Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 32 Vr. Vwch's Wochenschrift Seite 639 dagegen wehrt. Sie erinnern sich, verehrte Frau, in einer der großen Alleen des Sommergartens in Petersburg befindet sich eine von Canova künstlerisch in Marmor ausgeführte Gruppe, welche Chronos vorstellt, wie er eines seiner Kinder verschlingt. Der abscheuliche, gefräßige Chronos führt die Kleinen an den Mund und das dralle Kind sträubt sich mit allen seinen schwachen Kräften dagegen. Mit seinem Aermchen greift es dem unmenschlichen Vater in den zottigen Bart, mit seinen dicken Füßchen stößt es ihn ins Gesicht und ist bestrebt, den fatalen Moment des Gefressenwerdens möglichst hinauszuschieben. Erinnern Sie sich, verehrte Freundin, wie ich Sie ans diese Marmorgruppe aufmerksam machte, wie ich Sie aufforderte, den kleinen, protestirenden Weltbürger zu bewundern, der durchaus nicht passiv bleibt, wenn es sein Leben gilt. Sei auch der Kampf noch so aussichtslos, der Sieg noch so Problematisch, die Niederlage noch so gewiß — man soll nicht ohne Widerstand sich ergeben, nicht feige sich zerschmettern lassen. So meine verehrteste Freundin, sollte man auch gegen den jetzt so siegesbewußt anftretenden Antisemitismus Vorgehen. Kämpfet gegen die feindliche Macht, kämpfet unerschrocken und muthig, umso mehr, da der Kampf gegen den Antisemitismus durchaus nicht so aussichtslos, als der Kampf des Kindes von Chronos gegen seinen gefräßigen Erzeuger. Die Macht des Antisemitismus besteht in unserer Schwäche; unsere Uneinigkeit hat seine Einigkeit zuwege gebracht. Mau unterschätzt den Feind, so lange man ihn unterdrücken konnte und jetzt verfällt man in ein ebenso verhängnißvvlles Extrem — man überschätzt ihn. Ersteres ist in Ungarn der Fall, >vo man selbstbewußt nichts thut, um der giftgeschwollenen Schlange rechtzeitig das Haupt zu zertreten. Letzteres ist in Oesterreich der Fall, wo man die Waffen streckt und ruhig die Kenlenschläge hinnimmt, die der Antisemitismus seinen Gegnern unaufhörlich zu versetzen beliebt. Schechitah und Bedikah.*) ihre Ankläger und Vertheidiger von Hofrath Dr. I. Dembv, angezeigt von D. Feuchtivang. Im Jahre 1894 erschien D e m b o's Schrift „Das Schächten im Vergleich mit anderen Schlachtmethoden", vom Standpunkte der Humanität und Hygiene beleuchtet. Das Werk erregte großes Aufsehen durch seine strenge Sachlichkeit, wissenschaftliche Vertiefung und schlagende Beweisführung. Die Schächtfrage war danials brennend, wie sie es ja heute noch ist. Aber heute wie damals ist es fraglich, ob mit noch so überzeugenden Bernunftgründen gegen blindes Vorurtheil, mit Wissenschaft gegen groben Haß gekämpft werden kann; vielleicht werden bessere Einsicht und die Wahrheit schließlich doch den Sieg davontragen. Uns ist jedoch das Eine sicher: Alle Bestrebungen, Agitationen und Kämpfe gegen die „Schechitah" gingen bis Zum heutigen Tage von allerniedrigstem Judenhasse aus und gegen diesen mit Humanität und Philosophie streiten heißt vergeblich kämpfen. Trotzdem aber hat Hofrath D e m b o, der sich in den Dienst dieser dem Judenthum heiligen Sache gestellt und sich nickt nur als ein warmer, sondern insbesondere als der berufenste und mit allem nur möglichen vorhandenen Rüstzeug ausgestattete Kämpfer bewährt, nicht vergeblich gearbeitet. Er ist nun Autorität auf diesem Gebiete, das so viele Ignoranten und Stümper betreten mit der nackten Absicht, den Juden einen bösen Streich zu spielen und die Gelegenheit zu benützen, den Thierschutz in M e n s ch e n t r u tz zu verwandeln. Dieselben zartfühlenden Gemüther nämlich, welche so ängstlich um das Wohl des Vieh's besorgt sind, lassen diese wohlfeile Liebe ihren jüdischen Menschenbrüdern lange nicht in demselben Maße zutheil werden. In seinem neuesten, in vortrefflichem Hebräisch erschienenen Werke, das den Gegenstand unserer Besprechung bildet, rückt der gelehrte, russische Arzt und Forscher seinem Gegenstand und den Thierschützlern aller Zeiten und Völker an den