Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 636 Vr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 32 Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. LIV. In Budapest. „Wir sind stolz auf unsere Inden", wiederholte mir mein ungarischer Gewährsmann, der im Leben seiner Heimat eine nicht unbedeutende Rolle gespielt und der mich nicht blos dem Ministerpräsidenten Baron Banffy (der unerschrocken und consequent das vollbracht, was Dr. Weckerle so muthig und energisch begonnen und dem Gebäude der Gleichstellung der Inden in Ungarn durch das Receptionsgesetz die Krone aufgesetzt), sondern auch mehreren jüdischen Mitgliedern des Parlaments, dessen Schlußsitzung ich beiwohnte, vorstellte. Mein Gewährsmann ist ein Katholik, jedoch stark judenverseucht. Sein Großvater heiratete eine Jüdin und erzog seine Kinder ganz jüdisch, so daß man diese Magnatenfamilie für Juden hielt, was Anlaß zu verschiedenen Reibungen gab. Sein Vater heiratete wiederum eine Jüdin und mein liebenswürdiger Gewährsmann besuchte die Synagoge weit häufiger als die Kirche und las die Bibel in der Ursprache, was auch zur Folge hatte, daß er wiederum eine charmante Jüdin heiratete, die ich kennen und verehren Gelegenheit hatte. Und so zieht sich gleich einem rothen Faden das Judenthum durch drei Generationen einer ungarischen Magnatensamilie und diese magyaro-jüdische Amalgamirung begann zu einer Zeit, wo in Ungarn noch durchaus keine so liberal-idyllischen Zustände herrschten als gegenwärtig, wo die Magyaren unter dem eisernen Drucke von Wien seufzen. Der Besuch des Abgeordnetenhauses, wo ich eine prächtige,, wenn auch nur kurze Rede des Cultusministers Dr. Wlassics zu hören Gelegenheit hatte, hatte sowie überhaupt Alles, was wir in Budapest sahen und hörten, auf meine russischen Collegen einen tiefen und ich will hoffen, sehr heilsamen Eindruck gemacht. Sie (und darunter waren mehrere Vertreter stark antisemitisch angehauchter Preßorgane) sahen und hörten, welch eine Stellung die Juden in Ungarn einnehmen, welche Achtung und aufrichtige Zuneigung ihnen fast überall eutgegengetragen wird. Wir wurden einem jüdischen Deputirten vorgestellt, der gleichzeitig Rabbiner ist und fanden in ihm einer: hochgebildeten Mann, so daß meine russischen Collegen über eine so außerordentliche Erscheinung ganz außer sich geriethen. In der That, wer repräsentirt bei uns die Majorität des Rabbinercollegiums? Die wozu sie durch die Willkür der Regierung gemacht worden, diese sogenannten geistigen Leiter und Berather einer rechtlosen Volksmasse? Entweder imwissende Fanatiker, die sich krampfhaft arr die Tradition der Vergangenheit klammern rmd die Gegenwart ganz ignoriren, da sie der: Glauben an die Zukunft verloren, oder verkommer:e Studentei:, erfolglose Aerzte und Apotheker, Veterinäre und Ingenieure. Das ist das Contingent, aus welchem sich neuerdings die sogenannten Kreisrabbiner recrutiren. Sie können sich das Erstaunen meiner russischen College:: vorftellen, als wir im Abgeordnetenhause Rabbiner saher:, die der Ehre theilhaftig geworden, Volksvertreter zrr fein und die sich dieser hohen Mission mit so viel Würde ei:tlediger:. Derartig kann urrser Besuch in Budapest unzweifelhaften Nutzen bringen, da selbst der eingefleischteste unserer Judenftesser sich nicht der Ueberzeugung verschließen kam:, daß ein jedes Lar:d die Juden hat, die es verdient/ daß ein jedes Volk die Juderr hat, zu ivelchen es sie selbst gemacht. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß der mehrtägige Aufenthalt in Budapest auf viele meiner russischen Collegen einer: segensreicher: Eindruck machen wird. Dieselbeir Erwarturrger: sprach mir gegenüber auch mein geistvoller ungarischer Gewährsmann aus, der übrigens vor: der: Brüsten der deutschen Wissenschafter: genährt worden, in Heidelberg, Göttirrger: und Berlin studirt und die deutsche Cultur hochhielt, obgleich er ein glühender magyarischer Patriot ist. „Wir haben den Deutschen viel zu verdanken", sagte er mir, „und bewahren ihnen ebenso wie der: Juden eir: pietätvolles Andenken. Wir sind nicht, wie andere Völker, welche, nachdem sie sich eilte fremde Cultur angeeignet, auf ihre Lehrmeister mit Geringschätzung herabschauen und sobald sie auf eigenen Füßer: stehen, nichts Eiligeres zu thun haben, als ihren Lehrern Fußtritte zu versetzen. Wir sind Magyaren, achten aber deutsche Cultur, der wir so viel zu verdanken haben". Als ich mit meinem Gewährsmann unter Anderem die Frage über die (eber noch so trostlose Lage der Juden in Rußland berührte (er ist übrigens mit der Sachlage sehr genau vertraut), so sagte er : „Mögen die russischen Juden nach Ungarn kommen, sie können