Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 30 (24.7.1896)
- Date
- 1896-07-24
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 594 Dr Vlorh's Wochenschrift / Nr. 30 Es erhob sich nämlich der anwesende Obmann der Brünner Ortsgruppe des Vereines reisender KaufleuLe, Herr Strasser, und rief: „Ich muß auf das Entschiedenste gegen Beleidigungen der Juden protestiren!" Es entstand nun unter den Antisemiten großer Lärm, beleidigende Rufe flogen von Tisch zu Tisch und Herr Wolf konnte seine Rede erst nach einiger Zeit fortsetzen. In seinen weiteren Ausführungen wendete er sich gegen die Socialdemokraten und meinte, diese suchten das Volk mit Mitteln zu gewinnen, welche die Antisemiten verwerfen; die Socialdemokraten seien eigentlich nur die Schleppträger der Juden. Nun Protestirten die Socialdemokraten und deren Führer Dr. Czech, sowie Redactenr Eldersch riefen dem Redner zu, er möge Provocationen unterlassen. Herr Wolf fuhr aber Herrn Dr. Czech barsch an, er möge die Versammlung nicht stören. Darauf erhob sich neuerlich großer Lärm, die Socialdemokraten riefen: „Das lassen wir uns nicht gefallen! Das ist kein Progrcunm, das sind nur Schimpfereien!" Der Lärm steigerte sich derart, daß der Regierungsvertreter die Versammlung nach halbstündiger Dauer a u f l ö ft e, worauf die Socialdemokraten das „Lied der Arbeit" sangen. Da Niemand den Saal verlassen wollte, wurde Polizei requirirt, welche das Local räumte. Die Socialdemökraten gingen nun in das Alt-Brünner Brauhaus, während die Antisemiten sich in die Pilsener Bierhalle begaben. 30 Socialdemokraten folgten ihnen später mit ihren Führern dahin, und die Letzteren erklärten den Antisemiten, nur Herr Wolf habe mit seinen Provocationen die Störung der Versammlung herbeigeführt, deim ihnen sei es nicht um deren Auflösung zu thun gewesen. Brün«, den 18. Juli. Auch in Brünn, wo sich der Antisemitismus zu regen anfängt, beginnen die Juden sich als Juden zu fühlen. So fand gestern eine vom verdienstvollen Mitgliede der Wiener Unitas cand. jur. Richard Rappaport einberufene jüdische Versammlung statt, die so zahlreich besucht war, und zwar von den Vertretern aller gesellschaftlichen Kreise, daß der ziemlich große Versammlungssaal alle Anwesenden kaum zu fassen vermochte. Das überaus treffliche Referat des Gründungspräses der Unitas, Herrn Dr. Carl Pollak, gipfelte in den Worten: Helfen wir uns selbst; denn die übrigen Nationen haben uns bisher nur geholfen, wenn sie uns brauchten, und haben aufgehört uns zu helfen, wenn sie uns nicht mehr brauchten. In seiner Rede führte Herr Dr. Pollak in klarer Weise auch den Gedanken des Zionismus aus und betonte ferner die Nothwendigkeit des Festhaltens der Juden an Religion und Nationalität oder wenigstens an der Nation al i t ä t. Herr Professor Dr. Gotthard Deutsch aus Cincinnati (ehemals Religionsprofessor in Brüun) begrüßte als zweiter Redner mit Freuden das endlich aufkeimende Nationalgefühl der Juden. Besonders großen Anklang fand die Rede i des Herrn Religionsprofessors Dr. Max G r ü n f e l d, dessen : Streben, die Jugend für das jüdische Nationalgefühl zu be- * geistern, umso rühmender erwähnt werden muß, als Herr Dr. Pollak ausdrücklich erwähnte, er sei durch die Anschauungen dieses seines ftüheren Religionsprofessors zum Jüdisch-Nationalen herangebildet worden. Es sprach ferner Herr stnd. jnr. Holl i t s ch e r, Vicepräses der Gamala, „Ueber die Stellung der Judenftage zur Socialdemokratie" und Herr caud. jnr. Richard Rappaport, der die Ausführungen des Socialdemokraten stud. phil. Pollak: „Die Juden hätten von der Socialdemokratie am Meisten zu erwarten" ad absurdum führte und ebenfalls in der Kräftigung des Nationalgefühles und im Festhalten an einem gemäßigteren Zionismus die größten Hoffnungen für das Judenthum erblickt. Auch die Worte des strammen Jüdisch-Nationalen Herrn caud. ing. Tintner fanden lebhaften Anklang. Das Verdienst der Einberufer dieser Ver- ^.mmlung, der Mitglieder der Unitas, ist umso größer, als die da^;dl:insterte Aufnahme ihrer Ideen keine vorübergehende zu sein zeir-n:q''""Wa!tlsdern nach Schluß der Versammlung eine Anzahl wückchen. au^'üMger sich zu einem provisorischen Actions-Comits läfzi iufi aber rng eines Jüdisch-nationalen Vereines in Brünn Momente eutc; B. 8 Cbefreoacteur nowitz. (Die Volksschule in Sadagora.) s e m i r oi ü. terfrage an der Volksschule in Sadagora erregt ein ganz abnäus!o«len Grenzen übersteigendes Interesse. Die Frage wenn man d. lfach dahin zu, ob dem Worte und dem Geiste des ganz dazu ichches die Gleichheit aller Bürger decretirt, Rechnung sich da um nr rden soll, oder nicht. Thatsache ist nun, daß in der Volksschule in Sadagora nach .dem Ergebniß der Zähre die Majorität der