Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 652 Br. Vlorh's WochrnlchrM Nr. 33 Ob das Elend unter den Juden in Galizien heute größer ist als je zuvor, wie Herr Eibenschitz behauptet, darüber könnten nur statistische Daten Aufschluß geben. Ohne diesen einzig maßgebenden Behelf ist eine Discussion darüber ganz unfruchtbar. Ich wäre geneigt, das Gegentheil zu behaupten, ohne es jedoch Nachweisen zu können. Ganz grundlos ist die übliche und von Herrn Eibenschütz geäußerte Meinung, es werde noch schlimmer werden. Herr Eibenschitz ist doch kein Prophet, und somit wäre es überflüssig, hinzuzusügen: ntiuam falsus vatos r-is. Und selbst angenommen, daß Herr Eibenschitz Recht hat, welches Mittel räth er denn an, dem vorhandenen Elend abzuhelfen, dem drohenden vorzubeugen? A u s w a n d e r n, das ist die ganze Weisheit unserer modernen Makkabäer! Natürlich wird dabei gemeint, daß die Andere n auswandern mögen, damit die Rathgeber Zurückbleiben können. „Bor meinen Freunden behüte mich Gott!" Solange die Herren Zionisten nicht statistisch Nachweisen werden, wieviel ihre r, dem Herzensdrange folgend, nach dem Lande unserer Väter gezogen sind, halte ich diesen sogenannten Zionismus für eitel Wind und ein gefährliches Kinderspiel. Zu unserem Glück wird dieser Zionismus von der christlichen Bevölkerung gar nicht ernst genommen, sonst wäre derselbe geeignet, uns den letzten Rest des Mitgefühles, das wir im gegebenen Vaterlande genießen, zu benehmen. Wenn uns unsere Mitbürger znrufen würden: Ihr habt bisher stets betheuert, Euer Vaterland zu lieben und uns darin nicht nachzustehen, nun zeigt-es sich aber, daß Ihr Lügner und Heuchler wäret, wenn Ihr jeden Augenblick bereit seid, das Land, wo Ihr geboren, abznschütteln, wie der Wanderer, der den Staub von seinen Schuhen abschüttelt!" — was könnten wir ihnen entgegenhalten? Es ist eitles Spiel, wenn die „Zionisten" Vereine gründen, und „Staatsschriften" herausgeben, um das „über's Jahr in Jerusalem" zu verwirklichen. Generationen, die nach Gottes Rathschluß 1800 Jahre nach unserer Vertreibung aus Palästina, hier geboren wurden, sind hier zu hause, nicht in Palästina! Selbst die, die mit Moses abzogen, sehnten sich nach den Fleischtöpfen Egyptens zurück, aber sie zogen mit M o s e s unter Gottes persönlicher Führung; wo ist aber der Moses unter den Zionisten? Was wäre geschehen, wenn sich das Rothe Meer nicht gespalten hätte, um den Auszug hindurchzulafsen, und wenn uns das Heer Pharav's ereilt hätte? Sind die Herren Zionisten sicher, daß sich dasselbe Wunder wiederholen wird? Palästina ist heute dasselbe Land, wie es einst gewesen, ein Land, das unter der Hand ein:r ackerbautreibenden Bevölkerung von „Milch und Honig" überfließen würde; es wäre daher gar nichts Absonderliches dabei, wenn Leute, denen es hier nicht behagt, dahin auswarrdern würden. Aber diese praktische Lösung ist nicht nach dem S-inne der Zionisten. Lärm muß geschlagen, Societies und Companies müssen ersonnen, die Völker gereizt werden! Antisemitismus und Zionismus ergänzen einander wie die beiden Pole. Zum Glück sind Beide nur Symptome einer vorübergehenden Nervosität des ablaufenden Jahrhunderts. Statt Zionistenvereine und Alarmartikel gebe man Galizien Industrie, und es wird Alles besser werden. In der Arbeit liegt das Geheimnis unserer Existenz, in ihr liegt