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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-31 · 31 (31.7.1896) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
31 (31.7.1896)
Date
1896-07-31
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Dr. Vloch's Wochenschrift Nr. 31 stündlich nimmt die „Reichspost" die indiscrete Entdecknirg der , -„Ostdeutschen Rundschau" nicht ruhig hin; in ihrer gestrigen Mmmer attakirt sie muthig wie ein Kreuzfahrer beu ' dentjchnationalen Gegner, versichert treuherzig, „daß Dr. Geßmann von der Composition keine Ahnung hatte" und schlägt zum Schluß ein imponirendes Tamtam für den neuen Marsch, der 40 kr. kostet. „Wir empfehlen", heißt es, „auf Grund der Angriffe der Schönerer-Presfe allen christlich-socialen Gesellschaften doppelt warm den neuen „Geßmann-Marsch". Er ist so, wie der Lueger-Marsch, e i n K r i e g s- und Schlachtgesaug auch gegenüber den Orient-Teutonen". — Im Interesse des Herrn Karl Josef F r o m m wünschen wir, daß sein Marsch ebenso lustig sei, wie die oben besprochene Polemik der beiden geistreichen Blätter. Der Schlafgenosfe des Rabbiners. Bon einem Freunde unseres Blattes erhalten wir nachstehende interessante Mittheilungen : „Bor etwa einem Monat inserirte ein auf der Wieden wohnhafter alter Herr in einem hiesigen Blatte, er wünsche einen „fortschrittlich gesinnten Mann kennen zu lernen, der bereit sei, gegen Bezahlung Manuscripte abzuschreiben und ihn zeitweise in einem Rollstuhl spazieren zu führen. Der alte Herr — sein nähres Nationale ist von nebensächlichem Interesse — ist antvrisirter Rabbiner und heißt. mit dem Bornamen noch dazu Aaron; die Bermuthung, daß er ein Verehrer Dr. Lueger's oder auch nur Schönerer's sein könne, ist also absolut ausgeschlossen, abgesehen davon, daß, wie oben erwähnt, die Annonce den Vermerk enthielt, der Petent müsse „fortschrittlich" gesinnt sein. Am 15. Juni d. I. sprach nun bei dem Rabbiner ein junger Mann vor. Er nannte sich Ludwig I o s ch t, 26 Jahre alt, katholisch, ledig, zu Graz geboren u. s. w., erzählte, daß er zuletzt Redacteur bei dem Klagenfurter Blatte „Freie Stimmen" gewesen sei und bat schließlich um die Stelle. Dem Rabbiner gefiel der junge Mann und er willigte ein. Bis 8. Juli, also bis vor vierzehn Tagen, stand Herr I o s ch t in den Diensten des Rabbiners, wohnte bei demselben, schlief mit ihm in einem Zimmer, ja in einen! Bette, und speiste mit ihm, selbstverständlich koscher. Gleichzeitig lieh er sich von ihm ein Paar Stiesletten und 1 fl. 37 kr. baar aus. In seiner freien Zeit - viel war bei dem Rabbiner nicht zu thun — schrieb Herr I o s ch t sehreifrig für seine eigene Person. Er verfaßte anscheinend Zeitungsartikel, uni die sich aber der Rabbiner nicht küminerte, trotzdem Herr Jo sch t sein Petroleum brannte und sein Papier verschrieb. Aus der Correspondenz des Herrn I o s ch t ist besonders ein Brief bemerkenswerth, den er an Herrn Rothberg e r schrieb. Er bat in diesem Briefe Herrn R v t h b e r g e r um Kleider; wir führen dies nur deshalb an, um zu constatiren, daß der Rabbiner A a r o n nicht der einzige Jude war, init dem Herr I o s ch t damals in liebenswürdigen Verkehr zu treten versuchte. Anr 8. Juli nun kam die Katastrophe. An diesem Tage begann Herr I o s ch t mit dem Rabbiner plötzlich zu streiten, provocirte einen riesigen Scandal und lief davon. Ten Tag darauf kam er nochmals, diesmal elegant gekleidet — bisher war seine Toilette sehr desolat gewesen — und anscheinend mit Geld versehen, sagte dem Rabbiner noch einige Schmeicheleien und verschwand. Wohin?! Der arme, alte Rabbiner hat den ganzen Glauben an die Menschheit verloren, soweit er noch einen gehabt hat. Herr I o s ch t wohnte einige Tage im Hotel „ Zum weißen Kreuz" in der Magdalenenstraße und reiste dann --- also vor acht Tagen — nach Gr az, w o er nunmehrCorres p o n d e n t des „Deutschen B o l k s b l a t t" i st. Er ist der Nachfolger des Herrn G st i r n e r, von dem, wie noch errinnerlich sein wird. Feichtinger in seinem Processe behauptete, ein jüdischer Wucherer habe ihm dreißig Gulden gegeben, damit er an das „Deutsche Volksblatt" keinen Bericht über eine den Wucherer betreffende Gerichtsverhandlung schicke. Die Stiesletten und den Gulden 37 Kreuzer hat Herr I o s ch t dem Rabbiner nicht zurückgegeben, dafür aber hat der alte Herrerfahren, daß die Artikel, die Herr I o s ch t in seiner Wohnung, auf seinem Tisch, bei seinem Licht, mit seiner Tinte ans seinem Papier schrieb, auch für's „Deutsche Volksblatt" bestimmt waren. Beitrag zur Geschichte der russischen Juden. im. Hüben und drüben. Während meines sechs tägigen (nicht sechs st ü n d i g e n, wie der Drucksehlerkobold in meiner vorigen Correspondenz irr- Seite Ü07 thümlich behaupten Aufenthaltes in Budapest hatte ich Gelegenheit, so Vieles über die leidige Jndensrage zu hören, was