Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Vloch's WochrnphrM Seite 653 Port des Mittelländischen Meeres auch nur noch eine Frage der Zeit. Es sind schon sehr wichtige Schritte in dieser Richtung gemacht worden, und, wenn nicht alle Aussichten trügerisch sind, dann werden die Anfangsarbeiten nicht mehr sehr lange ans sich warten lassen. Wie man sieht, ist das Tagesinteresse von verschiedenen Seiten, in verschiedener Absicht dem heiligen Lande zugewendet, dem entschieden noch eine große Zukunft brvorsteht. Ja, unsere herrlichen Propheten können sich unmöglich geirrt haben. Seine Majestät der Sultan hat seinen jüdischen Unterthanen einen neuen Beweis seines Wohlwollens und seiner Huld gegeben, indem er drei unserer Glaubensgenossen anszeichnete. Herr Doctor S. Schwarz erhielt den Medjidje-Orden III. Classe. Diese Auszeichnung ist eine wohlverdiente und sie hat sicherlich Niemanden so überrascht, wie den, dem sie zu Theil wurde. Herr Dr. Schwarz kann auf eine 25jährige Thätigkeit zurückblicken und stolz sein auf die Erfolge, die er erzielt. In seiner Wirksamkeit als Arzt hat er Juden wie Nichtjuden viel Gutes erwiesen. Darum ist denn auch die Stellung, die er im öffentlichen Leben einnimmt, eine sehr ehrenvolle. Die Anerkennung seiner Glaubensgenossen hat er schon längst besessen, indem er langjähriger Präsident der hiesigen deutschen Gemeinde war. Nun ist er, w.-nn ich nicht irre, Ehrenmitglied derselben. Herr Dr. Schwarz gehört auch sonst allen hiesigen jüdischen Vereinen an, und dieser Umstand muß ihm umsomehr zur Ehre und zum Ruhm gereichen, als seine Anwesenheit, sein Mitwirken überall Erfolge aufweist. Wenn nun der Sultan Herrn Dr. Schwarz einen solchen Gunstbeweis hat zukommen lassen, so geschah es nur in Würdigung seiner Verdienste die — man ist hier dessen überzeugt — groß und zahlreich sind. Deshalb hat diese Decoration auch den besten Eindruck gemacht und den größten Beifall hervorgerufeu. Meine herzlichsten Glückwünsche. Auch eine jüdischeFran hat der Großherr der Türkei in hohem Grade ausgezeichnet. Doch ist es nicht das erste Mal, daß diese Dame die Gunst des Kaisers erfahren. Die Gemalin des Leibarztes des Sultans, Herrn Dr. Elias-Pascha, hat von Seiner Majestät den Großcordon des Schesakat-Ordens erhalten. Diese wirklich große Auszeichnung hat Frau Elias-Paschr indessen durch ihre unausgesetzten Anstrengungen, ihren Nächsten Gutes zu thun, wohlverdient. Sie gehört mehreren Wohl1hätigkeitsv:reinen an, und ein großer Theil der Gaben ist nicht selten ihrer Cassette entnommen. Neulich noch hat sie dem Armenasyl ein Geschenk von 50 Pf. Sterl. gemacht. In dritter Reihe will ich einer anderen Auszeichnung gedenken, die Seine Majestät der Sultan einem Jsraeliren erwiesen. Herr Dr. Jacques Bey Nissim. der berühmte Operateur des dritten Armeccorps in Salonich, ist in Anerkennung seiner hohen Verdienste um den Staat zum Brigadegeneral befördert worden. Derselbe ist einer der geschicktesten Armeeärzte. Nachdem er aus's Glänzendste sein? Prüfung an der kaiserlichen medicinischenFaeultät in Constautinopel bestanden, ist der neue Pascha nach seiner Heimatsstadt, nach Salonich, gesandt worden, wo er während 18 Jahren in voller Hingebung der Regierung die treuesten Dienste erwiesen. Dank seiner hohen Fähigkeiten und besonders durch seinen leutseligen Charakter hat er sich die Hochachtung und die Zuneigung aller Welt zu erobern gewußt. Ueberall besitzt er nur aufrichtige Freunde, die sich glücklich schätzen, von der hohen Auszeichnung, die ihm durch Seine Majestät den Sultan zu Theil wurde, vernommen zu haben. Für Herst und seine Pläne! Dr. H e r z l, der begeisterte Herold des jüdischen Nationalstaates, hat gegen seine Absicht den Vertheidigern der Assimilation, des innigen Anschlusses der Juden an Cultur und Sitte des Landes, in dem wir leben, eine glänzende und scharfe Masse geliefert. Die Sprache nämlich ist das deutlichste Kennzeichen der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nationalität; nicht das blonde Haar und das blaue Auge macht den Germanen, sondern die „deutsche Muttersprache und der deutsche Mutterlaut", und wer in die Tiefen dieser Sprache eingedrungen ist, tver ihr ihre Geheimnisse abgelauscht hat, mit einem Worte, wer gut deutsch schreibt und spricht, der ist ein Deutscher, und hätte er selbst die jüdischeste Nase, das schwärzeste Haar und noch so glühende dunkle Augen. Oder ist etwa der in Frankreich geborene Chamisso kein Deutscher? Bon diesem Gesichtspunkte ist es mehr als ein Schultriumph, als ein Borzug der jüdischen Köpfe, tvenn an höheren Lehranstalten die jüdischen Schüler gewöhnlich gute Aufsätze schreiben; es ist eine bekannte Sache, daß ein jüdischer Gymnasiast selten bei der Abgangsprüfung im deutschen Aufsatz scheitert, was manchen blondlockigen Urgermanen häufig passiren soll. Das ist nicht nur ein Zeugniß, daß diese jüdischen Jungen das Wichtigste, wozu unsere