Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 31 (31.7.1896)
- Date
- 1896-07-31
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr.3l Dr. Vloch's WochrnfchrM Seite 609 der Umgebung geführt, sondern nur zur Eurvpäisirnng des jüdischen Volkes. Die Ausführung dieses bedeutenden, aber anfechtbaren Gedankens (S. 3) gehört zu den geistvollsten Stellen des anregenden Schriftchens. Den Grund für das Scheitern der Assimilation findet der Verfasser in dem Mangel intensiver Blutsvermischnng. Dieselbe werde eben durch den stets latenten und zeitweilig immer wieder hervorbrechenden Judenhaß verhindert. Daß dieser jemals aushören sollte, dafür kann vom Standpunkte des auch religiös conservativen Inden der svcialconservativen Richtung auch nicht der Schatten eines Grundes angeführt werden. Der „sreigeistige" Socialconservative glaubt wohl, daß durch den Niedergang der religiösen Idee im Jndenthnme die Assimilation erleichtert werde. Allein er befindet sich im Jrrthume. Vvn dem Standpunkte eines „erweiterten Materialismus" versucht Ach er die kühne These: das jüdische Volk in seinem gläubigen Theile wähnt innig an seinem Glauben zu hängen, es hängt aber eben nur so innig an demselben, weil er seine Nationalität in Glanbensgestalt ist. Sollte es also dereinst seine Religion verlieren, so wird sich die Vvlkseigenart ans neuen, vielleicht verwandten Gebieten bethätigen. Die zweite Gruppe der Jndenheit, die Gruppe der Socialkritiker, ist der Ansich', daß die Judenfrage mit der Lösung der socialen Frage gegenstandslos werden müsse. Sie haben daher für die Judensrage nur verächtliche Gleichgiltigkeit. Acher nüdmet jener Ansicht und dieser Gleichgiltigkeit eine Betrachtung, welche ebenso sehr für seinen Drang zur Vertiefung der Probleme, als für die Wärme seines jüdischen Gefühles ein ehrendes Zengniß ablegt. Der Glaube an die Erlösung der Juden durch die Lösung der socialen Frage gründet sich ans die Anschauung, welche als materialistische Geschichtsauffassung bekannt ist. Nach dieser von Marx begründeten Anschauung bilden die wirthschaftlichen Verhältnisse eines Volkes, seine Art der Gütererzeugung und des Handels die Ursache seiner politischen Verhältnisse und seiner ganzen Entwicklung in Religion, Wissenschaft und Kunst. Mit Recht hebt Acher hervor, daß die maßgebende Entwicklungsursache in der Geschichte die ganze inenschliche Natur und nicht blos ihre wirthschastliche Erscheinungsform sein nlüsse. Diese ganze menschliche Natur aber umfasse sowohl das nationale als das allgemein menschliche Element im Menschen. Das nationale Element könne sich ebensowenig, wie das allgemein inenschliche von heute aus morgen ändern. "Andererseits aber erzengen die wirthschastlichen Verhältnisse gewisse Wirkungen, welche selbst wieder zu Ursachen der ferneren Entwicklung werden. So wirkt das römische Recht noch heute mächtig fort, nachdem das römische Reich seit einundeinhalb Jahrtausenden versunken ist. Die Rechnung der jüdischen „Socialkritiker" leidet daher an zwei großen Fehlern. Zunächst ist nach Acher die jüdische "Nationalität eine selbstständige Entwicklungsursache, unabhängig von allen wirthschastlichen Verhältnissen; sie würde sich daher auch im socialen Znknnstsstaate geltend machen und Judenhaß immer von "Neuem erzeugen und anhäufen. Andererseits aber sei der bereits vorhandene Judenhaß, das Züchtnngsergebniß von zwei Jahrtausenden, bereits zur secundären Geschichtsursache geworden, die immer wieder zu Schmähungen, Zurücksetzungen und Verfolgungen führen müsse. Soweit er secundäre Ursache ist, müßte er allerdings bei gründlicher Veränderung der wirthschastlichen Verhältnisse mitsvrtfallen, aber dieser Proceß könne unter Umständen ein Jahrtausend erfordern. Die Verkennung dieser Sachlage durch die Socialisten sei die letzte Ursache ihrer Gleichgiltigkeit gegen die Judennoth und vollends ihrer Versuche zur Äblengnung des vorhandenen Judenhasses. "An der Stelle, an welcher Acher sich gegen diese Verkennung der Thatsachen ablehnt, erhebt er sich zur vollen Leidenschaft des gekränkten jüdischen Gefühls. „Es sollte kein jüdisches Leid geben? Worunter seufzen die jüdischen Proletarier noch mehr als unter der allgemeinen Unbill der Gesellschaftsordnung? Ist es nicht der Fluch des Jndenthums, der sich an chre Sohlen heftet? Diese Hausirer, Handeljuden, Makler in Hunderten von Nuancen, "Agenten für Alles und Jedes, Heiratsvermittler, Galopins, Agioteure, Insassen der altgläubigen Talmudlernhäuser und die Schnorrer und Landgeher saus imrri86? Ist es nicht der Fluch des Judenthums, der sie : beruf- und bestimmungslos macht, wirthfchaftlich isolirt und social i declassirt, der sie von Land zu Land jagt und zum Spotte j werden läßt, sowohl der