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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Nr. 30 Dr Vloch's WochrnfchrM Seite 599 „Nennst Du mich einen Besuch?", murrte er. „Dem j Aussehen nach zu schließen, mußt Du immer hergerichtet sein. j Du strahlst ja förmlich." _ j Dann wurde das Gespräch weniger verständlich. Das erste Sympton zurückkehrender Vernunft war ihre Frage: „Was für eine Ueberfahrt hattest Du?" „Die See war stürmisch, aber ich bin ein guter Seemann". „Und die armen Eltern?" „Ich habe Dir ja darüber geschrieben." , „Ja, aber nur eine Zeile". „Wir wollen nicht gerade jetzt über den Gegenstand sprechen, Liebste. Es ist zu traurig. Komm' laß' mich diesen schmerzlichen Blick aus Deinen Augen wegküssen. So, und jetzt noch einen! Das war nur das rechte Auge, jetzt kommt das linke. Aber wo ist Deine Mutter?" „O, Du unschuldiges Lamm!", rief sie. „Du thust, als hättest Du nicht gewartet, bis sie fortging." „Auf Ehre, nein!", antwortete er lachend „Warum auch, Du dummes, schüchternes, kleines Ding? Bin ich nicht der erklärte Schwiegersohn des Hauses? Was für ein guter Gedanke war es von Dir, Farbe zu bekennen! Dafür muß ich Dich noch einmal küssen, wirklich, ich muß! Du verdienst es, und was es mich auch kostet, Du mußt belohnt werden. So! Und wo ist denn der alte Herr? Ich weiß, ich muß mich von ihm segnen lassen und möchte das bald hinter mir haben." „Sein Segen ist viel werth, das lasse Dir gesagt sein, sprich also respektvoller!", meinte Hanna ganz ernsthaft. „Du bist der beste Segen, den er mir geben kann, und der ist mehr werth, als — nun, ich will Dich nicht abschätzen." „Das ist nicht Deine Branche, wie?" „Ich weiß nicht. Ich habe schon viel mit Juwelen zu thun gehabt. Aber wo ist der Rabbi eigentlich?" „Oben in den Schlafzimmern, er sucht nach Chomez." Sie stieß einen leichten Schrei aus: „Um Himmelswillen, Du böser Mensch, ich habe ganz daran vergessen." Sie ergriff ihn bei den Schultern und guckte seinen Rock an. „Hast Du am Ende Brodkrumen an Dir? Dieses Zimmer ist schon peßachdig!" Er war seiner Sache mcht ganz sicher. Sie schob ihn zur Thür: „Geh hinaus und schüttle Dich vor dem Haus gut aus, sonst müssen wir das Zimmer von Neuem reinmachen!" „Nein, nein", protestirte er. „Ich könnte auch das andere ausschütteln." „Was?" „Den Ring!" „O, hast Du denn einen mitgebracht?" „Ja, ich kaufte ihn unterwegs. Weißt Du, ich glaube Du schicktest mich nur in solcher Eile auf den Continent, weil Du Deinen Verlobungsring aus Deutschland haben wolltest. War es nicht so, Hanna?" „Zeig' ihn mir und sprich nicht so viel!" mahnte sie lächelnd. „Nein", neckt er. „Ich setze mich keinem Unglück aus. Ich werde warten, bis Deine Eltern mich an ihr Herz geschloffen haben. Sie könnten in letzter Stunde noch nein sagen" — „Daun müssen wir eben gute Miene zum bösen Spiel machen", schloß sie lachend. „Alles recht schön," fuhr er scherzend fort, „aber es wär' doch eine nette Bescheerung." „Himmel, meine Fische!" rief Hanna plötzlich. „Sie werden schon zu Asche verbrannt sein." Und sie flog, von ihrem Liebhaber gefolgt, in die Küche. Dort labte sich David Brandon, ohne die Ueberraschung des Dienstmädchens zu beachten, an der schönen Verkörperung jüdischer Häuslichkeit, dem Typus der israelittschen Vestalinnen, der Hüterinnen des Herdes. Es war eine sehr trauliche Küche. Zwischen den Regalen funkelte fleckenloses Geräthe, und die tiesrothe Kohlengluth, über der die Fische in ihrem Oelbad zischten und prasselten, erfüllte den Raum mit tiefer Ruhe und traulichem Behagen. David versetzte die Küche in der Phantasie in sein zukünftiges Heim, und der Gedanke, thatsächlich ein solches Feenland allein mit Hanna zu bewohnen, blendete ihn beinahe. Er hatte sich viel herumgetrieben im Leben, und nicht immer in Unschuld; aber ttef in seinem Herzen lag der Jnstinct eines geordneten Lebens. Seine Vergangenheit erschien ihm jetzt als fteudenlose Thorheit und eisige Leere. Die Augen wurden ihm feucht, wenn er das herrliche Mädchen ansah, das sein Eigen sein sollte. Er war nicht bescheiden, aber in l diesem Augenblick ftagte er sich, ob er dieses Vertrauen verdiene,! und mit einer gewissen Ehrfurcht streichelte er ihr Haar. In! > nächsten Augenblick waren die Fische ferttg gebacken, und der Inhalt der Pfanne wurde geschickt auf die Schüssel gehäuft. In demselben Moment ertönte die Stimme Reb Schemuel's der nach Hanna rief, und die Liebenden kehrten auf die Oberwelt zurück. Der Rabbi ttug in einem braunen Papiersäckchen eine winzige Ernte von Brotkrumen; Hanna sollte es aufheben, bis es am nächsten Morgen verbrannt wurde. Hanna nahm das Päckchen entgegen und stellte dafür ihren Verlobten vor. Natürlich hatte Reb Schemuel ihn erst am nächsten Vormittag erwartet, aber er begrüßte ihn so herzlich, wie Hanna es nur wünschen konnte. