Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1896-07-24 · 30 (24.7.1896) · page 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
13 (1896)
Issue
30 (24.7.1896)
Date
1896-07-24
Page
– (sequence 15)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021115-3021146--05827-3030081
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 30 Dr. Vlvch's Wochenschrift- Sette 595 der Vorwurf, Tietz sei widerrechtlich in eine Damenabtheilung eingedrungen, unbegründet sei. Die Behauptung, daß erHeine Ladnerinnen schlecht behandle und bezahle, spielte auch in einem Verleumdungsproceß gegen das hiesige antisemitische Blatt eine Hauptrolle, der Proceß endigte aber für das Blatt ungünstig, weil die Angabe, daß den Ladnerinnen unsittlicher Nebenerwerb nahegelegt worden sti, nicht bewiesen werden konnte. Dies alles erklärt aber, daß gegen das Tie tz'sche Maaren ha ns allmälig viel Zündstoff sich angehäuft hatte; dieser kam in der Nacht von Samstag auf Sonntag zur Explosion. Tietz hatte in den Blättern angezeigt, daß er wegen der Inventur-Aufnahme sein Geschäft früher schließen müsse. Die Inventur dauerte bis tief in die Nacht hinein. Da das Hauptgeschäft im belebtesten Stadtthecle, am Karlsthore, nahe dem Centralbahnhose, liegt und die Schaufenster auch zur Nachtzeit hell erleuchtet blieben, erregte der Vorgang Aufsehen. Vielleicht wirkte auch antisemitische Propaganda mit, um einen Straßenauflauf herbeizuführen. Die Menge wuchs rasch an, so daß gegen 12 Uhr weit über 1000 Menschen vor dem Waarenhause versammelt waren und durch Schreien und Johlen ihrem Unmuth Luft machten. Hiesige Blätter behaupten, das Publicum habe größtentheils aus Norddeutschen, jungen Kaufleuten und Studenten, bestanden, was aber sehr zu bezweifeln ist. Höhnische Rufe: „Die Juden leben hoch! Heil, Heil!" mischten sich mit dem Geschrei: „Nieder mit den Juden!" Die Polizei erwies sich zunächst als machtlos. Gegen 7«1 Uhr rückte eine Abtheilung Gendarmen mit aufgepflanztem Seitengewehr an, der bald ein Trupp reitender Gendarmen folgte. Die Gendarmen ritten in das Gewühl hinein, holten sich einige Hauptschreier heraus und mahnten die klebrigen zu ruhigem Auseinandergehen. Gegen zwei Uhr war die Ruhe vollständig wiederhergestellt. Sieben Personen wurden verhaftet. Gegen 70 Genoarmen waren aufgeboten. Irgend welche Thätlichkeiten kamen nicht vor. Inwieweit den Kaufmann Hermann Tietz eine Schuld trifft, wollen wir hier nicht untersuchen. Thatsache ist, daß er auch unter den hiesigen Israeliten nur wenige Freunde zählt. Petersburg. In Rußland scheint sich denn doch ein Umschwung bec Verhältnisse vorzubereiten. Die „Nowoje Wremja", ,welche unter, dem. vorigen Czaren gegen Nichtorthodoxe keineswegs eine freundliche Haltung beobachtete, hat sich unter Kaiser Nicolaus II. eines Anderen besonnen, predigt Toleranz und tadelt die confessionelle Unduldsamkeit. „An der'Größe und Macht Rußlands", meint das Blatt, „haben auch Deutsche, Polen und Andere gearbeitet. Uebrigens ist es ungerecht, Jemand seine Abkulfft und Religion vorzuwerfen. Der Senat hat schon im Jahre 1743 erklärt, daß die gegen die Juden gerichteten Gesetze sehr häufig dem Interesse des Staates Schaden zufiigen. Alle haben ihre historischen Verdienste und Sünden. Frei aufathmen wird man zu einer