nichtjüdischen Protzen, als der nichtj jüdischen Proletarier? Und die modernen Proletarier unter den , Juden, soweit es solche gibt? Man forsche nach, wie viele » Arbeiter ihren jüdischen Collegen mit Unbefangenheit, ohne Hohn und Hänseleien entgegentreten. Ri an interessire sich für das Schicksal jüdischer Lehrlinge unter ihren nichtjüdischen Kameraden. Man nehme ein bischen Psychologie zu Hilft und studire, wie viel vvn der übrigens recht flauen Bethätigung internationaler Gesinnung gegenüber den Inden Parteidrill vvn vorübergehender Wirkung und wie wenig davon und bei wie wenigen ein endgiltig errungener Standpunkt ist? Man frage, wozu die svcia listischen Parteiblätter trotz ihres principiell verschiedenen Stand Punktes antisemitisch schillern müssen, wenn es nicht deshalb geschieht, um den Arbeitern, bei welchen man offenbar jnden seindliche Stimmung vvraussetzt, nicht vor den Kops zu stoßen? Und, um uuu vvn den Handarbeitern zu den Kopfarbeitern überzngehen — die materiellen und moralischen Zurücksetzungen und Schädigungen, dce der jüdische Intelligenzler über sich ergehen lassen muß, was sind sie znm großen Theile Anderes, als der Fluch des Jndenthums? Man stelle sich nur die Summe von Seelenqualen vor, die er ansznhalten hat, diesen grimmen, verzweiflnngsvollen, entsittlichenden Judenschmerz, den Schmerz über das Verachtetsein von jenen, deren Achtung man so gerne genießen möchte, wenn man auch im ohnmächtigen Zorne daraus leicht, zu verzichten vorgibt, über das Gebrandmarktsein, wiewohl man sich nicht schlimmer weiß, als die Anderen, über das Lächerlichsein, das man tragen muß, nur weil mau von jüdischen Eltern ist. Freilich diesen vielgestaltigen Judenschmerz fühlen unsere socialkritischen Jnden nicht — ebensowenig, als ihn die svcial-conservativen Juden als Kritiker in der Zeit des Gleichberechtignngsrumuzels gefühlt haben — oder besser, sie snggeriren sich, ihn nicht zu suhlen". iS. 19.) Woher nun die Gleichgiltigkeit der Socialkritiker, da sie doch durch eine besonders hohe Stärke des Mitleids mir dem allgemeinen Menschenelend ausgezeichnet sind? Diese Fähigkeit der Mitempfindung mit den "Armen und Elenden war von jeher jüdisches Erbtheil, gleichviel ob ursprünglich von den Indern entlehnt oder durch Knechtschaft und Leid schon im grauesten Alterthnme speeiell den Juden angezüchtet . . Uns kann es genügen, die Existenz dieser Fähigkeit zu constatiren - zu constatiren, daß das jüdische Volk den Satz: „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" zu einer Zeit anfstellte, als er den anderen Völkern Europas und Vorderasiens lächerlich erscheinen mußte, daß es prineipielle, sociale Gesetze gab und die Sclaverei zu milder:! trachtete, während die andern Nationen in socialen Dingen nur Flickwerkgesetze schufen, die Sclaverei aber immer mehr befestigten, daß schließlich dieses Volk in Moses, Jesaias, Jesus, Lassalle und Marx die größten und nachhaltigst wirkenden Socialisten der Welt hervorbrachte (2. 20». Juden! sich "Acher der dritten Gruppe, den Zionisten oder Jüdischnativnalen, zuwendet, erklärt er als deren wesentliche Anschauung den Glauben an die Unmöglichkeit einer "Assimilation und an die unabwendbare Beständigkeit der Verfolgung, solange der Zustand der Verstreuuug unter den Völkern svrtdauere. Daber die Forderung, daß das jüdische Volk unabhängig und „Herr im eigenen Hause" werden müsse. „Sowohl wissenschaftliche Erwägungen, besonders aus dem Gebiete der Racenlehre, sowie Erwägungen eminent praktischer Natur, die sich namentlich ans die leichte Erreichbarkeit, die Fruchtbarkeit, die geringe Bevölkerungszisser und den ideellen Werth des Bodens für die Erziehung der Vvlksmassen beziehen, rechtfertigen die vom Gefühle getroffene Auswahl", das ist die Bevorzugung Palästinas i Seite 22). Durch einen selbstständigen Judenstaat müsse das jüdische Volk die Menschheit von der chronischen Störung ihrer socialen Entwicklung durch die Judensrage befreien. Als die erste Klippe der jüdischnativnalen Bewegungen betrachtet der Verfasser den Ehauvinismus. Das Beste an dieser Stelle : Seite 23) ist wohl das cirirte (Gedicht Gottfried Keller's: „Volksthnm und Sprache sind das Jugendland, Darin die Völker wachsen und gedeihen. Das Mutterhaus, nach dein sie sehnend schreien, Wenn sie verschlagen sind ans fremden Strand. Doch manchmal werden sie znm Gängelband, Zur harten Kette um den Hals der Freien. Dann treiben Längsterwachs'ne Spielereien, Genarrt von der Tyrannen schlauer Hand." Statt des Ehanvinisnlus verlangt Acher den Heroismus des Nationalgefühls. Den Juden fehle zwar das Srgan für den europäischen Nationalitätenschwindel, aber sie haben in ihren vielfachen Befreiungskämpfen ein kräftiges Nationalgefühl be-