Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-08-07 · 32 (7.8.1896) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
32 (7.8.1896)
Date
1896-08-07
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021148--05867-3030123
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Bc. 82. Dr■ Bloch 8 Jahrgang XUU. Crntrslorgan fiir die gelammten Interessen des Iudenthums. - - Wien, 7. Anguss 1866. Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse; Wien, I., Hauptpostamt — Fach. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift Wien. «r . ■■ .. — —K T ». k. Postsparrassrn-ZJmt Elraringv erkrhr Nr. 610.976. |»ed«rtton und NdminiSratwn: j Wien! > ., L! „Irre D ngartrnprassr 1»-! 'Telephon-Kr. 6535. ' I fr-r—- x= ■ ■ |i »i|ug*pcet« für Sestrrrrtri»: | Halbjährig 4 ft. 8 Jtr. Linzrlexemplare S5 ft. Für'» Ausland:! halb ^ihrig 8 ff. 10 Ar. I ganzjährig!O „ 2» „! Anzeigrn: Die 4mal gespaltete i Petitzeile 12 fr. l Inhalt. Leitartikel: Die Frvntvermlderung des Antisemitismus in Oesterreich. — Ob „sacultativ, ob obligatorisch ist Einerlei". — Wenn nicht, was dann? —Beitrag zur Geschichte der russischen Inden. — Schechitah und Bedikah, ihre Ankläger und Bertheidiger. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Eine czechische Stimme über den Antisemitismus der Deutschen und der Czechen in Mähren. Gleiches Recht für Alle. Das berichtigte „Deutsche Volksblatt". Ein Jude als Reporter des „Deutschen Volksblatt". Herrgottspfänder. Wer mag da wohl gemeint sein? Vergani, Feichtinger und K. H. Wolf. Der „alte Austerlitz". Wenn man Juden braucht und wenn man sie nicht braucht. Der Antisemitismus auf dem Rade. Wie Bürgermeister Strobach ein geladen wurde. Der Psychiater Professor Mendel. Jncorrectheiten eines antisemitischen Armenrathes. — C o r r e s p o n d e n z e n: Wien, Brünn, Hohenelbe, Delatyn, Berlin, London. — Vermischte s: Wien, Graz, Brünn, Proßnitz, Nicolsburg, Rossitz, Prag. Paris, London. — Feuilleton: Kinder des Ghetto. — Literatur. — Briefkasten. — Inserate. Die Frontveränderung des Antisemitismus in Oesterreich. Unsere antisemitischen Koryphäen führen das „christliche Volk" in Eilmärschen dem Clericalismus in die Arme. Selbst der deutschnationale Heerhaufen ist kraft der einigenden Macht des Judenhasses bereits für die elerical-feudale Reaction gewonnen. Nichts anderes bedeutet es, wenn Herr H o f m a n n v. Wellenhof sich in einer Grazer Wählerversammlung gegen die „Pfasfenhetze" wendete und jeden deutschen Priester, der es mit dem deutschen Volke ehrlich meine, willkommen hieß, und Herr Steinwender seine Waffenbrüderschaft mit Dr. Lueger proclamirte. Die deutschen Priester allerdings, sie treten als Kämpfer in die Reihen der „Deutschvolklichen". Aber sie haben die Mobilisirungsordre und die Kampfparole wahrhaftig weder von dem Schloßherrn von Rosenau noch von dem Villacher Cäsar, sondern von einer viel höheren Gewalt empfangen. Was nur ein geistliches Gewand trägt, steht derzeit unter Waffen — der Clericalismus rüstet zu seinem größten und entscheidendsten Schlage. Der Antisemitismus hat seine Schuldigkeit gethan, er hat das Volk verdummt, das öffentliche Gewissen eingeschlüfert, das Unterscheidungsvermögen zwischen den Bedürfnissen der wahrhaften Religiosität und den Machtinteressen der Kirche aufgehoben — nun tritt hinter der Maske der reine, unverhüllte Clericalismus hervor. Wer daran noch zweifelt, lese die Predigt, welche jüngst der Generalstabschef der clerical-feudalen Reaction, der Jesuitenpater Abel, in der Hofpfarrkirche zu St. Augustin gehalten hat. „Vor zwei Jahren", sagte Pater Abel zu seinen Gläubigen, „rief ich Euch zu: Zurück zum praktischen Christenthum! Heute sage ich: „Heraus mit dem Christenthum, im politischen, socialen, im ganzen öffentlichen Leben!" Was heißt das? Der Sinn ist klar: Vor zwei Jahren wurde das „praktische Christenthum" in der Gestalt des Judenhasses gepredigt. Die Zweifler, die Indifferenten wurden eingefangen durch die wirthschaftlichen Vortheile, welche man mit der Beseitigung der jüdischen Concurrenz in Aussicht stellte. Heute, nach dem zweimaligen siegreichen Wahlfeldzng der Christlich-Socialen, kann man schon freier reden, heute heißt es das gesammte ö f f e n t l i ch e L e b e n muß vom kirchlichen Geiste, vom Geiste des Clericalismus durchtränkt werden. Die große Masse merkt ja nicht die Verwechslung der Begriffe: Christenthum und Priesterherrschaft. Der Antisemitismus in seiner reinen Ursprungsform hat also eine Umgestaltung und Ausweitung erfahren. Tie Judenhetze ist nicht mehr Selbstzweck, sondern Mittel zum Zwecke, und der Kampf richtet sich nicht blos gegen die Juden allein, sondern auch gegen alle jene Christen, welche die Träger fortschrittlicher Ideen, die Bekenner freiheitlicher Grundsätze sind. Mit dieser inneren Wandlung, dieser Structurveränderung des Antisemitismus muß sich aber auch naturgemäß die Stellung ändern, welche bisher unsere Glaubensgenossen gegenüber dieser Bewegung eingenommen haben. Vom rein jüdischen Standpunkte aus hätten wir an dem Kampfe zwischen Clericalismus und Liberalismus kein Interesse mehr, wenn nicht Vergangenheit und Zukunft des Judenthums uns gebieterisch auf die Förderung und Unterstützung aller liberalen Ideen und Bestrebungen verweisen würden. Soweit es sich um die Bedrohung unserer c o nfessionellen Interessen handelte, ist unsere Situation durch das Aufgehen des Antisemitismus in den Clericalismus eine weitaus günstigere geworden; soweit aber der ethische oder sagen wir besser der menschheitliche Inhalt des Judenthums in Frage kommt, ist die Gefahr unendlich gewachsen, und es wäre unsere Pflicht, auch weiterhin mit aller Kraft die bedrängte Freiheit zu vertheidigen, wenn — ja wenn eine sehr ernste Erwägung nicht dagegen spräche. Die Erwägung nämlich, ob wir den nichtjüdischen Freiheitsfreunden für den Augenblick durch unsere Bundesgenossenschaft nicht mehr Schaden als Nutzen bringen! Sie haben schon schwer gelitten durch den Vorwurf der Judenknechtschaft, des Judenliberalismus. Solange die Reaction sich in das Gewand des Antisemitismus kleidete, war es für die Liberalen eine Pflicht der politischen Ehrlichkeit und des politischen Anstandes, selbst auf Kosten ihres Ansehens

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.