Zeit, in welcher Alle eingesehen haben werden, daß der Zweck der socialen Entwicklung in dem gemeinsamen und friedlichen Zusammenleben und Zusammenwirken Aller ohne Unterschied der Abstammung und des Glaubens zu suchen ist und nicht in dem Unterordnen der Einen unter die Anderen " Diesen Expectorationen des mit den leitenden Petersburger Kreisen in Verbindung stehenden Blattes secundiren die Petersburger „Wiedomosti" kräftig, indem sie betonen, daß nur eine humane Richtung in der innerrussischen Politik das Wachsthum und die moralische Macht Rußlands fördern könne. Leider mißbrauche die selbstsüchtige und geistig beschränkte russische Bureaukratie den Namen des Czaren als Vorwand für die Verfolgungen Andersgläubiger, um auf diese Weise ihre amtliche Stellung,' ihren ungerechtfertigten Einfluß und ihre auf Willkür basirende Macht zu behaupten. Dr. Tembo-Jubilärrw. Am 2. Mai d. I. feierte die jüdische Gemeinde in Petersburg das 25jährige Jubiläum Tr. Jsak Dembo's. In seiner ein Vierteljahrhundert währenden ärztlichen Thätigkeit hat nichts ihn so innig mit seinen Glaubensgenossen verbunden, als sein mannhaftes Auftreten in einer Zeit, in welcher eine in ihren Consequenzen wahrhaft mörderische Gefahr über ihren Häuptern schwebte. Vereine zur Verhütung grausamer Behandlung der Thiere begannen, theils aus vorgeblich sanitären Gründen, theils geleitet von antisemitischen Hetzversuchen die jüdische Schlachtmethode als Thierquälerei zu verurtheilen. Dies hieße einen großen Theil der russischen Juden zu Vegetarianern zu machen, sie durch ungenügende Nahrung an Leib und Seele zu schwächen. Rathlos standen die Juden dieser Bewegung gegenüber. In der Schweiz z. B., wo auch ein Schlachtverbot (1893) erlassen wurde, ordneten einige Rabbiner einen allgemeinen Fasttag an. Beten und Fasten allein war aber nicht genügend, um Widersacher zu überzeugen, selbst wenn sie keine Antisemiten sind. Die Juden benöthigten einen Mann, der vom sanitären, physiologischen und pathologischen Standpunkte die Snperiorität der jüdischen Schlachtmethode beweisen sollte. Dieser Retter in der Noth war Dr. Dembo, der nach mehrjährigen, wissenschaftlichen Forschungen sowohl durch seine Feder, wie durch seine Eloquenz die Anerkennung der altjüdischen Schlachtmethode voll und ganz errang. Er hatte die Genugthuung, zu erleben, daß Dank seiner Untersuchungen die Schechita nicht nur _ in deutschen, sondern sogar in russischen militärischen Schlachthäusern eingeführt wurde. Um Dr. Dembo einen Beweis dankbarer Anerkennung zu geben, bildete sich vergangenes Jahr in Petersburg ein Comit« zur solennen Begehung seines 25jährigen Jubiläums, mit dem verstorbenen Gavn-Rabbi Jzchak Elchanan Spector als Vorsitzenden. In Folge seines Llblebens wurde das Jubiläum verschoben und fand erst am 2. Mai statt. Baron D. Günzburg lieh zu diesem Anlasse bereitwillig sein Wohnhaus her. Durch ihre Anwesenheit ehrten den gelehrten Doctor außer diesem seinem Freund und Förderer: Baron Horace Günzburg, Doctor Drabkin, Dr. Harkawi, Dr. Eisenstadt, Prof. Daniel Chwolsow, Herr Rabbinovich, Herausgeber des „Hamelitz", Isidor Goldberg, Dr. Krebs und andere Petersburger Notabilitäten. Natürlich bezogen sich alle bei diesem Anlasse gesprochenen Toaste auf die Schechita. Prof. Dr. Chwolsow, der