Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Vloch's Wochrnfchrifl. Seite 631 alle in Europa ausgebildet. Die Einrichtung entspricht allen Erfordernissen der Industrie; die Werkzeuge sind vollkommen und alle ausgeführten Arbeiten werden von der ganzen Bevölkerung geschätzt und anerkannt. Das Beispiel dieser gesunden Thätigkeit hat nicht ermangelt, auf die jüdische Bevölkerung einen heilsamen Einfluß zn üben. Entgegen der früheren Zurückhaltung gibt es jetzt für einen vacanten Platz 20 Bewerber. Die „Allianz" bringt in dieser Schule auch auswärtige Knaben unter, welche, nach Erlernung des Handwerkes 'in ihre Heimat zurückgekehrt, wieder jüdischen Lehrknaben Unterricht ertheilen. Auch für die die Schulen der Anstalt verlassenden Mädchen konnte der Elementarunterricht allein keinen Broterwerb schaffen. Für das orientalische Weib, gewohnt an Müßiggang und Indolenz, war es jedoch doppelt erforderlich, ihm eine Beschäftigung zu bieten, welche ihm gestattete, zu den Kosten seines künftigen Haushaltes selbst beizutragen, und ihm überdies mehr Autorität in der Familie und mehr Vertrauen zu sich selbst verliehe. Die Zahl dieser Beschäftigungen war bei deni Stailde der Industrie im Orient eine beschränkte und die orientalischen Sitten lassen auch nicht leicht das Unterbringen der jungen Mädchen in den Ateliers in den Städten zu, weshalb solche von der Anstalt selbst errichtet werden mußten. Die Leiterinnen wurden zum Theil in Paris ausgebildet. Die „Allianz" hat sich auch bemüht, bei den Juden den Sinn für Ackerbau zu entwickeln. Begonnen wurde in Palästina, nämlich in Jaffa. Kein Volk stand ursprünglich den kaufmännischen Unternehmungen und dem, was man Geschäftsgeist nennt, so ferne, wie die Juden vor dem Untergange ihrer Nationalität und ihrer Zerstreuung unter die anderen Völker. Erst die Verfolgungen der römischen Kaiser und die Kirchengesetze zwangen sie, sich dem Handel zuzuwenden, und wenn sie bis zum Anbruch der Morgenröthe einer neuen Zeit auf diese Beschäftigung beschränkt blieben, so war nur der Umstand daran schuld, daß in Folge eines Druckes, der in der Geschichte seines Gleichen sucht, jede andere ihnen untersagt blieb. Im Jahre 1865 hat Herr Charles Netter, einer der Gründer der „Allianz", der bei seinen Reisen im Oriente das unbeschreibliche Elend der Juden in Palästina gesehen hatte, das Project gefaßt, beim Eingänge in das heilige Land eine Schule zu errichten, um die jüdischen Kinder für die Agricultur vorzubereiten. Er widmete mehrere Jahre der Organisation und überwand alle Schwierigkeiten. Heute ist diese Ackerbauschule in Jaffa von 100 Zöglingen aus Palästina, Egypten, Türkei, Rußland, Rumänien und Griechenland besucht und ihre Einrichtungen sind überall als mustergiltig anerkannt. Ihr wohlthätiger Einfluß erstreckt sich weithin. Als in Rußland 1882 die Verfolgungen eine stärkere Auswanderung veranlaßten, wendete sich eine bedeutende Zahl Auswanderer nach Palästina, uni sich dort dem Ackerbau zu widmen. Dasselbe geschah aus Rumänien. Die „Allianz" bot ihnen Allen dazu hilfreiche Hand. Noch mächtigere Unterstützung wurde diesen jüdischen Colonisten durch Baron Edmund von Rothschild zutheil und sie haben im heiligen Lande die ersehnte Ruhe gefunden, welche sie im Heimatlande vergebens gesucht haben. Die Hinneigung zun: Ackerbau unter den Juden wurde noch weiter gefördert infolge der Gründung einer Colonie in der argentinischen Republik durch Baron Hirsch. Schon sind dort mehr als 10.000 Colonisten angesiedelt und neue werden folgen, sobald die Vorbereitungen hiefür beendet sein werden. Anch in den Vereinigten Staaten von Nordamerika (New- Jersey), Canada und Kleinasien wurden Auswanderer, wenn auch in geringer Zahl, angesiedelt. Die „Allianz" hat alle diese Arbeiten in Gemeinschaft mit Baron Hirsch dnrchgeführt. Die Juden von Nordafrika waren bis in die neueste Zeit dieser Bewegung, welche die Juden zum Ackerbau führt, fremd geblieben. In jüngster Zeit hat das Central-Comitö der „Allianz" unmittelbar vor den Thoren von Tunis eine sehr große Besitzung um den Betrag von 400.000 Francs erworben und die dort errichtete Schule wurde im October 1895 mit 20 Kindern, aus Tunis und Tripolis, eröffnet. Es wird zweifellos noch größerer Opfer bedürfen, bis