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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Dr Blortz's Wortzrnptzrifr. Seite 635 Nr. 32 Da ist es dann freilich eine traurige Aufgabe, von dem Streit um eine Utopie erst abmahnen zu sollen. Hannibal steht vor den Thoren und die Belagerten lassen — Seifenblasen aufsteigen. Vorläufig verlautet, daß der Sultan in Folge einer Reise Dr- Herzl's nach Constantinopel genau das gethan hat, was jeder modern denkende, d. h. die Thatsachen nicht verkennende Mensch, von ihm erwarten mußte. Es gibt ja vorläufig auch noch andere Thatsachen in der Welt als den Antisemitismus, und eine Schrift, die keine andere Thatsache in Rechnung zieht, setzt sich schon dadurch der Gefahr einseitiger Uebertreibung aus. Seine ottomanische Majestät also haben geruht, dem einflußreichen Redaeteur eines Weltblattes, dessen Haltung für die Türkei nicht ganz gleichgiltig ist, einen schonen Orden zu verleihen und ihn in die kaiserlichen Schatzkammern führen zu lassen. Damit hat der Beherrscher aller Gläubigen seine persönliche Liebenswürdigkeit gegen einen interessanten Gast auf's Unzweideutigste bewiesen. Dagegen scheinen die türkischen Staatsmänner der Ansicht zu sein man könne von dem Großherrn nicht gut verlangen, daß er mit gekreuzten Armen und Salem Aleikum zusehen solle, bis ihm das derzeit mohammedanische Palästina künstlich verjudet und so ein zweites Königreich Griechenland präparirt würde. Es wird daher berichtet, daß das Verbot der Einwanderung von Juden nach Palästina in letzter Zeit verschärft worden sein soll. Wenn sich diese Nachricht bestätigen sollte, so ist schon jetzt der Fortgang des schönen Colonisationsunternehmens, auf welches die Zionisten mit Recht stolz gewesen sind, durch die politischen Besorgnisse, welche die Ankündigung des Judenstaates erregt, empfindlich gestört. Wie sehr die Freude daran in zionistischen Kreisen geschwächt worden ist, zeigt Acher's geringschätziger Ton bei Besprechung des nach seiner Ansicht „trostlos" geringfügigen Ergebnisses. Doch ist dies noch die kleinste von den Schädigungen, welche der jüdischen Sache durch die Herzlsche Idee drohen. Sowie das innere Interesse für Colonisationsbestrebnngen durch die Concurrenz dieses weitaus großartigeren Unternehmens abgeschwächt wird, so liegt die Gefahr vor, daß ein Theil der Kraft, mit welcher das Jndenthum sich vertheidigen könnte, auf ein täuschendes Traumbild verschwendet wird. Anderseits haben hiesige antisemitische Blätter die Idee eines jüdischen Exodus mit Jubel begrüßt, natürlich mit der kleinen Modification, daß die Juden das, was sie als „Fremdlinge" hier erworben haben, auch hier zurücklassen. Vielleicht würden sich die Antisemiten sogar dazu herbeilassen, uns den Exodus zu erlassen, vorausgesetzt, daß wir uns nur hübsch auf den Fremdlingsstandpunkt stellen, den unsere bewährten Freunde, die Rumänen, ihren Juden o gerne suggeriren möchten und einstweilen aufzwingen. Das aber ist die größte Gefahr, welche der Zionismus über die Juden heraufbeschwört. Er könnte ihnen so ausgelegt werden, als ob sie sich selbst als Fremdlinge betrachten und jedes Staatsbürgerrecht als eine entziehbare Gnade empfinden würden. Diese Zumuthung nun muß jeder Jude, auch der Zionist, mit flammender Entrüstung zurückweisen. Wir lassen uns nicht zu Fremdlingen in unserem Vaterlande degradiren. Das Dorf, in dem wir den seligen Traum der Kindheit geträumt haben mögen, die Stadt, in der wir zum Bewußtsein unseres Bürgerthums erwacht sind, ist unsere Heimat, nicht die hohe Unbekannte im fernen Sagenlande des Libanon. Unser Vaterland ist das Land unserer ■ Väter, das Land, wo wir das heilige Haupt eines greisen Vaters zu schützen, die Gräber der Vorfahren zu ehren haben. Unsere Muttersprache kann keine andere sein, als jene, in deren süßen Lauten die Mutterliebe zu uns gesprochen hat. Hier haben wir, hier haben unsere Väter gestritten und gelitten und wir sollten minder heimisch sein in unserem Vaterlande