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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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cSette 634 Vr. Vloch's Wochensrtzrist Nr. 32 für uns einzutreten. In dem Momente, wo der Antisemitismus sich zum Clericalismus entwickelt hat, können wir sie von dieser schweren Pflicht entlasten. Jetzt ist es Zeit, zu beweisen, daß die liberalen Ideen nicht blos, wie die Gegner stets behaupten, in den Reihen des Judenthums, sondern auch noch im christlichen Volke zahlreiche Vertheidiger zählen. Der Kamps um die Wiederaufrichtung der Kirchenhereschaft in Oesterreich berührt sa vor Allem die Christen und muß zwischen ihnen ausgetragen werden. So wenig die Frage, ob im Judenthum die Orthodoxie oder die neologische Richtung die Oberhand haben sollen, rein christliche Interessen tangirt, so wenig werden rein jüdische Interessen durch die Frage betroffen, ob das Heil dieses Staates bester durch den Clericalismus als durch den Liberalismus verbürgt werde. Wir halten es für zweckmäßiger, die Entscheidung dieser Frage durch unser Hinzuthun nicht zu beeinflussen. Die Juden müssen der Freiheit das schwerste Opfer bringen: sie müssen aufhören, für die Freiheit zu kämpfen. So paradox das klingt, so gerechtfertigt ist es durch die Umstände! Befreien wir die christlichen Freiheitsfreunde von dem Odium einer Judenschutztruppe, verhindern wir, daß die politische Terminologie der Gegner die Begriffe des Judenthums und des Liberalismus miteinander identisicirt! Das Judenthum zu vertheidigen war vor Allem Pflicht der Juden, die Freiheit zu vertheidigen ist vor Allem Pflicht jener Freisinnigen, denen man nicht den berechtigten oder unberechtigten Vorwurf machen kann, daß sie nur Fremdlinge in diesem Staate seien. Der Clericalismus wirft die Maske ab — sehen wir nur erst eine Weile zu, ob im christlichen Volke die Erinnerung an das schwere Unglück aufdämmern wird, welches diese Macht so oft schon über Oesterreich gebracht hat! _Dr. M. „Ob fsrultaiiv, ob obligatorisch ist Einerlei. . ." Mutter Germania's Heldensöhne befinden sich in einem bedauerlichen Meinungszwiespalt. Es handelt sich auch um keine Kleinigkeit. Ist Judentodtschlagen eine nationale Pflicht, sozusagen das A-B-C des Nationalgedankens oder spielt es in den Lehr- und Lernjahren des arischen Deutschen jene Rolle, die etwa dem Zeichner oder dem Turner in unserem Gymnasiallehiplan zukommt, die Rolle eines „freien Gegenstandes", dessen Studium dem Privatfleiß überlassen bleibt. Das ist die wahre Bedeutung des Unterschiedes zwischen facultativem und obligatorischem Antisemitismus, jener feinsinnigen Specification, auf die sich dermalen die Führer der Deutschen in Oesterreich soviel einbilden. Der Jude wird auf jeden Fall todtgeschlagen. Das steht einmal fest. Darüber zu rechten wäre widersinnig und höchst überflüssig. Aber der unbefangene Beobachter wird sicherlich einsehen, daß es „dem Juden lieber sein muß, wenn ihn der „facultative Anti" todtschlägt, jener Anti, dem das Judentodtschlagen ein feinsinniges Vergnügen, ein ästhetischer Genuß, die liebevolle Beschäftigung seiner Mußestunden bildet". Der Mann geht doch viel zielbcwußter und planvoller zu Werk als der obligatorische Antisemit, dem das Judentodtschlagen eine brutale, unabweisliche Pflicht ist. Daraus folgt zur Evidenz, daß die Juden die facultativen Antisemiten wählen müssen, sonst stecken die obligatorischen allein die Abgeordnetendiäten ein. Und das zu verhindern, ist Pflicht der jüdischen Stimmzetteln. Wer solch klaren politischen Gedankengang nicht erfaßt, der ist wirklich auf den Kopf des Herrn Strobach gefallen. Aber es verlohnt sich doch, der Sache ein klein wenig näher zu treten. Aus Graz wird neuerdings der Werth des facultativen Antisemitismus gepredigt. Die Grazer Facultativen sind nämlich gekränkt, daß sie von den Wiener Obligatorischen nicht voll genommen werden, und sie geben sich redliche Mühe, jene Unbedingten und Unverfälschten eines Besseren zu belehren, die auf Schönerer's Bärenhäuten liegen und noch immer Eines trinken und schimpfen. Aus der grünen Steiermark, wo die Kropfe, die Feichtingers