Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 31 Dr. Vloch's Wochrnfchrifi Seite 615 Der alte Mann machte eine abwehrende Handbewegung. „Ich will nichts sehen. Mein Kind muß anständig erhalten werden, mehr verlange ich nicht. Was für ein Geschäft haben Sie denn eigentlich?" „Ich habe mir am Cap etwas Geld ersparet und will nun hier ein Geschäft anfangen." „Was für eines?" „Ich habe mich noch nicht entschieden." „Sie werden doch nicht am Schabbos offen halten fragte der Rabbi ängstlich. „Seien Sie ohne Sorge," antwortete er heiter. Reb Schemuel drückte in dankbarem Schweigen seine Hand. „Sie niüssen mich nicht für eine verlorene Seele halten," fuhr David nach einer kurzen Panse der Rührung fort. „Sie erinnern sich meiner nicht mehr, aber Sie haben mich oft gesegnet und mir Pfennige geschenkt, als ich ein Knabe war. Die letzteren habeichzu jenen Zeiten wohl mehr geschätzt." Er lächelte, nur seine Bewegung zu verbergen. Reb Schemuel strahlte. „Wirklich?", fragte er. „Ich entsinne mich Ihrer nicht, aber ich habe schon so viele kleine Kinder gesegnet. Natürlich kommen Sie morgen Abend znm Seder und kosten, was Hanna gekocht hat. Sie wissen, Sie gehören jetzt pr Familie." „Mit größtem Bergnilgen komme ich," entgegnete David, und sein Herz öffnete sich dem väterlichen alten Mann immer mehr. „In was für eine Schul gehen Sie an den Feiertagen? Wenn Sie noch keinen Platz haben, kann ich Ihnen einen in der meinigen verschaffen." „Ich danke Ihnen, aber ich habe Herrn Birnbaum schon versprochen, in die kleine Synagoge zu kommen, deren Präsident er ist. Sie scheinen dort einen Mangel an Kohanim zu haben und wollen wohl, daß ich die Gemeinde segne." „Wie?", ries Reb Schemuel aufgeregt, „Sie sind Kohen?" „Natürlich bin ich es. Ich mußte ja am letzten Versöhnungstage in Transvaal den Segen sprechen. Sie sehen also, ich bin Alles, nur kein Sünder in Israel." Er lachte, aber sein Lachen brach plötzlich ab. Reb Schemuel war ganz bleich geworden und seine Hände zitterten. „Was gibt's?", rief David. „Sind Sie krank?" Der alte Mann schüttelte den Kopf, dann schlug er sich mit der Faust auf die Stirn. „Ach Gott!", stöhnte er. „Warum habe ich nicht früher daran gedacht? Aber, Gott sei Dank, ich erfahre es noch zur rechten Zeit!" „Was erfahren Sie?", sagte David. Er fürchtete, daß der alte Mann den Verstand verloren habe. „Meine Tochter kann Sie nicht heiraten," stieß Reb Schemuel mit leiser, zitternder Stimme hervor. „Wa—was?", fragte David verblüfft. „Es ist unmöglich." „Was reden Sie da, Reb Schemuel?" „Sie sind ein Kohen, Hanna kann keinen Kohen heiraten." „Keinen Kohen heiraten? Ich habe geglaubt, daß dies die Aristokratie von Israel ist." „Eben darum. Ein Kohen darf keine geschiedene Frau heiraten." Das Zittern des alten Rabbi theilte sich dem jungen Mann mit. Sein Herz klopfte wild. Er begriff noch nichts, aber Hannas früheres Unglück ließ eine furchtbare Ahnung von krittschen Verwickelungen in ihm aufsteigen. „Wollen Sie damit sagen, daß ich Hanna nicht heiraten kann?", fragte er beinahe im Flüsterton. „So lautet das Gesetz. Eine Frau, welche Get bekommen hat, darf keinen Kohen heiraten." „Aber Sie werden doch Hanna nicht eine geschiedene Frau nennen," rief er heiser. „Wie denn nicht? Ich habe Ihr selbst den Scheidebries gegeben?" „Großer Gott! Dann hat Sam unser Leben vernichtet." Er stand einen Augenblick in entsetzter Betäubung da und bemühte sich, die furchtbare Lage zu begreifen. Dann aber brach er los: „Das ist nur rabbinisches Gesetz. Das will das Judenthum nicht, das echte Judenthum. Gott hat einsolches Gesetz nicht gemacht." „Still!", mahnte Reb Schemuel streng. „Also gebietet die heilige Thora und nicht etwa blos die Rabbinen, von denen Sie wie ein Apikores sprechen. In Leviticus Cap. XXl, Vers 7, heißt es: „Sie, die Nachkommen Ahron's, des Hvhepriesters, sollen keine nehmen, die von ihrem Mann verstoßen ist, denn er ist heilig seinem Gott. Darum sollst Du ihn heilig