Leib. Gleich sei bemerkt, daß das große Werk, dem noch ein zweiter *) Warschau 1896, bei Alexander Gins. Groß-Lctav, 258 Seiten, Band I. Band folgen soll, von dem Geiste strenger Objeetivität getragen ist und nicht allein apologetischen, sondern den Werth strengerWissenschaftlichkeit in Anspruch zu nehmen voll berechtigt ist; es ist ein ausgezeichnetes Buch n a ch F o r m, I n h a l t u n d C h a r a k t e r. Das Werk zerfällt in drei größere Theile: 1. Geschichte und Entstehung der Schechitha-Anfeindung e n in der Schweiz, Deutschland, Sachsen, Bayern, Frankreich, England, Oesterreich - Ungarn, Italien, Schweden; 2. T h i e r q u ä l e r e i und T h i e r s ch u tz bei Juden und anderen Völkern (Urvölker, Egypter, Chinesen, Japanesen, Indier, Buddhisten ilnd Brahmanen. Altparsen, Araber, Griechen, Römer, Urslaven, Urgermanen, Juden, Christ e n); Gründung der Thierschutzvereine im 10. Jahrhundert in England, Deutschland rc.: Ansichten der Philosophen und Naturforscher über die Pflichten der Menschen Thieren gegenüber; Urtheile der Rechtskundigen: Regierungsgesetze und Erlässe; 3. Beweis, daß die Schechitah ein Gebot der Thora und die Bedikah zum Wohle und zur Gesundheit des Menschen vorgeschrieben sei. - Wollten wir diese drei Theile einer genauen nnd ihrer würdigen Bespreckung unterziehen, wir müßten weit mehr berichten, als uns hier verstattet ist. Der erste Theil (pag. 1 —145). der bei weitem größere des ganzen Bandes, geht in historischer Reihenfolge bis in die ältesten Zeiten der Schechitahverfolgung zurück und weist mit überzeugender Treue nach, wie haltlos und schwach zu jeder Zeit die Motivirungen dieser Angriffe gewesen sind; eiu ungeheures Quellenmaterial von Originalurkunden wird von D e m b o aufgearbeitet lind alles gewissenhaft citirt, damit nirgendwo die Möglichkeit eigener Ueberzeugung fehle. Von hohem Interesse sind die veröffentlichten Sitzungsprotokolle der Thierfchützler mit allen Anträgen, Disputationen und Resolutionen; sämmtliche Reden sind nach stenographischen Protokollen pubücirt, so daß nicht der leiseste Zweifel der Verläßlichkeit entstehen kann. Besoud.rs seien hier die Protokolle der Sitzungen des Thierschutzvereines in Petersburg vom 17. und 21. Jänner 1801 hervorgehoben, in welchen D e m b o selbst als Debatter auftritt: ferner die Protokolle des allgemeinen Congresses der Thierfchützler in Bern am 12. August 1804. — Aus allen Berichten und Darstellungen geht bis zur Evidenz hervor, daß alle Bemühungen feindlich gesinnter Schechitahgegner, das Schächten als „Thierquälerei" hinzustellen, vollkommen vergeblich waren und daß trotzdem die erbittertste Feindschaft nicht aufhörte, eben, weil nicht h u m a n e, sondern ganz im Gegentheil ausgesprochen judeufeindl i ch e Tendenzen die Rufer und Führer in diesem Streite leiteten und nicht die Schechitah, sondern das Judenthum unmöglich gemacht werden sollte. Der zweite Theil ^pag. 147—220) beschäftigt sich mit der Idee und Betätigung des Thierschutzes bei den verschiedenen, oben angeführten Völkern und weist in ebenso geistreicher, als gefälliger und wissenschaftlich unbezweifelbarer Weife nach, daß es rein sittliche Gründe bei den wenigsten Völkern waren, welche Vorschriften über Thierschutz dictirten; besonders gilt dies von den heidnischen Urvölkern, den Egyptern. Chinesen, Japanesen und Indiern, wo grausamste Thierquälerei neben übertriebener Thierschouung und Thierliebe, welche ihren Grund in abgöttischer Thierverehrung haben, nebeneinander bestehen. Selbst Buddhisten, Brahmanen und Parsen schonten und schützten Thiere nicht nur aus ethischen Gründen, sondern weil sie an Seeleuwanderung durch Thierleiber glaubten; bei den Arabern, Griechen,Römern und Germanen findet sich nirgendwo ein strikter Beweis, daß sie Thierquälerei verpönten oder Thierschutz als sittliches Gesetz betrachteten. Ganz anders aber beidenJuoeu. In Thora, prophetischen und späteren Schriften finden sich viele r ein ethische, von höchstem Seelenadel zeugende