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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 608 Dr. Vloch's Wochenschrift. Nr. 31 Es sind keine freundlichen Klänge, die mir letzthin aus der Heimat zugingen. Der „Vaterder Lüge" und der „Mephistopheles des Orients",Graf NicolaiPawlowitsch Jg natjew, der Erzeugerder unglückseligen sogenannten Maigesetze von 1882 (unter deren Joch Millionen elender Juden stehen) hatte sich die Aufgabe gestellt, durch eine schier endlose Reihe von Repressivmaßregeln den Inden das Leben so unerträglich zu machen, daß sie sammt und sonders auswandern und Rußland absolut judenrein zurücklassen. Ohne mich in mißliche Erörterungen darüber einzulassen, welch ein Todschlag Rußland dadurch versetzt worden wäre, wenn dieser diabolische und doch so einfältige Plan mit Erfolg gekrönt worden wäre, genügt es zu constatiren, daß sich die Jgnatjew'sche Idee als ganz illusorisch herausgestellt. Trotz der beispiellos generösen Opfer, welche der unlängst verstorbene große Philantrop Moritz Hirsch zu dem Exodus der russischen Juden nach dem gelobten Lande Argentinien gebracht, ist diese großherzige Idee eine Idee geblieben, und nur wenige Tausende haben sich in der südamerikanischen Republik niedergelassen. Völkerwanderungen lassen sich nun einmal nicht par ordre dn moufti insceniren. Der verstorbene berühmte Publicist Katkow, Redacteur der „Moskowskija Wjedomosti" sprach im Gegensatz zu dem Grafen Jgnatjew die nicht genug zu beherzigenden, aber leider nur allzuwenig beachteten Worte aus: „Da es nun einmal feststeht, daß Rußland seine fünf Millionen Juden nicht loswerden kann (und es ist noch sehr fraglich, fügte Katkow in Paranthesen hinzu, ob wir gewinnen würden, wenn es uns in der That gelingen sollte, mit einem Schlage alle Juden aus unserer Mitte zu entfernen"), so sollten wir bestrebt fein, ihnen das Leben so angenehm als möglich zu machen, da wir dadurch nur gewinnen können, wenn diese millionenreichen Juden ein menschenwürdiges Dasein führen." Leider wurden diese weisen Worte nicht berücksichtigt und die Regierung scheint sich auch letzthin in beständigen, ganz zwecklosen Nörgeleien der Inden zu gefallen. So z. B. hat sich der Moskarnsche Generalgouverneur an den Minister der Bolksaufklärung gewandt, den Studenten von Hochschulen keine Pässe nach Moskau verabfolgen zu lassen, da das Gesetz den Aufenthalt in der Kremlstadt nur denjenigen gestattet, die die Universitätscensur absolvirt. Wenn also ein junger Mensch seine in Moskau ansäßigen Eltern oder Verwandte besuchen will, so kann er es jetzt nicht mehr thun, da sich ein mächtiges Veto diesem pinm desideriuni entgegenstellt. Da haben Sie ein zweites Beispiel dieser kleinen Nadelstiche, die man unausgesetzt den Juden versetzt und an denen sie mehr oder weniger verbluten, da manche dieser Nadelstiche oft gerade ins Herz treffen, den Lebensnerv unterbinden, zerschneiden. Bekanntlich wird die Allrussische Ausstellung in Nischnij- Nowgorod (im .Gegensatz zu der Millenniumsansstellung in Budapest und der Gewerbeausstellung in Berlin) sehr spärlich besucht, durchschnittlich kaum 2000 Besucher täglich, was in Anbetracht der ungeheuren Kraftanstrengung und Kosten, seitens der Regierung als auch der Exponenten geradezu lächerlich geringfügig ist. Um nun den Fremdenbesuch zu heben, werden alle möglichen Mittel angewandt (freie Eisenbahnfahrt für Lernende und Handwerker u. s. w.) und wurde unter Anderem auch beschlossen, den ausländischen Juden den Eintritt ins heilige russische Reich, behufs Besuches der Ausstellung zu erleichtern. (In Bezug auf russische Juden sind auch einige Erleichterungen getroffen worden, die jedoch so unhedeutend sind, daß sie schwerlich unsere Glaubensgenossen veranlassen dürsten, sich in Masse:: an diesem friedlichen Wettkampfe, an diesem Verbrüderungsfeste zu betheiligen.) Das Ministerium des Innern hat also in Gemeinschaft mit dem Finanzministerium großmüthig beschlossen, den ausländischen Juden den Besuch der Ausstellung zu erleichtern, und zwar dadurch, daß allen fremdländischen Juden, ohne Unterschied ihrer Beschäftigung, von der zweiten Hälfte Juni ab, gestattet ist, nach Rußland zu kommen, wenn sie ihre Pässe in den russischen Consulaten des Auslandes vmrt haben, doch (hier kommt derHacken) nicht anders, als daß in jedem einzelnen Falle präventiv die Genehmigung des Ministeriums des Innern eingeholt werde. Ich glaube kaum, daß sich viele fremdländische Juden durch eine derartige verclansulirte und fast illusorisch gemachte Nachgiebigkeit der russischen Administration veranlaßt finden, die russische Ausstellung zu besuchen. Bis jetzt war es nur Baron Rothschild, Chef der Pariser Bankhäuser, der diese Gunst benutzte und nach Nischnij- Nowgorod gekommen ist, wobei er auch Petersburg und Moskau berührte. Doch