und die nationale Gesinnung so herrlich gedeihen, kommt nämlich die Ausklärung, daß das gegenwärtige Aufblühen des Antisemitismus eigentlich ein Verdienst Dr. Kummer's und seines facultativen Antisemitismus sei. Dadurch sei die Angliederung „Neutraler" an die Nationalpartei ermöglicht worden, und diese Neutralen seien dann durch den freundschaftlichen Verkehr mit antisemitischen Clubgenossen für die Gründe der Antisemiten empfänglicher geworden. So habe der facultative Antisemitismus die später offene Stellungnahme der Nationalpartei gegen das Judenthum und diese wieder als weitere antisemitische „Etappe" das Programm der Deutschen Vollspartei geboren. Mit vielen Worten ist damit der einfache Erfahrungssatz ausgesprochen, daß die Gesinnungskrätze ebenso ansteckend ist, wie andere epidemische Krankheiten, während sich leider nicht behaupten läßt, daß ein Gesunder durch eine bloße Anwesenheit Andere gesund gemacht hätte. Wir sind von dem „Werthe" des facultativen Antisemitismus vollständig überzeugt, in uns hat die Grazer Weisheit ebenso belehrsame als dankbare Adepten gefunden. Uns ist es schon längst klar, welch prächtige Wirkung der facultative Antisemitismus beispielsweise im Deutschen Schulverein erzielt hat. Hier wurde mit allen Mitteln der Gefahr vorgcbeugt, daß etwa einem Judenkind zu viel der deutsche Unterricht gewährt werde. Kein Opfer war den facultativen Schulvereinsantis zu groß. Und schmunzelnd müssen die Unbedingten anerkennen, daß man bereitwilligst deutsche Kinder der Slavisirung preisgab, woserne es nur gelang, einem Judenbuben oder einem Judcnmädchen die Thüre der Vereinsschule vor der gebogenen Nase zuzuschlagen. Den schuldigen Mann geht's Grausen an! In sämmtlichen antisemitischen Blättern finden wir erlogene Nachrichteu von den Delegirtenversammlungen der jüdischen Gemeinden, in denen die Parole ausgegeben worden ist: „Los von den Deutschen." Das Gesindel ahnt, daß die Inden aufhören, Gourmands des Todtgeschlagenwerdens zu sein, daß ihnen nachgerade die Sauce gleichgiltig wird, in der sie für das nationale Festmahl zubereitet werden sollen. Wir wollen nicht, daß unsere facultativen Freunde vor den obligatorischen erröthen müssen. Wir muthen ihnen nicht zu, Dasjenige als Sport zu betreiben, was bei Anderen ernste Lebensaufgabe bildet. Die Burschen haben Recht. Es könnte die Zeit kommen, wo antisemitische Wahrsprüche mit entsprechender Modification auch das Leitmotiv der Juden für den Wahlkampf werden wird. „Ob facultativ, ob obligatorisch ist Einerlei, in der antisemitischen Race liegt die —." Wenn nicht, was dann? Ein Wort an die Zionisten. In der vorigen Nummer habe ich mich bemüht, die Anschauungen eines Gegners so ausführlich und wörtlich als nur thunlich wiederzugeben. Eines Gegners? Schon dieses Wort scheint mir zu stark. Unter Inden sollte es bei den heutigen Zeitverhältnissen keine Gegnerschaft, sondern nur Meinungsverschiedenheit geben, wie sie allenfalls auch unter Brüdern Vorkommen mag. Aber auch diese Meinungsverschiedenheit ist ein großes Nebel, denn sie schwächt die Kraft zu gemeinsamem Vorgehen. Darum ist mir der Zionismus von jeher als ein Unglück erschienen, weil er nothwendig eine neue Meinungsverschiedenheit innerhalb einer Gemeinschaft hervorruft, deren Mitglieder wegen der schroffen Extreme fanatischer Gläubigkeit und höhnischen Unglaubens ohnehin viel zil wenig Gemeinschaft miteinander haben. Von allen Seiten kläfft die Meute unserer Verfolger blind wüthend. Unter sich in gar nichts einig, folgen sie den Winken eines Mannes, dem es geradezu darum zu thun scheint, die Geduld seiner Anhänger auf die Probe zu stellen. Den Juden möchte ich sehen, der einem Führer noch Gefolgschaft leisten möchte, wenn derselbe auch nur einen Schwabenstreich ä la Pfister-Affaire, Volksbildungsverein, Rettungsgesellschaft, Fleischvertheuerungsverhandlungen auf seinem Conto hätte. Und die Feinde der Juden? Die ganze abenteuerliche Erfindungsgabe eines Lueger reicht nicht aus, um so viele dumme Streiche zu ersinnen, als sie kritiklos vertragen können. Warum? Weil ihnen die Einigkeit über Alles geht.

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