Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 33 (14.8.1896)
- Date
- 1896-08-14
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 650 Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 33 Artikel für und einen Artikel gegen eine bestimmte Maßregel lesen. Ein englisches Blatt würde Vorwürfen ausgesetzt sein, wenn es eine Zeiterscheinung vernachlässigte, die seinen Lesern antipathisch ist. Vor Allem will der Engländer informirt sein, auch über Das, was im Lager seiner Gegner vorgeht. Was die Engländer groß und mächtig gemacht, was die Vereinigten Staaten von Amerika fest begründet hat, war der Grundsatz der Gewissens- und Redefreiheit. Wir Juden müssen vor Allem jeden Glaubenszwang verabscheuen, jede ehrliche Ueberzeugung ehren. Aber Zionismus ist nicht unsere Ueberzeugung, aber wir haben kein Recht, ihn todtzuschweigen. Wir haben kein Recht und unsere Leser kein Interesse, nicht zu wissen, was alle Welt weiß. Also bekämpfen! Mit welchem Rechte? Sind die Zionisten nicht gerade so gut Juden wie die anderen, und sind sie nicht eifrige Juden noch dazu? Haben sie nicht sehr viel für die Erregung jüdischen Gefühls unter Denen geleistet, welche die Hoffnung und den Stolz unseres Volkes bilden, unter unseren Studenten! Wrus streift die Bemühungen unserer akademischen Jugend, in die Geheimnisse unserer heiligen, noch lange nicht tobten Sprache einzudringen, mit leichtem Spotte. Es ist wahr, sie dürfen in der Regel nicht tief dringen. Aber ist das, was sie leisten, nicht schon durch seine ideale Absicht etwas Schönes, etwas, was wir vor wenigen Jahren gar nicht zu hoffen gewagt hätten! Mediciner, Juristen, Philosophen schaaren sich um einen College», der ihnen die schmerzlich vermißte Fähigkeit beibringt, unsere uralten Gebete, unsere herrlichen Psalmen und die aufblühende neuhebräische Literatur zu verstehen. Gesetzt nun, es geschehe im Namen einer Idee, die nicht zu realisircn ist! Die Entdeckung dieser Unmöglichkeit kann eventuell nicht lange auf sich warten lassen, unsere Jugend aber, einmal für uns gewonnen, bleibt uns erhalten und schämt sich des jüdischen Namens im Leben nicht mehr. Mit anderen Worten: ist der Zionisinus unmöglich, warum sollten wir ihn bekämpfen und dadurch Tausende von treuen jüdischen Herzen zurückstoßen? Er muß sich ja in diesem Falle von selbst auflösen. Unsere Haltung ist daher durch die Thatsachen mit Nothwendigkeit gegeben. Ein Blatt wie das unserige hat nicht die Aufgabe, eine bevormundende oder verletzende Thätigkeit zu entwickeln. Unermeßlich wie das gewaltige Meer ist das Judenthum, ein Ocean von Meinungen und Anregungen. Unser Blatt aber ist der bescheidene Wächter auf dem Leuchtthurme, welcher der Welt Alles zu sigualisiren hat, was in diesem Meere braust und brandet und wogt und schäumt. Unsere Aufgabe ist, unser Blatt Jedem offen zu Hallen, der seinen Standpunkt in einer für das allgemeine Publicum verständlichen und interessanten Weise zu begründen weiß, vorausgesetzt, daß er Sinn und Gefühl für das Judenthum hat. Ob sich dieses Gefühl die Form des Zionismus wählt oder nicht, ist eine Frage des Temperamentes und der Vorbildung. Einstweilen hat der Zionismus viel für die Hebung dieses Gefühls gethan und verdient deshalb alle Sympathie. Aber einen größeren Dienst kann man ihm nicht erweisen, als die Nöthigung, auf unabhängige Kritik zu antworten und dadurch seine Idee zu erklären. Darum werden wir auch fernerhin Alles, was sich in seinem Lager regt, zur Kenntniß nehmen, aber auch einer anregenden und vornehmen Kritik unsere Spalten öffnen. Mit einem Worte: Wir find nicht Zionisten, nicht Antizionisten, sondern aufmerksame Beobachter unserer Zeit und wahrheitstreue Berichterstatter, deren erste Pflicht es ist, den Vorwurf einseitiger Parteinahme zu vermeiden. Bei uns Juden gibt es, Gott sei Dank, keinen unfehlbaren Vatican. Wer sich als Jude fühlt, soll, wenn er dieses Blatt