eines herzlichen Empfanges gewärtig sein." Darauf erwiderte ich: „Das wäre das sicherste Mittel, die Giftpflanze des Antisemitisnnls auch nach Ungarn, diesem bisherigen Hort der Freiheit und Gleichheit zu tragen. Lassen Sie einige Tausend russischjüdische Einwanderer nach Ungarn kommen, und Sie Werder: sehen, wie auch hier der Antisemitismus sein Gorgonenhaupt erheben und die Freiheitsbewegung erstarren machen wird." — „Wir fürchter: den Antisemitismus nicht, möge er nur kommen, wir werden schon wissen, ihn unschädlich zu machen." „Der Antisemitismus braucht nicht erst r:ach Ungarn zu kommen, er befindet sich schon in eurer Mitte und gebet Acht, daß die giftgeschwollene Schlange auch euch nicht beiße. Wenn es eir: Fehler ist, seine Freunde r:r:d Bundesgenossen zu überschätzen, so ist es ein weit größerer und verhängnißv ollerer Jrrthurn, seine Feinde und Gegrrer zu unterschätzen. Wien hat diesen Jrrthurn theuer bezahlt. Wenn die Wiener den Lueger rrrrd seine Gesinnungsgenossen nicht gar zu sehr unterschätzt hätten, so wäre heme der Antisemitismus nicht Herr der österreichischen Metropole, würde er nicht dem Progreß und dem Zeitgeist so ftech den Fehdehandschuh ir:s Gesicht schleudern, wäre heute nicht ganz Cisleithanien vor: Menschenhaß verseucht. Ihr lacht geringschätzig, wenn Lueger euch von der Höhe seiner Volkstribunenwürde verhöhnt und insultirt, wem: er bestrebt ist, das sogenannte „Judäomagyarier:" in den Koth zu ziehen. Ich befürchte sehr, daß die Zeit rncht fern ist, wo ihr es bereuen werdet, euren Feind blos durch Verachtung gestraft zr: haben. Die schwarze Legion hat sich auch bei euch eingenistet und wenr: sie noch keine Orgien feiert, wie in Wien, so geschieht dies nicht darum, rveil sie keirre innere Kraft fühlt, sondern, weil sie ihre Kräfte sammelt, das Terrain des künftigen Karnpfplatzes sondirt, recogrroscirt und langsam unterminirt. Ihr werdet sehen, daß, wenn ihr nicht rechtzeitig, die nöthigen energischer: Maßregeln zur Abwehr ergreift, der Antisemitismus an einem schönen Tage vor euch erstehen wird in voller Rüstung, gleich Minerva, die ge'wappnet und gerüstet dem Haupte des Jupiter entsteigt." So sprach eir: Mann, der irr den: Errtwicklungsproceß von Ungarn eine bedeutende Rolle gespielt, der, ohne je Minister gewesen zr: sein, die Entschlüsse vor: mancher: Cabineten beeirrflußt, dessen Kassandraruf leider jedoch ungehört verhallt, gleich der Stimme des Predigers ir: der Wüste. Die Millenniumsfeier und deren glanzvoller Verlauf, die Theilirahme särnmtlicher Culturstaaten au dem tausendjähriger: Wiegenfeste hat dem ungarischen Volke einigermaßen den Kopf verdreht und in diesem gewissermaßen berechtigten Rausch verhallt die Stirrrme der nüchternen Vernunft. Und die Gefahr naht mit Riesenschritten. Nur wenige Stunden trennen Wier: vor: Pest, und als ich nach Wien kam, da kam ich während meines kurzer: Aufenthaltes ir: der schöner: Kaiserstadt zu der Ueberzeugung, daß rncht allein die Todten schnell reiten. Der Antisemitismus reitet rroch schneller und wird auch Ungarn nicht verschonen. Während meines kurzen Aufenthaltes irr Wier: (vor: den: weiter unten die Rede seirr wird) konnte ich die Worte eirrer Tarne beherzigen. Diese hochgestellte Frau, eine Oesterreicherir: von'Geburt und eine fromme Katholikin, die Witwe eines berühmten Gelehrten, der lange ir: Rußland gelebt und gewirkt, schrieb mir während des Lueger-Trubels unter Anderem rrach Petersburg: „Je mehr ich der: hier sich vor meinen Augen abspielenden antisemitischer: Orgien beiwohne, desto verleideter wird mir der Aufenthalt hier. Ich erkenne mein schönes, geliebtes Wien nicht wieder. Mir scheint, ich sei in ein Barbarennest gerathen, ir: welchem ein fortwährender Krieg Aller gegen Alle vorgeht. Ich begreife überhaupt rncht mehr, was hier geschieht und warum sich eine aufgeklärte Majorität von eirrer fanatischen Minorität derartig terrorisiren läßt. Das ist mir ganz unverständlich ur:d deswegerr verlasse ich Wier:, das mir überhaupt keine genügende Sicherheit bietet. Denn wer bürgt mir dafür, daß sich die jetzt dominirende Bewegung nicht verbreitet und daß selbst diejenigen darunter zu leiden haben werden, die bis jetzt dem Hexensabbath theils mit Schadenfreude, theils mit verschränkten Armen zugesehen." Sie Haber: Recht, verehrte Frau, Sie, Witwe eines großer: Gelehrten, die Sie selbst eine Leuchte der Wissenschaft sind, die Erscheinung irr Wier: ist urrd bleibt unerklärlich. Daß eine Horde Fanatiker willkürlich in der Residenz eines Culturstaates wirthschaftet r:nd der Cultur täglich dröhnende Faustschläge ins Antlitz versetzt, ist unbegreiflich, ebenso wie, daß die Majorität sich nicht