Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 32 (7.8.1896)
- Date
- 1896-08-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 32 Dr. Vlortz's Wochrnptzrifr. Seite 637 ist. Irgend ein Beamter kann uns gegen Recht und Gesetz zurücksetzen oder belasten, aber er ist dann eben ein eidvergessener Schurke. Das ist der einzige correcte Standpunkt. Er ist die Wahrheit. Warum sollten wir uns die Unwahrheit suggeriren lassen, als ob eine Vergewaltigung der Minorität keine Unsittlichkeit wäre, als ob das bei vielen unserer christlichen Mitbürger beliebte Schwimmen mit dem Strome keine Gesinnungslosigkeit in sich schließen würde, als ob es die Pflicht jeder Minorität wäre, sich mit der Majorität zu assimiliren! Wozu falsche Sätze mitfertigen, weil der Judenstaat uns ihren Consequenzen entziehen könnte? Wenn nicht, was dann? Aber zur Liebe kann man Niemand zwingen, pflegen unsere Zwnisten zu sagen, also ist der Judenhaß bis einem gewissen Grade berechtigt. Wirklich? Kann man Niemanden zur Ablegung eines unbegründeten Hasses zwingen? Einen Ehrenmann jederzeit, wenn man sich liebenswerth benimmt. In früheren Zeiten hat es als Kennzeichen hysterischer Frauen gegolten, statt eines Arguments ihre Sympathie oder Antipathie anzuführen. Seit wann steht das Volk der Dichter und Denker auf dieiem Standpunkt? Professor Zucker hat in seinem geistvollen Artikel 0 nä.8 a pro näs die Genesis des Antisemitismus denn doch nicht ganz genau verfolgt. Nicht schon seit 1870, sondern erst seit Bismarck's Unikehr nach dem Culturkampf datirt der moderne Antisemitismus. Er ist ein Erbstück aus dem furchtbaren Vermüchtniß, welches Bismarck unserer Zeit hiuterlassen hat, aus dem Cultus der Gewalt. Könnte an dieser Tendenz selbst die Existenz irgend eines jüdischen Miniaturstaates etwas ändern? Soll er Rußland oder Deutschland eventuell Krieg ankündigen? Es ist der Grundfehler der Zionisten, daß sie ihren eigenen Argumenten den Bismarckismus zugrunde legen, die Voraussetzung, als bestände der Antisemitismus nicht nur, sondern wäre nothwendig, ewig - und vielleicht gar sittlich berechtigt. Sowie die Ungarn ihre Kraft in der Behauptung der Continuität ihres von oben her geleugneten Rechtes gesucht und gefunden haben, so müssen wir Juden unsere Kraft in dem Festhalten an dein sittlichen Anspruch jeder Minorität, auf Achtung ihrer Eigenart suchen, so sehr dieser Anspruch auch momentan von unten verkennt wird. Die Zukunft gehört immer der Wahrheit. Acher behauptet, daß wir uns mit keiner einzelnen Nationalität assimiliren können. Er hätte hinzufügen sollen, wenn diese es nicht zuläßt. Warum haben sich die Juden mit den Ungarn assimilirt? Und wie ist dort der Jstoczysmus, wie in Frankreich der Bonlangismus weggefegt worden? Ein Hauch der Weltgeschichte und der ganze Bismarckismus ist weggeblasen wie ein böser Traum, weil er innerlich Lüge ist. Es ist Lüge, daß die Antisemiten uns wegen unserer Eigenart hassen; deml sie hindern uns an deren Ablegung. Es ist Lüge, daß sie christlich fühlen, denn sie verachten nothwendig die Apostel und üben statt Denruth Hochmuth, statt christlicher Liebe Judenhaß. Es ist Lüge, daß sie national fühlen, denn sie geben ganze Provinzen den Gegnern des Deutschthums preis. Sie gehen einfach ans Beute aus und spätestens bei der Theilung der Beute beginnt der Streit. Wir werden unsere Boulange noch auseinanderstieben sehen; denn die Lüge tödtet den eigenen Herrn. Einstweilen aber lassen wir doch um Gotteswillen ihre Lügen nicht noch uns als Offenbarungen neuer Wahrheiten vorsetzen. Sich von gedankenlosen oder verlogenen Leuten foppen zu lassen, war sonst die Art der Juden nicht. Das wäre bei ihnen etwas ganz Neues, eine jüdische Moderne. Lassen wir uns doch von den Sophismen unserer Gegner nicht betäuben! Es ist ja Alles an ihrem Standpunkte falsch und erlogen. Wer will uns