auch die Gewißheit einer lichten Zukunft, nicht im — Auswandern. Dr. Isidor Daniel. Vom Goldenen Horn. C o n st a n t i n o p e l 30. Juli. Der zweite Secretär der Alliance, Herr Cylvain Benedict, der nach dem Orient gekommen ist, um die zahlreichen Schulen dieser hohen philantropischen Gesellschaft in der Türkei aus's Eingehendste zu besichtigen, hat sich zu diesem Behufe über einen Monat in unserer Stadt aufgehalten. Während dieser Zeit war er voll und ganz mit der Ausübung seiner außerordentlichen Sendung in Anspruch genommen. Dabei hat Herr Benedict eine Thatkraft und Willenszähigkeit, die einfach bewundernswerlh waren, an den Tag gelegt, und wenn die Früchte seiner Arbeit dem hohen Grade seines Wollens entsprechen, dann haben die hiesigen Schulen des segensreichen Weltbundes viel gewonnen. Uebrigens wird diese Erwartung allgemein gehegt. Man ist der Ueberzeugung, daß die stattgehabte Besichtigung eine unumgängliche Nothwendigkeit war, und daß sie von großem Nutzen für den Fortschritt der Anstalten und das Wohl der Lehrer sein wird. Zu dieser Annahme berechtigt die ganze Haltung und Handlungsweise des Herrn Benedict, der es sofort verstanden hat, sich alle Sympathien zu gewinnen. Wenn auch für den ersten Augenblick sein unerwartetes Eintreffen allgemeine Bestürzung im Kreise der Leiter und Lehrer hervorgerufen, so war man doch bald zu der Ansicht gelangt, daß die Alliance dem Lehrkörper ihrer Schulen in der türkischen Hauptstadt keinen größeren Dienst hätte erweisen können, als den sie ihm durch die wichtige Mission ihres zweiten Secretärs thatsächl.ch erwiesen. Durch die persönliche Ueberzeugung des Herrn Benedict werden wirklich Beide nur gewinnen. Den etwaigen Mängeln wird abgeholsen werden, Verleumdungen und falsche Nachrichten werden aufhören, und dem Mißtrauen einerseits und der häßlichen Kriecherei andererseits wird der Boden entzogen werden. Hoffen wir es! Durch das Hiersein ihres Abgesandten ist die Allianz in ihrem Ansehen bedeutend gestiegen. Nun fehlt nur noch die Besserstellung der Lehrer, um täglich mehr in den Augen der jüdischen Bevölkerung am Goldenen Horn und Bosporus zu gewinnen. Ihre Lage spielt in dieser Beziehung eine nicht unwichtige Rolle. Beweis hiefür sind die anderen Schulen, die ihre Blüthe den äußerst, angenehmen Verhältnissen verdanken, in welchen ihre Lehrer leben. Herr Benedict hat bereits auch die anderen Schulen, die von der Alliance auf der Balkanhalbinsel unterhalten werden, besichtigt und befindet sich zur Stunde auf der Rückreise nach Paris. Wie ich anzunehmen lurechtigt bin, wird ihm sein Aufenthalt im Orient unvergeßlich bleiben. Trotz der Anstrengungen, die er durchgemacht, hat rr doch so manchen frohen und angenehmen Tag hier verlebt, und im Allgemeinen sind die Eindrücke, die er hier und überall empfangen, sehr gute. In Bulgarien hat Herr Benedict eine Unterredung mit dem Unterrichtsminister gehabt, der ihm versprochen, sein Interesse fortan den dortigen Schulen in erhöhtem Grade zuzuwenden. Auch der französische Aeneralconsul in Sofia, Graf von Petit-ville, dem der zweite Secretär der Alliance einen Besuch abgestattet, wird sich in Zukunft — seiner Versicherung gemäß — der jüdischen Anstalten annehmen. In der That, die Bestrebungen unseres philautropischen Weltbundes verdienen allseitig unterstützt und gefördert zu