als Andere, blos weil wir einem Stamme angehören, der früher hier war als alle Völker Oesterreichs miteinander. Das ist ja der reine Wahnsinn! Kein Mensch anerkennt ein Volkseigenthum an Grund und Boden oder beweglichen Gütern. Alles steht im Privateigenthum, nur in der „Judenfrage" verwendet man Redensarten, als ob Boden und fahrende Habe den „Wirthsvölkern" gehörte. Den Völkern gehört leider nichts als der Haß. in den ihre ehrgeizigen Streber sie hineinhetzen. Unsere Hasserwollen uns unseres wirklichen Besitzes berauben und benützen dazu die Fata, morgana eines neuen Vaterlandes. Kein Jude, auch der Zionist nicht, hat das Gefühl, daß er sich dem Vaterlande gegenüber in einer anderen Situation befinde, als irgend ein christlicher Mitbürger. Und jedenfalls sind die Zionisten nur ein Theil, ich glaube, ein sehr kleiner Theil der Judenheit; ihre mitunter mehr von der Rhetorik momentaner Erregung eingegebenen als genau überdachten Aeußerungen können schon deshalb von keinem Unbefangenen als Ansdruck der öffentlichen Meinung im Judenthume betrachtet werden. Sie selbst pflegen ja zuzugeben — auch Herzl räumt es ein — daß auch nach etwaiger Begründung eines Judenstaates ein großer Theil der Glaubensgenossen es vorziehen würde, in den außerhalb Palästina errungenen Positionen und Besitzthümeru auszuharren. Auch ist etwas Anderes gar nicht denkbar, da Palästina höchstens für die Hälfte der gegenwärtigen Judenheit Raum hat. Es kann mit seinen 25.400 Ouadratkilometern doch nicht mehr Leute ernähren als die hocheultivirten Erzherzogthümer Nieder- und Oberösterreich mit ihren 31.800 Ouadratkilometern, welche einschließlich Wiens nicht 4 Millionen Bewohner- Haben. Nun schätzt inan die Judenheit auf 7 Millionen, zn denen man wegen der Sabbarhruhe und der vorläufig vorwiegend geistigen Tüchtigkeit der Juden eine ansehnliche nichtjüdische Bevölkerung hinzunehmen müßte: zum Blindesten also würde ein Staat aller Juden geg u 8 Millionen Menschen, das heißt das Doppelte der Einwohnerschaft jener beiden Erzherzogthümer umfassen. Gegenwärtig ernährt Palästina nicht ein Zehntel dieser Einwohnerzahl (etwa 600.00V Brenschen), und diese in der kümmerlichsten Weise. Mehr als 4 Millionen wird es auch unter den allergünstigsten llmstünden und nach vielen Jahren absolut nicht fassen; für die Hälfte der Judenheit bleibt also jedenfalls auch nachher die sogenannte Judenfrage ungelöst, und diese Hälfte würde höchst wahrscheinlich binnen weniger Generationen durch die erleichterten Existenzbedingungen wieder zur alten Zahl angewachsen sein, wenn — die andere Hälfte wirklich in Palästina einen Staat gegründet hätte. Wenn aber nicht, was dann? Diese Frage müssen wir an Acher stellen, wenn wir über seinen Standpunkt hinaus zu einer Höhe des'lieberblicks gelangen wollen, von welcher aus wir seinen Standpunkt als die eine Möglichkeit mit umfassen. Damit ist Nichts geleistet, wenn Zionisten und Nichtzionisten einander gegenüberstehen, jeder den Standpunkt des anderen negirend. Acher hat einen guten Anfang gemacht, indem er ehrlich zugibt, daß Niemand die Durchführbarkeit des Judenstaates mit Bestimmtheit behaupten könne. Er selbst also ist, falls er ernst genommen werden will, verpflichtet, sich klar zu mache,', was geschehen soll, wenn der Judenstaat sich als undurchführbar erweisen sollte. Bismarck hat sicherlich im Vorhinein auch den Fall der Niederlage in Rechnung gezogen. Ueberdies ergibt sich gerade aus AcheFs Ausführungen zu Gunsten der Durchführbarkeit die volle Unwahrscheinlichkeit des Unternehmens. Unwillkürlich ist unser Autor über diesen Theil seiner Aufgabe etwas rasch hinweggeglitten. In wenigen Zeilen werden einige Voraussetzungen des Judenstaates aufgezühlt und ohneweiters ihr Vorhandensein behauptet. Diese Voraussetzungen sind: 1. Ein Land für das Judenvolk. 2. Ein Judenvolk für das Land. 3. Die Mittel für die Auswanderung, für die Einrichtung, für den Anbau re. i j \

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