflich, aber das ändert nichts an der Thatsache. Zuerst war blos die liberale Partei verjudet. Tann erfuhr die staunende Welt, daß die Socialdemokraten verjudet seien; die christlich-socialen Blätter schrieben immer nur mehr von „Juden-Socialdemokraten". Dann erhoben die Deutschnatronalen die fürchterliche Anschuldigung, daß die Redaction der „Reichspost" verjudet sei. Als die Millenniumsausstellung in Budapest und der Ausgleich mit Ungarn in Sicht kamen, erfuhr man, daß die zweite Hälfte der Monarchie ganz verjudet sei. Das Schrecklichste war aber damit noch nicht über Oesterreich hereingebrochen. Alle Hoffnung auf eine Rettung vor der Berjudung ist erst verschwunden, seit dem die Deutschnationalen mit den Christlich-Socialen in Streit gerathen sind, Herr Schönerer gegen den Willen Bergani's für den Reichsrath kandidirt werden soll und in Niederösterreich Parteigänger der „Ostdeutschen Rundschau" gewählt werden wollen. Das hat nämlich die Christlich-Socialen gezwungen, die Deutschnationalen als — verjudet zu demaskiren. Während Herr Pater Opitz von der „Reichspost" vor einiger Zeit blos den Herrn Wolf von der „Ostdeutschen Rundschau" als Juden hingestellt hatte, mußte er sich heute entschließen, „die Heilobrüder der Wolf-Schönerer- Couleur" zu „antisemitischen Ehrenjuden" zu ernennen, ihre „großen Verdienste um die Erhaltung der j ü d i s ch e n Oberherrschaft" sestzustellen und sie zu den „Hilfstruppen des Judenliberalismus und der jüdischen Socialdemokratie" zu zählen. Mein Gott, mein Gott, jetzt ist selbst Schönerer schon ein Judenknecht — o, du armes Oesterreich, wie sollst du da vom „jüdischen" Joch erlöst werden? Diserete Berichterstattung. Das „Deutsche Vvlksblatt" geht in seiner Diskretion manchmal zu weit. Es verschweigt so die interessantesten Dinge. So berichtete das Bergani-Blatt neulich: Herr Dr. L u e g e r habe sich veranlaßt gefühlt, bei dem Festmahle am sonntägigen „Jubelfest" eine Rede zu halten, die „als Abwehr der unberechtigten Angriffe der Gegner auf die jetzige Gemeindeverwaltung eine erhöhte Bedeutung hat". Herr Bergani versichert sodann, Dr. Lueger habe „die Iülsfälle der Gegner hinsichtlich der Salvator-Medaille an Herrn P f i st e r widerleg t". Nun wird wohl Jeder neugierig sein,?u erfahren, wie und wodurch Dr. Lueger diese Ausfälle widerlegte. Aber davon erfährt man kein Sterbenswörtchen. Die discrete Berichterstattung Bergani's begnügt sich, mit der Versicherung, Lueger habe die Ausfälle widerlegt! Das ist sehr bequem. Das Lueger-Baterunser. Wir haben bereits über die neuesten Erzeugnisse der antisemitischen Literatur berichtet, welche unter dem Namen „Lueger-Vater u n s e r" und „Lueger-Glaube n" seit einiger Zeit massenhaft colportirt werden. Die ebenso dummen als ftechen Parodien dec beiden Gebete erfreuten sich einer sehr großen Popularität — als Curiosum sei daran erinnert, daß auch der Selbstmörder vom Stefansthurm ein Exemplar derselben in der Tasche hatte — und noch beim „Fest der drei Bürgermeister" am letzten Sonntag fanden sie unter den ftommen Christlich - Socialen reißenden Absatz. Nun ist den Herren aber das Vergnügen verdorben worden; das gestrige Amtsblatt der „Wiener Zeitung" veröffentlicht folgendes Erkenntniß: „Im Namen Sr. Majestät des Kaisers? Das k. k. Landesals Preßgericht Wien hat auf Antrag der k. k. Staats.nwaltschaft erkannt, daß der Inhalt des Druckwerkes (Flugblatt), enthaltend das sogenannte „Lueger - Vaterunser", beginnend mit „Vater unser L u e g e r", endigend mit „I u d e n g e s i n d e l", und den sogenannten „L u e g e r - G l a u b en", beginnend mit „I ch glaube an D r. L u e g e r", endigend mit „e w i g e s Leben A m e n" (ohne Angabe eines Druckortes, Druckers und Verlegers) das Vergehen nach § 303 St.-G. (Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religions-Genossenschaft) begründet und es wird nach § 493 St.-P.