Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 64f> Or. Bloches Wochenschrift Nr. U Paris. (G o n c o u r t u n b Hein e.) Ednwnd de Goncourt war ein glühender Verehrer Heine's; in jedem einzigen Bande des „Journal" der beiden Brüder Jules nick» Ednwnd kommt Heine's Name öfter vor. Im letzten Bande, der erst vor einigen Monaten erschien, erzählt Ednwnd de Gvneourt einen Vorfall aus Heine's Leben, der sehr wenig bekannt sein dürste. 1837 litt Heine an Augenschwäche, die sehr ernst zu werden drohte. Es fand bei Sichel ein Concilium statt, welchem auch eht ungarischer Zlugenarzt, Dr. Gruby, zngezogen wurde. Dieser erklärte die Augenkrankheit als die Folge einer beginnenden Rückenmarkslähmung. Aber die andern Aerzte und Heine selbst hielten die Diagnose für falsch. Zwölf Jahre später wurde derselbe Dr. Gruby zu Heine gerufen: der Arme lag ans dem Boden auf einem Teppich aus gestreckt; er konnte sich kaum bewegen. Die Rückenmarkslähmung hatte den Organismus ergriffen, ärztliche Hilfe, die vielleicht früher genützt hätte, war nun vergebens. Nachdem Gruby ihn gründlich untersucht hatte, fragte Heine: „Wird es noch lange dauern?" worauf Gruby antwortete, es könnte noch Jahre währen. „Sagen Sie es nur nicht meiner Frau", bat Heine. — Sein Humor verließ den Dichter auch nicht in jener ttaurigen Stunde. Gruby wollte die Stärke seiner Gesichtsmuskeln erproben und fragte Heine, ob er im Stande sei, zu zischen. „Nein", erwiderte der kranke Dichter, indem er mit den Fingern seine gelähmten Augenlider in die Höhe hob, „nicht einmal, wenn ich Scribe's bestes Drama sähe!" London. Der „Daily Chronicle" bringt in einer seiner jüngsten Nummern folgende Notiz: Es ist sehr wahrscheinlich, daß Baron Ferdinand Rothschild den Transvaal Volksr a a d dahin beeinflußt hat, den Verkauf von Branntwein an die Schwarzen zu verbieten. Als nämlich Baron Rothschild im vorigen Jahre von seiner Reise aus Südafrika zurückkehrte, äußerte er sich an maßgebender Stelle nüt großer Mißbilligung darüber, daß, während in Kimberley zum Segen der Schwarzen der Verkauf des Branntweins untersagt war, sie in Johannesburg soviel Schnaps bekamen, als sie nur wollten. „Auf Johannesburg", sagte Baron Rothschild, „lastet der Fluch, daß die Schwarzen riesige Quantitäten eines scheußlichen alkoholischen Getränkes verttlgen, das unter dem Namen Kaffirschnaps in den Handel kommt und sie vergiftet und halb wahnsinnig macht. — Als der Baron gestern um seine Meinung über das Vorgehen des Transvaal Volksrad befragt wurde, lobte er dasselbe auf's Wärmste". Mr. F. D. Mocatta hat dem Jews College ein kostbares Geschenk gemacht. Er hat aus der Verlassenschaft des verstorbenen Baron Julian Goldsmid das berühmte historische Gemälde von S. A. Hart erstanden, das die Cvnferenz zwischen Menaffeh ben Israel und Cromwell behufs Wiederzulassung der Juden in England zum Gegenstände hat. Feuilleton. Kinder des Ghetto. (Roman von I. Zangwill.) (Nachdruck vrrbolev.) „Aber selbst, wenn sie es thun, so läßt sich wieder tausend gegen eins wetten, daß sie es Niemanden erzählen. Glücklicherweise waren auch Sie derjenige, der sie geschieden hat. Lassen Sie uns durch einen anderen Prediger trauen — durch den Oberrabbiner selbst, und damit wir ganz sicher gehen, werde ich nicht erwähnen, daß ich ein Kohen bin." Die Worte sprudelten wie ein Strom aus David's Munde hervor und überwältigten für einen Augenblick den Rabbi. Hanna sprang mit einem hysterischen Freudenschrei in die Höhe. „Ja, ja, Vater, dann ist alles wieder gut! Niemand weiß davon. Gott sei Dank! Gott sei Dank!" Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen. Dann tönte die Sttmme des alten Mannes wieder langsam und schmerzlich durch's Zimmer. „Gott sei Dank!", wiederholte er. „Wagst Du den Namen zu nennen, da Du ihn zu entweihen gedenkst? Verlangst Du von mir, Deinem Vater, Reb Schemuel, daß er in eine solche Entweihung des göttlichen Namens einwilligen soll? „Und warum nicht?", sagte David zornig. „Von wem hat eine Tochter das Recht Erbarmen zu verlangen, wenn nicht von ihrem Vater?" „Gott habe Erbarmen mit mir!", stöhnte der alte Rabbi, indem er sich das Gesicht mit den Händen bedeckte. „Seien Sie vernünftig! sagte David ungeduldig. „Wir verlangen nichts, was ihrer unwürdig ist." Der alte Mann schüttelte unerschiitterlich den Kopf. Seine bleichen Wangen waren thränenüberströmt, aber sein Gesichtsausdrnck ernst und feierlich. „Bedenken Sie doch" fuhr David leidenschaftlich fort, „womit bin ich besser als ein anderer Jude, als Sie selbst z. B., daß ich keine geschiedene Frau heiraten darf?" „Also ist das Gesetz. Sie sind ein Kohen, ein Priester." „Ein Priester? Ha° ha, ha, ein Priester im neunzehnten Jahrhundert, wo der Tempel seit zweitausend Jahren zerstört ist!" „So Gott will, wird er wieder erbaut werden," sagte Reb Schemuel. „Wir müssen uns daraus vvrbereiten." „O ja, ich werde darauf vorbereitet sein. Ha, ha, ha, ein Priester, dem Herrn geheiligt! Ich ein Priester, ha, ha, ha! Ich, ich bin zu heilig, Ihre Tochter zu heiraten! O, das ist köstlich!" Sein Gelächter klang schrecklich. Reb Schemuel zitterte vom Kopf bis zu den Füßen. Hannas Antlitz war todtenbleich und verzerrt. Was sie erfuhr, schien über ihre Kräfte zu gehen. Die Panse, welche darauf folgte, war nicht weniger schrecklich als David's frivoles Gelächter. „Sehr wohl," begann er wieder, und seine Bitterkeit verwandelte sich in Ironie, „das erste Opfer, das der Priester bringen muß, ist Ihre Tochter. Aber ich tvill nicht, Reb Schemuel! Merken Sie ans meine Worte: Ich will nicht! Wenn wir uns trennen müssen, so trifft Sie allein die Schuld!" „Was Gott von mir verlangt, das werde ich thun," sagte der alte Mann mit gebrochener Stimme. „Was ist dieses Opfer im Vergleich mit dem, was unsere Ahnen für den Ruhm des heiligen Namens dulden mußten?" „Ja, aber es scheint, Sie leiden in Stellvertretung", entgeguete David wild. „O Gott! Glauben Sie, daß ich nicht freudig sterben würde, um meine Hanna glücklich zu machen?", rief der Rabbi zitternd. „Aber Gott hat ihr die Bürde auferlegt, und ich kann nichts anderes thun, als sie ihr tragen Helsen.Doch jetzt, Herr, muß ich Sie bitten, zu gehen! Sie quälen blos mein Kind." „Was sagst Du, Hanna, ich soll gehen?" „Ja. Was nützt es jetzt", hauchte diese mit weißen, zitternden Lippen. „Mein Kind", sagte der alte Mann traurig und zog sie an seine Brust. „Schön", sagte David mit seltsamer, harter Stimme. „Ich sehe, Sie sind Ihres Vaters Tochter". Er nahm seinen Hut und wandte den Beiden, die sich umschlungen hielten, den Rücken zu. „David!", rief Hanna in Todesangst mit heiserer Stimme und streckte die Arme nach ihm ans, aber er wandte sich nicht um. „David! David!", schrie sie. „Du wirst mich nicht so verlassen!" Er stürzte frohlockend zu ihr zurück. „Wirst Du also mit mir kominen? Wirst Du mein Weib werden?" „Nein, nein — nicht jetzt, nicht jetzt! Ich kam: Dir jetzt noch keine Antwort geben. Laß mich Nachdenken! Leb' wohl, Liebster! Leb' wohl!" Sie brach in lautes Schluchzen aus. David nahm sie in die Arme und küßte sie leidenschaftlich. Dann schritt er eilig hinaus. Hanna schluchzte weiter, ihr Vater hielt in traurigem Schweigen ihre Hand. „Hanna, Schemuel, wo seid Ihr?!", erklang plötzlich die aufgeregte Stimme Simcha's aus dem Corridor. „Kommt, seht Euch die wunderschönen Hennen an, die ich gekauft habe! Solche Meziehs! Sie sind das Doppelte werth. O, was fiir einen herrlichen Jontef werden wir haben!" F ü n s u n d z w a n z i g st e s C a p i t e l. Der Sederabend. Für ein phantasiereiches Kind wie Esther war der Sederabend eine zauberhafte Zeit. Die seltsamen, symbolischen Gerichte, die bitteren Kräuter und die süße Mischung von Aepfeln, Mandeln und Gewürz und Wein, der gebratene Knochen, das Salzwasser und die vier Becher Rosinenwein, die großen, runden, ungesäuerten Kuchen, von denen einige dünn, andere besonders dick