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Die jüdische» Gemeinden Deutschlands und ihre Traditionen. Der zehnte Jahrgang des Statistischen Jahrbuches des Deutsch-Jfraelitischen Gemeindebundes 1895 lenkt unseren Blick ans die Gefammtheit der jüdischen Gemeinden Deutschlands. Die ersten 109 Seiten füllr das Berzeichniß sämmtlicher Gemeinden Deutschlands aus, mit namentlicher Bezeichnung der Vorsteher, Rabbiner und sonstigen Cultusbeamten, der Vereine und Institutionen. Es ist dies eine werthvolle Zusammenstellung, die das Jahrbuch zu einem Adreß- und Nachschlagrbuch für Alle macht, obwohl in der Vorrede eingeräumt wird, daß gerade dieser Theil noch immer der Vervollkommnung fähig ist. Während hier die Gemeinden nach den einzelnen deurfchen Ländern gruppirt sind, folgt in dem sich daran fügenden Register eine alphabetisch geordnete Zusammenstellung sämmtlicher Gemeinden, deren im Ganzen 3121 aufgezählt find! Daran reiht sich eine Zusammenstellung sämmtlicher Vereine, Stiftungen, Schulen rc. zur Beförderung des Handwerks unter den Juden, deren Zahl die stattliche Höhe von 57 erreicht. Altersversorgungs-Anstalten und Asyle sind hier angeführt: 17. Ferner: 30 Kranken- und Siechenhäuser, 15 Rabbiner- und Lehrerseminare und Präparandenanstalten, 14 Real- und höhere Bürgerschulen, 33 Waisen- und Erziehungshäuser, 90 Vereine für Volksbildung und Bibliotheken, 20 Vereine von Rabbinern und Lehrern, 33 Vereine zu Gunsten von Gemeindebeamten, 4 Anstalten für Volksverpflegung. Diese Zahlen sprechen eine überaus beredte Sprache. Sie stellen dem Bildungstrieb, der Menschen- und Bruderliebe, dem Geist der Zusammengehörigkeit der Juden Deutschlands ein glänzendes Zeugniß aus. Erwägt man, daß die Gesammtzahl der jüdischen Einwohner Deutschlands sich auf kaum mehr als eine halbe Million beläuft, daß diese geringe Zahl sich in mehr als 3000 Gemeinden zersplittert, so darf man billig bezweifeln, ob die humane ideale Gesinnung, die in diesen Vereinen und Institutionen verkörpert ist, von irgend einer anderen Confeffion oder selbst von der jüdischen innerhalb irgend einer anderen staatlichen Gemeinschaft erreicht oder gar übertroffen wird. Dabei handelt es sich um Bestrebungen, die sich keiner staatlichen Fürsorge und Unterstützung zu erfreuen haben, die ihre Existenz ausschließlich der freien Initiative der jüdischen Bevölkerung verdanken. Interessant ist auch das Berzeichniß der Gemeinden, in welchen beim Gottesdienst eine Orgel oder ein Harmonium eingeführt worden ist. Es wird Viele überraschen, zu erfahren, daß unter den mehr als 3000 jüdischen Gemeinden Deutschlands nur 94 diese Einführung getroffen haben. Und selbst in diesen 94 Gemeinden wird, wie eS in der Vorrede betont ist, die eingeführte Orgel in zahlreichen Fällen nicht mehr benutzt. Das Jahrbuch schließt mit einem Anhang: Behördliche Entscheidungen und Verordnungen, die reich an aktuellem Interesse sind. Briefkasten. W. K. Ihre Anregung finden wir berechtigt und wird nach Thunlichkeit Berücksichtigung finden. I' I., Prag. Die Gründung eines katholisch-antisemitischen Vereines in Prag ist nur ein weiterer Vorstoß der langsam, aber sicher über ganz Oesterreich sich verbreitenden clericalen Reaktion, welche von den höchsten kirchlichen und weltlichen Würdenträgern gefördert wird. Eine Vorstellung beim Statthalter und beim Erzbischöfe hätte deshalb unserer Ansicht nach gar keinen Zweck. Richtig ist die Bemerkung in Ihrem Briefe, daß die leitenden Persönlichkeiten der Prager Judenschaft sich viel zu sehr mit der Bertheidigung des „bedrohten Deutschthums* befassen und dabei die Gefahren ganz übersehen, welche unseren Glaubensgenossen auch in Böhmen drohen. Die Juden haben gar keine Ursache, sich für die eine oder andere politische oder nationale Partei zu begeistern und so den Haß der Gegenpartei auf sich zu laden. Sie sollten doch endlich begreifen, daß sie sich und ihre Interessen am

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