-O. das Verbot der W e i t e r v e r b r e i t u n g. dieser Druckschrift ausgesprochen, die von der k. k. Staatsanwaltschaft verfügte Beschlagnahme nach § 489 St.-P.-O. bestätigt und nach § 37 P.-G. auf die Vernichtung der saisirten Eremplare erkannt. Wien, am 3. August 1896". Humor". Von einem Freunde unseres Blattes erhalten wir nachstehende Zuschrift: „In Hernals,Calvarienberggasse 46, besteht ein Verein, der den anziehenden Namen „Humor" führt und es als seinen Lebenszweck erklärt, arme Kinder zu bekleiden. Zu diesem Behufe werden Juden brieflich und auch durch Deputationen eingeladen, dem Vereine beizutreten. Das Geld der Inden wird also anstandslos genommen. Aber ich möchte gerne wissen, ob auch von diesem Gelde die Biisten von Lueger und Schönerer gekauft wurden, welche das Vereinslocal zieren. Ein Verein, der arme Kinder bekleiden soll, könnte auf solche Ausgaben vielleicht überhaupt verzichten, und dies vielleicht umso eher, als Lueger und Schönerer gewiß gekränkt wären, wenn sie erführen, daß auch „jüdisches" Geld zu ihrer Ehrung verwendet wurde. Vielleicht werden es sich aber auch die Juden in Zukunft überlegen, ob sie mit ihrem Gelde für den antisemitischen -- Humor wirken sollen". Losker — Sieger im Nürnberger Schachturnier. Das Nürnberger Schachturnier wurde unlängst zu Ende geführt. Den ersten Preis, bestehend in einem Betrage von 3000 Mark und einer von dem Pcinzregenten gespendeten Ehrengabe, gewann Laster mit 13'/- Points, den zweiten Preis in der Höhe von 2000 Mark gewann M a r o c z y mit 127- Points. Ein Zeichen der Zeit. Die Firma Perl & Weil hat bisher die Tuche für den Bedarf der Commune geliefert. Mit der neuen Aera ist auch das anders geworden. Nicht etwa, daß die Firma durch die minderwerthigen Lieferungen sich das Vertrauen der neuen Machthaber verscherzt hätte. O nein, auch Dr. Lueger hat die Reellität der Maaren anerkannt, aber gleichzeitig hinzugefügt: „Aber jetzt ist's aus mit den Lieferungen!" In der neue:: Aera hat sich eben mix eines nicht geändert: die I u d e n müssen Steuer zahlen, wie die C h r i st e n, da sind sie gleichberechtigt. Im Erwerbe jedoch werden sie auf Schritt und Tritt gehemmt und beengt. Das nennt nian antisemitische Objectivitüt uitb Gerechtigkeit. „Au Precision.“ Der „Kikeriki", dieses alberne Antisemitenblatt, welches den Witz durch Rohheit zu ersetzen bestrebt ist, bringt allwöchentlich eine Ankündigung der Uhrmacherwerkstätte „Au PrecisioH“ — die einem Juden gehört. Man weiß in diesem Falle wirklich nicht, wessen Vorgehen das größere Staunen hervorzurufen geeignet ist: das des Juden, der bei einem solchen Hetzblatte inserirt oder das des Antisemitenblattes, welches für Geld auch dem Juden Reclame macht. Bismarck der Freigebige. Von Bismarck, dem Stolze Deutschlands, wird der „Frankfurter Zeitung" geschrieben: Der Bergmann Josef K a m p v f s k i hatte am 1. April 1895 zur Feier des Bis m a r ck'schen Geburtstages auf der Zeche „Ludwig" bei Rellinghausen im Aufträge seiner Arbeitgeber einen Pöller abgeschossen. Der Schuß explodirte und zerschmetterte dem Kampvfski die rechte Hand, die abgenommen werden mußte. Der arme Krüppel erstritt sich erst nach mehreren Monaten eine Rente von 376 Mark 60 Pfennig. Das Gericht nahm, entgegen der Knappschaftscasse, an, daß die Zeche, wie alle anderen industrieller: Werke, an dem Geburtstage des Fürsten g e w o h n h ei t s g e m ä ß gefeiert habe, und daß der Bergrnann, der auf Befehl von Zechbeamten die Pöllerschüsse abgegeben hat, im Betriebe verwundet worden sei, und billigte ihm jene Unfallsrente zu. Grlte Freunde sagten ihm nun, Fürst Bismarck werde, da das Unglück bei der Feier seines Ehrentages geschehen sei, sicherlich gern bereit sein, ihm ein k l e i n e s Schmerzensgeld zu zahlen. Kampofski richtete demgemäß ein Bittgesuch ar: den Fürsten und legte die Beweise dafür bei, daß er bei der Bismarck-Feier zum Krüppel geworden ist. —

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