Schule anleitet, nicht versäumt haben; es ist auch ein Beweis, daß das Deutschthum tief im Geiste und im Gemüth dieser Jugend wurzelt, allerdings nicht das Deutschthum frecher Radauhelden, sondern jenes, welches den deutschen Namen zu einem gefeierten in der ganzen Welt gemacht hat, das indeß auch die heftigsten politischen Feinde der Deutschen nie zurückgewiesen haben, nie zurückweisen dürfen. Aber diese Schrift Herz l's, die zum Auswanderu ladet, ist in einem nleisterhaften deutschen Stile abgefaßt, jeder Freund der Assiinilation kann auf sie Hinweisen: „sehet, so ist dieser Mann mit deutschem Wesen umwoben, daß ihm die Sprache ein williges Instrument ist. um Alles auszudrücken, was seine Seele bewegt; wer in aller Welt ist ein Deutscher, tvenn nicht dieser?" In einer Zeit, tvo unsere Zugehörigkeit zum deutschen Bolke angezweiselt, angefochteu wird, wäre ein schlechter Stil ein Argument mehr für unsere Gegner, wie denn das Mauscheln einiger jüdischer Scribenten uns in der That schadet, ist ein guter Stil der Juden, möge nun der Inhalt der Schriften sein, welcher er wolle, eilt gar nicht verächtliches Argument für unser gutes Recht. Sv kann das Eintreten H e r z l's in den Kampf des Tages auch Denen erfreulich sein, die diesen dentschetl Boden als ihre Heimat betrachten, die ans Auswanderu nicht denken, die, so lange die rohe Gewalt nicht dazu zwingt, den Wanderstab zn ergreifen, sagen: hier bin ich und hier bleibe ich. Wir verstehen, offen gestanden, die heiße Gegnerschaft nicht, die H e r z l gesunden hat. Es ist immer ehrend für uns, daß Männer mit warmen Herzen und scharfem Geiste sich unter uns erheben, da man doch so gerne die Inden allesammt als eine Bande selbstsüchtiger Krämer verschreien möchte. Solche edle Schwärmer werden uns in der Achtung der Welt nicht herunterbringen. Aber auch was H e r z l anftrebt, kann Einem, dem sonst seine deutsche Heimat thener ist, nicht so ganz geringwerthig erscheinen. Wird mein Deutschthum angetastet, wenn mein armer jüdischer Bruder, der jetzt darbt nnd der körperlichen und seelischen Noth fast erliegt, irgendwo im 'Ausland sein Zelt ausschlägt und dort durch Ackerbau ein menschenwürdiges Dasein gewinnt und die heiligen erblaßenden Erinnerungen Judas wieder erwärmt und belebt? Die leibliche Noth, der Hunger ist ein mächtiges Agens, aber es gibt auch im Geringsten ideale Kräfte, die die Arbeit fördern. Wir leben nicht vom Brode allein und nicht für das Brvd allein. Daß H e r z l auch diele idealen Kräfte wecken nnd in den Kampf führen will, um die armen Genossen aus dem Elend zu befreien, ist nicht Schwärmerei, sondern gut und weise. Aber weder Argentinien noch auch Palästina scheinen uns für eine massenhafte Einwanderung der Juden geeignet. Argentinien ist, wenn wir von dem spanischen Fanatismus seiner Einwohner absehen, so weit, nnd Palästina ist nicht nur uns theuer, sondern auch der ganzen Ehristeuheit. Es ist eine der bittersten Ironien der Geschichte, daß die mächtigen christlichen Völker Europas, welche die Welt beherrschen, es dulden müssen, wie die llrftätte ihrer Religion in fremden Händen ist. Nun, denken wir uns die Pläne der Zionsfreunde verwirklicht, Millionen Juden lebten im heiligen Lande, der Sultan hätte es ihnen unter gewissen Formen zum selbstständigen Besitze gegeben, Jerusalem würde von Juden besessen u n d verwalte t, wer glaubt, daß die Christen diesen Zustand ruhig ertragen werden, daß sie die ihnen heiligen Stätten willig unter unserem Regimente lassen werden? So lange die jüdische Eolonisation Palästinas eine sporadische ist, so lange werden die religiösen Leidenschaften der Christen dadurch nicht gestört; aber so heiß auch die Sehnsucht vieler Israeliten ist, gerade aus dem alten heiligen Boden die alte 'Arbeit der Väter, den Ackerbau, wieder auszunehmen und auf den Höhen Zions das Banner Judas zu entfalten, wir fürchten, die sich solchen schönen Träumen hingeben, haben die Eifersucht der christlichen Glaubensgemeinschaft nicht genügend erwogen, die die Herrschaft der Mohammedaner am heiligen Grabe nur schwer erträgt, die die Herrschaft der Juden dort nicht dulden würde. Sollen wir das schöne Streben, unsere Genossen oder einen Theil derselben zum Ackerbau zurückzuführen, solchen Gefahren aussetzen? Herr Herzl hat Verbindungen in England, in England findet sein Aufruf einen Widerhall auch in christlichen Kreisen; dort hegt man gegen das Volk des Alten Testaments ein aufrichtiges Wohlwollen; nun wohl, die Engländer sind in der Lage, es zu bethätigen. Mögen sie uns E y p e r n geben, das ihnen gehört; wenn sie die Oberhoheit über diese Insel behalten, so werden wir ihnen dafiir nur dankbar sein; daß Cypern nicht für die Millionen Juden, die im Elend schmachten, ausreicht, braucht uns vorläufig nicht anfznregen; wir können auch so nicht Allen mit einem Schlage helfen; es ist besser, das Meer um sich zu haben, als feindselige, beim Erfolge neidische,