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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 636 Vr. Vloch's Wochenschrift 4. Die nöthige politische Reife zur Erhaltung des Judenstaates. So lange nun der Sultan nicht einmal die Einwanderung durch ausdrücklichen Ferman gestattet und auch sonst kein Staat Provinzen zu verkaufen geneigt ist, kann die Landnahme keineswegs mit A ch e r als ein „relativ einfaches" Unternehmen bezeichnet werden, sondern sie ist einfach unmöglich, zumal die von unserem phantasievollen Autor mit in Betracht gezogene „Eroberung mit wirklichen Waffen" doch wohl kaum ernst zu nehmen ist. An die Besetzung speciell Palästinas durch die Juden ist bei der bekannten Eifersucht, mit welcher die Mohammedaner den Zugang zur angeblichen Höhle Machpela und die einzelnen christlichen Bekenntnisse das heilige Grab bewachen, gar nicht zu denken, selbst wenn die türkische Regierung für Geld und gute Worte nicht unempfänglich wäre. Wir wollen mit A ch e r nicht darüber streiten, ob die hiesigen jüdischen Universitätsstudenten wirklich mit unseren armen, vielverhöhnten polnischen Proletariern, mit den Chassidim und mit den marokkanischen Juden ein Volk bilden. Die Herren stellen sich vielleicht die Verständigung in einer erst zu bildenden hebräischen Sprache nur deshalb so leicht vor, weil sie bei löblichem Eifer für die Kenntniß der Elemente das schwierige Eindringen in die Tiefen der hebräischen Sprache weislich der Zukunft Vorbehalten haben. Doch das sind Meinungssachen. Auf dem Boden der Ziffern gelangt man leichter zu unbestreitbaren Ergebnissen. A ch e r meint, daß die Juden über physische, wirthschaftliche und geistige Kräfte in Hülle und Fülle gebieten. Die Juden in ihrer Gesammtheit doch nicht? Unser wackerer Autor möge einmal versuchen, für irgend einen Zweck der Gesammtheit in Wien Geld aufzutreiben und er wird ganz curiose Entdeckungen machen. Bleiben die einzelnen Juden, die sich gerade in dieser Frage aufs Schärfste in Diejenigen scheiden würden, die Etwas haben und eben deshalb weder auswandern noch die unberechenbaren Rückwirkungen eines Judenstaates auf ihre Heimat riskiren wollen, und Diejenigen, die Nichts haben und theilweise allenfalls auf Regimentsunkosten das Elend anderswo versuchen möchten. Kurz, wer für den Judenstaat Mittel sucht, wird bei unseren Reichen vielleicht mehr Hülle als Fülle finden. Und welche ungeheuren Mittel wären da nothwendig? Was kostet jeder von den zehntausend Juden, die nun glücklich in Argentinien angesiedelt sind? Die Ueberfahrt, der Bodenkauf, die Einrichtung und die Lebensmittel für das erste Jahr, die Kosten der Organisation und der Controle, Alles das schätzt Herzl auf eine Milliarde Mark. Diese Summe genügt nicht für das nackte Leben einer Armee von einer Million Menschen während eines einjährigen Feldzuges. Und wo fände sich auch „nur" eine Milliarde Mark für diesen Zweck? Doch nicht bei den Antisemiten, wie Herzl mit genialem Humor vorgeschlagen hat? Hätten die Antisemiten überflüssiges Geld, so wären sie nicht Antisemiten. Oder bei den Juden? Wie täuschen sich die Zionisten, wenn sie die Opferwilligkeit der Massen nach dem Enthusiasmus bemessen, den sie selbst allenfalls beizusteuern in der Lage wären! Die Grundstimmung der Juden ist leider noch lange nicht die von uns Allen ersehnte begeisterte Auflehnung gegen den Versuch der Versclavung und Entehrung. Sie sind zu lange Sclaven gewesen, um in chrer Majorität ihren Unterdrückern und Verfolgern gegenüber etwas Anderes zu empfinden, als das dumpfe Unbehagen des geborenen Krüppels gegenüber Verspottungen und Zurücksetzungen. Was endlich die von A ch e r erwähnte „politische Bildung" der Juden betrifft, so wird man gerne daran glauben, falls der geistreiche Urheber der „jüdischen Modernen", einen einzigen Mann nennen kann, dem unsere Glaubensgenossen Disciplin zu halten geneigt wären, einen einzigen Vorkämpfer des Judenthums, den unser politisch leider