wenn man Rothschild heißt, drückt man selbst in Rußland ein Auge, ja beide Augen zu, besonders am Vorabende eines vermittelst dieses Welthauses zu effectuirenden größeren Geldanleihens. Uebrigens hat sich die russische Negierung letzthin auch sehr coulant bewiesen, bezüglich der jüdischen fremdländischen Aerzte, die sich an dem medicinischen internattonalen Congreß in Moskau betheiligen sollten. Professor Rudolf Virchow hat kategorisch die Frage gestellt und ist dieselbe glücklich gelöst worden. Da viele der berühmtesten Mitglieder des bevorstehenden Aerztecongresses Inder: sind, so ist es selbstverständlich, daß dieselben ihre Theilnahme nur unter der Bedir:gur:g zusagten, daß man sie von den in Rußland in Bezug auf Juden üblicher: Polizei- und Paßplackereier: befreie. Angesichts dessen, daß der Moskauer Aerztecongreß ohr:e Betheiligung seiner jüdischer: Mitglieder zu Star:de gekommen wäre oder eure Bedeutung erlangt hätte, sah sich die rilssische Regierung verarrlaßt, für dieses eine Mal „gute Miene zun: bösen Spiel" zu machen ur:d bei den Congreßmitgliederr: die sonst übliche Frage: „weß Glauberrs bist Du, welchen Gott, in welcher Sprache und an welchen: Orte betest Du an?" zr: urrterlaffen. Arrch eirr Fortschritt. ... Die jüdische Moderne. Es ist immer eirr Vergnügen, eiueit Pfadsucher bei seiner Thätigkeit zu belauschen- Dieses Vergnügen ist run so größer, wenn derselbe beständig mit der Versuchung zr: kärrrpfen hat, behaglich auf der breiter: Heerstraße einherzutraben und doch von der ursprünglichen Neigrurg zur Selbständigkeit airgetrieben wird, vor: alten Wegen ans neue zu bahnen. Sv ist es auch für der: Gegner anregerrd, einrnal die Auseinandersetzungen eures Zioirister: zu lese::, der sich mit der: etwas rnorrotonen Deklamationen der Parteiphrase nicht begnügt. Mathias Acher ist ein solcher Pfadfucher. Alls den 38 Seiten seines neuester: Schriftchens bietet er unter dem Titel „Die jiidische Moderne"*) einen Ueberblick über die Versuche des Judenthurns, auf den Antisemitismus zu reagirerr. Goethe sagt einural, mar: könne vor: Menscher: nicht Unparteilichkeit, sondern nur Aufrichtigkeit verlarrgen. Dies gilt von dem Menschen besonders dann, wenn er selbst Vorkämpfer der einen Partei ist. Umvillkürlich fällt bei Acher alles Licht auf der: Zionismus, innerhalb desselben auf Herzl's Aufseher: erregenden Plar:; seine Partei bildet „die Moderne", wir Unmodernen können froh feilt, wenn wir mit Nachsicht behandelt Werder:. Gleichwohl wvller: wir das Schriftcher: als der: Ausbruch eines warrnfühlender: Bruderherzens mit Sympathie begrüßen und ohne Boreingenomrnenheit, freilich mit kritischer Wachsamkeit Satz für Satz prüfe::. Mögen seine leiter:den Sätze in fast wörtlicher Wiedergabe für sich selbst sprechen oder auch geger: sich selbst, je r:ach dem Urtheile der Urtheilsfähigen. Es ist noch gar nicht lange her, so beginnt Acher seine Ausfiihrnngen, daß mar: es auf Seite des jüdischen Bürgerthums für gefährlich hielt, den Bestand der Judenfrage zuzugeben. Mai: half sich damit, daß mar: den Aittisenütismus für eine Wahnidee Einzelner erklärte. Heute aber ist der Bestand der Judenfrage eilte unbestreitbare Thatsache für jeder: Menschen, der moderne Geistesschulung genug besitzt, um auch unbequeme Thatsacher: zuzugeben. Acher stellt inm jedem Besitzer dieser modernen Geistesschulung die Aufgabe, sich über das Wesen dieser Thatsache klar zr: werden und die Mittel zr: ihrer Beseitigung ausfindig zu machen. Bezüglich der Anschauungen über diese Mittel theilt der Verfasser die gesamrrrte Judenheit irr 3 Gruppen, nämlich .die Socialconservativen, die Socialkritiker und die Zionisten. Unter Socialconservativen versteht Acher diejenigen Inder:, welche die herrschenden wirthschaftlicher: und gesellschaftlichen Zustär:de im Großen ltitb Ganzen billiger:; es sind dies außer der: meisten Wohlhabenden auch die meister: Proletarier; sie halten den Antisemitismus für das letzte Aufflackern aller Vvrurtheile. Sie fordern derrrgemäß die Abwehr des Antisemitismus als einer Unsittlichkeit, sehen freilich immer mehr Menscher: von durchaus edlem und reinem Wesen vom Antisemitismus erfaßt, hoffen aber, daß derselbe auch bei fortdauerndem Mißerfolge der Abwehr sich vor: selbst überleber: und durch die fortschreitende Assimilation des Judenthums völlig werde überwunder: werden. Diesen Hoffnungen setzt Acher zunächst den weltgeschichtlichen Mißerfolg der babylonischer:, persischen, griechischer: und spanischen Assimilationsbestrebungei: entgegen. Die letzte große, von Frankreich und Deutschland ausgehende Assirnilationsbewegung des 19. Jahrhunderts habe ebensowenig wie die früheren zu einer wirklichen Assimilation an den Nattonalcharakter *) Erschienen bei August Schulze, Wien, 1896.

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