Schülerzahl eine jüdische ist und der Schulleiter daher gleichfalls der jüdischen Confession angehören müßte. Dieser Umstand wurde insoferne gewürdigt, als der Landesschulrath im vorigen Jahre einen Concurs mit dem Erforderniß der jüdischen Confession ausschrieb, die Besetzung der Stelle aber wegen Mangels geeigneter Bewerber nur provisorisch vornahm. Es wäre eine crasse Verletzung des Gesetzes, wenn durch sinnreiche, wenn auch bei den Haaren herbeigezogene Mittelchen schließlich doch noch ein Modus ausgeklügelt werden würde, um die Juden um ihr klares, gutes Recht zu bringen. Daß dies nicht unmöglich und nicht undenkbar, dafür spricht die Thatsache, daß in Sereth, wo bekanntlich gleichfalls die Mehrheit der Schüler Juden sind, die Anstalt seit zehn Jahren von einem provisorischen christlichen Schullehrer geleitet wird. Dieses „Provisorium" ist sehr sonderbar und gibt zu denken. Freilich dem jüdischen Landesschulrath, dessen Sache es in erster Reihe sein sollte, darüber nicht nur nachzudenken, sondern auch etwas zu thun, ist dies bis heute noch nicht eingefallen. Gregorig in Karlsbad. Es wäre gar nicht zeitgemäß, eine Reihe von intimen Geschichten zu erzählen, bei denen nicht wenigstens in einer derselben der Antisemitismus Hineinspielen würde. Auch der Antisemitismus befindet sich gegenwärtig auf Sommerreisen und die Cur des Herrn Gregorig in Karlsbad ist nicht ohne Erfolg geblieben. Ein ebenfalls daselbst zur Cur weilender Sectionsrath bemerkte eines Morgens, wie die Brunnennymphe einen vor ihm stehenden polnischen Juden nicht bedienen wollte und an demselben vorüber nach dem Becher des Sectionsrathes langte. Als dieser der antisemitischen Egeria vorhielt, sie möge doch zuerst den Herrn vor ihm bedienen, ignorirte sie auch den judenfteundlichen Sectionsrath und nahm einem Curgast aus dem Queue nebenan den Becher ab. Der Sectionsrath führte hierüber Beschwerde beim Bürgermeister — der Stadt Karlsbad natürlich — und die Adeptin des Herrn Gregorig hat jetzt Muße, air einer entlegeneren und weniger stark ftequentirten Therme über ausübenden Antisemitismus nachzudenken. Berlin. Hammer st ein wird in der Einzelhaft mit Flickarbeiten für die Schneiderwerkstatt des Moabiter Zellengefängnisses beschäftigt. Das Schicksal liebt es, grimmige Witze zu machen. Und dennoch — ganz ftemd ist Hammer st ein Flickarbeit auch während seiner politischen und Sammelthätigkeit nicht gewesen. Mancherlei war da zu flicken. Und die Moabiter Gefängnißverwaltung ist sicher stolz auf die Form, in welcher sie der Tradition, die Verbrecher nach ihren ftüheren Beschäftigungen und Anlagen im Gefängniß zu verwenden, in diesem Falle zur Geltung gebracht hat. Hammer st ein gehörte ja, so lange ihm das Bestimmungsrecht über sein Thun und Lassen unverkümmert war, zu den vornehnfften Mitgliedern jener internationalen Gilde, welche der Wiener so treffend mit dem Stachelwort der „Inwendig Geflickten" belegt. Im Interesse einer ausreichenden Bekleidung der Moabiter Sträflinge läßt sich daher annehmen, daß Herrn H ammerstei n der Uebergang zu seiner derzeitigen Beschäftigung keine besonderen Schwierigkeiten bereiten dürfte. Flicken ist übrigens eine beschauliche Beschäftigung, welche dem vielerfahrenen Manne Gelegenheit geben dürfte, über Manches nachzudenken, das in der letzten Zeit seiner öffentlichen Thätigkeit seiner Aufmerksamkeit unglückseliger Weise entgangen ist. Sind auch die Fäden damals seiner Hand entsunken, nunmehr dürfte er den Faden, der in seinem ferneren Erdenwallen eine so wichtige Rolle spielen wird, unter den aufmerksamen Blicken des berühmten „Auges des Gesetzes" kaum verlieren. Bremen, 20. Juli. Der hiesigen „Weser-Zeitung" und den „Bremer-Nachrichten" wird ans Hamburg berichtet: „Hamburg, 18. Juli. Für gestern Nachmittag war der Besuch der Wiener Antisemiten angesagt worden, weshalb ein hiesiges antisemitisches Blatt alle Antisemiten Hamburgs aufforderte, sich recht zahlreich zum EmpfangeaufdemBahnhofeeinzufinben.Sehrimposant gestaltete sich dieser Empfang gerade nicht, da mit dem betreffenden Zuge überhaupt nur vier Wiener Antisemiten eintrafen — mehrere Nachzügler sollten Abends Nachkommen — und das zur feierlichen Begrüßung erschienene Aufgebot der verschiedenen Vereine und Verbände wohlgezählt sich auf 10 Personen, größtentheils junge Leute, bezifferte. Ein erfreuliches Zeichen, daß in Hamburg die antisemitische Saat nicht so leicht Boden faßen wird. München, 30. Juni. Dem israelitischen Inhaber des hiesigen großen Waarenhauses Hermann Tietz wird schon seit langer Zeit von antisemitischer Seite auf's Schärfste zugesetzt. In der Kammer brachte Ratzinger mehrere Male die Sprache auf Tietz; indessen wurde später von der Regierung festgestellt, daß