Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 32 Kr. Vlorh's Wochen) christ. waren, die eigenartigen hebräischen Melodien and Verse mit ihren Reimen und Assvnancen, das wundersame Ceremoniell — alt' dies drang tief in ihr Bewußtsein und ließ jedes Passahfest mit einem angenehmen Vorgefühl erwarten. Jedes Mal war sie sich des besonderen Privilegiums bewußt, als ein glückliches Judenkind geboren zu sein. Di? Mazzes, welche Esther aß, waren nicht fein, sondern recht grob, von sogenannter zweiter Qualität; denn selbst das ungesäuerte Brot der Wvhlthätigkeit ist nicht wohlschmeckend. Aber nichts schmolz so süß auf der Zunge als ein Stück Mazzoh, in billigen Rosinenwein getaucht. Das Ungewohnte der Kost machte das Leben weniger gewöhnlich, pittoresker. Diese einfachen Ghettokinder, in deren Existenz der unaufhörliche Wechsel von Fasten und Festen, von verbotenen und erlaubten Genüssen, von verschiedenen Arten der Kost Abwechslung und Erleichterung brachte! Trotzdem sie ans dem Raum von engen, anmuthslosen und düstern, schmutzigen und übelriechenden Straßen angewiesen, in traurigen Häusern eingemauert und von häßlichen, bedrückenden Anblicken und Tönen mngeben waren, schöpfte der Geist der Kindheit aus seinem eigenen Innern Lichtfarbe und Glanz, und die Alchemie der Jugend vermochte noch immer die Welt in Gold zu verwandeln. Keine kleine Princessin in einem Feenschloß konnte am Leben frischeres Vergnügen und Interesse finden als Esther, wenn sie am Sedertisch saß, wo ihr Vater — nun kein Sclave in Egypten mehr - königlich ans zwei Stühlen lehnte, gestützt von Kissen, wie der Din es vvrschreibt. Nicht einmal der Premierminister Pharao's konnte von diesem Monarchen eine geringere Meinung haben, als Moses bei dieser symbolisch-sybaritischen Haltung. „Ein lebendiger Hund ist besser als ein todter Löwe", hat ein großer Lehrer gesagt; um wie viel besser ist also ein lebendiger Löwe, als ein todter Hund! Pharao lag trotz seines Purpurs und Linnens und seiner schatzreicheil Städte, von 250 Plagen getroffen, ans dem Grund des Rothen Meeres. Und selbst, wenn er, wie die Tradition behauptet, weiter hatte leben müssen, uni König von Ninive zu werden und der Warnung des Propheten Jonas ein williges Ohr zu leihen, selbst dann war er jetzt nur Staub und Asche, mit denen andere Sünder sich bedecken kvllnten. Er aber, Moses Ansell, der verehrte Hausherr, genoß einen Vorgeschmack von dem Loos der Gerechten im Paradies; noch mehr, er durste den Armen irnd Hungrigen Gastfreundschaft gewähren. Moses Ansell war nie so tief gesunken, als daß er nicht in dieser -Lacht der Nächte, da der Sclave mit gleichen Rechten neben seinem Herrn sitzen darf, irgend einen Peßachgast hätte anfnehmen können. Gewöhnlich rvar es ein Neuangekommener, ein „Grüner", oder sonst ein verlorenes, verirrtes Geschöpf, das für diesen Abend zum Judeuthum zurückkehrte und mit jeliem kameradschaftlichen Geiste, der einen der entzückendsten Züge des jüdischen Bettlers bildet, seinen Platz am Tische einnahm. Der Seder war nicht eine allezu feierlich-nüchterne Ceremonie; Die Kleinen durften ungestraft kichern, besonders zu jener glücklichen Zeit, als die Mutter noch lebte und sich bemühte, den „Afikomon" (das bis zuletzt ausgehobene Stück Mazzoh) zu stehlen, um es dem Vater zurückzugeben, wenn er ihr die Erfüllung aller ihrer Wünsche versprach. Ach, es steht zu befürchten, daß Frau Ansells Wünsche sich nie zu hoch verstiegen! Es wurde noch mehr gekichert, wenn der jüngste Sohn — in Esther's frühester Erinnerung war das der arme Benjamin gewesen — den Neigen eröfsnete, indem er in einem eigenartigen Singsangton mit völlig unwissender Miene fragte, warum dieser Abend in Bezug auf die mannigfaltigen (einzeln angeführten) Besonderheiten der Speisen und des Benehmens so völlig verschieden von allen anderen Abenden sei? Woraus Moses, die Babe und die übrige Gesellschaft mit Einschluß des Fragestellers unabänderlich im entsprechenden Tonfall antworteten: „Sclaven sind wir gewesen in Egypten", und dann mit großer Ausführlichkeit die niemals überdrüssig werdende Geschichte von der großen Befreiung zu erzählen begannen. Sie brachen in der Mitte ab, um sich zu erfrischen und machten allerlei nicht dazu gehörende Abschweifungen auf Haman, Daniel und die weisen Männer von B'ne Berak, worauf dieses älteste der weltbekannten, häuslichen Rituale mit einer allegorischen Ballade endete, dem „Chad Gadjah". In wohlhabenden Häusern wurde diese „Hagada" aus reich illustrirten Handschriften vorgelesen, aber die Ansells hatten armselige, kleine