völlig Nr. 32 unreifes Volk nicht in der Stunde der Entscheidung im Stiche gelassen oder von seinem ersten Schritte an eigennütziger Motive verdächtigt hätte. A ch e r möge die Zustände unserer Cultusgemeinden betrachten. Er überzeuge sich, wie nur die Furcht vor der Obrigkeit die Majorität davon abhält, der Minorität in rituellen Dingen Gewissenszwang anzuthun; er studire die heftige „Roschekolik", an welcher unsere Rabbiner zu leiden pflegen und oft wieder ihrerseits Schuld tragen mögen, dieses ewige Ringen zwischen bildungslosem Geldprotzenthum und unduldsamen geistlichem Hochmuth, er beobachte die absolute Unmöglichkeit, Juden zu organisiren, ohne sofort in ein kleinlich gehässiges, völlig unerträgliches Getriebe persönlicher Eifersüchteleien hineinzugerathen, und er wird von dem „politischen Sinne" der Juden eine ganz andere Meinung bekommen. A ch er nennt seine Partei ohneweiters die „Moderne". Er ist ein zu feiner Kenner der jüdischen Geschichte, als daß man ihn erst daran zu erinnern brauchte, wie oft sch n das jüdische Volk sich an seinem Streben nach der Souveränität in dem geliebten und gelobten Lande seiner Ahnen fast verblutet hat. Neu ist also die Sache keineswegs. Aber unser Schriftsteller sieht das Wesen des modernen Denkens darin, daß man auch unbequeme Thalsachen zuzugeben bereit ist. Modern ist eben deshalb meiner Ansicht nach Jeder, der in Angelegenheit des Judenstaates einfach fragt: „Wo ist das Land, wo ist das Geld, wo sind die Einwohner für den künftigen Judenstaat?" Vorläufig blos in den Träumen und Wünschen der Zionisten. Träume und Wünsche aber für Thatsachen zu nehmen, ist Alles, nur nicht modern. Ich will übrigens die Undurchführbarkeit des Zionismus, obwohl sie, so lange Geld und Land fehlen, beiweitem das Wahrscheinlichere ist, nicht schärfer behaupten als A ch e r die Durchführbarkeit. Man könne darüber vorläufig nicht mit voller Sicherheit uriheilen, meint unser Schriftsteller, und ich möchte hinzufügen, daß gerade H e r z l's Action insoferne zu begrüßen ist, als sie in Bälde über diesen Punkt Klarheit bringen muß. Wenn also die Durchführbarkeit von Niemanden mit Sicherheit behauptet, von Vielen mit Wahrscheinlichkeit negirt wird, so muß denn doch auch ein Bischen auf den Standpunkt Rücksicht genommen werden, den die Petersburger- Akademie der Wissenschaften in Jules Verne's dramatisirter Reise in den Mond in das elastische Votum zusammensaßt: „Es ist nicht unmöglich, daß es möglich ist; aber es ist auch möglich, daß es unmöglich ist." Darum möchte ich an jeden Zionisten die ergebenste Bitte richten, immer auch diesen Fall mitzubedenken. Der Einzelne mag von der Durchführbarkeit des Zionismus noch so sehr überzeugt sein, er kann irren. Und er u-uß seinem Volke auf die Frage antworten können: Wenn nicht, was dann? Wie die meisten Zionisten, geht uns-r Schriftsteller in seinem Bestreben, unbequeme Thatsachen zuzugeben so weit, daß er alles^ uns möglicherweise Unbequeme zugibt, auf die Gefahr hin, daß es keine Thatsache ist. Da wird vor Allem der „Bestand der Judenfrage" ohneweiters zugegeben, statt daß darauf gedrungen würde, es möge scharf definirt werden, was unter „Judenfrage" zu verstehen ist. Wenn unter Judenfrage etwa in der Weise der Antisemiten die Frage der Oesterreicher verstanden wird: „Was fangen wir mit unseren Juden an", so muß diese Frage auf das Schärfste abgelehnt werden, auch von den Zionisten. Denn wie, wenn ihr Zion doch unmöglich wäre? Wie wenn bezüglich der Zurückbleibenden diese Frage aufgeworfen würde? Eine Judenfrage in diesem Sinne, irgend eine sittliche Berechtigung oder gar Verpflichtung zur Schaffung von Judengesetzen müssen wir aufs Schroffste negiren. Man kann uns äußerlich bewältigen und majorisiren, etwa wie große Schuljungen einen schwächeren Mitschüler zu prügeln pflegen. Aber man muß bei sich doch wissen, daß dies eben ein Bubenstreich, eine infame Feigheit

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