werden. Aus mehreren Gründen ist in jetziger Zeit oft die Rede von Palästina, und mit innigem Interesse gedenkt man in jüdischen Kreisen des heiligen Landes, das nach einer langen, langen Verödung und Verwüstung dem Leben, dem Verkehr und dem Handel wiedergegeben wird. Regsame Hände fröhlicher Menschen bearbeiten den brachgelegenen Boden, pflanzen, säen, pflügen und ernten Die Cultur ist hineingetragen worden, die Civilisation hat ihren Einzug gehalten, und Beide machen Fortschritte. Somit läßt die Gegenwart kaum zu wünschen übrig, während die Zukunst vielversprechend ist. Nachdem die Dampfkraft auch schon im heiligen Lande zur Geltung kommt, ist ein Stillstand nunmehr geradezu ausglschlossen. Vorwärts muß es und wird es gehen. Doch wem verdankt Palästina diesen ersten Antrieb? In der That dürfte es im Auslande kaum bekannt sein, daß die Eisenbahn von Jaffa nach Jerusalem das eigentliche Werk eines Glaubensgenossen, eines Kindes der heiligen Stadt, ist. Herr Joussouph N av.o n hat es vermöge seiner hohen Anlagen wunderbar verstanden, sich zu der Stellung eines allgemein geachteten Mannes und einer bedeutenden Persönlichkeit emporzuschwingen. Getragen von seinem erstaunlichen Unternehmungsgeiste, hat er keine Mühe gescheut, um die Erlaubniß zum Bau jenes Schienenweges zu erhalten. Einmal das kaiserliche Jrade (Decret) in Händen, suchte er im Auslande Leute von Capital für dieses Unternehmen zu gewinnen. Sein Beginnen ist vorzüglich gelungen. Scitdcm haben seine Fähigkeiten diewohlverdiente Anerkennung gesunden, und seine Thatkraft gilt allgemein als bewundernswerlh. Seine Majestät der Sultan hat ihm Grad und Titel verliehen, und Herr Joussouph Bey Navon genießt jetzt hohes Ansehen. Ganz kürzlich wurde er vom König von Portugal mit dem Großcordon des Heilands ausgezeichnet. Diese Ehrung rief bei allen seinen Freunden — ich erlaube mir, mich zu denselben zu zählen — die größte Freude hervor. Unsere besten Wünsche! Augenblicklich beschäftigt sich Herr Navon Bey mit zwei großartigen Angelegenheiten. Er strebt nämlich bei der Regierung die Gewährung an, Jaffa mit Gas beleuchten und Jerusalem endlich mit einer Wasserleitung versehen zu dürfen. Wie es scheint werden diese beiden Pläne bald ihre Verwirklichung erfahren; denn es soll ihnen nichts mehr im Wege stehen. Die kaiserliche Bestätigung kann und wird nicht ausbleiben. Es ist aber auch höchste Zeit, daß die heilige Stadt mit Wasser reichlich versorgt werde. Der schreckliche Wassermangel, der dort jedes Jahr herrscht, vermehrt nicht nur die schon unerträgliche Armuth des größten Theiles der Bevölkerung, sondern ist auch Ursache vieler, vieler Krankheiten. Denn die bedauernswerthnr Leute sehen sich gezwungen, mit demselben Eimer Wasser nacheinander den verschiedensten Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Unter solchen Umständen sind Reinlichkeit und Sauberkeit geradezu ausgeschlossen, und dieser gewaltsame Verstoß gegen die Hygiene, verursacht durch den jährlichen Wassermangel, ist die Wurzel so mancher Uebelstände, die bislang unausrottbar in Jerusalem herrschen. Hoffen wir, daß Herr Navon Bey das unermeßliche Verdienst haben wird, diesen wirklich unhaltbaren Zuständen ein Ende zu machen. Wie ich aus dem Munde dieses großen Freundes seiner Heimat erfahren, ist der B.m eines Hafens bei Jaffa, diesem schrecklichen