sich in strictem Gegensätze mit beu Zuständen befindet, die ich in der Heimat zurückgelaffen, daß ich mich thatsächlich der Wirklichkeit entrückt glaubte und wähnte, im Reiche der Phantasie zu leben. Im Ganzen ist die räumliche Entfernung, welche btt’ beiden Länder von einander trennt, doch nicht so ungeheuer, um diesen betrn benden Gegensatz in den Lebensanschanungen zu erklären. In zwei Tagen ist matt von den Ufern der mächkigett iveißen Netva an die Gestade der schönen blauen Donau, welche die zwei Schwester städte Budapest und Ofen treitnr und gleichzeitig verbindet, versetzt und mait glaubt, in einen ganz anderen Welttheil gerathen zu sein, in ein Land der schönen Zukunft, die mit der häßlichen Gegenwart so wellig Aehnlichkeir hat, daß unwillkürlich Träume einer freudigen Zukunft entstehen und die Sinne umnebeln. Alles, was hinter mir liegt, scheint mir so wenig mit dem zu harmoniren, was ich vor mir sehe, daß ich beginne, an mir selbst zu zweifeln, und mich zögernd frage: Wo ist Wahn, wo ist Wirklichkeit? Doch ein greller Mißtvn voll Heimatsklängen führt mich in die Wirklichkeit zurück. Während hier der Präsident des Abgeordnetenhauses, ein hervorragender Staatsmann der Gegenwart und unbestritten der Manic der Zukunft «dem vorgestellt zu werden ich die Ehre hatte, in seiner Ansprache an den Pionarchen kategorisch den herrlichen Grundsatz ainstellt, daß die Gleichheit ans dem Gebiete der individuellen und politischen Rechte ohne Unterschied der Race itttb des Glaubens ebenso unverletzlich sei, wie die politische Einheit Ungarns und die gerechte und gleichmäßige Betheilignug Aller an dem staatlichen Schritze und an den Wohl thaten der staatlichen Fürsorge die Ausgabe der Regierung bilde scheint man dort sich darin ztt gefallen, die chinesische Mauer von Ausuahmsgesetzeu und Repressivmaßregeln, welche die Inden von der übrigen Bevölkerung trennt, noch nnübersteiglicher zu machen. Plan sollte in der Tha't glauben, daß der große russische Staat, der einen so gewaltigen Theil des Erdballs umfaßt, der vom Eismeer bis zum Stillen Oeeau, von den Granitfelsen Finnlands bis zu den mit ewigem Schnee bedeckten Bergkappen der kaukasischen Gebirgskette reicht, mir seinen 130 Millionen Bewohnern, keine andere Lebensaitsgabe kennt, als seinen fünf Millionen Inden das Leben so drückend, die Existenz so erschwerend als möglich zu machen. Und das ist umso trauriger und trostloser, da der junge Monarch unzweifelhaft von beit humansten und edelsten Gesinnungen beseelt ist, daß R i e o l a i H. gleich seinem Urgroßvater Nicolai I. eine chevalereske Natur, vom Scheitel bis zur Sohle ein Ritter in der idealsten Bedeutung des Wortes ist, ein Monarch, der alle seine Unterthanen beglücken wollte. Es scheint aber selbst für einen Selbstherrscher nicht so leicht, die drückenden Fesseln einer verhängnißvvllen Vergangenheit von sich abzustreisen, besonders da der dem sonst so toleranten und in Bezug ans Racen- und consessivnelle Fragen ganz indifferenten Volk künstlich eingeimpfte "Antisemitismns nur gar zn tiefe Wurzeln geschlagen und die ausgestreute schlimme Saat auf einen tyeillveise gar zu empfänglichen Boden gefallen und nur zu herbe Früchte gezeitigt.... _ Der herrliche Brief, denn der berühmte magyarische Schriftsteller Maurice I v k a i an mich richtete, beginnt mit folgenden schönen Worten: „Die ungarische Nation ist von den lebhaftesten Sympathien für das große russische Volk beseelt, welches eine glorreiche Mission auf dem Oiebiete der Enltnr und der Humanität auszuführen hat." Hub dem ist in der That so. Rußland ist in der That von der Vorsehung eine hohe Eulturmission zugefallen, die Früchte der Civilisativn im fernen Osten zn verbreiten. Daß diese Mission jedoch mit einer Unterdrückung einer gewissen Race im Lande selbst beginnt, daß man die humanen Grundsätze, die man sonst überall prvclamirt und auch hoch hält, nicht an einem Häuslein eigener Unterthanen anwendet — das ist sehr betrübend. Rußland, das eine so hohe Eulturmission im Osten hat, sollte mit demselben glänzenden Beispiele auch tut Westen Vorgehen. Und ebenso wie Rußland beut Einbruch wilder Mongolen Horden in Europa Halt geboten, die europäische Enltnr gegen die Ueberflnthung durch asiatische Barbarei geschützt, das Tarrarenjoch von sich abgeschüttelt und dadurch die übrige Enlrnrwelt vor gleichem Schicksal behütet, so sollte es auch jetzt dem jegliche Cultur und jeglichen Progreß bedrohenden Schreckgespenst des Antisemitismns Halt gebieten: denn dieses Schreckgespenst, welches in erster Linie die Inden bedroht, droht gleichfalls dem Besitz, der Enltnr, dem Fortschritt, und nur erasser Egoismus, kurzsichtige Engherzigkeit kann schadenfroh zusehen, wie das Haus des Nachbars in Flammen ausgeht, wie wilde Horden dessen Eigenthum bedrohen.

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