Bücher, in denen sich wunderliche, aber unabsichtlich komische Holzschnitte befanden, präraphaelitisch in der Perspective und höchst lächerlich in der Zeichnung. Sie stellten die Wunder der Befreiung vor, Moses, wie er den Egypter begrub, und viele andere Stellen des Textes. Ans einem stand Sette 647 Sarah in einer Haube, und in einem modernen Rock und einer gleich modernen Jacke hinter der Tbür des „Zeltes", einer solid gebauten Villa am Rande eines Sees, ans dem Schiffe und Gondeln hin- und herfuhren, während Abraham die drei himmlischen Boten bewillkommte, die in unauffälliger Verkleidung mit mächtigen Flügeln erschienen waren. Welches Entzücken, wenn das Trinken der vier Becher Wein in Sicht kam, welche Enttäuschung und gegenseitige Neckerei, wenn der Becher Wein blos erhoben werden durfte! Wie wurde der gierige Salvmon gehänselt, der während der Fingermanöver, wenn der Wein bei Erwähnung jeder Plage aus dem Becher gespritzt werden muß. Acht gab, keinen Tropfen zu verlieren! Und was für ein feierlicher Moment, wenn der größte Becher bis an den Rand für den Propeten Elias gefüllt und die Thür geöffnet wurde, damit er eiutreten könne! Konnte man nicht beinahe das Rauschen des Geistes des Propheten im Zimmer hören? Einige Historiker haben die Sitte des Thüröffnens auf die Nothwendigkeit zurückgeführt, die Welt sehen zu lassen, daß beim Ceremoniell das Blut von Ehristenkindern keine Rolle spielt. Sv hat die Wissenschaft einen naiven Brauch mit einem tragischen, noch poetischeren Glanz erleuchtet. Im Londoner Ghetto beschränkte sich die Verfolgung ans das gelegentliche Brüllen durch's Schlüsselloch, wenn die Gassenjungen die ungewohnten Melodien aus fröhlichen Kehlen hörten. Dann hielten die Sänger einen Augenblick erschreckt inne, bis Jemand sagte: „O, es ist nur der christliche Mob", und der Gesang wieder seinen Fortgang nahm. Und dann, wenn der Afikomon gegessen, der letzte Becher Wein getrunken und es Zeit war, zu Bett zu gehen, was für ein süßes Gefühl uott Heiligkeit und Sicherheit herrschte dann noch! An diesem Abend brauchte man nicht mehr das Nachtgebet zu sprechen, daß der Hüter Israels, der weder schlummert, noch schläft, über Einem wache, um die bösen Geister zu verscheuchen. Die Engel sind da: „an Deiner Rechten Michael, Gabriel an Deiner Linken, und hinter Dir Raphael!" . . . Das Licht des Passahfestes leuchtete über dem ganzen Ghetto, verwandelte die traurigen Zimmer und erhellte das öde Leben seiner Bewohner. Die Holländer-Debby saß neben Frau Simons am Tische ihrer verheirateten Tochter, derselben, die die kleine L-arah genährt hatte. Esthers häufige Lobhymnen hatten der armen, engbrüstigen Näherin dieses ungeheure Privilegium verschafft. Bobby hockte draußen im Cvrridor auf der Matte. Auf dieser Tafel befanden sich zwei Stück Backfische, welche Esther Ansell Frau Simons geschickt hatte: sie bildeten die größte Revanche in Esther's Leben und sie bereute ihr Benehmen gegen Malka, denn ihrem Gelbe verdankte sie diesen stolzen Augenblick. Sie beschloß, ihr in ihrer schönsten Handschrift einen Entschnldigungsbrief zu schreiben. Bei den Belkowitsch dauerte die Ceremonie lange, denn ( der Hausherr bestand darauf, den hebräischen Text Satz für ' Satz in den Jargon zu übertragen. Aber Niemand fand es langweilig, zumal nicht nach dem Abendbrot. Auch Pessach war da. Hand in Hand mit Fanny, denn ihre Hochzeit stand jetzt nahe bevor. Becky thronte mit herausfordernden Stirnlöckchen, königlich in ihrer stolzen Unabhängigkeit, ein Blendfeuer für den armen Polen, den wir letzthin an Reb Schemuel's Sabbathtisch fanden. Natürlich war auch Chaje mit den ungleichen Beinen anwesend. Malta hatte die Kleiderbürste zurückgegeben und thronte in wohlgefälliger Majestät an Millys Tisch. Sugarmann, der Schadchen, vergab seinem einäugigen Ehegespons das Fehlen eines vierten Oheims, während Josef Strelitzky, der Träumer, mit Bestellungen fiir Pessach-Cigarren überhäuft, über den großen Exodus brütete. Der Schlatten-Schammes mußte strahlen, da er die complicirten Ceremonie» anordnen durfte, ohne daß Jemand ihm widersprach. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Predigten von Dr. Josef Perles, Rabbiner der israelitischen Cultnsgemeinde in München. Aus dem Nachlaß heraus gegeben von Tr. Felix Perles. (München, Theodor Ackermann, 1896.) Die liebevolle Gattin des leider zu früh dem Judenthum und der Wissenschaft entrissenen trefflichen Seelsorgers und Gelehrten Joses Perles leitet den Band Predigten ihres Gatten ein. Die Sprache, die sie spricht, ist die Sprache der größten