halten, denn er opfert das Brot Deines Gottes; er soll Dir heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, der Euch heiligt." Einen Augenblick war David von dem Citat ganz überwältigt; die Bibel war für ihn noch immer ein heiliges Buch. Dann rief er erregt: „Aber ans einen solchen Fall wollte Gott es nie angewendet sehen!" „Wir müssen dem Gottesgesetze gehorchen," sagte Reb Schemuel. „Das ist nicht Gottesgesetz!", schrie David, alle Selbstbeherrschung verlierend. Das Gesicht des Rabbi wurde finster wie die Nacht. Einen Augenblick herrschte schreckliches Schweigen. „Da bin ich, Vater", sagte Hanna mit dem Wein und einigen Gläsern, welche sie sorgsam abgewischt hatte, wieder in's Zimmer zurückkehrend. Dann hielt sie inne, stieß einen leisen Schrei aits und ließ das Tablett beinahe fallen. „Was gibt's? Was ist geschehen?!" fragte sie ängstlich „Trage den Wein hinaus! . . . . Wir werden heute auf Niemandes Wohl trinken," rief David brutal. „O Gott!", rief Hanna, und alle Farbe verschwand aus ihren Wangen. Sie setzte das Tablett heftig auf den Tisch und lief ihrem Vater zu. „Was ist geschehen, Vater?! Ihr habt doch nicht einen Streit gehabt?" Der alte Mann schwieg. Das Mädchen sah flehend von einem zum andern. „Nein, es ist noch schlimmer," sagte David mit kalter, harter Stimme. „Du erinnerst Dich doch, wie Sani Dich im Scherz geheiratet hat?" „Ja, großer Gott ich errathe! Der Get ist also doch nicht rechtsgiltig?" Die Angst bei dem Gedanken, den Verlobten zu verlieren, malte sich so sichtlich in ihren Zügen, daß er etwas weicher gestimmt wurde. „Nein," sagte er sanfter. „Aber unsere Religion hält Dich für eine geschiedene Frau und daher kannst Tn niich nicht heiraten, weil ich ein Kohen bin." „Ich kann Dich nicht heiraten, weil Du ein Kohen bist?", wiederholte Hanna, ebenfalls ganz betäubt. „Wir müssen der Thora gehorchen," seufzte Reb Schemuel wieder mit leiser, feierlicher Stimme. „Ihr Freund Levine hat gesündigt, nicht die Thora." „Die Thora kann einen bloßen Spaß nicht so grausam strafen," protestirte David, „und noch obendrein an den Unschuldigen." „Mit heiligen Dingen darf nicht gescherzt werden," sagte der alte Mann in strengem Ton, in welchem bitteres Weh und Mitleid bebte, „lieber sein Haupt komme die Sünde, über sein Haupt die Verantwortung." - „Vater, läßt sich nichts thnn?", rief Hanna schneidend. Ter alte Mann schüttelte traurig den Kopf. Das arme, hübsche Gesicht sah ganz weiß aus. Der Schmerz war zu tief, um Erleichterung in Thränen finden zu können. Die Erschütterung war zu plötzlich, zu schrecklich gewesen. Hanna sank hilflos auf einen Stuhl. „Es muß etwas geschehen. — Es wird etwas geschehen!", schrie David mit Donnerstimme. „Ich werde mich an den Oberrabbiner wenden." „Und was kann der thnn? Kann er die Thora umgehen?", fragte Reb Schemuel mit thränenbebender Stimme. „Das werde ich nicht von ihm verlangen, aber er wird einsehen, daß unser Fall eine Ausnahme ist und nicht unter das Gesetz fällt." „Dieses Gesetz kennt keine Ausnahme," sagte Reb Schemuel sanft und fügte auf Hebräisch hinzu: „Das Gesetz Gottes ist vollkommen und erleuchtet dieAugen. Meine theuren Kinder, seid geduldig in Eurem Kummer! Es ist der Wille Gottes. Ter Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, lobet den Namen des Herrn!" „Fällt mir nicht ein," sagte David hart. „Aber sehen Sie Hanna an, sie ist ohnmächtig geworden!" „Nein, nein," sagte Hanna matt die Augen öffnend, die sie geschlossen hatte. „Es ist ja noch nicht gewiß, Vater. Schau nochmals die Bücher durch, vielleicht machen sie in einem solchen Fall eine Ausnahme." Der Rabbi schüttelte hoffnungslos den Kopf. „Erwarte das nicht," sagte er. „Glaube mir, meine Hanna, wenn ein Schimmer von Hoffnung wäre, würde ich es nicht vor Dir verbergen. Sei ein gutes Kind, mein Herz, und trage Deinen Kummer wie eine echte jüdische Jungfrau! Vertraue auf Gott. Er thut alles auf's Beste. Komm', raffe Dich auf, sage David, daß Du