zur Hand nimmt, sich nicht zurückgestoßen, sondern angeregt fühlen. Wenn wir die antisemitischen Blätter zur Hand nehmen, so können wir uns einer Regung des Mitleids nicht erwehren, wenn wir an den Zustand eines Gehirnes denken, welches Tag für Tag mit dem bischen Hepp-Hepp, mit der armseligen Judenhetze, genährt wird und dieses Viehsalz als seine vornehmste geistige Nahrung consumirt. Wir müssen leider auf dieses Treiben reagiren, so widerlich es uns auch ist. Wir müssen die schmutzige Wäsche des Antisemitismus waschen, so sehr uns davor ekelt. Aber wir sehen mit peinlichster Gewissenhaftigkeit darauf, uns nicht durch diese Albernheit des „Wiener Zeitgeistes" hypnotisiren zu lassen. N o ch i m m e r hat leider der österreichische Antisemitismus seinen Höhepunkt kaum überschritten. Noch muß der Kampf gegen diese geistige Brunnenvergiftung mit unverminderter Schürfe fortgeführt werden und die Feder, ans welcher der erste wirksame Angriff gegen Rohling erfolgt ist, wird hoffentlich nicht versagen, so lange die Rohlinge um uns her geifern und toben. Unerwidert darf nichts bleiben, was sie Vorbringen. Aber es ist uns ein Trost und eine Freude, wenn ihr wahnwitziges Treiben wenigstens das eine Gute zeitigt, daß die Juden selbst wieder mehr über das Judenthum Nachdenken und wir neben den Gedankenlosigkeiten und giftigen Gedanken des Antisemitismus auch jüdische Gedanken, Gefühle und Leistungen zu besprechen Gelegenheit haben. Es ist dies das einzige Mittel, um nicht durch die verblödeten Judenhetzer und ihre beständige Betrachtung mit verblödet zu werden. Es ist für uns und unsere Leser eine angenehme und heilsame Abwechslung, uns aus dem Pulverrauch des Kampfes zurückzuziehen und in jüdischem Geiste rein zu baden. Wer jüdisches Gemüth und jüdischen Geist vereint, 'wessen Herz für seine bedrängten Brüder schlägt, wer sich des jüdischen Namens nicht schämt, ist uns willkommen. Wer für das Judenthum fühlt, wer in diesem Sinne für Zion ist, wenn auch als Zionist! , Die jüdischen Jesuiten. In unserer humorarmen Zeit, in der das laute volle Rabelais'sche Lachen immer seltener, immer vereinzelter tönt, sollten Preise ausgesetzt werden für jene wenigen, gottbegnadeten Geister, denen weder die clericale Muckerei, noch die nationale Bvrnirtheit unserer Tage die gute Laune völlig rauben und verderben konnte. Und gäbe es bereits Staatsstipendien für Humoristen, gemeinnützige Stiftungen für Hanswurste, dann hätten wir Candidaten für den ersten Preis. Unsere heimischen Witzbolde im engsten Sinne, unsere eingeborenen, unfreiwilligen Humoristen, unsere Gregorigs und Strobachs sind geschlagen, besiegt um zehn Pferde-, nein um zwanzig Ochsenlängen. In Graz, der Stadt der Pensionisten, wo die Bismarckischen und die deutschen Burschenschaften ausschlagen, sitzen die österreichischen Stettenheims. Wir haben die Wippchens des „Grazer Tagblatt" ini Auge. In diesem treffenden Witzblatt finden wir eine hervorragende Entdeckung: „D i e B e r j u d u n g des Jesuitenordens.* Und nicht von heute datiren die verjudeten Jesuiten Das wäre schließlich nicht so merkwürdig. Denn nach echter Antisemitenthcorie dauert Nichts auf Erden ewig, Nichts entgeht dem endlichen Schicksale der Berjudung, haben wir doch letztens von Schönerer gelesen, er sei ein „antisemitischer Ehrenjude", so eine Art Dr. Max Löw. Aber der Jesuitenorden ist von jeher eine jüdische Gründung. Bon allem Anfänge war er nur ein Werkzeug der Allianz isra&ite. Das ist „historisch festgestellt", sagt das „Grazer Tagblatt", und dort ist man der Sache auf den Grund gegangen. Aber wir wollen wörtlich citiren: Es ist vom Jesuitenthum und vom Judenthnm die Rede. „Die Beziehungen der beiden Mächte sind historisch sestgestellt: Sie reichen in die erste Zeit nach der Gründung des Jesuitenordens zurück. Convertitenausder spanischen Juden schuft, durch ihr Talent i m O r d"e n empor gekommen, haben dem