beweisen, daß in seinen Adern kein jüdisches, in den Adern irgend eines Juden kein arisches Blut fließt? Und ist denn das Blut so wichtig wie die Erziehung? Und ist die jüdische Erziehung heutzutage von der christlichen wesentlich verschieden, war sie jemals schlechter? Acher behauptet, daß wir uns nur mit dem Europäerthume assimiliren können. Und die Anderen? Wie lange werden sie noch, von transsibirischer und transatlantischer Verkehrszone eingeklemmt, mit ihrer Kirchthurmnationalitüt spielen können? Acher behauptet, auch im Svcialstaate werde man unser Judenthum nicht übersehen. Möglich, aber in den fünfhundert Jahren, welche nach Rodbertus bis dahin erforderlich sind! Eine einzige sociale Sturmfluth, und die Welt wird ganz andere Sorgen haben. Wenn aber nicht, sollen wir uns gar nicht wehren? Es ist das Bedenklichste, daß Herr Acher jede Bildung einer jüdischen Partei verwirft. Daß es thöricht wäre, irgend einer nichtjüdischen Partei bedingslos nachzulausen, darüber sind wir wohl einig. Was denn also sollen wir anstreben, als eine jüdische Partei? Den Judenstaat. Wenn er durchführbar ist! Wenn er Alle ausnehmen kann! Wenn aber nicht, was dann? Wäre es nicht viel richtiger, wenn die Juden eine große Organisation hätten, der es erst zu überlassen wäre, ob mau den Judenstaat 'anzustreben hätte? Wenn nicht, so Hütte man dann wenigstens die Organisation. Und diese ist eine Nothwendigkeit. Sie wird kommen: wenn nicht jetzt, so später. Nur dem blinden Auge, welches den Geist der Geschichte verkennt, erscheint das Leben Israels und sein qualvolles Leiden als ein trübes Walten eines peinlichen Zufalls. Ursprünglich an jene Stätte hingestellt, an welcher die Culturvölker Vorderasiens, Egyptens und des griechischen Jnselmeeres auseinanderstießen, mußte das kleine Judenreich früher oder später von ihnen zertreten werden, aber nur wie ein heiliges Feuer zertreten werden, daß die Funken nach allen Seilen hinflogen, aller Orten das Feuer Zions wieder entzündend. Licht muß es werden in allen Köpfen: eher kann Israel keine Ruhe finden; darum der Haß aller Finsterlinge! Künstlich auf Handel und Talmudstudium beschränkt, hat es jahrtausendelang Zeit gehabt, die eigene Intelligenz zu schärfen. Mit diesem überhellen Kopfe hat es in die Philosophie der Völker Hineingel uchtet, und es ist ein Spinoza erstanden; in die Dichtkunst, und ein Heine hat neue Lieder gesungen, in die sociale Frage, und ein Lassalle und Marx haben den Armen die Botschaft vom neuen Reiche der Zukunft gebracht, in welchem die Schrecken der Armuth zum Märchen für Kinder werden sollen. In alle Länder der Erde zerstreut, genießen wir gewissermaßen ein Reisestipendium der Vorsehung zum Studium des ganzen Erdballs und überallhin zu leuchten, das Vorurtheil aus seinen Schlupfwinkeln zu verscheuchen, nicht blos unser Verfolgtwerden, sondern das Princip der Unduldsamkeit und Verfolgung solange zu bekämpfen, bis es im Bunde mit den Besten der Völker gelingt, ihm überhaupt ein Ende zu machen, das ist unsere historische Aufgabe. An einen Ort vereint, sind wir umso leichter auszuplündern und todtzuschlagen. Nur in unserer Verstreuung über den Erdball liegt unsere unüberwindliche Kraft und in der Bekämpfung der Wahnidee, als ob irgend ein Fleckchen dieses herrlichen Planeten für irgend eine momentane Majorität geschaffen wäre und alles Andersartige mit guten oder faulen Mitteln weggeschasft werden dürfte. Dies ist sicherlich eine noch viel erhabenere Aufgabe als selbst der stolze, aber unmögliche Gedanke eines wirklich unabhängigen Judenstaates an der Stätte, an welcher der königliche Sänger seine Psalmen erklingenließ. Denn was wäre ein Judenkönig in unserer Zeit als der stets bedrohte, durch und durch abhängige Beherrscher eines jüdischen Kleinstaates inmitten haßerfüllter, räuberischer, andersgläubiger Großftaaten! Vorn». ii et..