zwar selbst dem Judenthume nicht mehr angehört, ihm trotzdem aber durch seine Schrift gegen die Blutbeschuldigung anhänglich sich erwies, sprach von seiner eigenen Jugend im Hause seines Vaters. Dieser gehörte zu den Aermsten seines Stammes. Wiefglücklich waren sie, wenn sie, nachdem sie 6 Tage hindurch fast nichts Nennenswerthes genossen hatten, sich am Sabbathe an einem Stiickchen Fleisch, das von Ochsen- oder Kalbsfüßen freilich blos bestand, ergötzen konnten. Sie nannten dies eine königliche Speise. Nähme man den Juden diese „Königsspeise", so würde Sabbath- und Festtagfteudigkeit für immer aus dem jüdischen Heim verschwinden. Zum Schluffe gab Dr. Dembo einen Ueberblick über die Geschichte seiner Forschungen in der Schechita-Frage. Als im Jahre 1893 zu Petersburg ein Comits zur Regelung der Frage eingesetzt wurde, dachte er seine Arbeit beendet. Doch mit Thränen in den Augen bat ihn der verstorbene Garn Spector bei einer Versammlung in Kowuo, die angefangene, gute Sache weiter zu vertreten. Dies veranlaßte ihn, seine Berufspflichten vernachlässigend, eine Tournee durch Europa zu machen. Un^den Juden eine Waffe gegen etwaige spätere Angriffe gegen die Schechita zu hinterlassen, fand es Dr. Dembo angezeigt, ein neues Buch „Schechita und Bedika, ihre Ankläger und Bertheidiger", zu veröffentlichen. Die ersten zwei Bände dieses Werkes erschienen in hebräischer Sprache und es ist von Interesse, sie in alle europäischen Sprachen übersetzt zu wissen. Auch sein Buch „Gutachten über das jüdisch-rituelle Schlachtverfahren", 253 Gutachten von Koryphäen der Wissenschaft enthaltend, sichert Dr. Dembo ewigen Ruhm bei den Fachgelehrten aller Zeit und schützt die alten Satzungen des Judenthums gegen nicht stichhaltige Anklagen. New-Aork. Kaum sind drei Jahre verflossen, seitdem einige unserer wohlthätig gesinnten Glaubensgenossen, mit dem wohlbekannten Philantropen Jonas Weil an der Spitze, den löblichen Entschluß saßten, ein jüdisches Hospital zu gründen. Es sollte hiermit ein doppelter Zweck verbunden werden. Erstens war es evident, daß für die 250.000 Juden in der Stadt New- Iork ein jüdisches Hospital, das Mount Sinai, den Anforderungen nicht entsprechen könne. Zweitens war es eine bekannte Thatsache, daß ein großer Theil unserer Glaubensgenossen von der Ostseite in Krankheitsfällen nicht dazu zu bewegen war, nach dem Hospitale zu gehen, weil sie die nicht koschere Kost scheuten. Es sollte also ein Hospital gegründet werden, welches Alles zu bieten im Staude sei: Geräumigkeit, erste Classe ärztliche Behandlung, sorgfältige Pflege und dabei soll es strict rituell geführt werden. Die Idee war bei einer Versammlung der ^näarb Hafeeholoth von Herrn Jonas Weil angeregt, und als einige der Anwesenden achselzuckend über die Unmöglichkeit der Ausführung dieser Idee sprachen, kam Herr Weil mit dem Argumente heraus Emor meat wa-asze harbo, indem er erklärte, daß er willens ist, aus eigener Tasche 10.000 Dollars für den Zweck herzugeben, außerdem aber will er es sich zum Lebenszweck machen, seine ganze freie Zeit dem Wohle dieses Institutes zu widmen. Solche Argumente sind überzeugend und seinem Beispiele folgten mehrere wohlthätig gesinnte Männer mit verschiedenen Summen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.