die jüdische Bevölkerung von, Nordafrika zum Ackerbau in größeren: Maße herangezogen sein wird, aber diese Opfer werden nicht vergeblich gebracht sein. Noch bestehen im Orient und in Afrika gar viele Geineinschaften, ftir welche wenig oder nichts bisher geleistet werden konnte. Die „Allianz" bedarf noch ferner der Mitwirkung Aller. Sie richtet ihren Appell an den alten Geist der Solidarität, welcher die Gefahren und Hindernisse wie der Vergangenheit so auch der Zukunft zu überwinden im Stande sein wird. Rachel. Ars^ne Hvnssaye veröffentlicht im „Figaro" folgende Erinnerungen an die Tragödin Mlle. Rachel und iiber den Buchhändler Michel L e v y : Als Michel Levy eines Morgens einige seiner Freunde zum Frühstück im Cafe Foy eingeladen hatte, Augier, Theophile Gantier, mich unter Andern, sprach man von Rachel, was ja öfters geschah. Ich zeigte einen Brief von ihr, der aus den „Vignes de Montpellier" datirt war, als Augier, der nach Valencia reisen wollte, plötzlich sagte: „Wie wär's, wenn wir Rachel besuchten?" — „Ja, Ja", rief Michel Levy, - „ich fange auf diese Weise zwei Fliegen mit einer Klappe, denn ich habe so wie so Ponsard versprochen, nach Vienne zu kommen." — „Ich bin mit von der Partie", sagte ich rasch; anch Theophile Gautier, ein geborener Reisender, wollte dabei sein. Man setzte alsbald den Tag der Abreise fest, und alle waren pünktlich zur Stelle. Wir fuhren früh an: Morgen ab, ::::: in Vienne zn übernachten. Am nächsten Tage fuhren wir mit Sonnenaufgang nach Mont-Salomon. Ponsard, der in seiner Einsamkeit auf den Besuch so vieler Pariser nicht gefaßt war, war auf's Höchste überrascht. Er zuerst hatte die Streitigkeiten der Schulen vergessen. An jenem Morgen gab es weder Romantiker noch Classiker, sondern nur ftöhliche Denker, die glücklich waren, in der schönen Natur in schöner Freundschaft beisammen zu sein. Die Männer der Literatur, die sich mehr oder minder in den Haaren liegen, sind trotz alledem gute Teufel, die fteudig ihre Theorien opfern. Niemals wurden wir besser ausgenommen, als von Ponsard und seiner Mutter. Sie begnügten sich nicht mit einem opulenten Frühstück, das mit einigen Flaschen des besten Dauphiner Weines begossen wurde, man brach anch ein paar Flaschen Champagner den Hals. Das Mittagmahl war sehr lustig. Auf Augicr's Bitten erzählte Ponsard aus seinen jiingsten Jahren und trug uns seine ersten Verse vor. Denjenigen, die schnell vergessen, möchte ich dies so sympathische Gesicht in's Gedächtniß zurückrufen, das Gesicht des Mannes, der während einer ganzen Saison die Anhänger Hugv's beunruhigte. Angier, der Ponsard wie seinen Bruder liebte, begnügte sich nicht mit dem Toast, den wir auf seinen Freund ausbrachten, er erhob sich und küßte ihn als seinen Waffenbruder. Um das Fest bis in die Nacht hinein fortzusetzen, überreichte Michel Levy, der damals schon reich war, Ponsard ein Couvert und sagte: „Sie werden dies erst morgen früh lesen, aber der der Brief wird Ihnen Vergnügen machen". Ponsard wollte gleich lesen und gegen den Willen seines Verlegers das Couvert zerreißen. Das enthielt in der That eine sehr angenehrne Lectüre, nämlich zwei Tausendftancsnoten. — „Sie werden mir doch das nicht geben?" sagte Ponsard zu Michel Levy. - - „O, mit Ihnen rechne ich nicht." — Michel Levy hat sich auch wirklich nicht durch Ponsard reich gemacht. Doch nun schnell nach dem Vignes de Montpellier. Wir gelangen endlich zu den beriihmten Weinbergen, welche Rachel, in ihren Illusionen über die Wohltbaten der Weinrebe, „Die Weinberge des Herrn" genannt. Der Rahmen war des Bildes würdig. Eine stylgerechte Landschaft, eine helle, von der Sonne verbrannte Ebene, ein Himmel von: reinsün tiefsten Blau; wir hatten eine Leinwand von Poussin vor Augen. Der Eindruck war der der Ruhe, des Schweigens unter dem lebhaften Licht, ver Zauber einer majestätischen Sülle in einer goldenen Staubwolke. Sie hatte sich in dem üppigen Rebholz unter einem mächügen egyptischen Schirm niedergelassen. Eine ihrer Schwestern schlummerte zu ihren Füßen. Als sie uns erblickte, färbte Pnrpurj röthe ihr bleiches Antlitz, aber ihr Herz schlug zn heftig, ihre , armen kleinen Hände waren fast kalt, während das Feuer ihrer ' Augen alles um sie her überstrahlte. Man begrüßte sich leise,